

Vereinigtes Königreich
Der Zwergenstein
Zwerg, Zauberstein, Kräuter, Eitelkeit, Suche nach Glück
- Land
- Vereinigtes Königreich
- Alter
- 7–11 Jahre

Märchen anhören
Der Zwergenstein
Weit im Norden, auf den Orkneyinseln, liegt die Insel Hoy. Inmitten ihrer grünen Täler befindet sich ein gewaltiger Felsblock, der innen hohl ist. Die Menschen nannten ihn den Zwergenstein.
Eine alte Sage erzählt, dass einst Snorro in diesem Stein lebte.
Niemand wusste, woher er gekommen war und wie viele Jahre er schon in seiner steinernen Behausung wohnte. Manche sagten, sein Vater habe zum Zaubervolk gehört. Andere schüttelten nur den Kopf und antworteten:
„Wer weiß? Snorro war schon hier, bevor unsere Großväter geboren wurden.“
Snorro selbst liebte Geheimnisse. Er sammelte Kräuter an den Hängen, trocknete Wurzeln, bereitete duftende Aufgüsse und war sehr stolz auf sein Wissen. Um den Hals trug er einen kleinen, blank polierten Spiegel, in dem er sich oft bewunderte.
Wenn jemand ihn um Rat bat, hörte Snorro es gern, wenn sein Besucher ehrfürchtig, fast feierlich sprach.
„Großer Kenner der Kräuter“, begann bisweilen ein Bauer.
„Es geht auch etwas schlichter“, sagte Snorro, richtete sich dabei aber zufrieden auf.
In Wahrheit gab es noch einen anderen Grund, weshalb er die Insel Hoy nicht verließ.
Nicht weit vom Zwergenstein erhob sich ein seltsamer Hügel. Der Sage nach war irgendwo in seinem Hang ein magischer roter Stein verborgen, ein Karfunkel. Wer ihn fand, dem sollte er Gesundheit, Wohlstand und Glück schenken können.
Nach diesem Stein sehnte sich Snorro mehr als nach allem anderen auf der Welt.
Tagsüber tat er so, als suche er Kräuter. Nachts ging er mit einer Schaufel hinaus, untersuchte Felsspalten, schaute unter Steine und suchte jedes Fleckchen Erde ab.
Immer flog ein großer Rabe mit grauem Kopf neben ihm her.
„Heute finden wir ihn ganz bestimmt“, sagte Snorro.
Der Rabe krächzte.
„Das hast du gestern auch gesagt.“
„Und eines Tages werde ich recht haben.“
Zu jener Zeit herrschten auf den Orkneyinseln zwei Stiefbrüder, die Grafen Paul und Harald.
Paul sprach nicht viel, war aber gutherzig. Er hörte den Menschen aufmerksam zu und versprach selten etwas, das er nicht halten konnte. Dafür liebten ihn die Inselbewohner.
Harald dagegen war ein glänzender Redner. Er konnte über jedes Thema eine Rede halten und beinahe jeden überzeugen. Doch er wollte unbedingt, dass alle gerade ihn bewunderten.
Je mehr die Menschen Paul lobten, desto eifersüchtiger wurde Harald.
Eines Sommers reiste Harald an den Hof des schottischen Königs. Dort lernte er eine junge Irin namens Morna kennen.
Sie war ruhig und aufmerksam und hatte zu allem ihre eigene Meinung.
Harald beschloss, dass er sie unbedingt heiraten wollte.
„Morna“, sagte er eines Tages, „mit mir wirst du in einem großen Schloss leben, kostbaren Schmuck besitzen und einen Ehrenplatz am Hof haben.“
Morna antwortete:
„Danke. Aber ich möchte nicht bloß deshalb heiraten, weil mir jemand ein Schloss anbietet.“
Harald war es nicht gewohnt, eine Absage zu bekommen.
Als Morna später die Orkneyinseln besuchte, lernte sie Paul kennen. Er versuchte nicht, sie zu beeindrucken. Er zeigte ihr einfach den Hafen, erzählte von den Inseln und hörte aufmerksam ihren Geschichten über Irland zu.
