

Island
Ingebjörg
Heldin, Zauber, Mut, Entscheidungen
- Land
- Island
- Alter
- 6–10 Jahre

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Ingebjörg
Vor langer Zeit lebten in einem Königreich im Norden ein König und eine Königin. Ihr Palast stand zwischen hohen Fichten und Birken. Im Winter bedeckte so weißer Schnee die Dächer, dass er in der Sonne wie Silber glänzte.
Der König und die Königin besaßen alles, was man sich nur wünschen konnte: ein friedliches Land, freundliche Menschen, volle Vorratskammern und eine Schatzkammer, in der Edelsteine funkelten. Doch eine Freude fehlte ihnen. Sie hatten keine Kinder.
An einem klaren Wintermorgen ging die Königin in den Garten. Sie setzte sich unter einer alten Eiche zur Ruhe und bewunderte den Schnee, der auf den Zweigen glitzerte. Plötzlich flog ein großer weißer Vogel aus dem Baum. Er strich so dicht an ihr vorbei, dass seine Flügelspitze ihre Wange leicht ritzte. Ein paar rote Tropfen fielen in den Schnee.
Die Königin betrachtete das Weiß, Rot und Silber ringsum und sagte leise:
„Wenn ich doch ein Töchterchen hätte, so hell und schön wie dieser Wintermorgen …“
Der weiße Vogel schien sie gehört zu haben.
„Dein Wunsch wird in Erfüllung gehen“, sang er und verschwand zwischen den Bäumen.
Doch einen Augenblick später trat hinter der Eiche ein finsterer alter Zauberer namens Surtur hervor. Einst hatte er sich mit der Königsfamilie zerstritten, und seitdem trug er Groll im Herzen.
„Ja, du wirst eine Tochter bekommen“, brummte er. „Aber wir werden sehen, ob sie euch nur Freude bringt.“
Damit verschwand er ebenso plötzlich, wie er gekommen war.
Die Zeit verging, und tatsächlich wurde dem König und der Königin ein Mädchen geboren. Sie nannten es Ingebjörg. Das Kind wuchs freundlich, aufmerksam und fröhlich heran. Ingebjörg hörte gern die Geschichten der Älteren, half den Dienern im Garten, kannte fast alle Pferde im Stall beim Namen und fand immer ein gutes Wort für jemanden, der traurig war.
Anfangs konnte die Königin sich an ihrer Tochter nicht sattsehen. Doch mit den Jahren ging eine seltsame Veränderung in ihr vor. Wenn die Menschen Ingebjörg lobten, empfand die Königin eine grundlose Unruhe. Wenn der König seine Tochter umarmte, kam es ihr vor, als hätte man sie selbst vergessen. Diese Gefühle wurden immer stärker, obwohl die Königin nicht verstand, warum.
In Wahrheit steckte Surturs Zauber dahinter. Heimlich nährte er ihre Kränkung und ihren Neid, um Mutter und Tochter zu entzweien.
Der König sah, dass es im Palast immer trauriger wurde. Damit Ingebjörg in Ruhe leben konnte, ließ er für sie ein kleines Haus im königlichen Garten einrichten. Dort las und stickte sie, ging zwischen den Bäumen spazieren und wartete darauf, dass das Herz ihrer Mutter wieder so würde wie früher.
Eines Tages ließ die Königin sie zu sich kommen.
„Ich muss dir etwas Schreckliches sagen“, flüsterte sie. „Mir wurde eine Prophezeiung offenbart: Du sollst mit einem Riesen fortgehen, den Palast deines Vaters niederbrennen und Unglück über ihn bringen.“
Ingebjörg wurde blass.
Von da an beschloss sie, ihr Haus nicht mehr zu verlassen. „Wenn ich hierbleibe“, dachte sie, „kann nichts Schlimmes geschehen.“
Die Tage vergingen. Ingebjörg lachte nicht mehr. Selbst ihre geliebte Handarbeit lag unberührt da.
Eines Tages klopfte es an der Tür.
Auf der Schwelle stand eine kleine ältere Frau mit einer hohen Mütze.
„Darf ich mich ein wenig ausruhen?“, fragte sie.
Ingebjörg bat sie herein. Die Fremde erwies sich als wunderbare Erzählerin. Sie erzählte von Fischen, die vom Meeresgrund aus die Sterne sehen, von Bäumen, die sich an Hunderte von Wintern erinnern, und von kleinen Quellen, die selbst durch Steine einen Weg finden.
