

Deutschland
König Drosselbart
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Deutschland
- Alter
- 8–12 Jahre
- Dauer
- 9 Min.

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König Drosselbart
In einem fernen Königreich lebte eine Prinzessin, klug, gebildet und außergewöhnlich scharfzüngig.
Sie bemerkte die Schwächen anderer sehr schnell.
Nur bemerkte sie fast nie, wie weh ihre Scherze tun konnten.
Wenn junge Könige und Fürsten zu Besuch kamen, fand sie bei jedem etwas, worüber sie sich lustig machen konnte.
„Der ist viel zu groß.“
„Der ist zu klein.“
„Dem passt seine Nase nicht ins Gesicht.“
„Und der steht da, als hätte er einen Stock verschluckt.“
Ihr Vater sagte mehr als einmal:
„Du musst niemanden lieben und niemanden heiraten, nur weil andere es erwarten. Aber man kann auch ablehnen, ohne jemanden zu demütigen.“
Die Prinzessin zuckte nur mit den Schultern.
Eines Tages veranstaltete der König einen großen Empfang.
Die Gäste standen in einer langen Halle. Die Prinzessin ging an ihnen vorbei und verteilte spitze Bemerkungen.
Schließlich sah sie einen jungen König mit aufrechter Haltung und einem dunklen Bart, der sich am Kinn ein wenig nach außen bog.
Die Prinzessin lachte.
„Seht nur! Sein Bart sieht aus wie der Schnabel einer Drossel. König Drosselbart!“
Im Saal wurde es still.
Der junge König antwortete nicht mit einer Beleidigung.
Er verbeugte sich lediglich.
„Ein scharfer Witz, Prinzessin. Schade nur, dass nicht alle darüber lachen können.“
Seine ruhigen Worte trafen sie stärker als eine wütende Antwort.
Nach dem Fest sprach ihr Vater mit ihr.
„Ich bestrafe dich weder mit einer Hochzeit noch mit Verboten. Aber der Palast hat dir eines sehr leicht gemacht: Du siehst Menschen immer aus der Entfernung. Du musstest nie selbst Brot backen, ein Dach reparieren, etwas verkaufen, das du mit eigenen Händen gemacht hast, oder die letzten Münzen bis zum Markt zählen.“
„Und was schlägst du vor?“
„Eine Reise. Ohne Hofstaat. Ohne Titel. Nur für einige Wochen. Sieh dir an, wie andere Menschen leben, und entscheide selbst, als welcher Mensch du zurückkommen willst.“
Zuerst war die Prinzessin empört.
Doch in der Nacht erinnerte sie sich an das Schweigen in der Halle und an Drosselbarts ruhige Stimme.
Am nächsten Morgen sagte sie:
„Gut. Ich fahre.“
Am Stadttor traf sie einen fahrenden Musiker mit einer abgenutzten Geige.
„Wohin geht die Reise?“, fragte er.
„Ich möchte die Welt sehen.“
„Dann haben wir denselben Weg.“
Sie zogen gemeinsam los.
Bald führte die Straße durch einen großen Wald.
„Wem gehört dieser Wald?“, fragte die Prinzessin.
„König Drosselbart.“
„Ein schöner Wald“, sagte sie leise.
Später gingen sie über weite grüne Wiesen.
„Und die?“
„Auch Drosselbart.“
Dann erschien eine große Stadt mit Türmen, Brücken und belebten Plätzen.
„Gehört auch diese Stadt ihm?“
„Ja.“
Die Prinzessin erinnerte sich daran, wie sie den jungen König ausgelacht hatte, ohne überhaupt wissen zu wollen, was für ein Mensch er war.
„Ich war ungerecht“, sagte sie.
Der Musiker antwortete nicht.
Am Abend erreichten sie eine kleine Hütte.
„Hier bleibe ich“, sagte er. „Wenn Ihr wollt, könnt Ihr übernachten. Aber es gibt keine Diener.“
Die Prinzessin trat ein.
Das Zimmer war sauber, aber einfach: ein Tisch, eine Bank, ein Ofen und einige Töpfe.
„Und das Abendessen?“
„Das kochen wir.“
„Wir?“
„Genau.“
Die Prinzessin hatte noch nie einen Ofen angeheizt.
Das Holz rauchte.
Das Wasser kochte fast über.
Der Brei wurde zuerst zu dünn, dann viel zu dick.
Der Musiker lachte nicht.
„Wir probieren es noch einmal“, sagte er.
Am nächsten Morgen räumten sie gemeinsam auf.
Danach zeigte der Musiker ihr, wie man Körbe aus Weidenzweigen flechtet.
Der erste Korb wurde schief.
Die Prinzessin sah ihn an und sagte:
„Er sieht aus wie ein Hut, der es sich anders überlegt hat.“
Dann lachte sie.
Diesmal tat ihr Lachen niemandem weh.
Am nächsten Tag lernte sie spinnen.
Später half sie in der Küche eines Gasthauses.
Immer öfter bemerkte sie, wie viel Können in Dingen steckte, die ihr früher einfach erschienen waren.
„Warum hat mir im Palast niemand gesagt, wie schwierig all das ist?“, fragte sie.