Bald merkten die beiden, dass sie einander sehr mochten.
Harald erfuhr davon und wurde zornig.
„Paul bekommt immer das, was ich haben will!“, empörte er sich.
Zuerst ging er sogar zu seinem Bruder, um mit ihm zu streiten.
Paul sagte ruhig:
„Morna ist kein Gegenstand, den man gewinnen kann. Sie entscheidet selbst, mit wem sie zusammen sein möchte.“
Diese Worte gefielen Harald nicht. Doch dagegen ließ sich schwer etwas einwenden.
Leider gab es in Haralds Umgebung Menschen, die seinen Neid noch schürten. Auch seine Tante Fraukirk mochte Paul nicht und wünschte sich, dass Harald allein herrschte.
Eines Abends setzte sie heimlich zur Insel Hoy über und ging zum Zwergenstein.
Snorro empfing sie am Eingang.
„Was wünscht die verehrte Besucherin?“
Fraukirk legte einen Beutel Gold auf den Stein.
„Ich brauche etwas, das verhindert, dass Paul Mornas Mann wird.“
Snorro schob das Gold beiseite.
„Ich werde mich nicht in die Entscheidungen anderer einmischen.“
Fraukirk legte einen zweiten Beutel dazu.
Snorro überlegte.
„Nein.“
Da sagte sie:
„Wenn du mir hilfst, sorge ich dafür, dass man am Königshof von dir als dem größten aller Zauberkundigen spricht. Stell dir vor, Snorro: kein Bewohner einer Felshöhle mehr, sondern ein berühmter Ratgeber!“
Da trieb ihn seine Eitelkeit stärker an als das Gold.
Snorro erklärte sich bereit, einen ungewöhnlichen Stoff zu weben. Er sollte so leuchtend und zauberkräftig sein, dass jeder, der ihn trug, für viele Stunden in einen tiefen Schlaf fiel, aus dem man ihn nicht wecken konnte. Fraukirk hoffte, damit Verwirrung zu stiften, Paul Schwäche vorzuwerfen und ihm die Herrschaft zu nehmen.
Inzwischen hatte auch Harald selbst beschlossen, Snorro aufzusuchen.
Er fuhr nach Hoy und sagte:
„Gib mir einen Liebestrank. Ich will, dass Morna ihre Entscheidung ändert.“
Snorro gab ihm eine rosafarbene Tinktur.
„Ein paar Tropfen in ihren Kelch“, sagte er.
Doch Morna bemerkte, wie Harald etwas in ihr Getränk gab. Sie trank es nicht.
Am nächsten Tag sagte sie zu Paul:
„Mir gefällt nicht, dass Harald ein Nein nicht hören will.“
„Du solltest nicht allein mit ihm bleiben“, antwortete Paul. „Und er muss begreifen, dass Achtung wichtiger ist als der Wunsch, zu gewinnen.“
Das Winterfest rückte näher.
Am Tag davor flog der grauköpfige Rabe zum Schloss. Im Schnabel trug er ein Päckchen mit einem wundersamen Stoff. Er schimmerte in Gold, Silber und allen Farben des Regenbogens.
Fraukirk begann sofort, daraus eine Festweste für Paul zu nähen.
Genau da trat Harald ins Zimmer.
„Was für ein herrliches Stück! Für wen ist es?“
„Für Paul“, antwortete Fraukirk unbedacht.
Harald brauste auf.
„Schon wieder für Paul!“
Er riss die Weste an sich.
„Zieh sie nicht an!“, schrie seine Tante.
Doch es war zu spät.
Harald streifte die Weste über und begann schon nach wenigen Sekunden zu gähnen.
„Was … ist … das … für …“
Er sprach nicht weiter und schlief im Sessel ein.
Alle liefen auf den Lärm hin zusammen. Paul, Morna und die Diener fanden Harald so tief schlafend vor, dass sie ihn nicht wecken konnten.
