Cover: Als der Weizen Ärger machte

Niederlande

Als der Weizen Ärger machte

Weizen, Ernte, Arbeit, Folgen

Land
Niederlande
Alter
5–9 Jahre
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Als der Weizen Ärger machte

Vor langer, langer Zeit, als Hunderte weißer Segel über die stillen Wasser der Zuiderzee glitten, lag an ihrem Ufer die reiche Stadt Stavoren.

Schiffe kamen aus fernen Häfen hierher. Sie brachten Gewürze, Stoffe, hölzerne Kästchen, Glas, Früchte und wundersame Dinge, von denen die Kinder der Stadt nur träumen konnten. Am Kai klirrten Ketten, die Masten knarrten, und die Matrosen riefen einander zu. In den Speichern roch es nach Getreide, Harz und Meer.

In Stavoren lebte ein wohlhabender Kaufmann. Er arbeitete viel, verstand sein Geschäft und freute sich am meisten, wenn ein Schiff heil zurückkehrte und die Mannschaft lächelnd an Land ging.

Seine Frau liebte ebenfalls schöne Dinge. Doch sie hatte eine Angewohnheit: Fast immer schien ihr noch etwas zu fehlen.

Brachte man ihr einen feinen Stoff, sagte sie:

„Schön, aber ich habe schon bessere gesehen.“

Schenkte man ihr ein geschnitztes Kästchen, sagte sie:

„Nett, aber zu schlicht.“

Bekam sie einen Korb süßer Früchte, sagte sie:

„Sie schmecken gut, aber ich hatte auf etwas Besonderes gehofft.“

Der Kaufmann wurde nicht ärgerlich, wunderte sich jedoch jedes Mal mehr.

Eines Tages wollte der beste Kapitän seiner Flotte ins ferne Danzig aufbrechen. Der Kaufmann fragte seine Frau:

„Was soll ich dir diesmal mitbringen lassen?“

Sie überlegte und sagte dann:

„Bring mir das Beste auf der ganzen Welt.“

„Das Beste?“, fragte der Kaufmann nach.

„Genau. Nicht das Teuerste. Nicht das Glänzendste. Das Beste.“

Der Kaufmann gab dem Kapitän ihre Worte weiter.

Der dachte unterwegs lange darüber nach. Was konnte das Beste auf der Welt sein? Gold? Es konnte keinen hungernden Menschen wärmen. Perlen? Sie waren schön, aber man konnte sie nicht essen. Seide? Wunderbar, doch ohne sie kam man aus.

Dann sah der Kapitän im Hafen Säcke mit erstklassigem Weizen.

„Das ist es“, sagte er. „Aus Weizen backt man Brot. Und Brot brauchen Reiche und Arme. Es steht an gewöhnlichen Tagen auf dem Tisch und an Feiertagen. Kann Brot nicht zu den besten Dingen der Welt gehören?“

Also belud er das Schiff mit Getreide.

Als es nach Stavoren zurückkehrte, eilte der Kaufmann zu seiner Frau.

„Wir haben eine Überraschung für dich!“

Gemeinsam gingen sie zum Anleger. Die Matrosen öffneten die Luken, und darunter kamen ganze Berge goldenen Korns zum Vorschein.

Stolz sagte der Kapitän:

„Weizen. Daraus wird einmal Brot. Ich dachte, das wäre das Beste auf der Welt.“

Doch die Frau des Kaufmanns freute sich überhaupt nicht.

„Weizen?“, rief sie. „Ich habe doch um etwas Außergewöhnliches gebeten!“

„Aber er ernährt die Menschen“, antwortete der Kaufmann freundlich.

„Meine Vorratskammern sind voll. Was soll ich mit noch mehr Getreide?“

Am Anleger standen gerade einige Stadtbewohner. Sie hatten das Gespräch gehört. Ein alter Bäcker nahm seine Mütze ab und sagte:

„Gnädige Frau, wenn Ihr diesen Weizen nicht braucht, verkauft ihn günstig oder teilt ihn mit anderen. Die Ernte war dieses Jahr schlecht. Für viele Familien wäre er ein großes Geschenk.“

„Das stimmt“, pflichtete ihm der Kapitän bei. „Besser, aus dem Korn wird Brot, als dass es ungenutzt herumliegt.“

Doch die Frau des Kaufmanns hatte sich bereits so sehr geärgert, dass sie niemandem mehr zuhören wollte.

