

Finnland
Wie die Tiere die Ernte teilten
Ernte, Aufteilung, Fuchs, Wolf, Bär, Gerechtigkeit
- Land
- Finnland
- Alter
- 5–9 Jahre

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Wie die Tiere die Ernte teilten
An einem Frühlingsmorgen standen Mikko, der Fuchs, und Pekka, der Wolf, am Rand eines kleinen Feldes und sahen zu, wie der Wind das junge Gras bewegte.
„Hier ist guter Boden“, sagte Pekka. „Wenn wir Gerste säen, hätten wir im Herbst volle Vorratskammern.“
Mikko kniff die Augen zusammen.
„Ein wunderbarer Gedanke. Wir arbeiten gemeinsam und teilen dann die Ernte.“
So machten sie es. Sie lockerten den Boden, säten das Korn und warteten auf Regen. Als die ersten Halme sprossen, sahen sie von Zeit zu Zeit nach dem Feld. Die Gerste wuchs, wurde grün und streckte sich zur Sonne. Gegen Ende des Sommers stand sie golden da, die Ähren schwer vom Korn.
„Zeit für die Ernte!“, freute sich Pekka.
Zu zweit schnitten sie die Halme ab, banden sie zu Garben und trugen sie in die alte Scheune. Doch es gab viel zu tun. Deshalb riefen sie Osmo, den Bären, zu Hilfe.
Osmo kam gern.
„Wenn wir schon arbeiten, dann ordentlich“, sagte er und krempelte die Ärmel hoch.
Die drei Freunde breiteten die Garben in der Scheune aus. Nun mussten sie die Körner aus den Ähren dreschen, Stroh und Spreu davon trennen und alles an seinen Platz bringen.
„Bevor wir anfangen“, sagte Pekka, „sollten wir abmachen, wer was tut.“
Mikko schaute sich rasch um und entdeckte hoch unter dem Dach einen kräftigen Balken.
„Ich übernehme eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe“, erklärte er. „Ich passe auf, dass in der Scheune alles sicher zugeht. Ihr arbeitet unten.“
Pekka und Osmo wechselten einen Blick, widersprachen aber nicht.
Osmo drosch das Korn, Pekka trennte die Körner von der Spreu, und Mikko saß oben und rief hin und wieder:
„Vorsicht da unten! Immer mit der Ruhe!“
In Wirklichkeit leisteten der Wolf und der Bär die schwerste Arbeit. Am Abend schmerzten Osmos Tatzen, und Pekka war so müde, dass er kaum noch stehen konnte. Mikko dagegen kletterte munter und zufrieden auf den Boden hinab.
Vor ihnen lagen drei Haufen: ein großer Haufen Stroh, ein etwas kleinerer Haufen leichter Spreu und ein kleiner, aber schwerer Haufen sauberer goldener Körner.
„So“, sagte Pekka, „jetzt müssen wir die Ernte teilen.“
„Das ist einfach“, antwortete Mikko sofort. „Wir sind zu dritt, und es gibt drei Haufen. Osmo ist der Größte, also bekommt er den größten Haufen. Du, Pekka, bist der Mittlere, also gehört dir der mittlere. Und ich bin der Kleinste, deshalb bekomme ich den kleinsten.“
Osmo sah den hohen Strohberg an und nickte zufrieden.
„Das ist gerecht! Mein Haufen ist wirklich der größte.“
Auch Pekka freute sich über seinen lockeren Haufen Spreu.
„Meiner ist auch ganz ordentlich.“
Mikko zog schweigend den kleinen Körnerhaufen zu sich heran.
Jeder nahm seinen Anteil mit nach Hause.
Am nächsten Tag wollte Osmo sich einen Brei kochen. Er zerkleinerte etwas Stroh, schüttete es in einen Topf, goss Wasser dazu und stellte ihn aufs Feuer. Lange rührte er darin. Doch statt eines duftenden Breis bekam er nur eine graue, zähe Masse.
Pekka versuchte unterdessen, seine Spreu zu kochen. Sie schwamm obenauf, klebte am Löffel und sah überhaupt nicht nach einem Abendessen aus.
Aus Mikkos Häuschen dagegen strömte der köstliche Duft von frisch gekochtem Brei.
Osmo und Pekka gingen gemeinsam zu ihm.
„Mikko“, sagte der Bär, „warum duftet dein Abendessen so gut, während meines nicht einmal nach etwas Essbarem aussieht?“
„Meines auch nicht“, seufzte Pekka.
Der Fuchs sah seine Freunde an. Zuerst wollte er einen Scherz machen. Dann bemerkte er, wie müde die beiden in der Tür standen, und erinnerte sich daran, wer in der Scheune beinahe die ganze Arbeit getan hatte.
Da wurde Mikko etwas verlegen.
„Weil ich die Körner genommen habe“, sagte er ehrlich. „Euch habe ich Stroh und Spreu gelassen. Daraus kann man keinen guten Brei kochen.“
Pekka runzelte die Stirn.
„Aber du hast diese Aufteilung doch selbst vorgeschlagen.“
„Das habe ich“, gab Mikko zu. „Und ich habe ausgenutzt, dass ihr nur auf die Größe der Haufen geschaut habt und nicht darauf, was darin lag.“
Osmo kratzte sich am Hinterkopf.
„Der größte Haufen muss also nicht der wertvollste sein.“
„Genau“, sagte Mikko. „Und außerdem habe ich mich nicht besonders freundlich verhalten.“
Er holte einen kleinen Sack mit Korn und schüttete die Körner auf den Tisch.
„Lasst uns die Ernte neu teilen. Wir haben alle auf dem Feld gearbeitet. Also sollten wir auch alle etwas von den Körnern bekommen.“
Diesmal maßen sie drei gleiche Anteile ab. Das Stroh behielten sie als Einstreu, die Spreu für andere Arbeiten rund ums Haus, und die Körner teilten sie gerecht untereinander auf.
Pekka lächelte.
„Das sieht schon eher nach Gerechtigkeit aus.“
„Und nach einem Abendessen“, fügte Osmo hinzu.
An diesem Abend kochte in allen drei Häuschen gleichzeitig ein Topf mit Brei. Später trafen sich die Freunde wieder am Feld und vereinbarten: Im nächsten Jahr würden sie zuerst genau ansehen, was sie teilten, und erst danach entscheiden, wer welchen Haufen bekam.
Seitdem wählte Osmo seinen Anteil nie mehr nur deshalb, weil er am größten aussah. Pekka hörte bei jeder Abmachung genauer auf die Bedingungen. Und Mikko begriff, dass Einfallsreichtum zwar sehr nützlich ist, aber am besten dann, wenn er allen hilft und nicht nur einem.
