Cover: Der Junge und der Drache

Kanada

Der Junge und der Drache

Junge, Drache, Mut, Abenteuer

Land
Kanada
Alter
6–10 Jahre
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Der Junge und der Drache

Einst lebte an einem großen Meer ein Junge, der nichts lieber tat, als fernen Geräuschen zu lauschen.

Tagsüber hörte er, wie die Wellen Kiesel am Ufer hin und her rollten. Abends hörte er den Wind durch die Baumwipfel streichen. Und nachts, wenn ringsum alles still wurde, schien es ihm manchmal, als läge hinter dem Wald noch eine ganze Welt voller Wege, Seen und Geheimnisse.

„Wohin schaust du die ganze Zeit?“, fragte seine Mutter.

„Dorthin, wo ich noch nicht gewesen bin“, antwortete er.

Der Vater lachte:

„Die Wege laufen dir nicht davon. Du hast noch Zeit.“

Doch der Junge wuchs, und seine Neugier wuchs mit ihm.

Damals erzählten die Menschen von einem gefährlichen Zauberer, den sie den Drachen nannten. Er konnte seine Gestalt verändern. Er konnte wie ein freundlicher Wanderer aussehen, sich in ein großes Wesen mit glänzenden Schuppen verwandeln oder manchmal die Gestalt einer Schlange annehmen, um unbemerkt dorthin zu gelangen, wo niemand ihn erwartete.

Die Menschen fürchteten ihn nicht nur wegen seiner Stärke.

Das Schlimmste war, dass der Drache gern täuschte.

Er sprach freundlich und zwang dann andere zu Dingen, die sie nicht tun wollten.

Eines Morgens sagte der Junge zu seinen Eltern:

„Ich möchte über den vertrauten Wald hinausgehen und sehen, was dahinter liegt.“

Seine Mutter sah ihn lange an.

„Wenn du gehst, höre nicht nur auf schöne Worte“, sagte sie. „Schau, ob sie zu den Taten passen.“

Der Vater gab ihm einen kleinen Beutel mit Essen.

„Und denk daran: Mutig zu sein bedeutet nicht unbedingt, zu kämpfen. Manchmal braucht man mehr Mut, um rechtzeitig zurückzuweichen.“

Der Junge machte sich auf den Weg.

Zuerst war ihm der Pfad vertraut. Dann wurden die Bäume höher, und zwischen ihnen wuchsen unbekannte Blumen. Gegen Abend kam er auf eine weite Lichtung und sah einen Mann in prächtiger Kleidung.

Der Fremde lächelte.

„Wohin gehst du ganz allein?“

„Ich sehe mir die Welt an.“

„Dann hast du Glück. Ich kenne viele Wege. Komm mit, ich zeige dir einen Ort, an dem du übernachten kannst.“

Die Stimme des Mannes klang freundlich.

Doch der Junge erinnerte sich an die Worte seiner Mutter.

Er sah sich die Spuren des Fremden an.

Seltsam: Auf der weichen Erde sahen sie einmal wie Menschenspuren aus und dann wieder, als hätten große Krallen sie hinterlassen.

Der Junge sagte nichts, wurde aber wachsam.

Sie kamen zu einem einsamen Haus zwischen Felsen. Dort lebte eine ältere Frau. Als sie den Fremden sah, wurde sie blass, senkte aber rasch den Blick.

„Bereite dem Gast einen Platz“, befahl der Mann.

In der Nacht, als er hinausging, trat die Frau leise zu dem Jungen.

„Hast du bemerkt, wer er ist?“

„Ich glaube, ja. Es ist der Drache.“

„Er hält dieses Haus mit einem Zauber gefangen“, sagte sie. „Ich kann schon lange nicht mehr von hier fort. Über der Tür hängt eine Schnur mit sieben Knoten. Solange sie festgezogen sind, kann ich ohne seine Erlaubnis die Schwelle nicht überschreiten.“

Der Junge blickte hinauf.

Unter dem Balken hing tatsächlich eine dunkle Schnur.

„Und wenn man die Knoten löst?“

„Dann wird der Zauber schwächer. Aber der Drache hört es, wenn man zu grob vorgeht.“

Der Junge überlegte.

Statt eines Messers nahm er eine dünne Holznadel und begann, vorsichtig einen Knoten nach dem anderen zu lockern.

Den ersten.

Den zweiten.

Den dritten.

Draußen war ein Schritt zu hören.

Der Junge hielt inne.

Die Schritte entfernten sich.

Den vierten.

Den fünften.

Den sechsten.

Der siebte Knoten war der festeste.

Die Frau hielt den Atem an.

Endlich fiel die Schnur zu Boden.

Die Frau machte einen Schritt zur Tür.

Dann einen zweiten.

Und trat hinaus.

Es war, als zerbräche eine unsichtbare Hülle um sie. Für einen Augenblick leuchtete die Luft auf, dann war sie wieder ganz gewöhnlich.

„Frei“, flüsterte sie.

Doch in der Ferne ertönte bereits die zornige Stimme des Drachen.

„Er hat es gemerkt“, sagte die Frau. „Wir müssen fort.“

Sie gab dem Jungen ein Paar leichte Mokassins und mehrere dünne Birkenrindenstücke mit aufgemalten Zeichen.

