

Ukraine
Kotygoroschko
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Ukraine
- Alter
- 7–11 Jahre
- Dauer
- 11 Min.

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Kotygoroschko
In einem Dorf lebte eine Witwe mit zwei Söhnen und einer Tochter. Die Kinder hielten zusammen, arbeiteten gemeinsam und kamen immer vor dem Abendessen nach Hause.
Doch eines Tages gingen die älteren Kinder aus dem Dorf hinaus und kehrten nicht zurück. Ihre Mutter suchte sie auf den Straßen, rief auf den Feldern nach ihnen und fragte die Menschen. Niemand wusste etwas. Es war, als hätte der Weg hinter dem Wald sie verschluckt.
Die Zeit verging. Einmal rollte eine runde grüne Erbse über den Fußboden. Die Frau hob sie auf und aß sie. Später bekam sie einen Sohn, kräftig und fröhlich. Sie nannte ihn Kotygoroschko.
Der Junge wuchs nicht von Tag zu Tag, sondern von Stunde zu Stunde. Was andere Kinder kaum zu zweit heben konnten, versetzte er mühelos allein. Doch er prahlte nicht mit seiner Kraft. Am liebsten hörte er den Geschichten seiner Mutter zu.
Eines Abends entdeckte er drei Kinderhemden in der Truhe.
„Mutter, hatte ich Brüder und eine Schwester?“
Die Mutter schwieg lange. Dann erzählte sie von den verschwundenen Kindern.
„Dann werde ich sie suchen“, sagte Kotygoroschko.
„Allein? Der Weg ist gefährlich.“
„Allein fürchtet man sich nur mehr, wenn man nicht weiß, für wen man geht. Aber ich weiß es.“
Vor seiner Reise bat Kotygoroschko den Schmied, ihm eine schwere Eisenkeule zu schmieden. Der Schmied sammelte viel Eisen, heizte die Esse an, und mehrere Tage lang klangen die Hämmer in der Schmiede.
Als die Keule fertig war, warf Kotygoroschko sie hoch in den Himmel. Sie stieg über die Wolken und kam so schnell zurück, dass die Erde dröhnte. Der Junge fing sie mit einer Hand auf.
„Gut“, sagte er. „Jetzt kann ich aufbrechen.“
Hinter dem Wald führte ihn der Weg zu einem Haus aus Stein. Dort fand Kotygoroschko seine Schwester. Zuerst erkannte sie ihn nicht. Als sie verschwunden war, war ihr jüngster Bruder noch gar nicht geboren gewesen.
„Ich bin Kotygoroschko“, sagte er. „Mutter hat mich nicht mit Worten geschickt, sondern mit ihrer Traurigkeit. Ich bin gekommen, um euch nach Hause zu bringen.“
Seine Schwester weinte vor Freude. Doch gleich darauf flüsterte sie:
„Hier lebt ein böser Zauberer. Er hält mich gefangen. Unsere Brüder hat er verzaubert und im Keller verborgen.“
Bald kam der Herr des Hauses zurück. Er sah den Gast und lächelte böse.
„Wer kommt denn da zu mir?“
„Der Bruder derjenigen, die du nicht hier festhalten darfst“, antwortete Kotygoroschko.
Der Zauberer schlug vor, ihre Kräfte zu messen. Sie rangen vom Morgen bis zum Abend, dann noch einen ganzen Tag. Am dritten Morgen drückte Kotygoroschko seinen Gegner mit der Eisenkeule auf den Boden.
„Genug“, sagte er. „Lass alle frei und locke nie wieder Menschen auf deinen Weg.“
Der Zauberer verlor seine Macht und floh weit hinter die Berge.
Im Keller fand Kotygoroschko seine Brüder. Sie lagen reglos in einem tiefen Zauberschlaf. Die Schwester brachte einen Krug Lebenswasser aus der Vorratskammer des Zauberers. Kotygoroschko besprengte die Gesichter seiner Brüder, und sie erwachten wie aus einem langen Schlaf.
