Cover: Der gefürchtete Olli und der Troll

Finnland

Der gefürchtete Olli und der Troll

ehrlicher Finne, Troll, Zauberpferd, Einfallsreichtum, Humor

Land
Finnland
Alter
7–11 Jahre
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Der gefürchtete Olli und der Troll

Am Ufer einer breiten finnischen Bucht stand ein kleiner Bauernhof. Dort lebte ein Vater mit seinen drei Söhnen. Sie besaßen nur wenig Land, doch alle arbeiteten von morgens bis abends und gingen sorgsam mit allem um, was sie hatten.

Auf der anderen Seite der Bucht, am Fuß eines hohen Berges, wohnte ein alter Troll. Sein Haus war riesig, seine Vorratskammern waren voller Schätze, und sein Stall war so groß, dass ein gewöhnliches Pferd sich darin hätte verlaufen können.

Doch dieser Reichtum machte kaum jemanden froh. Seit Jahren eignete sich der Troll fremdes Eigentum an. Mal gab er etwas Geliehenes nicht zurück, mal verlangte er Geld für die Benutzung des Weges, mal erschreckte er einen Reisenden so sehr, dass dieser seine Waren zurücklassen musste. Deshalb machten die Menschen am anderen Ufer schon lange einen weiten Bogen um sein Land.

Eines Abends sagte der älteste Sohn:

„Irgendwann muss jemand den Troll daran erinnern, dass ihm nicht die ganze Welt gehört.“

Der mittlere Bruder stimmte zu. Der jüngste, Olli, lächelte nur:

„Dann gehen wir alle drei.“

Olli war der Jüngste, und seine Brüder fanden ihn oft zu lustig für ernste Angelegenheiten. Doch ihr Vater wusste: Wenn der Junge still zusah und zuhörte, bemerkte er mehr als andere.

Am nächsten Tag setzten die Brüder über die Bucht und gelangten zum Haus des Trolls.

Der alte Troll empfing sie überraschend freundlich.

„Oh, Gäste!“, dröhnte er. „Bleibt über Nacht. Ich habe genug Platz und genug zu essen.“

Auch die drei Töchter des Trolls lebten in dem Haus. Vor dem Schlafengehen gab der Hausherr den Gästen rote Mützen und seinen Töchtern weiße.

„So ist es lustiger!“, sagte er.

Olli wurde sofort misstrauisch. Wozu sollte jemand in einem dunklen Zimmer die Schlafenden an der Farbe ihrer Mützen unterscheiden wollen?

Als alles still war, stand er leise auf, vertauschte die Mützen und weckte seine Brüder.

In der Nacht schlich der Troll ins Zimmer. Die Gesichter konnte er nicht erkennen, die Farben aber sehr gut. Rasch führte er die drei mit den roten Mützen auf den Flur und sperrte sie in eine abgelegene Kammer. Er war sicher, dass er die Gäste gefangen hatte.

Sobald der Troll eingeschlafen war, flüsterte Olli:

„Jetzt gehen wir.“

Die Brüder schlüpften aus dem Haus und waren noch vor Tagesanbruch wieder an ihrem Ufer. Die Trolltöchter wurden am Morgen heil und unversehrt aus der Kammer befreit. Allerdings waren sie sehr böse auf ihren Vater, weil er so unbedacht gehandelt hatte.

Die älteren Brüder erklärten danach:

„Von Trollen haben wir für den Rest unseres Lebens genug!“

Doch Olli dachte weiter an die Menschen, denen der Alte ihr Eigentum abgenommen hatte.

Ein paar Tage später hörte er von einem wunderbaren Pferd im Stall des Trolls. Seine Mähne glänzte in goldenen und silbernen Strähnen. Die Leute erzählten, es habe früher einem guten Bauern gehört, doch der Troll habe es an sich gerissen.

„Ich bringe das Pferd auf unsere Seite der Bucht zurück“, beschloss Olli.

„Fordere dein Glück nicht heraus“, bat sein Vater.

„Ich verlasse mich nicht auf mein Glück“, antwortete der Junge. „Ich schaue hin, höre zu und überstürze nichts.“

Als Olli zum Trollhaus kam, war der Hausherr fort. Seine Frau sah Olli und beschloss, ihn bis zur Rückkehr des Trolls aufzuhalten.

„Hilf mir, das Pferd am See zu tränken“, bat sie.

„Sehr gern“, antwortete Olli.

Er führte das Pferd hinaus, stieg in den Sattel und ritt statt zum See zur Bucht. Als der Troll zurückkehrte, ging das Pferd bereits auf der Wiese neben dem Bauernhof umher.

Der Troll trat ans Ufer und brüllte über das Wasser:

„Olli! Hast du mein Pferd?“

„Das Pferd ist jetzt dort, wo man gut für es sorgt!“, rief Olli zurück.

Ein paar Tage später kam der Junge wieder ins Grübeln.

„Der Troll hat einen schweren Sack voller Silber. Viele dieser Münzen hat er den Leuten unrechtmäßig abgenommen. Sie müssen zurück zu ihren Besitzern.“

Diesmal bat die Trollfrau Olli, auf das Brot im Ofen aufzupassen, während sie sich ausruhte. Bald schlief sie ein. Olli entdeckte unter der Bank einen schweren Sack, nahm ihn an sich und ging leise hinaus.