Ohne es zu merken, begann Ingebjörg zu lächeln.
„Lass uns in den Wald gehen“, schlug der Gast vor. „Du brauchst frische Luft.“
Zunächst bekam das Mädchen Angst, doch schließlich stimmte es zu. Sie gingen auf einem weichen Pfad zwischen Birken, Fichten und Moos entlang. Sonnenlicht fiel durch die Zweige, über ihren Köpfen riefen die Vögel einander zu, und Ingebjörg wurde leichter ums Herz.
Als sie sich auf einem grünen Hang zur Ruhe setzten, fragte die alte Frau sanft:
„Nun erzähl mir, wovor du solche Angst hast.“
Ingebjörg berichtete von der Prophezeiung.
Da nahm die Fremde ihre Hand.
„Ich bin deine Patin“, sagte sie. „Und ich beobachte schon lange, was hier geschieht. Da spricht kein Schicksal zu euch, sondern Surturs Zauber. Er hat deine Mutter verhext, damit sich ihre Liebe mit Neid vermischt. Doch jeder Zauber wird schwächer, wenn Menschen sich für Güte entscheiden statt für Angst.“
„Dann werde ich meinem Vater kein Unglück bringen?“, flüsterte Ingebjörg.
„Nicht, wenn du mutig und klug handelst. Einige Worte der Prophezeiung werden wahr werden, aber anders, als Surtur es sich gewünscht hat.“
Die Patin erklärte ihren Plan.
Am nächsten Morgen bat Ingebjörg ihren Vater, einen langen Ausflug in den Wald zu unternehmen und die Hofleute mitzunehmen. Der König freute sich sehr, seine Tochter wieder munter zu sehen, und war einverstanden.
Als der Palast leer war, trugen Ingebjörg und ihre Patin alle wichtigen Dinge und Schätze aus dem alten Teil des Gebäudes hinaus. Auch die Diener waren gewarnt worden und hatten sich in Sicherheit gebracht.
Im großen Saal stand ein altes Gefäß mit Öl. Ingebjörg nahm es, doch sie rutschte aus, und etwas Öl lief neben der Feuerstelle aus. Die Flammen loderten höher. Rasch griff das Feuer auf die trockenen Holzbalken des alten Flügels über.
„Hab keine Angst“, sagte die Patin. „Hier ist niemand. Auf diese Weise wenden wir den Zauber gegen den Zauberer selbst.“
Sie gingen ins Freie und sahen aus der Ferne zu, wie der leere alte Teil des Palastes brannte. Niemand kam zu Schaden, und alle Kostbarkeiten waren gerettet.
Dann gab die Patin Ingebjörg eine kleine silberne Kugel.
„Wirf sie auf den Boden und folge ihr. Sie wird dich zu einer Waldhütte führen. Dort lebt jemand, den Surtur ebenfalls verzaubert hat. Beurteile ihn nicht nach seinem Aussehen. Und merk dir: Sobald du im Traum meine Stimme hörst, kehre sofort nach Hause zurück. Deine Mutter wird dich brauchen.“
Die silberne Kugel rollte zwischen den Wurzeln hindurch, sprang über einen Bach, umrundete einen Stein und blieb vor einer kleinen Hütte liegen.
Ingebjörg trat ein und zog die Tür hinter sich bis auf einen schmalen Spalt zu.
Bald erschien zwischen den Bäumen eine riesige Gestalt. Es war ein Riese. Auf der Schulter trug er ein Bündel Brennholz. Er war so groß, dass sein Kopf beinahe die unteren Äste berührte.
Ingebjörg erschrak, doch der Riese sprach mit leiser Stimme:
„Hab keine Angst. Wenn du möchtest, kannst du hierbleiben. Mir fehlt gerade jemand, der im Haus für Ordnung sorgen kann. Dafür teile ich mein Essen und mein Dach mit dir.“
Er zeigte ihr ein kleines Zimmer.
„Nur eine Bitte habe ich. Nachts wirst du vielleicht seltsame Geräusche hören. Komm nicht heraus, bis ich dich rufe. Ein alter Zauber kämpft dann gegen mich.“
Drei Tage lebte Ingebjörg in der Hütte. Jeden Morgen ging der Riese in den Wald, und abends kehrte er mit Holz, Beeren, Pilzen oder Fischen zurück. Er war unbeholfen, aber freundlich und wurde niemals laut.
