

China
Die Blumenelfen
Blumen, Natur, Zauberei
- Land
- China
- Alter
- 5–9 Jahre

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Die Blumenelfen
Einst lebte in China ein Gelehrter, der die Stille, seine Bücher und seinen Garten über alles liebte.
Sein kleines Haus stand weit entfernt von den lauten Straßen. Ringsum wuchsen Bambus, Pflaumenbäume, Pfirsichbäume, Weiden, Pfingstrosen und unzählige andere Blumen. Im Frühling leuchtete der Garten so bunt, als hätte die Erde selbst das Malen gelernt.
Der Gelehrte ging kaum je fort. Morgens las er, tagsüber kümmerte er sich um die Pflanzen, und am Abend saß er am offenen Fenster und lauschte dem Rascheln der Blätter.
An einem Frühlingsabend schien der Mond besonders hell. Die Luft duftete nach Blumen, ein leichter Wind wiegte den Bambus, und silbernes Mondlicht lag auf den Wegen.
Plötzlich entdeckte der Gelehrte am Gartentor ein Mädchen in einem dunklen Kleid.
Sie verneigte sich höflich.
„Guten Abend. Wir sind Ihre Nachbarinnen und wollen unsere achtzehn Tanten besuchen. Dürfen wir uns ein wenig in Ihrem Garten ausruhen?“
Der Gelehrte wunderte sich. Er wusste nichts von Mädchen, die in der Nähe wohnten. Doch die Besucherin sprach so freundlich, dass er antwortete:
„Natürlich. Setzen Sie sich, wo es Ihnen gefällt.“
Bald kam eine ganze Schar von Mädchen in den Garten. Eine trug Grün, eine andere Weiß, die dritte Rosa und die vierte Dunkelrot. Die anderen hatten Zweige und Blumen bei sich.
Wo sie vorbeigingen, blieb ein wunderbarer Duft in der Luft zurück.
„Wie heißen Sie?“, fragte der Gelehrte.
Das Mädchen in Grün lächelte.
„Mich können Sie Weide nennen.“
„Und ich heiße Pflaume“, sagte das Mädchen in Weiß.
„Ich bin Pfirsichblüte.“
Das Mädchen in Dunkelrot rückte seinen Ärmel zurecht.
„Und ich bin Granatapfelblüte.“
Der Gelehrte fand die Namen sehr ungewöhnlich, fragte aber nicht weiter nach.
Plötzlich rauschten die Zweige über dem Garten lauter.
Sch-sch-sch-sch …
„Unsere Tanten sind da!“, riefen die Besucherinnen.
Achtzehn leichtfüßige, beinahe durchsichtige Damen kamen in den Garten. Ihre weiten Ärmel bewegten sich sogar, wenn sie stillstanden. Ein kühler Hauch ging von ihnen aus.
„Kommt herein, liebe Tanten!“, riefen die Mädchen. „Was für eine herrliche Mondnacht!“
Wie aus dem Nichts erschien ein langer Tisch. Darauf standen Früchte, Süßigkeiten und kleine Tassen mit einem duftenden Getränk.
Leise Musik erklang.
Die Blumenmädchen tanzten zwischen den Bäumen, so leicht wie Blütenblätter, die durch die Luft wirbeln.
Der Gelehrte sah ihnen zu und dachte:
„Vielleicht bin ich über meinem Buch eingeschlafen?“
Doch der Blumenduft war wirklich da, der Mond war wirklich da, und der kühle Wind strich ihm über das Gesicht.
Beim Essen verschüttete eine der Tanten aus Versehen ein paar Tropfen ihres Getränks auf Granatapfelblütes rotes Kleid.
„Passen Sie doch auf!“, fuhr diese sie an. „Sie achten überhaupt nicht darauf, was Sie tun!“
Die Tante war gekränkt.
„Wir kommen als Gäste zu euch, und du sprichst so mit uns?“
Auch die anderen Winddamen ließen ihre Ärmel rascheln.
„Kommt, wir gehen!“
„Wartet!“, baten die Blumenschwestern. „Das hat sie nur im Zorn gesagt.“
Doch die achtzehn Tanten hatten sich bereits in der Nachtluft aufgelöst.
Bald verschwanden auch die Mädchen. Sie gingen zwischen den Blumenbeeten auseinander, und jede schien mit Blättern und Blütenblättern zu verschmelzen.
Lange saß der Gelehrte allein da.
Am nächsten Abend kehrten die Blumenmädchen zurück.