„Wo sind wir?“
„Auf dem Weg nach Hause“, antwortete der jüngste Bruder lächelnd.
In der Vorratskammer fanden sie Geld und Dinge, die Reisenden abgenommen worden waren. Sie nahmen nur mit, was ihrer Familie zu einem neuen Anfang helfen konnte, und machten sich auf den Heimweg.
Doch in den älteren Brüdern regte sich Neid. Sie schämten sich, dass der Jüngste sie alle gerettet hatte. Sie fürchteten, zu Hause würde man nur noch ihn loben.
Als Kotygoroschko unter einem Birnbaum eingeschlafen war, banden sie ihn mit festen Baststricken daran und gingen weiter.
Kotygoroschko erwachte und riss an den Stricken. Doch sie hielten. Da stemmte er die Füße in die Erde, spannte seine Muskeln an und riss den jungen Birnbaum mitsamt den Wurzeln heraus.
Er kam nach Hause, gab seiner Mutter seinen Anteil an den gefundenen Schätzen und sagte:
„Ich bin froh, dass alle zurückgekehrt sind. Aber ich möchte Gefährten finden, die einen nicht aus Neid verraten.“
So zog er wieder in die Welt hinaus.
Zwischen hohen Bergen traf er einen Mann, der mit den Schultern gegen einen Felsen gestemmt dastand.
„Wie heißt du?“, fragte Kotygoroschko.
„Roswernyhora, der Bergversetzer. Wenn ein Berg den Weg versperrt, kann ich ihn verschieben.“
Er drückte gegen den Felsen. Zwischen zwei Bergen öffnete sich ein Durchgang.
„Komm mit mir“, schlug Kotygoroschko vor. „Kraft ist nützlich, wenn sie weiß, wem sie hilft.“
Später erreichten sie einen reißenden Fluss. An seinem Ufer stand ein anderer starker Mann.
„Ich bin Sawernywoda, der Wasserlenker“, sagte er. „Ich kann die Strömung umleiten, damit die Menschen über den trockenen Grund gehen können.“
Er hob die Hände. Das Wasser wich von einem steinernen Weg zurück, und die drei Wanderer überquerten den Fluss.
So hatte Kotygoroschko zwei Gefährten gefunden.
Eines Abends entdeckten sie mitten im Wald ein leeres Häuschen. Sie beschlossen, dort zu übernachten. Am nächsten Tag ging Kotygoroschko mit einem Gefährten los, um Essen zu besorgen. Der Dritte blieb zurück und sollte das Mittagessen kochen.
Kaum hatte er den Topf aufs Feuer gestellt, kam eine kleine alte Frau herein.
„Hilf mir über die Schwelle, mein Sohn“, bat sie.
Während der Mann sich abwandte, aß die Fremde fast das ganze Mittagessen auf und verschwand.
Am nächsten Tag geschah dem zweiten Gefährten dasselbe. Beide schämten sich, die Wahrheit zu erzählen.
Am dritten Tag blieb Kotygoroschko beim Ofen. Wieder kam die Alte und begann zu befehlen:
„Trag mich über die Schwelle. Setz mich auf die Bank. Gib mir eine Schüssel.“
„Wenn du bis hierherkommen kannst, kannst du auch selbst über die Schwelle gehen“, antwortete Kotygoroschko ruhig.
Sogleich stürzte die Alte zum Topf.
„Aha! Du bist es also, die uns ohne Mittagessen zurückgelassen hat!“
Er stellte sich ihr in den Weg. Doch sie warf ihm eine Handvoll Asche entgegen und floh. Kotygoroschko lief hinterher und schleuderte seine Keule. Die Alte verschwand jedoch in einer tiefen Schlucht, und die Keule fiel hinter ihr hinunter.
„Ich muss hinabsteigen“, beschloss er.
Seine Gefährten flochten ein langes Seil und ließen Kotygoroschko in die Schlucht hinab.
