Cover: Iwasyk-Telesyk

Ukraine

Iwasyk-Telesyk

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Ukraine
Alter
5–9 Jahre
Dauer
8 Min.
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Iwasyk-Telesyk

Ein alter Mann und eine alte Frau hatten einen Jungen namens Iwasyk. Nichts auf der Welt war ihnen kostbarer als er. Liebevoll nannten sie ihn Telesyk.

Telesyk wuchs zu einem lebhaften, klugen und fleißigen Jungen heran. Eines Tages kam er zu seinem Vater und sagte:

„Vater, mach mir bitte ein goldenes Boot und ein silbernes Ruder. Dann kann ich auf dem Fluss fahren, Fische fangen und dir und Mutter helfen.“

Der alte Mann lächelte.

„Wenn du es nicht zum Vergnügen, sondern für die Arbeit brauchst, machen wir es.“

Bald glänzte ein kleines goldenes Boot am Ufer, und in Telesyks Händen schimmerte ein silbernes Ruder.

Jeden Morgen stieß der Junge vom Ufer ab. Er fuhr dorthin, wo leichter Nebel über dem Wasser lag, das Schilf mit dem Wind flüsterte und die Fische manchmal mit ihren Schwänzen die Wasseroberfläche berührten.

Telesyk fing Fische, brachte einen Teil nach Hause und fuhr dann wieder auf den Fluss hinaus.

Seine Mutter brachte ihm das Mittagessen. Jedes Mal stellte sie sich ans Ufer und rief mit singender Stimme:

„Telesyk, lieber Telesyk! Komm mit dem Boot ans Ufer her. Ich bring dir Essen, bring dir Trinken, komm zu mir, ich warte hier!“

Wenn Telesyk die vertraute Stimme hörte, sagte er:

„Näher, näher, kleines Boot, zum Ufer hin. Meine Mutter ist gekommen.“

Er fuhr heran, aß, hörte den Ratschlägen seiner Mutter zu und machte sich wieder ans Fischen.

„Denk daran, mein Sohn“, erinnerte sie ihn jedes Mal. „Wenn du meine Stimme hörst, komm heran. Aber bei einer fremden Stimme fahre nicht ans Ufer.“

„Ich werde daran denken“, antwortete Telesyk.

In der Nähe lebte jedoch eine listige Schlange. Eines Tages versteckte sie sich im Schilf und hörte, wie die Mutter den Jungen rief.

„So weiß er also, wann er ans Ufer kommen soll“, dachte sie.

Als die Mutter fort war, stellte sich die Schlange ans Wasser und rief mit rauer Stimme:

„Telesyk, Telesyk! Komm ans Ufer! Ich bringe dir Essen und Trinken!“

Sofort wurde Telesyk misstrauisch.

„Nein, kleines Boot, fahr weiter. Das ist nicht Mutters Stimme.“

Rasch ruderte er in die Mitte des Flusses.

Die Schlange ärgerte sich.

„Klug ist er! Aber ich gebe auch nicht auf.“

Sie ging zu einem Schmied und bat:

„Mach meine Stimme fein und sanft, damit sie wie die Stimme von Telesyks Mutter klingt.“

Der Schmied zauberte ein wenig an ihrer Stimme. Tatsächlich sprach die Schlange danach ganz anders.

Am nächsten Tag kam sie wieder ans Ufer.

„Telesyk, lieber Telesyk! Komm mit dem Boot ans Ufer her. Ich bring dir Essen, bring dir Trinken, komm zu mir, ich warte hier!“

Der Junge lauschte. Die Stimme klang der seiner Mutter sehr ähnlich.

„Näher, kleines Boot“, sagte er. „Das muss Mutter sein.“

Kaum berührte das Boot das Ufer, packte die Schlange Telesyk und trug ihn in ihre Hütte im Wald.

Telesyk erschrak, weinte aber nicht. Er wusste: Wenn etwas Schlimmes geschieht, darf die Angst einen begleiten. Denken muss man trotzdem.

In der Hütte wohnte die Tochter der Schlange, Olenka.

„Bewache den Jungen“, befahl die Schlange. „Ich hole Gäste.“

Dann ging sie fort.

Olenka heizte den alten Ofen an und legte eine hölzerne Ofenschaufel davor.

„Setz dich hierauf“, sagte sie zu Telesyk.

Der Junge begriff sofort, dass sie nichts Gutes vorhatte. Doch er ließ sich nichts anmerken.

