

Italien
König Bohne
König, Zauber, Braut, Geheimnis
- Land
- Italien
- Alter
- 6–10 Jahre

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König Bohne
Einst lebte in einer kleinen italienischen Stadt ein alter Mann mit seinen drei Töchtern. Die beiden älteren liebten alles, was verständlich und vorhersehbar war. Die jüngste hingegen war neugierig und glaubte, dass die Welt viel größer sei als das, was man durchs Fenster sehen konnte.
Eines Tages hörte sie von einer reisenden Händlerin eine seltsame Geschichte über König Bohne. Er sollte in einem Palast hinter den Hügeln wohnen und überall dort erscheinen können, wo man ihn auf eine besondere Weise mit einem Zauber rief.
„Vater“, sagte das Mädchen, „ich möchte so gern wissen, ob diese Geschichte wahr ist. Geh zu König Bohne und frag ihn, ob ich ihn kennenlernen darf.“
Der Vater kratzte sich am Hinterkopf.
„Ich kenne nicht einmal den Weg.“
„Frag die Leute. Wenn er nicht möchte, werde ich seine Antwort annehmen.“
Der Vater machte sich auf den Weg. Nachdem er lange herumgefragt hatte, fand er tatsächlich den Palast.
König Bohne hörte ihn an und wunderte sich.
„Wie kann ein Mensch Freundschaft mit jemandem schließen wollen, den er noch nie gesehen hat?“
„Sie hat eine märchenhafte Geschichte über Euch gehört und möchte die Wahrheit erfahren“, antwortete der Vater.
Der König lächelte und reichte ihm ein kleines weißes Taschentuch.
„Gebt das Eurer Tochter. Und sagt ihr: Neugier ist gut, wenn sie von Geduld begleitet wird.“
Das Mädchen nahm es ihm nicht übel. Ein paar Tage später bat sie ihren Vater, noch einmal zu gehen.
Diesmal dachte König Bohne nach.
„Gut. Wenn sie mich wirklich treffen möchte, soll sie drei Schalen bereitstellen: eine mit Milch und Wasser, eine mit reiner Milch und eine mit Rosenwasser. Und hier ist eine Bohne für sie.“
Auf der Handfläche des Vaters lag eine ganz gewöhnliche braune Bohne.
„Wenn sie auf dem Balkon die Bohne öffnet, werde ich ihren Ruf hören.“
Der Vater kehrte nach Hause zurück. Seine jüngste Tochter bereitete alles vor, wie es ihr gesagt worden war, und trat am Abend auf den Balkon.
Vorsichtig öffnete sie die Zauberbohne.
Irgendwo weit oben am Himmel leuchtete ein grüner Funke auf. Er kam näher, wurde größer und flog schließlich auf den Balkon. Der Funke tauchte zuerst in die Schale mit Milch und Wasser, dann in die Milch und zuletzt ins Rosenwasser.
Vor dem Mädchen stand ein junger Mann in einem grünen Mantel.
„Guten Abend“, sagte er. „Du wolltest also so beharrlich herausfinden, ob es mich gibt.“
„Jetzt weiß ich es“, lachte sie.
Sie unterhielten sich lange. Nicht über Kronen und Reichtum, sondern über Reisen, Bücher, Gärten, Musik und darüber, wovor jeder von ihnen Angst hatte. Vor Tagesanbruch verabschiedete sich König Bohne und wurde wieder zu einem grünen Funken.
Von da an kam er nicht täglich, aber oft angeflogen.
Die älteren Schwestern bemerkten, dass die jüngste sich abends in ihrem Zimmer einschloss und mit drei Schalen auf den Balkon trat.
„Sie hat ein Geheimnis“, sagte die eine.
„Und sie erzählt uns nichts davon“, antwortete die andere.
Statt einfach nachzufragen, beschlossen die Schwestern, heimlich nachzusehen. Als die jüngste außer Haus war, schlichen sie in ihr Zimmer und entdeckten die Schalen.
„Das ist also der Zauberritus“, flüsterte die älteste.
Es kränkte sie, dass König Bohne nicht sie besuchte. In der Vorratskammer fanden sie eine kleine Schachtel mit winzigen scharfkantigen Kristallen, mit denen man einst Festmasken geschmückt hatte.
„Wir streuen nur ein bisschen hinein. Dann gerät sein Zauber durcheinander“, sagte eine von ihnen.
Sie dachten nicht daran, dass die Folgen schlimm sein könnten.
Am Abend kehrte die jüngste Schwester zurück, bemerkte nichts und öffnete die Bohne.
Der grüne Funke kam wie immer angeflogen. Doch sobald er die erste Schale berührte, flammte er auf und zitterte. In der zweiten Schale wurde sein Leuchten matt. Nach der dritten konnte König Bohne kaum noch menschliche Gestalt annehmen.
„Etwas stimmt nicht“, flüsterte er.
Seine Hände waren mit silbernen Flecken bedeckt, als zerfiele sein Zauber in kleine Splitter.
„Ich habe das nicht getan!“, rief das Mädchen.
Doch König Bohne verlor bereits seine Kraft.
„Ich muss nach Hause zurück.“
Er verwandelte sich in einen schwachen grünen Funken und flog davon.
