Cover: Die zottelige Prinzessin

Norwegen

Die zottelige Prinzessin

Schwestern, ungewöhnliche Heldin, Trolle, Mut

Land
Norwegen
Alter
7–11 Jahre
Audioversion

Märchen anhören

Die zottelige Prinzessin

Es lebten einmal ein König und eine Königin in einem nördlichen Reich. Ihr Schloss stand über einem blauen Fjord, und vor den Fenstern rauschten Kiefern, die im Wind zu singen wussten. Der König und die Königin hatten alles, was man sich wünschen konnte, nur keine Kinder. Je mehr Jahre vergingen, desto stiller wurden die Abende im großen Saal.

Eines Tages kam eine alte Wanderin zur Königin. Sie bat darum, sich am Feuer wärmen zu dürfen, und die Königin brachte ihr selbst heiße Milch und frisches Brot.

„Du hast dich von einer Fremden nicht abgewandt“, sagte die Alte. „Für deine Güte gebe ich dir einen Rat. Im Frühling werden im Garten zwei ungewöhnliche Blumen blühen. Die eine wird glatt und golden sein, die andere zerzaust wie nach einem Sturm. Beurteile sie nicht nach ihrem Aussehen. Beide haben ihre eigene Gabe.“

Im Frühling geschah es genau so. Unter dem alten Apfelbaum wuchsen zwei Blumen. Eine strahlte wie eine kleine Sonne. Die andere stand in alle Richtungen ab und erinnerte an ein fröhliches Grasbüschel.

Vorsichtig berührte die Königin beide.

Einige Zeit später wurden der königlichen Familie zwei Zwillingsmädchen geboren.

Die jüngere war still, heiter und sanft. Die ältere aber überraschte vom ersten Tag an alle. Auf dem Kopf trug sie immer eine zottelige Kapuze, von der sie sich nicht trennen wollte. Statt eines goldenen Spielzeugs wählte sie einen großen Holzlöffel und statt eines Ponys eine kleine eigensinnige Ziege.

„Was für eine Prinzessin!“, flüsterten die Höflinge.

Doch die zottelige Prinzessin, wie man sie bald nannte, lachte nur.

„Die Ziege weiß, wohin sie geht, mit dem Löffel kann man auf einen Eimer schlagen, und die Kapuze hat keine Angst vor Regen. Was braucht man mehr?“

Die Schwestern wurden sehr verschieden, doch sie liebten einander über alles. Die jüngere konnte so aufmerksam zuhören, dass selbst das schüchternste Kind neben ihr zu sprechen begann. Die Zottelige dagegen konnte zupacken. Wenn ein verängstigtes Fohlen in den Hof lief, beruhigte sie es als Erste. Wenn sich ein Boot vom Steg losriss, sprang sie in ein anderes und holte es ein.

„Wirst du jemals still sitzen?“, fragte ihre Schwester lachend.

„Ganz bestimmt“, antwortete die Zottelige. „Sobald es einen guten Grund dafür gibt.“

In einer Winternacht, als Schnee über dem Fjord wirbelte, kam aus dem Wald ein seltsames Getöse. Es klang, als schlüge jemand gleichzeitig auf Kupferkessel, stampfte mit hundert Stiefeln und lachte über den ganzen Hang hinweg.

Die alten Diener wurden blass.

„Trolle“, flüsterten sie. „Die Unruhestifter aus dem Wald. Wenn man sie hereinlässt, stellen sie alles auf den Kopf.“

Die Zottelige zog die Kapuze auf, griff nach ihrem Holzlöffel und sprang auf die Ziege.

„Schließ die Tür und komm nicht heraus, bevor ich zurück bin“, sagte sie zu ihrer Schwester.

„Ich warte auf dich“, versprach die.

Die Zottelige sauste in den Schnee hinaus. An der alten Brücke sah sie die Trolle: langnasig, zottig und laut. Sie schleppten schon Säcke mit Steinchen, Glöckchen und leere Fässer zum Schloss, um möglichst viel Lärm zu machen.