„Diese Zeichen zeigen dir den Weg zu Menschen, die dir helfen werden. Bewahre außerdem dieses kleine Stück Rinde gut auf. Darin ist noch etwas von einem alten Zauber. Er macht dich nicht stärker, aber er hilft dir, unauffällig zu werden, wenn du den Ort, an dem du bist, richtig verstehst.“

Sie gingen auf verschiedenen Pfaden davon, damit der Drache nicht beide verfolgen konnte.

Der Junge lief los.

Die Zaubermokassins waren leicht wie trockenes Laub. Es schien, als lege sich der Pfad von selbst unter seine Füße.

Bald hörte er hinter sich ein Dröhnen.

Der Drache kam näher.

Der Junge erreichte einen See.

„Der Ort zeigt mir die Gestalt“, dachte er an die Worte der Frau.

Er berührte die Birkenrinde und dachte an einen kleinen Fisch, der sich zwischen Steinen versteckte.

Plötzlich wurde die Welt um ihn herum riesig.

Das Wasser nahm ihn in seine kühle Umarmung, und anstelle seiner Arme hatte er Flossen.

Er war zu einem kleinen Fisch mit roten Flossen geworden und versteckte sich am Grund.

Der Drache kam ans Ufer gelaufen.

Er starrte ins Wasser, machte Lärm und lief hin und her. Doch unter den Hunderten glänzenden Fischen erkannte er den Jungen nicht.

Als die Gefahr vorüber war, nahm der Junge wieder seine eigene Gestalt an und ging weiter.

Beim nächsten Mal holte der Drache ihn auf sumpfigem Boden ein.

Der Junge berührte die Rinde und wurde zu einem kleinen moosfarbenen Frosch.

Reglos saß er zwischen den Blättern.

Der Drache ging ganz nahe an ihm vorbei.

Noch weiter kam der Junge an einen Fluss und verwandelte sich in eine Bisamratte, um rasch über eine Bucht zu schwimmen.

Kein einziges Mal gewann er durch Stärke.

Er sah sich einfach um und fragte sich: „Wer kann hier am besten leben?“

Schließlich führte ihn der Weg zu einem breiten Fluss.

Am gegenüberliegenden Ufer lag der Pfad nach Hause.

Und hinter ihm kam erneut der Drache näher.

„Diesmal entkommst du mir nicht!“, donnerte er.

Der Junge berührte die Birkenrinde.

Doch die Rinde war dünn geworden, fast durchsichtig.

Es war nur noch sehr wenig Zauberkraft übrig.

„Dann brauche ich keine neue Gestalt“, sagte der Junge. „Ich brauche die Strömung.“

Er erinnerte sich daran, wie das Wasser an der Flussmündung um die Steine wirbelte.

Ein letztes Mal berührte er die Rinde und warf sie ins Wasser.

Der Fluss wurde nicht zu einem Sturm.

Er begann einfach, in einem weiten, kraftvollen Kreis zu strömen.

Der Drache, der sich bereits in ein langes schlangenartiges Wesen verwandelt hatte, stürzte sich ins Wasser.

Die Strömung erfasste ihn.

Einmal.

Ein zweites Mal.

Ein drittes Mal.

Er drehte sich im Kreis, wütete und versuchte, seine Gestalt zu verändern. Doch das Wasser wusch die Zauberkraft von ihm ab, so wie Regen den Staub von den Blättern wäscht.

Als die Strömung ihn wieder ans Ufer trug, konnte der Drache sich weder in einen schönen Wanderer noch in ein riesiges Wesen oder eine Schlange verwandeln.

Vor dem Jungen stand nur ein müder Mann.

Ohne seinen Zauber wirkte er viel kleiner.

„Gib mir meine Kraft zurück!“, schrie er.

„Nein“, antwortete der Junge. „Du hast sie benutzt, um andere einzuschüchtern und zu zwingen. Geh jetzt fort. Such dir ein anderes Leben, in dem niemand Angst vor dir haben muss.“

Der Drache wollte etwas sagen. Doch er blickte auf den Fluss, auf den Jungen und auf seine verschwundene Zauberkraft und ging wortlos davon.

Der Junge überquerte den Fluss an einer seichten Stelle und kehrte nach Hause zurück.

Seine Mutter umarmte ihn so fest, als wollte sie sich vergewissern, dass er wirklich vor ihr stand.

Sein Vater hörte sich alles von Anfang bis Ende an.

„Du hast also den Drachen besiegt?“, fragte er.

Der Junge dachte nach.

„Ich weiß nicht, ob es ein Sieg war. Ich habe ihn nur nicht über mich und die anderen bestimmen lassen.“

Der Vater nickte.

„Manchmal ist das der wichtigste Sieg.“

Später erzählten die Menschen diese Geschichte noch lange weiter.

Doch eines stellte der Junge immer richtig, wenn jemand behaupten wollte, alle Schlangen seien gefährlich, weil der Drache einmal ihre Gestalt angenommen hatte.

„Nein“, sagte er. „Eine Schlange ist eine Schlange. Sie trägt keine Verantwortung für die Taten eines anderen. Der Drache hat selbst entschieden, wer er sein und was er tun wollte.“

Auch das gehörte zu seinem Abenteuer.

Er war nicht nur mutiger nach Hause zurückgekehrt.

Er hatte gelernt, genauer hinzusehen, denen zuzuhören, die zum Schweigen gezwungen wurden, und daran zu denken: Eine kluge Flucht, ein guter Plan und ein rechtzeitiges „Nein“ sind manchmal stärker als jeder Kampf.