Cover: Der König der Ameisen

China

Der König der Ameisen

Tiere, kleine Helden

Land
China
Alter
4–8 Jahre
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Der König der Ameisen

Ein junger Gelehrter wanderte einst lange durch China. Er liebte Bücher mehr als laute Festgelage und suchte einen ruhigen Ort, an dem er vom Morgen bis zum Abend lesen konnte.

Schließlich fand er im Dorf Emmet ein altes Haus mit einem herrlichen Garten.

„Dort wohnt niemand“, warnten ihn die Nachbarn. „Man sagt, nachts gehen dort seltsame Dinge vor sich.“

Der Gelehrte lächelte.

„Solange die Gespenster keine Eselsohren in meine Bücher machen, werden wir schon miteinander auskommen.“

Er zog in das Haus ein.

Einige Abende vergingen friedlich. Doch einmal, als der Gelehrte über einer Schriftrolle saß, hörte er ein feines Trappeln.

Tripp, trapp, tripp, trapp!

Zuerst dachte er, Mäuse liefen über den Boden. Doch das Geräusch wurde immer deutlicher.

Plötzlich ritten mehrere hundert Reiter ins Zimmer.

Der Gelehrte erstarrte.

Die Reiter waren winzig, kleiner als sein kleiner Finger. Ihre Pferde waren etwa so groß wie Fliegen, ihre Hündchen so groß wie Flöhe und ihre Jagdvögel nicht größer als Mücken.

„Das sind vielleicht Gäste“, flüsterte der Gelehrte.

Die kleinen Reiter schienen ihn nicht zu bemerken. Sie veranstalteten eine Jagd beim Bettpfosten. Ihre Pfeile waren dünner als ein Haar, und ihre ganze Beute sah aus wie Reiskörner.

Nach den Jägern betrat ein feierlicher Zug das Zimmer.

Vorn flatterten winzige Fahnen. Dahinter gingen Soldaten, Diener, Musiker, Köche und Träger. Manche trugen kleine Tische, andere Tassen, Teller und Zelte.

Endlich erschien der wichtigste Gast.

Er trug einen leuchtend roten Hut und purpurfarbene Kleidung. Ein ganzer Hofstaat umgab ihn.

„Seine Majestät wünscht den Purpursee zu besuchen!“, verkündete ein Herold mit dünner Stimme.

Der Gelehrte sah sich um.

„Was für ein See?“

Dann begriff er es.

Der winzige Hofstaat steuerte auf das Schälchen mit Wasser zu, in dem er seine Schreibtusche anrührte.

Für einen Menschen war es ein gewöhnliches Tuschschälchen. Für das kleine Volk war es ein wirklicher See.

Rasch wurden an seinem Ufer Zelte aufgestellt. Die Köche breiteten ihr Geschirr aus, die Musiker spielten auf Flöten und Glöckchen, und die Fischer warfen feine Netze in den „See“.

Der Gelehrte beugte sich näher heran.

Die Musik war kaum zu hören, wie ein fernes Summen hinter dem Fenster. Doch wenn man lauschte, konnte man die Melodie erkennen.

Der König warf eine winzige Angel ins Schälchen.

„Hab einen!“, rief er.

Und er zog ein winziges rotes „Fischlein“ heraus.

Bald begann das Festmahl. Der König saß auf dem höchsten Stühlchen, aß und unterhielt sich mit seinen Höflingen.

Der Gelehrte schaute so begeistert zu, dass er sogar sein Buch vergaß.

Doch plötzlich deutete der König direkt auf ihn.

„Seht euch diesen Riesen an!“, sagte er. „Sein ganzes Leben sitzt er über Büchern, aber er hat keinen Palast, keinen Hofstaat, nicht einmal ein winziges Königreich. Wenn er mich bäte, in meinen Dienst treten zu dürfen, würde ich ihn vielleicht einen Krümel von meinem Tisch kosten lassen!“

Die Höflinge lachten.

Der Gelehrte runzelte die Stirn.

Er fühlte sich gekränkt. Schon streckte er die Hand aus, um ein Buch neben den unverschämten Gästen auf den Tisch zu schlagen. Doch rechtzeitig hielt er inne.

„Halt“, sagte er zu sich. „Sie sind unhöflich, aber so klein. Soll ich wegen eines einzigen dummen Satzes eine ganze Stadt zertrümmern?“

Er klopfte nur ganz leicht mit dem Finger auf den Tisch.

Bumm.

Für das kleine Volk klang das wohl wie Donner.

Die Musik verstummte.

Alle hoben den Kopf.

„Eure Majestät“, sagte der Gelehrte, „Sie kommen in mein Zimmer, veranstalten ein Fest an meinem Tuschschälchen und machen sich nun über Ihren Gastgeber lustig. Benimmt sich so ein weiser König?“

Der Ameisenkönig wurde noch röter als sein Hut.

„Ich … habe nur einen Scherz gemacht.“

„Ein Scherz ist lustig, wenn alle darüber lachen, nicht bloß derjenige, der ihn erzählt.“

Im Zimmer wurde es still.

Der König senkte den Blick.

„Sie haben recht“, gab er zu. „Verzeihen Sie mir.“

Er befahl seinen Dienern, die Zelte abzubauen, nach dem Fest aufzuräumen und nichts auf dem Tisch zurückzulassen.

Der Zug bewegte sich zu einem kleinen Spalt an der Wand. Der Gelehrte folgte ihm und entdeckte im Garten einen großen Ameisenhaufen.

Nun verstand er endlich, wer seine nächtlichen Gäste gewesen waren.

Am nächsten Tag legte der Gelehrte ein paar Reiskrümel in die Nähe, aber nicht direkt vor den Eingang, damit er die Ameisen nicht störte.

Am Abend erschien auf seinem Tisch ein kleines Blatt, das in der Mitte gefaltet war. Darauf befanden sich ein Tuschpunkt und ein feiner Strich, der wie eine Unterschrift aussah.

Der Gelehrte nahm an, es sei ein Dankesbrief.

Seitdem lebten sie friedlich nebeneinander. Der Gelehrte zerstörte keine Ameisenstraßen, und der Ameisenkönig veranstaltete ohne Erlaubnis keine Feste mehr in seinem Tuschschälchen.

Manchmal erklang nachts noch immer leise Musik unter dem Fußboden.

Dann legte der Gelehrte sein Buch beiseite, lächelte und sagte:

„Gute Nacht, Eure winzige Majestät.“

Und irgendwo unten, zwischen Grashalmen und Sandkörnern, antwortete der Ameisenkönig vielleicht:

„Gute Nacht, großer Gelehrter.“

Denn die Größe entscheidet nicht darüber, wer wichtiger ist. Doch das Zuhause anderer zu achten und rechtzeitig „Verzeihung“ sagen zu können, macht einen großen Unterschied.