„Vielleicht haben sie es getan“, antwortete der Musiker. „Aber wer glaubt, schon alles zu wissen, hört fremde Worte nur sehr leise.“
Schließlich beschlossen sie, auf einem Markt etwas Geld zu verdienen.
Sie kauften mehrere Dutzend Tontöpfe und stellten sie an einem sicheren Platz neben dem Marktplatz auf.
Zuerst lief der Verkauf gut.
Die Prinzessin lernte, freundlich mit Kunden zu sprechen, Wechselgeld zu zählen und zerbrechliche Ware in Stroh zu wickeln.
Dann kam plötzlich ein Reiter die Straße entlang.
Sein Pferd erschrak vor einem Trommelschlag, sprang zur Seite und streifte den Rand des Standes.
Mehrere Töpfe fielen zu Boden und zerbrachen.
Die Prinzessin stand starr da.
Früher hätte sie sofort eine Strafe verlangt.
Nun sah sie, dass der Reiter selbst beinahe gefallen war und das Pferd vor Angst zitterte.
„Ist Euch etwas passiert?“, fragte sie.
„Nein. Aber Eure Töpfe... Ich bezahle den Schaden.“
Sie sah auf die Scherben.
„Helft zuerst beim Aufräumen, damit sich niemand verletzt. Um den Rest kümmern wir uns danach.“
Am Abend sagte der Musiker:
„Ihr habt Euch verändert.“
„Vielleicht nicht“, antwortete sie. „Vielleicht sehe ich Menschen nur endlich als ganze Menschen und nicht mehr als eine einzelne Eigenschaft, über die man einen Witz machen kann.“
Einige Tage später wurde in der Stadt ein großes Fest im königlichen Palast angekündigt.
In der Küche fehlten Helfer.
Die Prinzessin erklärte sich bereit, dort mitzuarbeiten.
Im Palast glänzte alles.
Musik kam aus der Galerie.
Gäste tanzten.
Diener trugen Speisen.
Die Prinzessin ging mit einem Korb Brot durch einen Gang, als ihr König Drosselbart entgegenkam.
Sie blieb stehen.
Er ebenfalls.
„Wir sind uns schon begegnet“, sagte sie. „Und ich schulde Euch eine Entschuldigung.“
„Ich erinnere mich“, antwortete der König.
Dann bemerkte sie etwas Vertrautes in seinem Blick.
„Wartet...“
Drosselbart lächelte und holte hinter einer Säule die alte, abgenutzte Geige hervor.
„Der Wandermusiker?“
„Ja.“
Die Prinzessin wurde blass vor Ärger.
„Dann war also alles eine Inszenierung? Der Wald, die Hütte, die Körbe, der Markt?“
„Der Wald und die Stadt sind echt. Die Arbeit war echt. Aber ich habe Euch tatsächlich verschwiegen, wer ich bin. Nach unserer ersten Begegnung wollte ich Euch beweisen, dass Ihr Euch in mir getäuscht habt.“
„Und dafür habt Ihr mich getäuscht.“
König Drosselbart senkte den Blick.
„Ja. Das war mein Fehler.“
Er versuchte nicht, sich herauszureden.
„Ich glaubte, Euch eine Lektion erteilen zu dürfen. Jetzt verstehe ich, dass niemand das Leben eines anderen Menschen ohne dessen Zustimmung zu einer Prüfung machen darf. Verzeiht mir.“
Die Prinzessin schwieg lange.
„Ich habe Euch ebenfalls um Verzeihung gebeten, ohne zu erwarten, dass Ihr meine Worte sofort vergesst“, sagte sie schließlich. „Also muss ich Euren Betrug auch nicht sofort vergessen.“
„Nein. Das müsst Ihr nicht.“
Es war ihr erstes wirklich ehrliches Gespräch.
Die Prinzessin kehrte in den Palast ihres Vaters zurück.
Aber sie war nicht mehr dieselbe, die ihn verlassen hatte.
Sie ließ Werkstätten eröffnen, in denen Kinder aus vornehmen Familien gemeinsam mit allen anderen Handwerke lernen konnten.
Selbst kam sie manchmal vorbei und flocht noch immer leicht schiefe Körbe.
König Drosselbart besuchte sie gelegentlich.
Zuerst redeten sie nur.
Später gingen sie spazieren.
Dann stritten sie sogar miteinander, aber ohne Spott und ohne Demütigungen.
Aus diesen Gesprächen entstand echte Freundschaft.
Und viel später Liebe.
Als sie beschlossen zu heiraten, zwang niemand den anderen zu irgendetwas, und niemand versuchte, den anderen „zu bessern“.
Auf der Hochzeit ließ die Prinzessin einen alten Tontopf mit einer geklebten Bruchstelle auf den Tisch stellen.
„Warum?“, fragten die Gäste.
„Damit wir uns erinnern“, sagte sie, „dass ein Mensch nicht besser wird, weil er nie Fehler macht. Er wird besser, wenn er seine Fehler erkennt und Verantwortung dafür übernimmt.“
Drosselbart ergänzte:
„Das gilt für Könige genauso wie für Prinzessinnen.“
Dann lachten beide.
Diesmal miteinander.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
