

Ghana
Wie die ersten Pilze entstanden
Natur, Pilze, Ursprung
- Land
- Ghana
- Alter
- 4–8 Jahre

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Wie die ersten Pilze entstanden
Einst lebten, so erzählt man, zwei Brüder. Sie waren gute Burschen, hatten aber eine lästige Gewohnheit: Sie handelten zuerst und dachten erst danach nach.
Mal kauften sie auf dem Jahrmarkt etwas, das sie gut hätten entbehren können. Mal versprachen sie einem Nachbarn, das geliehene Getreide bis Freitag zurückzugeben, und am Donnerstag fiel ihnen ein, dass nichts mehr davon übrig war. So häuften sich nach und nach ihre Schulden.
Zuerst schämten sie sich, den Leuten in die Augen zu sehen, und gingen sogar für ein paar Tage in den Wald. Doch nachts, als ringsum die Blätter raschelten, sagte der ältere Bruder:
„Vor Schulden kann man nicht davonlaufen.“
„Und sich auch nicht hinter einem großen Baum verstecken“, stimmte der jüngere zu.
Also kehrten sie nach Hause zurück, baten die Nachbarn um Verzeihung und beschlossen zu arbeiten. Sie machten ein kleines Stück Land frei, gruben die Erde um und säten Getreide.
„Wenn die Ernte wächst“, freuten sich die Brüder, „können wir allen nach und nach zurückgeben, was wir ihnen schulden.“
Doch am nächsten Morgen flog ein Waldvogel auf das Feld. Er pickte ein Korn auf, dann ein zweites und ein drittes, und rief seine Verwandten herbei. Bis zum Mittag war von der Aussaat fast nichts mehr übrig.
Die Brüder kamen angerannt und schlugen die Hände über dem Kopf zusammen.
„Du meine Güte!“, rief der ältere. „Daraus sollte doch unser Getreide wachsen!“
Der Vogel ließ den Kopf hängen.
„Ich wusste nicht, dass ihr es so dringend braucht.“
Der jüngere Bruder seufzte:
„Dann hilf uns. Wenn du unsere Saat gefressen hast, gehört ein Teil unserer Sorgen jetzt auch dir.“
Der Vogel war ehrlich. Er überlegte und sagte:
„Gut. Ich werde Küken ausbrüten. Wenn sie groß genug sind, sammeln wir gemeinsam so viele Samen für euch, wie wir gefressen haben.“
Er baute ein festes Nest in einem großen Baum und legte Eier hinein. Doch in dieser Nacht kam ein so starker Wind auf, dass die Zweige dröhnten wie Trommeln. Das Nest verrutschte. Gerade noch rechtzeitig konnte der Vogel seine Eier ins dichte Gras bringen. Den ganzen Morgen richtete er dort einen neuen Platz ein.
„Ach“, sagte er zum Baum, „dein Ast hat mein Nest nicht gehalten. Jetzt musst auch du uns bei unserer gemeinsamen Sorge helfen.“
Der Baum raschelte mit den Blättern.
„Gut. Ich werde viele weiche weiße Fasern wachsen lassen. Die Menschen können sie gebrauchen, und die Brüder bekommen, was ihnen zusteht.“
Die Zeit verging. Tatsächlich erschienen am Baum leichte, weiße, flaumige Fasern. Sie glänzten in der Sonne, als hätten sich kleine Wolken in den Ästen verfangen.
Da kam ein großer Elefant durch den Wald. Sein Rücken juckte. Er rieb seine Seite am Stamm, zog dann mit dem Rüssel an einem flaumigen Ast, danach an einem zweiten – und die meisten weißen Fasern flogen durch den Wald davon.
„Elefant!“, rauschte der Baum. „Das war nicht bloß ein flaumiges Wunder. Ich wollte dem Vogel helfen, und der wollte zwei Brüdern helfen.“
Der Elefant blieb stehen.