Unten fand er unterirdische Gemächer. In einem Zimmer saßen drei junge Frauen, die von der alten Hexe nicht ans Tageslicht gelassen wurden.
„Sie wird zurückkommen!“, warnten sie.
Tatsächlich erschien die Alte an der Tür.
„Du willst deine Keule holen? Erst musst du mich besiegen!“
Diesmal ließ Kotygoroschko sich nicht täuschen. Lange wetteiferten sie miteinander: Wer konnte den anderen überlisten, wer die Tür halten, wer den Zauberschlüssel erreichen? Schließlich zog Kotygoroschko den Schlüssel aus ihrem Gürtel und schloss die Hexe in ein leeres Zimmer ein.
„Du bleibst hier, bis du lernst, anderen nichts wegzunehmen und Menschen nicht mit Gewalt festzuhalten.“
Er befreite die jungen Frauen und gab seinen Gefährten ein Zeichen. Zuerst zogen sie eine hinauf, dann die zweite, dann die dritte. Mit ihr schickte Kotygoroschko auch einen Sack voller Dinge nach oben, die er in den unterirdischen Räumen gefunden hatte.
Oben aber ließen sich Roswernyhora und Sawernywoda erneut vom Neid verführen.
„Was, wenn er zurückkommt und alle sagen, es wäre nur seine Heldentat gewesen?“, flüsterte einer.
Sie beschlossen zu fliehen und Kotygoroschko unten zurückzulassen. Der junge Mann ahnte etwas Böses. Statt selbst einzusteigen, legte er Steine in den Korb. Die Gefährten zogen ihn bis zur Hälfte hinauf und ließen dann das Seil los.
Mit lautem Poltern fielen die Steine hinunter.
„Wieder Verrat“, sagte Kotygoroschko traurig. „Kraft findet man leicht. Treue ist schwerer zu finden.“
Lange wanderte er durch die unterirdische Welt. Schließlich entdeckte er eine riesige Eiche. In ihrer Krone lag das Nest des gewaltigen Vogels Arop. Ein Sturm zog auf. Kotygoroschko deckte die Vogeljungen mit breiten Zweigen zu, damit der Hagel sie nicht verletzte.
Als Arop zurückkam, erzählten die Jungen ihm von dem freundlichen Menschen.
„Wie kann ich dir danken?“, fragte der riesige Vogel.
„Trag mich hinauf ans Tageslicht.“
„Der Weg ist weit. Besorge Essen und Wasser, setz dich auf meinen Rücken und halte dich gut fest.“
Sie flogen lange. Kotygoroschko gab dem Vogel Stück für Stück von seinen Vorräten. Als nur noch ein letzter Brotkanten übrig war, brach er ihn in zwei Hälften.
„Eine Hälfte für dich, eine für mich. Wir schaffen es zusammen.“
Arop lächelte auf Vogelart, breitete seine Flügel weit aus und trug ihn mit einem letzten kräftigen Schlag aus der Schlucht in den Sonnenschein.
Kotygoroschko suchte die befreiten jungen Frauen und seine Gefährten auf. Roswernyhora und Sawernywoda senkten den Blick.
„Wir haben unwürdig gehandelt.“
„Ihr seid stark“, antwortete Kotygoroschko. „Aber wahre Stärke beginnt dort, wo ein Mensch seinen eigenen Neid besiegen kann.“
Er rächte sich nicht. Jedem gab er die Möglichkeit, selbst wiedergutzumachen, was er getan hatte. Eine der befreiten jungen Frauen, mit der er unterwegs besonders gute Freundschaft geschlossen hatte, heiratete er später.
Wenn man Kotygoroschko fragte, wer von allen, denen er begegnet war, der Stärkste gewesen sei, antwortete er:
„Ein Berg ist groß, das Wasser mächtig und Eisen hart. Doch die größte Stärke ist, die Seinen in der Not nicht im Stich zu lassen und nicht so zu werden wie diejenigen, die einen einst verraten haben.“
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
