

Japan
Kintarō – der goldene Junge
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Japan
- Alter
- 4–8 Jahre
- Dauer
- 9 Min.

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Kintarō – der goldene Junge
Am Fuß des Berges Ashigara, mitten zwischen hohen japanischen Bergen, stand eine kleine Hütte. Rundherum rauschten Zedern, Bäche murmelten über Steine, und am Morgen lag der Nebel wie eine weiche weiße Decke zwischen den Bäumen.
In dieser Hütte lebte eine Frau mit ihrem Sohn. Der Junge hieß Kintarō, was „Goldener Junge“ bedeutet.
Sein Vater war einst ein tapferer Krieger gewesen. Doch noch vor der Geburt seines Sohnes geriet er in Not und kehrte nicht mehr nach Hause zurück. So zog die Mutter Kintarō allein groß. Sie liebte ihn über alles und wünschte sich, dass er nicht nur stark, sondern auch freundlich und gerecht werden würde.
Und stark war Kintarō wirklich.
Während andere Kinder Mühe hatten, einen schweren Eimer zu heben, konnte er einen Felsen bewegen, den selbst ein erwachsener Mann kaum von der Stelle bekommen hätte. Als er größer wurde, schenkte ihm seine Mutter eine kleine Axt.
„Setz deine Kraft mit Verstand ein“, sagte sie. „Starke Hände sind nicht dazu da, andere zu verletzen. Sie sind dazu da, zu helfen.“
Kintarō merkte sich diese Worte gut.
Jeden Morgen ging er in den Wald. Er hackte trockene Äste zu Brennholz, half seiner Mutter beim Wassertragen und räumte nach Stürmen die Wege frei. Wenn die Arbeit getan war, begannen seine eigentlichen Abenteuer.
Menschliche Spielgefährten hatte Kintarō kaum, denn das nächste Dorf lag weit entfernt. Dafür verstand er sich ausgezeichnet mit den Tieren des Waldes.
Zu seinen Freunden gehörten ein großer Braunbär, ein schneller Hirsch, ein geschickter Affe und ein langohriger Hase. Kintarō verbrachte so viel Zeit mit ihnen, dass es beinahe schien, als verstünde er jedes Geräusch und jede Bewegung.
An einem sonnigen Tag trafen sich die Freunde auf einer weiten Lichtung.
„Lasst uns einen Wettkampf machen!“, schlug der Affe vor und hüpfte vor Aufregung auf und ab.
„Was für einen?“, fragte der Hase und stellte die Ohren auf.
„Ringen“, sagte Kintarō. „Aber freundlich und fair. Niemand tut dem anderen weh. Wer hinfällt, steht wieder auf, verbeugt sich vor seinem Gegner und dann lachen wir alle weiter.“
Die Tiere waren einverstanden.
Zuerst traten der Hase und der Affe gegeneinander an. Sie umkreisten einander so ernst, als würde der Kaiser persönlich zuschauen. Der Hase machte einen Schritt nach rechts, der Affe sprang nach links, dann stürmten beide gleichzeitig vor und kullerten als Knäuel durchs Gras.
Kintarō lachte so laut, dass ein ganzer Schwarm Vögel vom nächsten Baum aufflog.
Danach rangen der Hirsch und der Affe. Schließlich stampfte der Bär mit einer Pranke auf den Boden.
„Jetzt möchte ich meine Kraft mit Kintarō messen.“
„Abgemacht!“, rief der Junge begeistert.
Sie stellten sich einander gegenüber. Der Bär war gewaltig, breitschultrig und hatte Pranken so groß wie Holzteller. Kintarō fürchtete sich trotzdem nicht. Er stemmte die Füße in den Boden, packte den Bären und schob ihn langsam rückwärts.
Der Bär brummte erstaunt und spannte alle Muskeln an. Doch einen Augenblick später saß er im Gras.
„Du hast gewonnen“, gab er zu.
Kintarō streckte ihm sofort die Hand entgegen.
„Es ist doch nur ein Spiel.“
Anschließend verteilte er die Reisküchlein, die seine Mutter ihm mitgegeben hatte.
„Das ist der beste Teil des Wettkampfs“, entschied der Hase kauend.
Als die Sonne langsam hinter die Berge sank, machten sich die Freunde auf den Heimweg. Der Pfad führte zu einem schnellen Gebirgsfluss. Nach dem nächtlichen Regen war das Wasser stark angeschwollen und die alte kleine Brücke fortgerissen worden.
Die Tiere blieben am Ufer stehen.
„Und was machen wir jetzt?“, fragte der Affe.
Kintarō sah sich um. Neben ihnen stand ein hoher, vertrockneter Baum.
„Wir bauen eine Brücke.“
Er legte die Arme um den Stamm, spannte seine ganze Kraft an und zog. Um die Wurzeln brach die Erde auf. Noch ein kräftiger Ruck, und der Baum neigte sich langsam, bis er von einem Ufer zum anderen über dem Fluss lag.
„Fertig“, sagte Kintarō.