„Wie soll ich mich denn setzen?“, fragte er erstaunt. „So?“

Er legte eine Hand auf die Schaufel.

„Nein, doch nicht so!“

„Dann vielleicht so?“

Er stellte einen Fuß darauf.

„Auch nicht!“

Telesyk kratzte sich am Kopf.

„Ich habe noch nie gesehen, wie man das macht. Zeig es mir bitte, dann mache ich es nach.“

Ungeduldig setzte sich Olenka auf die Schaufel, um es ihm zu zeigen.

Darauf hatte Telesyk nur gewartet. Schnell schob er die Schaufel zum Ofen, machte die Ofenklappe zu und gewann so ein paar kostbare Minuten.

„Es tut mir leid, aber ich lasse nicht zu, dass ihr mir etwas antut!“, sagte er und rannte hinaus.

Er lief, bis er einen sehr, sehr hohen Ahornbaum entdeckte. Er kletterte bis in die Krone und versteckte sich zwischen den Blättern.

Bald kam die Schlange zurück. Als sie sah, dass Telesyk fort war, begann sie nach ihm zu suchen. Sie ging um den Baum herum, konnte den Jungen aber nicht erreichen.

Gerade flogen Gänse über den Wald.

Telesyk hob den Kopf und rief:

„Gänse, liebe Gänsekinder, nehmt mich mit auf euren Schwingen. Tragt mich heim zu meinem Vater, lasst mich zu den Meinen fliegen!“

Die erste Schar flog zu weit entfernt und hörte ihn nicht. Die zweite hatte es eilig und flog ebenfalls vorbei.

Telesyk wurde unruhig. Schon dachte er, dass er bis zum Einbruch der Dunkelheit auf dem Ahorn bleiben müsste.

Da erschien eine junge Gans am Himmel. Sie war ein wenig hinter den anderen zurückgeblieben und flog niedriger.

„Kleine Gans, hilf mir!“, bat Telesyk. „Bring mich nach Hause.“

Die Gans zog einen Kreis über dem Baum.

„Steig auf. Aber halte dich gut fest.“

Vorsichtig setzte sich Telesyk auf ihren Rücken. Die Gans schlug mit den Flügeln, einmal, zweimal, und schon blieb der Baum unter ihnen zurück.

Sie flogen über den Wald, über die Wiesen und den glänzenden Fluss. Telesyk sah sein goldenes Boot am Ufer und erkannte schon von Weitem das Haus seiner Eltern.

Die Gans setzte ihn direkt beim Hof ab.

Im Haus trauerten inzwischen der alte Mann und die alte Frau um Telesyk. Die Mutter backte kleine gefüllte Teigtaschen, um sich wenigstens ein wenig abzulenken.

Sie nahm eine heraus und sagte:

„Diese ist für dich, Vater.“

Eine zweite legte sie auf einen Teller.

„Und diese ist für mich.“

Da erklang leise eine Stimme hinter dem Fenster:

„Und für mich?“

Die alte Frau hielt ganz still.

„Vater, hast du das gehört?“

„Vielleicht haben wir uns getäuscht“, sagte der alte Mann, obwohl er selbst schon angestrengt lauschte.

Die Frau holte noch zwei Teigtaschen heraus.

„Diese ist für dich, und diese für mich.“

„Und für mich?“, kam es wieder von draußen.

Beide eilten zur Tür.

Auf der Schwelle stand Telesyk. Er war etwas müde und zerzaust, aber lebendig und lächelnd.

„Mein Sohn!“

Die Mutter umarmte ihn so fest, dass er kaum sagen konnte:

„Mutter, ist nun doch eine Teigtasche für mich übrig?“

Der alte Mann lachte durch seine Tränen hindurch.

„Heute bekommst du die ganze Schüssel!“

Telesyk erzählte, was ihm geschehen war. Von da an hörte er noch genauer auf die Stimme seiner Mutter. Er fuhr niemals ans Ufer, wenn er auch nur den kleinsten Zweifel hatte.

Die alte Frau gab der jungen Gans Korn und frisches Wasser und dankte ihr für die Rettung.

Die Gans breitete die Flügel aus und flog ihrer Schar hinterher.

Das goldene Boot aber fuhr noch lange auf dem Fluss. Jedes Mal, wenn Telesyk mit seinem silbernen Ruder vom Ufer abstieß, dachte er daran: Klugheit kann einen aus der Not retten. Und eine vertraute Stimme sollte man nicht nur mit den Ohren kennen, sondern auch mit dem Herzen.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