Diesmal wirkten sie besorgt.
„Jetzt können wir Ihnen die Wahrheit sagen“, sprach Weide. „Wir wohnen hier in Ihrem Garten.“
„Sie wohnen hier?“
Pflaume berührte einen Zweig voller weißer Blüten.
„Wir sind die Geister der Pflanzen. Ich wohne im Pflaumenbaum.“
„Und ich im Pfirsichbaum“, sagte Pfirsichblüte.
Granatapfelblüte senkte den Blick.
„Ich wohne im Granatapfelbaum. Gestern haben wir uns mit unseren Windtanten gestritten, weil ich so hitzig geworden bin.“
Nun verstand der Gelehrte endlich alles.
„Dann waren diese achtzehn Damen also …“
„Die Geister der Winde“, sagte Weide und nickte. „Jedes Jahr helfen sie uns, die schweren Stürme zu überstehen. Aber jetzt sind sie böse auf uns und kommen uns vielleicht nicht zu Hilfe.“
Granatapfelblüte seufzte.
„Was ich gesagt habe, tut mir schon leid. Doch morgen kommt ein starker Ostwind auf.“
„Wie kann ich euch helfen?“, fragte der Gelehrte.
Die Mädchen schöpften Hoffnung.
„Machen Sie eine kleine rote Fahne. Malen Sie die Sonne, den Mond und fünf Himmelsgestirne darauf. Stellen Sie sie im östlichen Teil des Gartens auf. Alte Überlieferungen sagen, dass dieses Zeichen den Garten vor einem zerstörerischen Wind schützt.“
„Das werde ich tun“, versprach der Gelehrte.
Er nahm roten Stoff, schnitt eine kleine Fahne daraus und malte die ganze Nacht sorgfältig die Himmelszeichen darauf.
Im Morgengrauen stellte er sie am östlichen Zaun auf.
Zuerst war alles still.
Dann begann der Bambus zu flüstern.
Sch-sch-sch-sch …
Nun brausten die Bäume.
Huuuu!
Und plötzlich brach der Sturm los.
Außerhalb des Gartens bogen sich die Zweige fast bis zur Erde. Blätter flogen über die Straße, und Staub wirbelte auf.
Der Gelehrte stand an der Tür und sah besorgt zu seinen Blumen hinüber.
Die rote Fahne flatterte im Wind.
Doch die Blumen knickten nicht um.
Die Pfingstrosen wiegten nur leicht ihre Köpfe. Die Pfirsichblüten hielten sich an den Zweigen. Die Weide bog sich, aber sie brach nicht. Die roten Granatapfelblüten leuchteten zwischen den grünen Blättern.
Der Sturm zog vorüber.
An diesem Abend war es im Garten erstaunlich still.
Dann traten die vertrauten Mädchen eines nach dem anderen aus den Blumen hervor.
„Sie haben uns geholfen“, sagte Weide.
„Vielen Dank“, fügte Pflaume hinzu.
Granatapfelblüte kam als Letzte näher.
„Und ich habe heute etwas Wichtiges verstanden. Man kann mutig sein und sich wehren, wenn einem jemand Unrecht tut. Aber im Zorn etwas herauszuplatzen, ist noch lange kein Mut.“
Der Gelehrte lächelte.
„Das sollten sich Menschen ebenso merken wie Blumen.“
Die Mädchen brachten ihm einen kleinen Korb voller wunderschöner Blütenblätter.
„Das ist unser Geschenk. Es soll Sie an diese Nacht erinnern und daran, dass jemand, der für seinen Garten sorgt, dort niemals ganz allein ist.“
Der Gelehrte suchte in den Blütenblättern keine Zauberkraft. Einige trocknete er zwischen den Seiten seines Lieblingsbuches. Die übrigen streute er auf die Erde, damit der Garten noch schöner wurde.
Von da an stellte er jedes Jahr auf der Ostseite eine kleine rote Fahne auf.
Und in jedem Frühling, wenn Pflaume, Pfirsich und Granatapfel blühten, ging der Gelehrte in einer Mondnacht in seinen Garten.
Manchmal meinte er, zwischen den Bäumen ein grünes Kleid vorbeihuschen zu sehen.
Manchmal hörte er ein leises Lachen.
Und wenn der Wind besonders sanft über die Blumen strich, dachte der Gelehrte, dass die achtzehn Tanten sich wohl mit Granatapfelblüte versöhnt hatten.
Denn selbst ein Streit zwischen Wind und Blume muss nicht ewig dauern.