Zu Hause erlaubte der Vater niemandem, das Silber unter sich aufzuteilen.

„Zuerst suchen wir die Menschen, denen es gehört hat“, sagte er.

Genau das taten sie.

Der Troll tobte, doch Olli hörte noch immer nicht auf.

Im Haus unter dem Berg lag noch eine goldene Decke, mit der der Troll vor allen prahlte. Olli wartete auf eine dunkle Nacht, kletterte aufs Dach und ließ durch einen kleinen Spalt etwas Wasser auf die Decke tropfen.

„Das Dach ist undicht!“, murmelte der verschlafene Troll.

Man hängte die Decke hoch oben über einen Balken zum Trocknen. Als im Haus wieder Ruhe eingekehrt war, holte Olli sie vorsichtig herunter und kehrte heim.

„Hörst du irgendwann auch einmal auf?“, fragten seine Brüder.

„Wenn der Troll aufhört, fremdes Eigentum für sein eigenes zu halten“, antwortete Olli.

Eine Sache fehlte noch: eine goldene Glocke. Der Troll hatte sie aus dem kleinen Glockenturm eines Dorfes geholt. Seitdem hörte man auf jener Seite der Bucht kein Morgenläuten mehr.

Olli kam bei Nacht und streckte die Hand nach der Glocke aus.

Ding!

Sofort erwachte der Troll.

„Jetzt habe ich dich!“

Er packte den Jungen und sperrte ihn in die Vorratskammer.

„Diesmal entkommst du mir nicht. Morgen bringe ich dich weit hinter den Berg. Von dort wirst du den Heimweg nicht finden.“

Der Troll ging seine Verwandten zusammenrufen, um mit dem gefangenen Olli zu prahlen. Seine Frau blieb zurück und bewachte die Tür.

„Sei still“, befahl sie.

Olli sah sich in der Kammer um. Dort lagen alte Körbe, Säcke und Seile, und es gab ein schmales Fenster.

„Da passe ich sowieso nicht durch“, seufzte er laut. „Nicht einmal du würdest da durchpassen.“

„Ich?“, empörte sich die Trollfrau. „Ich bin doppelt so geschickt wie du!“

„Das glaube ich nicht.“

Sie öffnete die Tür, ging zum Fenster und zeigte ihm, wie man sich seitwärts drehen musste.

Darauf hatte Olli nur gewartet. Er schlüpfte auf den Flur, zog die Kammertür zu und schob den Riegel vor.

„Keine Sorge“, sagte er durch die Tür. „Sobald dein Mann zurückkommt, kann er den Riegel ganz leicht öffnen.“

Dann nahm er die goldene Glocke und eilte nach Hause.

Bei Tagesanbruch stand der Troll schon am Wasser.

„Olli! Bist du wieder drüben?“

„Ja!“

„Und die Glocke hast du auch?“

Olli hob sie hoch, und ein klarer, goldener Klang hallte über die Bucht.

Ding-dong!

Vor Wut stampfte der Troll mit den Füßen.

„Ich komme über die Bucht und hole mir alles zurück!“

Doch gerade ging die Sonne auf. Die ersten Strahlen berührten den Berghang, dann das Dach des Trollhauses und schließlich den Troll selbst.

Der Alte hielt sich die Hand vor die Augen. Seine Stärke lag in der Dunkelheit, in der Angst der anderen und in ihrem Schweigen. Aber helles Licht, in dem man alles so sah, wie es wirklich war, mochte er überhaupt nicht.

Am einen Ufer läutete die Glocke. Am anderen kamen die Menschen aus ihren Häusern. Diejenigen, die der Troll jahrelang einzeln eingeschüchtert hatte, sahen nun einander und merkten, wie viele sie waren.

„Gib zurück, was dir nicht gehört!“, riefen sie vom Ufer.

Und noch einmal:

„Gib zurück, was dir nicht gehört!“

Der Troll blickte sich um, brummte etwas vor sich hin und wich zum Berg zurück. Noch am selben Tag packte er seine übrigen Truhen und zog weit fort in die felsigen Schluchten. An der Bucht wurde er nie wieder gesehen.

Das Pferd kehrte zu den Menschen zurück. Das Silber verteilte man unter denen, denen der Troll früher Unrecht getan hatte. Die goldene Decke brachte man der Familie, der sie gehörte, und die Glocke hängte man wieder an ihren alten Platz.

Von da an klang ihre Stimme jeden Morgen über das Wasser.

Ding-dong!

Die älteren Brüder nannten Olli nicht mehr leichtsinnig. Er selbst aber lachte nur:

„Ich habe doch nichts Besonderes getan. Der Troll war einfach daran gewöhnt, dass alle Angst vor ihm hatten. Wenn man sich nicht mehr fürchtet und anfängt, genau nachzudenken, wird selbst ein sehr großer Troll plötzlich ein ganzes Stück kleiner.“

So blieb Olli der Beiname „der Gefürchtete“. Nicht, weil er grausam oder furchterregend gewesen wäre. Sondern weil es für das Unrecht nichts Furchterregenderes gibt als einen Menschen, der sich nicht einschüchtern lässt, genau hinschaut und die Wahrheit nicht aus den Augen verliert.