

Südkorea
Der König der Spatzen
Spatz, Freundlichkeit zu Tieren, Zauberkürbis, Großzügigkeit
- Land
- Südkorea
- Alter
- 4–8 Jahre

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Der König der Spatzen
Einst stand in einem koreanischen Dorf ein kleines Haus, dessen Dach dicht mit grünen Ranken bewachsen war. Im Frühling sprossen Kürbisse und Melonen an den Wänden, im Sommer spendeten breite Blätter Kühle, und direkt unter dem Dach zwitscherten Spatzen.
Der Hausherr liebte die Vögel. Jeden Morgen streute er eine Handvoll Körner vor die Veranda und sagte:
„Frühstückt schön, Nachbarn. Lasst nur auch ein bisschen für mich übrig.“
Die Spatzen versprachen natürlich nichts. Sie zwitscherten einfach fröhlich und pickten die Hirse auf.
Eines Morgens erhob sich am Dach ein gewaltiges Vogelgeschrei. Ein junger Spatz, der erst seit Kurzem fliegen konnte, hatte sich mit einem Beinchen im Bambusvorhang verfangen. Er zappelte und versuchte freizukommen, doch dabei bekam er nur immer größere Angst.
Vorsichtig stieg der Mann auf die Veranda.
„Ganz ruhig, Kleiner. Ich tue dir nichts.“
Er befreite das Beinchen, brachte den Vogel ins Haus, wärmte ihn und fütterte ihn einige Tage mit kleinen Körnern. Das Beinchen heilte rasch.
Als der Spatz wieder gut fliegen konnte, trug der Hausherr ihn nach draußen und öffnete die Hände.
„Flieg los.“
Der Vogel flog zum Dach hinauf, zog eine Runde über dem Haus, als wollte er sich verabschieden, und verschwand am Himmel.
Doch er flog nicht einfach irgendwohin.
Weit hinter den Reisfeldern, Flüssen und kiefernbewachsenen Hügeln lag die Hauptstadt der Spatzen. Dort wohnte auf dem höchsten Dach der Spatzenkönig.
Der junge Spatz flog zu ihm und erzählte:
„Eure Majestät, ein Mann hat mich gerettet, als ich verletzt war. Er füttert die Vögel und jagt uns nie von seinem Haus fort.“
Der König versammelte seine Ratgeber.
„An gute Freunde muss man denken“, sagte er. „Was schenken wir diesem Mann?“
Die Ratgeber schlugen Gold, Seide, Edelsteine, Reis, Pferde, schönes Geschirr und unzählige andere Dinge vor.
„Das alles kann unser kleiner Spatz nicht tragen“, gab der König zu bedenken.
Da brachte der Hofzauberer ein einziges kleines Samenkorn.
„Hier passt alles hinein.“
Der König flüsterte Zauberworte über das Körnchen und gab es dem jungen Spatz.
„Gib es nur dem, der dich gerettet hat.“
Der Vogel flog zurück.
Am nächsten Morgen hörte der Mann das vertraute Zwitschern. Der Spatz saß am Fenster und hielt ein Samenkorn im Schnabel.
Er legte es dem Hausherrn direkt in die Hand.
„Ist das für mich?“, fragte der Mann erstaunt.
Der Spatz nickte so eifrig, dass er beinahe vom Fensterrahmen gefallen wäre.
Der Mann zeigte seiner Frau das Samenkorn.
„Unser kleiner Freund hat uns wohl ein Geschenk gebracht.“
„Dann pflanzen wir es ein“, sagte sie. „Geschenke von Freunden wirft man nicht weg.“
Im Frühling pflanzten sie das Körnchen an einer sonnigen Hauswand ein.
Bald kam ein Trieb aus der Erde. Er wuchs so schnell, dass der Mann jeden Tag scherzte:
„Wenn das so weitergeht, reicht die Ranke morgen bis zu den Wolken.“
Bis zu den Wolken kam sie nicht. Dafür umrankte sie die ganze Wand und einen Teil des Daches. Zwischen den großen grünen Blättern wuchs ein einziger Kürbis. Er wurde immer größer, runder und schwerer.
„Sollen wir ihn ernten?“, fragte der Mann.
„Lass ihn erst reif werden“, antwortete seine Frau.
Im Herbst wurde der Kürbis goldgelb.
Das Paar trug ihn ins Haus und schnitt ihn vorsichtig auf.
Da geschah ein Wunder.
Zuerst entfaltete sich aus dem Kürbis eine kleine Tischdecke. Sie breitete sich von selbst auf dem Tisch aus und wurde so groß wie eine Festdecke.
Dann erschienen eine schöne Teekanne, Tassen und eine kleine Schachtel mit duftendem Tee.
Hinterher rollten Säckchen mit Reis, Rollen warmer Stoffe, Samen für den Garten und eine kleine Truhe mit Münzen heraus.
„Das sind mehr Schätze, als in zehn Jahren in unserer Vorratskammer zusammenkommen!“, rief der Mann.
Doch die Geschenke nahmen kein Ende.
Aus dem Kürbis sprangen Musikinstrumente aus Holz, kleine Laternen und sogar ein zusammenklappbarer Wandschirm mit aufgemalten Bergen.
