Cover: Das Hermelin und der Jäger

Kanada

Das Hermelin und der Jäger

Hermelin, Jäger, Einfallsreichtum, Natur

Land
Kanada
Alter
5–9 Jahre
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Das Hermelin und der Jäger

Weit im Norden, wo der Winter die Erde unter tiefem Schnee begräbt, lebte ein erfahrener Jäger mit seiner Familie.

Er kannte den Wald gut. Er konnte Spuren im Schnee lesen, hörte einen Wechsel des Windes, noch bevor die Äste sich bewegten, und fand selbst im Nebel immer den Heimweg.

Doch eine Schwäche hatte er: Wenn etwas anders kam als geplant, wurde er manchmal zuerst zornig und dachte erst danach nach.

An einem Herbsttag kochte die Familie einen dicken, süßen Sirup und stellte ihn zum Abkühlen neben die Vorratskammer. Der Vorrat sollte lange reichen.

In der Nacht kamen drei junge Bären zum Haus.

Sie rochen den süßen Duft, schauten in die Vorratskammer und fanden den Krug mit dem Sirup.

Am Morgen lagen vor der Tür klebrige Spuren und umgestoßene Schüsseln. Weit entfernt zwischen den Bäumen gab es drei sehr zufriedene Bärengesichter.

Der Jäger sah die Unordnung und wurde zornig.

„Jetzt geht es aber zu weit!“, rief er. „Heute der Sirup, morgen die ganze Vorratskammer!“

In der Nähe stellte er eine feste Einzäunung als Falle auf. Er wollte die Bärenjungen fangen und erschrecken, damit sie nicht wiederkamen.

Am nächsten Morgen saßen tatsächlich zwei der kleinen Bären darin. Sie waren unverletzt, hatten aber große Angst und riefen laut nach ihrer Mutter.

Als der Jäger ihr Weinen hörte, verflog sein Zorn sofort.

„Nein, so geht das nicht“, sagte er zu sich selbst. „Sie sind doch noch klein. Ich hätte die Vorräte besser wegräumen sollen, statt die Jungen zu erschrecken.“

Er öffnete die Einzäunung und ließ die Bärenjungen frei.

Doch es war zu spät.

Am Waldrand stand ihre Mutter, eine große Bärin, die man in dieser Gegend Steinherz nannte. Sie hieß nicht so, weil sie von Natur aus böse war. Wenn sie sich ärgerte, wurde sie nur so eigensinnig wie ein Fels.

Die Bärin sah ihre verängstigten Kinder und glaubte, der Jäger habe ihnen etwas antun wollen.

Von da an kam sie fast jeden Abend zu seinem Haus.

Einmal stieß sie einen Korb mit Beeren um.

Ein andermal schob sie den Holzklotz weg, der die Tür der Vorratskammer abstützte.

Dann setzte sie sich mitten auf den Pfad und ließ niemanden vorbei.

Der Jäger versuchte, aus der Ferne mit ihr zu reden:

„Ich habe die Jungen doch schon freigelassen! Ich will keinen Streit mit euch!“

Doch Steinherz schnaubte nur.

Ein paar Tage vergingen. Die Vorräte wurden immer knapper.

„Allein komme ich mit ihr nicht zurecht“, begriff der Jäger. „Ich muss um Hilfe bitten.“

Er ging zum breiten Fluss.

„Flussgeist, hilf mir. Die Bärin kommt zu unserem Haus, und wir können den Streit nicht beenden.“

Der Fluss rauschte zwischen den Steinen.

„Ich trage Wasser zu den Seen und Sümpfen“, erklang eine leise Stimme. „Ich kann den Weg zeigen, aber mein Flussbett kann ich nicht verlassen.“

Der Jäger bedankte sich und ging weiter.

Auf einem Hügel wandte er sich an den Wind.

„Wind, hilf mir.“

Der Wind strich über die Wipfel der Kiefern.

„Ich treibe die Wolken und trockne nasse Pfade. Ich kann Worte weitertragen, aber euren Streit kann ich nicht für euch entscheiden.“

Da hob der Jäger den Blick zu einer großen dunklen Wolke.

„Vielleicht kannst du mir helfen?“

Die Wolke donnerte irgendwo in der Ferne:

„Ich bringe Regen dorthin, wo die Erde auf Wasser wartet. Suche jemanden, der klein genug ist, um nahe heranzukommen, und mutig genug, um die Wahrheit zu sagen.“

Müde und hungrig machte sich der Jäger auf den Heimweg.

Neben dem Pfad sah er eine kleine alte Frau. Sie saß auf einem Baumstumpf und wärmte ihre Hände.

„Guten Abend“, sagte sie. „Hast du vielleicht ein Stückchen zu essen für eine Reisende?“

Dem Jäger war nur ein kleiner Fladen geblieben.

Er dachte daran, dass die Vorräte zu Hause ohnehin knapp waren. Trotzdem brach er den Fladen entzwei.

„Nehmen Sie. Gemeinsam lässt sich der Hunger leichter ertragen.“

Die alte Frau lächelte.

„Du hast dich gerade dann für das Gute entschieden, als es dir schwerfiel. Darum gebe ich dir einen Rat. Greife morgen früh nicht gleich nach Waffen oder Fallen. Das erste kleine Tier, dem du begegnest, wird dir besser helfen können als die größte Kraft.“

Sie berührte seinen Stock, und für einen Augenblick leuchtete auf dem Holz ein silberner Schimmer auf.

