Cover: Die Kookaburras und Gulagul

Australien

Die Kookaburras und Gulagul

Kookaburras, Vögel, Lachen, Natur

Land
Australien
Alter
4–8 Jahre
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Die Kookaburras und Gulagul

In einem Land, in dem die Sonne die Erde bis tief zu den Wurzeln erwärmen kann, wuchs ein ungewöhnlicher Baum.

Man nannte ihn Gulagul.

Von außen sah er vielleicht wie ein gewöhnlicher alter Baum mit kräftiger Rinde aus. Doch an der Gabelung seines Stammes war ein Riss, und weiter unten verbarg sich ein großer natürlicher Hohlraum. Wenn es stark regnete, floss das Wasser hinein und blieb dort lange kühl und sauber.

Wer sich in der Gegend gut auskannte, erkannte Gulagul an der dunklen Spur auf seiner Rinde, wo früher einmal Wasser übergelaufen war.

In der Nähe eines solchen Baumes lag das Lager einer Familie.

Dort lebten Gugar, der Leguan, Mudai, das Opossum, und Kookaburra, ein Vogel, dessen Stimme wie ein helles Lachen klang.

Kookaburra hatte drei Söhne. Der älteste war schon erwachsen und wanderte oft allein. Die beiden jüngeren waren noch klein und konnten ohne Hilfe der Erwachsenen kein Wasser aus Gulaguls hoch gelegenem Hohlraum holen.

Eines Morgens machten sich die Erwachsenen auf die Suche nach Nahrung.

„Am Abend sind wir wieder da“, sagte Kookaburra.

Sie füllten ihre Wasserbeutel für unterwegs und brachen auf.

Doch in der Eile ließ niemand den kleinen Kookaburras Wasser zurück.

Zunächst machten die Jungen sich keine Sorgen. Sie spielten im Schatten, lauschten den Insekten und stritten darum, wer die Erwachsenen zuerst auf dem Pfad entdecken würde.

Der Morgen verging.

Die Sonne stieg höher.

„Ich habe Durst“, sagte der jüngere.

„Ich auch“, antwortete sein Bruder.

Sie gingen zu Gulagul. Das Wasser war da, im Inneren des Stammes, aber viel zu hoch und zu tief drinnen für ihre kleinen Füße.

Ein Bruder versuchte, an der Rinde hinaufzuklettern, rutschte jedoch ab.

Der andere schob einen Zweig heran, doch er war zu kurz.

„Vielleicht kommen die Erwachsenen bald zurück“, flüsterte er.

Aber der Tag wurde immer heißer.

Die Jungen wurden still. Zum Spielen hatten sie keine Lust mehr. Sie setzten sich neben den Baum und sahen nur noch auf den Pfad.

Plötzlich tauchte in der Ferne eine vertraute Gestalt auf.

Es war ihr älterer Bruder, der erwachsene Kookaburra.

„He, ihr Kleinen!“, rief er. „Wo ist Mama? Wo sind denn alle?“

Die jüngeren wollten antworten, doch vor Durst waren ihre Stimmen ganz schwach geworden.

Sie zeigten nur auf den Baum.

Der ältere Bruder begriff sofort.

„Hat man euch kein Wasser dagelassen?“

Die Jungen schüttelten den Kopf.

Kookaburra flog zu Gulagul, betrachtete den Riss im Stamm und sagte:

„Dann müssen wir das Wasser weiter unten herauslassen, damit ihr trinken könnt.“

Lange suchte er eine schwache Stelle in der alten Rinde. Dann begann er, den Riss mit dem Schnabel und einem kräftigen Zweig zu vergrößern.

Tock.

Tock, tock.

Knacks!

Plötzlich spritzte ein dünner Wasserstrahl aus dem Baum.

„Wasser!“, freuten sich die Kleinen.

Aus dem Strahl wurde ein Bächlein.

Das Bächlein wurde breiter.

Bald floss das Wasser schon über die Erde, um Steine und trockene Wurzeln herum.

Die jüngeren Kookaburras tranken. Dann wuschen sie sich. Dann begannen sie, einander mit Wasser zu bespritzen, denn sobald der Durst gestillt war, kehrte ihre Freude zurück.