„He!“, rief die Zottelige. „Im Wald ist genug Platz für euer Konzert. Bei den Häusern der Menschen seid ihr leiser!“

Die Trolle brüllten vor Lachen.

Da schlug die Zottelige mit dem Löffel so schallend auf ein altes Wegschild, dass der Klang zwischen den Felsen widerhallte. Die Ziege schoss vorwärts. Die Trolle erschraken über das plötzliche Getöse und purzelten von der Brücke direkt in die weichen Schneewehen.

„Für heute reicht es!“, rief die Zottelige.

Murrend zogen sich die Trolle in den Wald zurück.

Doch einer von ihnen ging auf der anderen Seite um das Schloss herum. Die jüngere Schwester hörte ein leises Kratzen an der Tür.

„Vielleicht ist es die Zottelige“, dachte sie.

Sie öffnete die Tür nur einen Spalt. Genau da warf der Troll eine Handvoll grauen Zauberstaub in die Luft.

Das Mädchen sprang noch zurück, doch der Zauber hatte sie schon berührt. Ihr Gesicht verschwand unter einer plumpen Kalbsmaske, die sich nicht abnehmen ließ.

Als die Zottelige zurückkam und ihre Schwester sah, schrie und weinte sie nicht.

„Das ist nur ein Zauber“, sagte sie fest. „Und alles, was verzaubert wurde, lässt sich auch wieder entzaubern.“

„Und wenn nicht?“, fragte die Schwester leise.

„Dann bringen wir dem ganzen Hof bei, mit einer Kalbsmaske genauso höflich zu reden wie mit einer Krone. Aber zuerst suche ich den, der das getan hat.“

Am Morgen ließ die Zottelige ein kleines Schiff ausrüsten. Ihre Schwester fuhr mit.

Sie segelten an felsigen Küsten und Inseln vorbei, wo Möwen über den Wellen schrien, bis sie einen schwarzen Felsen mit einer schmalen Höhle sahen. Dort versteckten sich die Trolle.

„Warte an Deck“, sagte die Zottelige.

„Nein“, antwortete die Schwester. „Ich habe Angst, aber ich möchte bei dir sein.“

„Abgemacht. Bleib nur hinter mir.“

In der Höhle hing an der Wand ein kleines Glasglöckchen. Darin schimmerte silbernes Licht.

„Dort steckt dein Zauber“, erkannte die Zottelige.

Die Trolle versperrten den Weg.

„Gib das Glöckchen her“, sagte sie zu ihrem Anführer.

„Und wenn nicht?“

Die Zottelige hob ihren Holzlöffel.

„Dann schlage ich nicht euch. Ich schlage auf all eure Kessel zugleich, bis ihr selbst um Ruhe bittet.“

Die Trolle wussten, dass sie das konnte. Nach einer kurzen Beratung traten sie zurück.

Die Zottelige nahm das Glöckchen ab und ließ es einmal klingeln. Das silberne Licht brach hervor, umkreiste die Schwester, und die Kalbsmaske löste sich auf wie Nebel in der Sonne.

Die Schwestern umarmten sich.

„Jetzt nach Hause?“, fragte die jüngere.

Die Zottelige schaute aus der Höhle aufs Meer.

„Nach Hause. Aber nicht unbedingt auf dem kürzesten Weg.“

So begann ihre große Seereise.

Einige Wochen später kam das Schiff in einem anderen Königreich an. Der dortige König empfing die Reisenden freundlich. Er hatte zwei erwachsene Söhne. Der jüngere Prinz freundete sich sofort mit der jüngeren Schwester der Zotteligen an. Lange spazierten sie durch den Garten, sprachen über Bücher, Pferde und ferne Länder. Am Abend stritten sie bereits darüber, wer sich die Namen der Sternbilder besser merken konnte.

Der ältere Prinz war zurückhaltender. Er betrachtete die Zottelige, ihre Ziege, den Holzlöffel und die alte Kapuze und wusste offensichtlich nicht, was er davon halten sollte.