Der Jäger blinzelte.

Doch die alte Frau war verschwunden.

Am nächsten Morgen trat er aus dem Haus und sah sofort ein kleines Hermelin.

Es stand auf einem Stein und blickte ihn direkt an. Sein Fell war noch braun wie im Herbst.

„Du bist wohl meine große Hilfe?“, fragte der Jäger erstaunt.

„Groß? Nein“, antwortete das Hermelin. „Eine Hilfe? Vielleicht.“

Der Jäger ging in die Hocke.

„Was möchtest du dafür?“

Das Hermelin überlegte.

„Zwei Dinge. Erstens: Versprich, dass du keine Fallen mehr für kleine Bären aufstellst.“

Der Jäger nickte.

„Das verspreche ich.“

„Zweitens: Wenn der Schnee kommt, möchte ich weißes Fell haben, damit man mich zwischen den Schneeverwehungen nicht sieht.“

Der Jäger lächelte.

„Wenn ich weißes Fell verschenken könnte, würde ich es tun.“

In diesem Moment begann sein Stock schwach zu leuchten.

Das Hermelin kniff die Augen zusammen.

„Anscheinend hat sich schon jemand darum gekümmert. Dann sind wir uns einig.“

Es lief in den Wald, und der Jäger folgte ihm.

Bald fanden sie Steinherz. Die Bärin stand bei einem alten umgestürzten Baum, und neben ihr spielten ihre Jungen.

Das Hermelin lief näher heran.

„He, Steinherz!“

Die Bärin wandte den Kopf.

„Wer ruft mich?“

„Jemand, den du kaum sehen kannst.“

„Was willst du?“

„Ich möchte prüfen, ob du wirklich die geschickteste Bärin im Wald bist.“

Der Jäger hob erstaunt die Augenbrauen.

Die Bärin schnaubte.

„Natürlich bin ich die geschickteste.“

„Dann versuche, mir zwischen diesen beiden Steinen hindurch zu folgen.“

Das Hermelin schlüpfte durch den schmalen Spalt.

Die Bärin ging hinterher, doch sie war zu groß. Sie zwängte die Schultern hindurch, machte noch einen Schritt und saß so fest, dass sie weder weitergehen noch rasch umkehren konnte.

„Hermelin!“, brüllte sie. „Das ist unfair!“

„Vielleicht“, antwortete es von der anderen Seite. „Aber nun hörst du wenigstens erst einmal zu, bevor du wieder losziehst, um fremde Körbe umzuwerfen.“

Der Jäger kam näher, hielt die Hände aber unten.

„Ich will dir nichts antun“, sagte er. „Es war ein Fehler, die Einzäunung für deine Jungen aufzustellen. Sie hatten unseren Sirup gefressen, ich wurde zornig und handelte, ohne nachzudenken. Danach ließ ich sie frei, weil ich begriff, dass sie einfach hungrig und neugierig waren.“

Die Bärin schwieg.

„Ich verspreche, deine Jungen nicht mehr zu fangen. Aber hör auch du mir zu: Wenn du unsere Vorräte wegnimmst, hat meine Familie vielleicht ebenfalls nicht genug zu essen.“

Eines der Bärenjungen kam zu seiner Mutter und schnaubte leise.

Steinherz senkte den Kopf.

„Ich habe gesehen, wie verängstigt sie waren“, sagte sie. „Und ich dachte, du seist ein Feind.“

„Und ich sah den verschütteten Sirup und dachte ebenfalls sofort das Schlimmste.“

Das Hermelin lugte hinter dem Stein hervor.

„Seht ihr? Zwei Große waren so zornig, dass ein Kleiner ihnen das Offensichtliche erklären musste.“

Die Bärin lächelte sogar ein wenig.

„Gut. Ich werde eure Vorratskammer in Ruhe lassen.“

„Und ich lasse deine Jungen in Ruhe“, antwortete der Jäger.

Danach schob er vorsichtig ein paar Steine zur Seite und half der Bärin heraus.

Sie hätte gleich gehen können. Doch zuerst wandte sie sich dem Hermelin zu.

„Du bist sehr klein.“

„Das habe ich schon gehört.“

„Und sehr mutig.“

„Das höre ich lieber.“

Die Bärin nahm ihre Jungen mit und verschwand zwischen den Bäumen.

In dieser Nacht fiel der erste Schnee.

Am Morgen trat der Jäger aus dem Haus und entdeckte auf einer weißen Schneewehe zwei schwarze Pünktchen: die Augen des Hermelins. Sein Fell war hell geworden, fast schneeweiß.

„So etwas!“, lachte der Jäger. „Jetzt bist du wirklich schwer zu entdecken.“

Das Hermelin drehte sich hin und her und betrachtete sich.

„Eine schöne Belohnung für ein schwieriges Gespräch.“

Seitdem, erzählten die alten Geschichtenerzähler, trägt das Hermelin in der Schneezeit weißes Fell.

Der Jäger aber dachte jedes Mal, wenn er zornig wurde, an Steinherz, den schmalen Spalt zwischen den Steinen und das kleine Hermelin.

Bevor er etwas tat, fragte er sich:

„Habe ich schon alles verstanden? Oder bin ich bisher bloß zornig geworden?“

Diese Frage bewahrte ihn mehr als einmal vor neuem Streit.