Einer nach dem anderen gelangten die Tiere hinüber.
Kintarō wusste nicht, dass hinter den Bäumen die ganze Zeit ein Fremder in schlichter Holzfällerkleidung gestanden hatte. In Wirklichkeit war er kein Holzfäller. Sein Name war Sadamitsu, und er diente dem berühmten Herrn Minamoto no Raikō. Er reiste durch das Land und suchte mutige, begabte junge Menschen, die lernen konnten, andere zu beschützen.
Als Sadamitsu sah, wie ein Junge mit bloßen Händen einen Baum zu einer Brücke gemacht hatte, traute er seinen Augen kaum.
Er folgte Kintarō bis zur kleinen Hütte und klopfte an die Tür.
Die Mutter war zunächst vorsichtig, bat den Reisenden dann aber herein.
„Ich habe euren Sohn im Wald gesehen“, sagte Sadamitsu. „Er besitzt außergewöhnliche Kraft. Noch wichtiger ist, dass er damit nicht prahlt, sondern anderen hilft. Mein Herr bildet junge Krieger aus. In der Hauptstadt könnte Kintarō viel lernen.“
Die Mutter schwieg. Sie hatte immer gewusst, dass ihr Sohn eines Tages die Berghütte verlassen würde. Nur hatte sie nicht erwartet, dass dieser Tag so bald käme.
Auch Kintarō wusste zunächst nicht, was er sagen sollte.
„Kann ich dort lernen, ein echter Beschützer zu werden?“, fragte er schließlich.
„Wenn du genauso fleißig lernst, wie du hier in den Bergen trainierst“, antwortete Sadamitsu.
Kintarō wandte sich an seine Mutter.
„Mutter, ich möchte es versuchen. Aber ich werde dich nie vergessen.“
Sie nahm ihn in die Arme.
„Geh, mein Sohn. Doch vergiss eines nicht: Deine größte Kraft steckt nicht in deinen Armen.“
„Wo dann?“
Sie berührte seine Brust.
„Hier. In einem Herzen, das weiß, wofür Stärke da ist.“
Am nächsten Morgen packte Kintarō nur wenige Dinge zusammen und machte sich mit Sadamitsu auf den Weg.
Am Waldrand warteten seine Freunde.
Der Bär berührte wortlos mit der Nase seine Schulter. Der Hirsch neigte den Kopf. Der Affe versuchte Witze zu machen, wischte sich aber immer wieder mit der Pfote über die Augen. Der Hase brachte ein kleines Bündel getrockneter Beeren.
„Für unterwegs“, sagte er.
„Ich komme zurück“, versprach Kintarō. „Und dann machen wir wieder unseren Wettkampf.“
In der Hauptstadt musste er ein völlig anderes Leben kennenlernen. Er trainierte, lernte die Kunst der Krieger, hörte auf die Älteren und übte sich darin, geduldig zu sein und erst nachzudenken, bevor er handelte.
Die Jahre vergingen. Kintarō wurde zu einem starken und mutigen jungen Mann. Herr Raikō nahm ihn in seinen Dienst, und später wurde Kintarō einer seiner bekanntesten Gefährten.
Die Berghütte, die Worte seiner Mutter und seine Freunde im Wald vergaß er jedoch nie.
Eines Tages tauchte in den Bergen ein gefährliches Ungeheuer auf. Es erschreckte Reisende und machte den Weg unsicher. Kintarō zog mit seinen Gefährten dorthin.
Diesmal stürmte er nicht einfach los, wie er es als Kind vielleicht getan hätte. Zuerst sah er sich die Gegend genau an, half den Menschen, sich in Sicherheit zu bringen, und stellte sich erst dann dem Ungeheuer entgegen.
Nach einem schweren Kampf war die Gefahr gebannt, und das Wesen störte niemanden mehr.
Die Menschen dankten Kintarō und nannten ihn einen Helden. Er aber verbeugte sich nur.
„Ich habe getan, wofür ich ausgebildet wurde.“
Als es ihm möglich war, kümmerte er sich auch um seine Mutter. Er holte sie aus der einsamen Berghütte und sorgte dafür, dass es ihr an nichts fehlte.
Trotzdem kehrte er immer wieder in seine Heimatberge zurück. Zwischen Zedern und Bächen warteten seine alten Freunde auf ihn.
Man erzählt, dass der Bär eines Tages wieder mit der Pranke auf die Lichtung stampfte und fragte:
„Na, Goldener Junge? Erinnerst du dich noch an unseren Ringkampf?“
Kintarō lachte, legte seinen Reisemantel ab und antwortete:
„Natürlich. Aber wir machen vorher eine Regel: Nach dem Wettkampf gibt es Reisküchlein!“
Da erfüllte fröhlicher Lärm den Wald, als wäre Kintarō nie fortgewesen.
Die Geschichte vom Goldenen Jungen erinnert daran, dass wahre Stärke sich nicht darin zeigt, jemanden besiegen zu können. Sie zeigt sich darin, andere zu schützen, zu helfen und dabei ein guter Mensch zu bleiben.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