„Oh. Das habe ich nicht gewusst. Dann bin jetzt ich an der Reihe, die Sache wieder in Ordnung zu bringen.“
Er sammelte einen ganzen Korb süßer Waldfrüchte und trug ihn zum Dorf. Dort wollte er die Früchte gegen Getreide für die Brüder tauschen.
Plötzlich trat ein Jäger hinter den Büschen hervor. Er wollte den Elefanten nicht jagen, begrüßte ihn aber so laut, dass dieser vor Schreck zusammenzuckte. Der Korb kippte um, und die Früchte rollten den Hang hinab in alle Richtungen.
„So ein Unglück!“, sagte der Elefant. „Ich habe das getragen, um ein Versprechen zu halten.“
Der Jäger wurde verlegen.
„Ich habe dich erschreckt, also werde ich helfen. Ich sammle Honig, bringe ihn auf den Markt und kaufe Getreide.“
Er füllte einen kleinen Krug mit duftendem Honig und machte sich auf den Heimweg. Doch es dämmerte schon. Auf dem Pfad stand ein alter Baumstumpf. Der Jäger stolperte darüber und landete auf dem weichen Moos. Der Krug glitt ihm aus den Händen, und ein Teil des Honigs lief auf die Erde.
„Baumstumpf, Baumstumpf“, murmelte der Jäger und rieb sich das Knie, „jetzt steckst auch du in dieser Geschichte.“
Der alte Baumstumpf antwortete nicht. Denn Baumstümpfe sprechen bekanntlich sehr langsam.
In der Nacht kam jedoch eine ganze Kolonie weißer Ameisen zu ihm. Sie nagten schon lange am alten Holz und wollten sich gerade den Baumstumpf vornehmen.
Da knarrte der Stumpf endlich:
„He, ihr kleinen Arbeiterinnen! Wenn ihr schon mein Holz benutzt, helft auch mit. Es gibt zwei Brüder, denen wir alle ein wenig Hilfe schulden.“
Sofort beriefen die Ameisen einen Rat ein.
„Man kann eine Sorge endlos weiterreichen“, sagte die älteste Ameise. „Aber irgendjemand muss sie doch aus der Welt schaffen.“
„Dann tun wir es!“, antworteten die anderen.
Jede brachte einen dünnen weißen Faden. Eine fand Fasern, die der Elefant im Wald verstreut hatte. Eine andere brachte einen Grashalm, eine dritte einen winzigen Tautropfen. Die ganze Nacht arbeiteten sie: Sie zogen, legten zusammen, flochten und breiteten aus.
Am Morgen waren neben den kleinen Ameisenhügeln unzählige weiße Kreise zu sehen. Einige sahen aus wie Hütchen, andere wie winzige Schirme.
Im Morgengrauen kamen Menschen vorbei.
„Schaut! Was ist da nach dem nächtlichen Tau gewachsen?“
Sie beugten sich hinunter und entdeckten zarte weiße Hütchen, die sie hier noch nie gesehen hatten.
„Wir nennen sie Pilze“, sagte jemand.
Unter der Erde freuten sich die Ameisen im Stillen: Endlich war die lange Kette von Versprechen zu Ende.
Als die beiden Brüder diese Geschichte hörten, lachten sie.
„Unsere Schuld ist also durch den halben Wald gewandert!“
„Ja“, antwortete die älteste Ameise und lugte aus ihrem Hügel. „Aber merkt euch: Eine Sorge wird nicht kleiner, nur weil man sie einem anderen weiterreicht.“
Das merkten sich die Brüder gut. Von da an dachten sie zuerst nach, bevor sie etwas versprachen. Sie arbeiteten fleißig, gaben nach und nach alles Geliehene zurück und versteckten sich nicht mehr vor schwierigen Aufgaben.
Und nach warmen Regenfällen wachsen im Wald noch immer Pilze: kleine weiße, graue und goldene Hütchen. Das alte Märchen sagt, sie erinnern uns daran, dass selbst die kleinsten fleißigen Helfer eine Aufgabe vollenden können, die die Großen lange von einem zum anderen weitergereicht haben.