„Vorsichtig“, sagte der ältere Bruder. „Das ist keine Pfütze mehr. Das Wasser bekommt Kraft.“

Tatsächlich wurde der Bach immer tiefer.

Inzwischen kehrten Gugar, Mudai und die Kookaburra-Mutter von ihrer Nahrungssuche zurück.

Schon von Weitem hörten sie das Rauschen des Wassers.

„Seltsam“, sagte Gugar. „Gestern war hier noch kein Bach.“

„Unser Gulagul ist wohl aufgegangen“, vermutete Mudai.

Sie beeilten sich.

Doch bald sahen sie vor sich keinen kleinen Bach mehr, sondern einen rasch strömenden Wasserlauf, der sie vom Lager trennte.

Am anderen Ufer standen die drei Brüder.

„Mama!“, riefen die jüngeren.

Die Kookaburra-Mutter atmete erleichtert auf, als sie sah, dass es den Kindern gut ging.

„Wie kommen wir hinüber?“, rief sie.

Der ältere Bruder betrachtete die Strömung.

„Weiter unten ist eine flachere Stelle! Geht dorthin!“

Er zeigte mit dem Flügel.

Die Erwachsenen gingen am Ufer entlang und stiegen dort ins Wasser, wo es ruhiger aussah.

Zunächst ging alles gut.

Das Wasser reichte bis an die Füße.

Dann bis an die Knie.

Doch in der Mitte war plötzlich eine tiefe Mulde, und die Strömung zog sie heftig zur Seite.

„Gug-gur-ga-ga!“, schrie die Kookaburra-Mutter mit ihrer lauten Stimme. „Einen Ast! Gebt uns einen Ast!“

Die kleinen Söhne liefen aufgeregt hin und her.

Der ältere Bruder brach rasch einen langen, kräftigen Ast ab und streckte ihn über das Wasser.

„Haltet euch fest!“

Mudai griff als Erste danach.

Dann Gugar.

Die Kookaburra-Mutter war etwas weiter weg, und die Strömung trug sie bereits flussabwärts.

„Gug-gur-ga-ga!“, hörte man sie wieder rufen.

Da stimmten die beiden kleinen Kookaburras in denselben Ruf ein:

„Gug-gur-ga-ga! Gug-gur-ga-ga!“

Aber diesmal lachten sie nicht über ihre Mutter. Sie riefen den älteren Bruder und zeigten ihm, wohin das Wasser sie trug.

Der ältere Kookaburra rannte am Ufer entlang, überholte die Strömung und warf einen anderen langen Ast hinunter.

Die Mutter packte ihn.

Gemeinsam zogen alle sie an eine flache Stelle.

Ein paar Minuten saß die Familie nur am Ufer und schöpfte Atem.

Dann nahm die Mutter ihre jüngeren Söhne in die Arme.

„Wir haben euch bei der Hitze ohne Wasser zurückgelassen“, sagte sie leise. „Das war unser Fehler.“

Gugar nickte.

„Wir haben nur an unseren Weg gedacht und die vergessen, die noch nicht selbst für sich sorgen können.“

„Und ich“, fügte der ältere Bruder hinzu, „habe so viel Wasser aus dem Baum gelassen, dass daraus ein kräftiger Strom geworden ist. Ich hätte genauer überlegen müssen, wohin es fließen würde.“

Mudai lächelte.

„Dann hat heute wohl jeder etwas gelernt.“

Als das Wasser etwas zurückging, legte die Familie gemeinsam einen kleinen, sicheren Zugang zum Bach an. Dort konnten die jüngeren trinken, ohne am hohen Stamm hinaufzuklettern. Daneben legten sie einen langen Ast, damit man ihn jederzeit jemandem reichen konnte, der ausrutschte.

Seitdem sahen die Erwachsenen vor jedem Aufbruch erst nach dem Wasser für die Kinder und füllten dann ihre eigenen Beutel.

Und Kookaburras Stimme klang noch lange über den Bäumen:

„Gug-gur-ga-ga! Gug-gur-ga-ga!“

Er erinnerte die Familie an den Tag, an dem der alte Baum sein Wasser freigegeben hatte, die kleinen Brüder Hilfe bekommen hatten und die starke Strömung alle eine einfache Regel gelehrt hatte: Für Wasser muss man rechtzeitig sorgen, ebenso wie füreinander.