Das Mädchen untersuchte die Schalen und entdeckte am Boden Kristallpulver.
Sofort begriff sie, dass jemand eingegriffen hatte.
„Ich werde ihn finden und ihm helfen“, sagte sie ihrem Vater.
Der Weg führte sie in einen großen Wald. Dort stand die kleine Hütte eines alten Kräuterkundigen.
„Ich suche König Bohne. Seine Zauberkraft schwindet.“
Der Kräuterkundige schüttelte den Kopf.
„Ich kenne kein Heilmittel. Aber heute Nacht kommen die Waldhexen auf der Lichtung zusammen. Sie wissen Dinge, die andere nicht wissen. Hör aufmerksam zu, aber misch dich nicht ein.“
Das Mädchen versteckte sich zwischen den dichten Zweigen einer alten Eiche.
Um Mitternacht erschienen seltsame Gestalten auf der Lichtung. Sie stritten über Kräuter, Sterne, das Wetter und fremde Geheimnisse.
Schließlich sagte eine:
„Wisst ihr schon? König Bohne ist von verzauberten Kristallen krank geworden.“
„Gibt es denn kein Heilmittel?“, fragte eine andere.
„Doch. Unter dem großen Stein an der Quelle ist Wasser verborgen, das fremden Zauber abwäscht. Dazu braucht man Tau von einer weißen Lilie, vor Sonnenaufgang gesammelt, und drei Blütenblätter einer wilden Rose.“
Als die Hexen fortgegangen waren, stieg das Mädchen vom Baum. Der Kräuterkundige gab ihr ein Fläschchen und einen kleinen silbernen Löffel.
Gemeinsam fanden sie die Quelle, schoben den Stein beiseite und schöpften das Zauberwasser. Dann sammelten sie den Tau von der Lilie und drei Rosenblätter.
„Jetzt beeil dich“, sagte der Kräuterkundige.
Damit man sie am Palasttor nicht fortschickte, zog das Mädchen den schlichten Mantel einer reisenden Heilerin an.
„Ich bringe ein Heilmittel für König Bohne“, sagte sie zu den Wachen.
Man führte sie in das Zimmer, in dem der König bleich im Bett lag. Das grüne Licht um ihn flackerte kaum noch.
Das Mädchen mischte den Tau mit dem Zauberwasser, gab die Rosenblätter hinzu und besprengte vorsichtig seine Hände und Schultern.
Die silbernen Flecken erloschen einer nach dem anderen.
Der König atmete tief ein. Das grüne Licht kehrte zurück.
„Du hast mich gerettet!“, sagte er. „Nenne deine Belohnung.“
Das Mädchen behielt die Kapuze auf.
„Sagt mir zuerst: Wen haltet Ihr für schuldig an dem, was geschehen ist?“
„Diejenige, die ich besucht habe“, antwortete der König düster. „Niemand sonst wusste von den Schalen.“
„Seid Ihr sicher?“
Er schwieg.
„Ich … habe es nicht geprüft.“
„Und was würdet Ihr tun, wenn sie jetzt vor Euch stünde?“
Diesmal dachte der König länger nach.
„Vorher war ich so zornig, dass ich ihr nicht einmal hätte zuhören wollen. Jetzt verstehe ich: Zuerst muss ich die Wahrheit erfahren.“
Das Mädchen schlug die Kapuze zurück.
König Bohne richtete sich erstaunt auf.
„Du bist es!“
„Ja. Und ich habe keine Kristalle in die Schalen gestreut.“
Sie erzählte, dass sie die Kristalle erst nach seinem Fortflug gefunden hatte.
Der König befahl, niemanden zu bestrafen, sondern die Schwestern einfach zu einem Gespräch einzuladen.
Als diese sahen, dass ihre jüngste Schwester mit König Bohne zurückgekehrt war, schämten sie sich.
„Wir haben es aus Neid getan“, gestanden sie. „Wir dachten, wir würden bloß eure Begegnung verderben. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass unsere Tat so großen Schaden anrichten würde.“
„Neid beginnt oft mit einem kleinen Gedanken“, sagte die jüngste Schwester, „und macht dann einen Schritt, den man nicht mehr zurücknehmen kann. Aber man kann innehalten und wiedergutmachen, was noch möglich ist.“
Die Schwestern baten um Verzeihung und warfen die übrigen scharfkantigen Kristalle selbst fort.
Auch König Bohne bat um Verzeihung.
„Ich habe zu schnell geglaubt, die Wahrheit zu kennen.“
Danach kam er nicht mehr heimlich angeflogen. Er trat durch die Tür ein, trank mit der ganzen Familie Tee und wurde nach und nach ein guter Freund von ihnen allen.
Als er und die jüngste Tochter einige Zeit später beschlossen, zusammenzubleiben, geschah das weder auf einen Befehl hin noch wegen einer Drohung oder einer seltsamen Prophezeiung.
Sie hatten einander einfach gut kennengelernt, und beide sagten:
„Ja.“
Die Zauberbohne pflanzten sie in den Garten.
Daraus wuchs eine hohe grüne Pflanze mit weißen Blüten. Jeden Abend dufteten sie nach Rosenwasser und erinnerten alle im Haus an etwas ganz Einfaches: Vertrauen braucht die Wahrheit, keine Vermutungen.