„Wenn das mein Geschenk ist, entscheide ich selbst, was damit geschieht. Werft es über Bord!“

Die Matrosen sahen einander an.

„Das ganze Getreide?“, fragte der Kapitän.

„Alles.“

Der Kaufmann versuchte, sie aufzuhalten:

„Tu das nicht. Dinge sind nicht nur deshalb wertvoll, weil sie viel kosten. Manchmal ist das am kostbarsten, worauf man nicht verzichten kann.“

Doch sie wandte sich eigensinnig ab.

Sack für Sack flog der Weizen ins Wasser.

Das goldene Korn rieselte wie Sand über die Bordwand.

Der Bäcker schüttelte den Kopf. Die Matrosen schwiegen. Selbst die Möwen über dem Hafen schienen vorwurfsvoll zu kreischen.

Da zog die Frau einen goldenen Ring von ihrem Finger.

„Ihr glaubt alle, dass es mir eines Tages an Brot fehlen wird?“, sagte sie. „Das geschieht höchstens dann, wenn dieser Ring aus dem Meer zu mir zurückkehrt.“

Und sie warf ihn ins Wasser.

Platsch.

Der Ring verschwand zwischen den Wellen.

Am nächsten Tag gab es in ihrem Haus ein Essen für Gäste. In der Küche wurden Fisch, Gemüse und frisches Brot zubereitet.

Plötzlich eilte der Koch mit einem kleinen Teller zur Hausherrin.

„Gnädige Frau, seht, was ich im Fisch gefunden habe.“

Auf dem Teller lag ein goldener Ring.

Genau jener Ring.

Die Frau erstarrte.

Sie sah den Ring an, dann das Brot und schließlich aus dem Fenster zum Hafen.

Zum ersten Mal seit langer Zeit wollte sie nicht sagen: „Ich möchte etwas anderes.“

Stattdessen sagte sie leise:

„Ich habe Nahrung weggeworfen, die andere gebraucht hätten. Nur weil sie mir nicht prächtig genug erschien.“

Der Kaufmann antwortete nicht. Er setzte sich einfach neben sie.

Noch am selben Tag luden die beiden den Kapitän und den alten Bäcker zu sich ein.

„Können wir noch Weizen kaufen?“, fragte die Frau.

„Ja“, sagte der Kapitän. „Aber nun müssen wir ein zweites Mal dafür bezahlen.“

„Dann bezahlen wir ein zweites Mal“, antwortete sie. „Manchmal muss man auch für Fehler bezahlen. Hauptsache, es kommt etwas Gutes dabei heraus.“

Sie schickten ein neues Schiff los. Als das Getreide eintraf, verkauften sie einen Teil zum üblichen Preis. Einen Teil gaben sie den Bäckern für Familien, denen es schlecht ging. Und einen Teil legten sie als städtischen Vorrat für eine schlechte Ernte zurück.

Doch damit war die Geschichte noch nicht zu Ende.

Einige Monate vergingen, und vor der Hafeneinfahrt entstand allmählich eine Sandbank. Man erzählt, das ins Wasser geschüttete Korn sei im flachen Wasser gekeimt und habe Sand und Schlamm festgehalten. Ob es wirklich so war oder ob das Meer einfach seine Strömung änderte, weiß heute niemand mehr.

Doch große Schiffe konnten nun schwerer in den Hafen gelangen.

Die Stadt musste gemeinsam anpacken: die Fahrrinne vertiefen, die Ufer befestigen, den Seeleuten helfen und die Vorräte schützen.

Auch die Frau des Kaufmanns kam zum Kai. Sie verlangte keine seltenen Geschenke mehr. Stattdessen fragte sie die Kapitäne:

„Was habt ihr Nützliches mitgebracht? Was fehlt der Stadt? Wer braucht Hilfe?“

Und jedes Mal, wenn warmes Brot auf den Tisch kam, dachte sie an das goldene Korn, das sie einst so leichtfertig ins Wasser hatte werfen lassen.

Seitdem sagte man in Stavoren gern:

„Das Beste auf der Welt glänzt nicht immer. Manchmal duftet es nach frischem Brot.“

Und man sagte auch:

„Wenn du mehr hast, als du selbst brauchst, schau dich um. Vielleicht ist es genau das, was jemandem in deiner Nähe am dringendsten fehlt.“