Als es für die Schwestern Zeit war weiterzureisen, sagte der jüngere Prinz:

„Ich möchte deine Schwester noch viele Male wiedersehen, wenn sie selbst das auch möchte.“

„Frag sie“, antwortete die Zottelige. „Ich entscheide nicht für meine Schwester.“

Die jüngere Schwester lächelte.

„Ich würde auch gern wiederkommen.“

Als der ältere Prinz das hörte, merkte er plötzlich, dass er sich gar nicht von der Zotteligen verabschieden wollte.

„Und du, kommst du wieder?“, fragte er.

„Vielleicht“, sagte sie. „Wenn du aufhörst, meine Ziege anzusehen, als hätte sie die königliche Würde beleidigt.“

Der Prinz lachte.

„Ich werde es versuchen.“

Vor ihrer Abreise bat er darum, die Schwestern bis zum Bergpass begleiten zu dürfen.

Unterwegs traute er sich endlich zu fragen:

„Warum trägst du immer diese Kapuze?“

„Weil ich mich damit wohlfühle.“

„Und der Holzlöffel?“

„Er erinnert mich daran, dass ein ganz einfacher Gegenstand nützlicher sein kann als ein Schmuckstück.“

„Und die Ziege?“

Die Zottelige streichelte die Ziege zwischen den Hörnern.

„Das ist mein eigensinnigster Freund.“

Die Ziege schnaubte, als stimme sie zu.

Oben auf dem Pass erhob sich ein kräftiger Wind. Plötzlich flog die Kapuze der Zotteligen vom Kopf und rollte den Pfad entlang. Der Prinz eilte hinterher, doch das Mädchen hielt ihn zurück.

„Lass sie fliegen. Ich bin schon längst aus ihr herausgewachsen.“

Sie löste den alten Riemen am Holzlöffel. Einen Augenblick lang leuchtete der Löffel auf und wurde zu einem schlanken silbernen Stab. Die Ziege stampfte mit dem Huf und verwandelte sich in eine große weiße Stute.

Der Prinz schwieg vor Staunen.

„Warst du verzaubert?“, fragte er schließlich.

„Ein bisschen“, lächelte die Zottelige. „Aber ehrlich gesagt gefiel es mir, genau so zu sein. Die Menschen zeigen schnell, was in ihrem Herzen steckt, wenn vor ihnen jemand steht, der nicht wie eine gewöhnliche Prinzessin aussieht.“

„Und was habe ich gezeigt?“

Die Zottelige kniff verschmitzt die Augen zusammen.

„Zuerst Ratlosigkeit. Dann Neugier. In den letzten Tagen ganz erfreuliche Anzeichen von gesundem Menschenverstand.“

Der Prinz lachte laut.

Es verging noch viel Zeit, ehe in den beiden Königreichen von Hochzeiten die Rede war. Niemand drängte jemanden zur Eile. Die jüngere Schwester und der jüngere Prinz trafen sich viele Male und wurden sich sicher, dass sie ihren Weg wirklich gemeinsam fortsetzen wollten. Auch die Zottelige und der ältere Prinz hatten inzwischen über eine Karte gestritten, sich wegen eines Bootes versöhnt, ein verirrtes Schaf gerettet und erkannt, dass ihnen zu zweit niemals langweilig wurde.

Als schließlich die festlichen Glocken im Schloss läuteten, erschien die Zottelige ohne schwere Krone.

Auf ihren Schultern lag eine neue weiche Kapuze, ein wenig zottelig, denn manche Dinge muss man überhaupt nicht ändern.

An der Treppe wartete die weiße Stute, die hin und wieder eigensinnig mit dem Huf stampfte.

Und wenn ein Gast sich wunderte, zwinkerte die Zottelige ihrer Schwester bloß zu.

Denn wahrer Mut, das wussten sie beide gut, trägt nicht immer eine glänzende Rüstung. Manchmal kommt er in einer alten Kapuze daher, auf einer Ziege und mit einem Holzlöffel in der Hand, und sagt einfach:

„Hab keine Angst. Wir finden einen Ausweg.“