

Südkorea
Der König der Blumen
Pfingstrose, Blumen, Verantwortung, weiser Rat
- Land
- Südkorea
- Alter
- 6–10 Jahre

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Der König der Blumen
In Korea kommt der Frühling nicht auf leisen Sohlen.
Zuerst strömt das Schmelzwasser aus den Bergen. Dann streift ein warmer Wind die Täler, und plötzlich erwachen die Blumen eine nach der anderen. An den Hängen leuchten rosa Azaleen, im Schatten zeigen sich die weißen Glöckchen der Maiglöckchen, und in den Gärten blühen Pflaumen-, Birnen-, Pfirsich- und Apfelbäume.
Es heißt, die Menschen hätten früher die Blütezeiten so gut gekannt, dass sie die Zeit nicht nur am Kalender ablesen konnten, sondern auch daran, welche Blume gerade blühte.
Aus dieser alten Liebe zu den Blumen entstand die Geschichte von König Pfingstrose.
In einem Frühling blühte im königlichen Garten eine so üppige Pfingstrose, dass die Menschen von weit her kamen, nur um sie zu sehen. Ihre dicht gedrängten Blütenblätter waren rot und weich wie kleine Wellen am Abendhimmel. Ihr Stängel stand aufrecht, und die Blüte ragte über den ganzen Garten hinaus.
„Das ist ein wahrer König der Blumen!“, sagten die Menschen begeistert.
Die Nachricht erreichte auch die anderen Pflanzen.
Und eines Morgens kamen Gäste zur Pfingstrose.
Als Erste erschien die Pfirsichblüte in einem zartrosa Gewand.
„Sei gegrüßt, König Pfingstrose“, sagte sie. „Meine Blüte verspricht süße Früchte am Ende des Sommers.“
Nach ihr verneigte sich die weiße Birnenblüte.
„Und ich erinnere die Menschen daran, dass auch Geduld eine Ernte bringt.“
Dann kamen der Pflaumenbaum, der Apfelbaum und der Kakibaum. Jeder hatte seinen eigenen Duft, seine eigene Farbe und seinen eigenen Nutzen.
Nach den Bäumen erschienen die Gartenblumen. Die rosa Azalee brachte gute Laune mit. Die weiße Lilie Ruhe. Die kleine Erdbeerblüte duftete nach dem kommenden Sommer. Die Teerose kam still und anmutig.
König Pfingstrose begrüßte alle und hörte jedem zu.
Zuletzt aber betrat die Zimtrose den Garten. Ihre grünen Blätter glänzten vom Morgentau, ihre roten Blütenblätter leuchteten in der Sonne, und ein warmer, würziger Duft umgab sie.
„Was für ein ungewöhnlicher Gast!“, rief König Pfingstrose.
Er bat sie, direkt neben ihm Platz zu nehmen.
Am nächsten Tag kam die Zimtrose wieder in den Blumenpalast. Und dann noch einmal. Der König hörte gern ihre Scherze, atmete den Zimtduft ein und bewunderte ihre leuchtenden Blütenblätter.
Daran war nichts Schlechtes.
Doch nach und nach vergaß König Pfingstrose die anderen Dinge.
Die Birnenblüte wartete auf ein Gespräch über das Wasser für den Garten.
Der Pflaumenbaum wollte daran erinnern, dass an den jungen Zweigen Schädlinge aufgetaucht waren.
Die Azalee berichtete, dass am sonnigen Hang die Erde ausgetrocknet war.
Doch die Diener antworteten jedes Mal:
„Der König ist beschäftigt. Kommt morgen wieder.“
Aus morgen wurde übermorgen und aus übermorgen noch ein weiterer Tag.
Die Zimtrose bemerkte es zuerst.
„Pfingstrose“, sagte sie, „ich glaube, vor dem Tor warten schon wieder viele.“
„Sollen sie warten“, antwortete der König. „Der Garten läuft ja nicht davon.“
Doch in einem Garten bleibt nie alles beim Alten.
Hier müssen junge Pflanzen gegossen werden. Dort muss nach einem Sturm ein Stängel angebunden werden. Anderswo sollte man einen Rat anhören. Und manchmal muss man ein kleines Problem rechtzeitig bemerken, damit es nicht groß wird.
Eines Tages kam ein seltsamer Gast in den Palast. Es war eine unscheinbare Feldpflanze, die in der alten Geschichte der Alte Mann genannt wurde. Ihr Stängel war dünn, ihre Blätter schlicht und ihre Blüte so bescheiden, dass man sie neben der üppigen Pfingstrose leicht übersah.
Der Gast verneigte sich.
„König, darf ich dir ein paar Worte sagen?“
„Sprich“, antwortete Pfingstrose.
„Du bist die auffälligste Blume in diesem Garten. Darum schauen alle auf dich. Aber ein König wird nicht gebraucht, um der Schönste zu sein. Er wird gebraucht, um diejenigen zu hören, für die er verantwortlich ist.“
Pfingstrose runzelte ein wenig die Stirn.
„Habe ich denn nicht das Recht, mich auszuruhen und mit denen zu sprechen, die ich mag?“
„Doch“, sagte der alte Gast ruhig. „Aber ein angenehmes Gespräch darf deine Ohren nicht für wichtige Anliegen verschließen. Und ein weiser Rat kommt nicht immer im buntesten Gewand.“
Im Garten wurde es still.
König Pfingstrose sah die Zimtrose an. Sie nickte.
„Auch ich wollte dir das schon lange sagen“, erklärte sie. „Gib mir nicht die Schuld daran, dass du deine Pflichten aufschiebst. Ich bin gern deine Freundin, aber ich kann den Garten nicht an deiner Stelle regieren.“
Pfingstrose wurde noch röter, obwohl das kaum mehr möglich schien.
Er begriff: Es lag nicht an den Gästen, nicht an den Düften und nicht an der Schönheit. Er selbst hatte zugelassen, dass das Angenehme ihn vom Wichtigen ablenkte.
Noch am selben Tag ließ König Pfingstrose die Tore öffnen.
Er hörte die Birnenblüte an und ordnete an, Wasser zu dem trockenen Teil des Gartens zu leiten. Gemeinsam mit dem Pflaumenbaum sah er sich die jungen Bäume an. Er hörte der Azalee und der Lilie zu und sogar der winzigen Erdbeerblüte, die er früher kaum bemerkt hatte.
Die Zimtrose blieb im Garten. Sie kam weiterhin zu Besuch, erzählte lustige Geschichten und erfüllte die Luft mit ihrem würzigen Duft. Nur erledigte König Pfingstrose jetzt zuerst das, wofür er verantwortlich war, und ruhte sich danach aus.
Dadurch wurde der Garten nur noch schöner.
Keine Blume musste einer anderen gleichen. Die Pfingstrose blieb üppig. Die Lilie ruhig. Die Azalee leuchtend. Die Zimtrose duftend. Und der bescheidene Alte Mann erinnerte alle daran, dass Weisheit manchmal mit leiser Stimme spricht.
So lernte der König der Blumen eine einfache Regel: An der Spitze zu stehen heißt nicht, über allen anderen zu stehen. Es heißt, rechtzeitig hinzusehen, zuzuhören und für die eigenen Entscheidungen einzustehen.
Und wenn sich im Frühling eine große Pfingstrose öffnet, denken manche noch heute an die alte koreanische Geschichte von einem Garten, in dem selbst die auffälligste Blume eines Tages lernte, anderen zuzuhören.