Das Paar lachte.
„Der Spatzenkönig will uns wohl ein ganzes Fest schenken.“
Sie behielten die Geschenke nicht alle für sich. Einen Teil des Reises brachten sie alten Nachbarn, die Stoffe teilten sie unter Familien auf, denen warme Kleidung fehlte, und mit den Münzen ließen sie den Dorfbrunnen ausbessern.
Zum Fest luden sie die Kinder ein. Im Hof wurden die Laternen angezündet, und die Dorfmusikanten spielten bis zum Abend.
Die Nachricht vom Zauberkürbis verbreitete sich rasch.
In der Nachbarschaft lebte ein Mann, den die Spatzen furchtbar ärgerten.
„Zwitschern schon am frühen Morgen! Picken die Körner auf! Sitzen auf dem Dach!“, schimpfte er.
Als er von dem Geschenk hörte, änderte er plötzlich seine Meinung.
„Ich muss also bloß einen Spatz retten, und der Spatzenkönig schickt mir Schätze?“
Am nächsten Tag streute er Körner vor die Veranda und wartete.
Die Spatzen kamen, blieben aber vorsichtig. Sie erinnerten sich gut daran, wie er sie früher verjagt hatte.
Da beschloss der Mann, so zu tun, als brauche ein Vogel Hilfe. Er stellte einen kleinen Korb neben das Haus und legte Körner hinein. Als ein Spatz hineinflog, deckte er den Korb mit einem Tuch zu.
„Jetzt werde ich dich ‚retten‘“, flüsterte er.
Doch der Spatz schlüpfte rasch durch eine Lücke und flog geradewegs in die Hauptstadt der Spatzen.
Der König hörte ihn an und schüttelte den Kopf.
„Eine gute Tat, die nur wegen der Belohnung getan wird, ist leicht zu erkennen.“
Aber er wollte niemanden bestrafen.
„Geben wir ihm ein Samenkorn. Daraus soll wachsen, was zu seinen Absichten passt.“
Der Spatz brachte dem Nachbarn das Körnchen.
„Aha!“, freute sich der. „Es hat geklappt!“
Er pflanzte den Samen ein, goss doppelt so oft wie nötig und schaute jeden Tag nach, ob schon ein Kürbis wuchs.
Die Ranke wurde unglaublich dicht. Gleich zwölf Kürbisse reiften daran.
„Ich werde reicher als der König!“, jubelte der Mann.
Im Herbst erntete er alle Kürbisse und schloss die Tür ab, damit niemand die Schätze sah.
Er sägte den ersten auf.
Eine ganze Schar winziger Tänzer sprang heraus.
„Ein Fest!“, riefen sie und begannen zu trommeln.
„Leiser!“, flehte der Hausherr.
Er öffnete den zweiten Kürbis.
Dutzende Papierdrachen flogen heraus, überspannten das Zimmer mit Schnüren und blieben an den Balken hängen.
Der dritte ließ eine Wolke aus Federn frei.
Der vierte dreißig Holzlöffel, die von selbst auf den Töpfen den Takt zu schlagen begannen.
Aus dem fünften rollten Bälle. Aus dem sechsten sprangen Puppen und fingen an zu singen.
An den siebten wagte sich der Mann schon sehr vorsichtig heran.
„Vielleicht ist wenigstens hier Gold drin?“
Statt Gold sprang ein riesiges Garnknäuel heraus und wickelte im Nu den Stuhl, den Tisch und den Hausherrn selbst ein.
Als seine Frau heimkam, sah sie ihren Mann mitten im Zimmer, Papierdrachen unter der Decke, trommelnde Löffel und Tänzer auf dem Schrank.
Sie schwieg lange. Dann brach sie in Lachen aus.
„Na, du reicher Mann?“
„Hilf mir erst einmal hier raus.“
Vom Lärm angelockt kam der freundliche Nachbar. Er machte sich nicht lustig, sondern half beim Aufräumen und gab sogar den kleinen Zaubermusikanten zu essen. Bis zum Abend waren sie alle ebenso seltsam verschwunden, wie sie erschienen waren.
Der neidische Mann saß auf der Veranda und sah zu, wie die Spatzen Krümel sammelten.
„Jetzt verstehe ich“, sagte er schließlich. „Dein Kürbis war eine Belohnung für deine Freundlichkeit. Ich wollte nur die Belohnung.“
„Es ist nie zu spät, neu anzufangen“, antwortete sein Nachbar.
Von da an jagte der Mann die Vögel nicht mehr fort. Er befestigte unter dem Dach ein kleines Brett mit Wasser darauf und streute jeden Winter Körner aus.
Im nächsten Frühling zog eine Spatzenfamilie auf seinem Dach ein.
Ein Zauberkürbis erschien nicht mehr.
Doch eines Morgens wachte der Hausherr von lautem Zwitschern auf, ging hinaus und sah fünf kleine Spatzen, die zwischen den grünen Ranken fliegen lernten.
Er lächelte.
Und diesmal hatte er das Gefühl, dass er doch eine Belohnung bekommen hatte.