Nachts zitterten manchmal die Wände, im Schornstein heulte der Wind, und hinter der Tür klang es, als schiebe jemand schwere Steine hin und her. Ingebjörg dachte an ihr Versprechen und blieb in ihrem Zimmer.
Jede Nacht hatte sie denselben Traum: An der Feuerstelle stand kein Riese, sondern ein junger Prinz mit freundlichen Augen.
In der dritten Nacht hörte sie im Schlaf die Stimme ihrer Patin:
„Ingebjörg, es ist Zeit, nach Hause zurückzukehren.“
Das Mädchen erwachte sofort, warf sich einen Mantel um und lief zum Königshof.
Beim Palast hatten sich viele Menschen versammelt. Der König war aus dem Wald zurückgekehrt, hatte den Brand und die verschwundenen Schätze gesehen. Jemand hatte ihm eingeredet, die Königin sei an allem schuld. Man hatte sie bereits in ein eigenes Zimmer gebracht und wartete auf das Gericht.
„Haltet ein!“, rief Ingebjörg. „Meine Mutter ist unschuldig!“
Sie erzählte ihrem Vater alles: von Surtur, von dem Zauber, von ihrer Patin, vom geretteten Schatz und von dem leeren Palastflügel, den sie dem Feuer hatten überlassen müssen, um den ersten Teil der Prophezeiung zu brechen.
Der König hörte seiner Tochter zu und befahl, die Königin sofort von allen Anschuldigungen freizusprechen.
Im selben Augenblick verflog der Zauber über der Königin, als hätte jemand in einem stickigen Zimmer ein Fenster geöffnet. Sie sah ihre Tochter an und erkannte plötzlich, wie viel Schmerz sie ihr mit ihrer grundlosen Eifersucht zugefügt hatte.
„Verzeih mir, Ingebjörg“, sagte sie und umarmte ihre Tochter. „Es ist, als hätte ich lange durch dunkles Glas auf die Welt geschaut.“
„Hauptsache, das Glas ist jetzt zerbrochen“, antwortete Ingebjörg.
Unterdessen kam der Riese zum Palast. Neben ihm stand Surtur, wütend und längst nicht mehr so selbstsicher. Der Riese hatte den Zauberer im Wald gefunden und ihn nicht entkommen lassen.
Ingebjörg dachte an die silberne Kugel. Sie warf sie dem Riesen zu.
Er fing sie auf, und sanftes silbernes Licht flammte rings um ihn auf. Die große Gestalt schien zu schmelzen. An ihrer Stelle erschien ein junger Prinz, genau derjenige, den Ingebjörg in ihren Träumen gesehen hatte.
„Auch ich war von Surtur verzaubert“, sagte er. „Dein Mut hat geholfen, meinen Zauber zu brechen.“
Surtur versuchte unterdessen, einen Zauberspruch zu sprechen. Doch aus seinen Händen sprang nicht einmal ein Funke. Seine Kraft war verschwunden.
Der König ließ nicht zu, dass man den Zauberer grausam bestrafte.
„Du wirst über die Menschen dieses Königreichs keine Macht mehr haben“, sagte er. „Und du musst für immer von hier fortgehen.“
Surtur verließ das Land, und sein Zauber kehrte nie wieder zurück.
Der Palast wurde neu aufgebaut. Diesmal bekam er mehr helle Säle, große Fenster und behagliche Zimmer. Die Königin wurde wieder eine liebevolle Mutter. Ingebjörg besuchte ihre Patin oft, doch die fand immer einen Weg zu verschwinden, sobald man ihr feierlich danken wollte.
Der Prinz blieb am Hof. Zunächst wurden er und Ingebjörg gute Freunde. Sie unterhielten sich viel, gingen im Wald spazieren und lachten darüber, dass das Mädchen sich einst so sehr vor dem „schrecklichen Riesen“ gefürchtet hatte. Als beide später wussten, dass sie zusammen sein wollten, feierten sie Hochzeit.
Als die Jahre vergangen waren und Ingebjörg Königin wurde, liebten die Menschen sie weder wegen ihrer Schönheit noch wegen ihrer Krone.
Sie liebten sie, weil sie niemals die Angst für sich entscheiden ließ.
Denn Ingebjörg erinnerte sich gut an die Worte ihrer Patin: Selbst ein uralter Zauber wird schwach, wenn Menschen sich für Güte, Mut und Liebe entscheiden.