Fraukirk wurde blass.
„Das war nicht für ihn bestimmt.“
„Für wen denn?“, fragte Paul.
Es wurde still.
Morna betrachtete den seltsamen Stoff und dann das rosafarbene Fläschchen, das aus Haralds Tasche ragte.
„Ich glaube, es ist Zeit, alles zu erzählen“, sagte sie.
Und die Wahrheit kam nach und nach ans Licht, als löste sich ein Knoten.
Fraukirk gestand ihren Plan. Man erfuhr von Snorro, dem Stoff und dem Trank. Als Harald endlich aufwachte, war er verwirrt und beschämt.
Paul schrie ihn nicht an.
„Bruder, du wolltest gewinnen, wo es gar keinen Wettstreit gab. Dadurch bist du selbst in die Falle geraten.“
Harald senkte den Kopf.
„Ich habe nur daran gedacht, dass du hast, was ich mir wünsche.“
Morna antwortete:
„Du hättest aber daran denken sollen, was ich mir wünsche.“
Diesmal widersprach Harald nicht.
Fraukirk wurde gebeten, die Orkneyinseln zu verlassen und sich nicht mehr in die Angelegenheiten der Brüder einzumischen. Auch Harald verzichtete für einige Zeit auf die Feste am Hof und reiste weit vom Schloss fort, um seine Gedanken zu ordnen.
Paul aber machte sich auf den Weg zur Insel Hoy.
Als er den Zwergenstein erreichte, war es dort still.
Snorro wusste bereits, was geschehen war. Der Rabe saß über dem Eingang und blickte schweigend auf seinen Herrn.
„Ich wollte nichts wirklich Schlimmes tun“, sagte Snorro. „Ich wollte einfach nur berühmt werden.“
„Und für den Ruhm warst du bereit, über andere zu bestimmen“, antwortete Paul.
Snorro sagte nichts.
In jener Nacht saß er lange neben seinem Stein und blickte zu dem Hügel, wo er so viele Jahre nach dem Zauberkarfunkel gesucht hatte.
Plötzlich leuchtete im Gras ein rotes Licht auf.
Snorro sprang auf.
„Rabe! Sieh nur!“
Am Hang schimmerte tatsächlich ein kleines rotes Licht.
Sie eilten hin.
Doch kaum streckte Snorro die Hand aus, erlosch das Licht.
Zurück blieb nur ein gewöhnlicher nasser Kiesel.
„Warum?“, flüsterte er.
Der Rabe neigte den Kopf.
„Vielleicht, weil du das Glück in einem Stein gesucht und selbst Dinge getan hast, die dich immer unglücklicher machten.“
Snorro setzte sich ins Gras.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren dachte er weder an Gold noch an Ruhm noch daran, wer sich tief genug vor ihm verbeugte.
Er dachte daran, wie leicht ein Traum zur Falle wird, wenn man für ihn sein Gewissen vergisst.
Später heirateten Paul und Morna. Auf der Hochzeit gab es weder Zaubertränke noch geheimnisvolle Stoffe. Dafür gab es viel Musik, viel Lachen und Menschen, die aus freien Stücken gekommen waren, um ihnen Glück zu wünschen.
Snorro aber blieb beim Zwergenstein. Man sagt, nach diesen Ereignissen habe er schlichter gesprochen und nicht mehr verlangt, dass die Menschen den Kopf vor ihm neigten.
Er sammelte noch immer Kräuter. Er las noch immer in seinem alten Buch. Und manchmal ging er noch immer zu dem Hügel.
Doch wenn er nun einen roten Schimmer im Gras sah, begann er nicht gleich, die Erde aufzugraben.
Zuerst blieb er stehen und fragte sich:
„Was werde ich tun, wenn ich wirklich finde, was ich mir so lange gewünscht habe?“
Denn manchmal beginnt die wichtigste Prüfung nicht dann, wenn der Traum noch in weiter Ferne liegt.
Sondern dann, wenn nur noch ein einziger Schritt zu fehlen scheint.
