Cover: Kyrylo der Gerber

Ukraine

Kyrylo der Gerber

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Ukraine
Alter
7–11 Jahre
Dauer
8 Min.
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Kyrylo der Gerber

Als das alte Kyjiw am Dnipro lag und ringsum weite Wiesen, Wälder und hohe Hügel das Land bedeckten, lebte in der Nähe ein schrecklicher Drache.

Er war groß und stark. So sehr hatte er sich daran gewöhnt, dass alle ihn fürchteten, dass er den Menschen in Kyjiw vorschrieb, wie sie leben sollten. Jedes Jahr verlangte er, dass jemand aus der Stadt in sein steinernes Haus geschickt wurde, um ihm zu dienen.

Die Menschen ertrugen es. Sie wussten nicht, wer einer solchen Kraft widerstehen konnte.

Eines Jahres kam das Haus des Fürsten an die Reihe. Der Drache nahm die Fürstentochter mit in seine Behausung hinter den Wäldern.

Die junge Frau war nicht nur schön, sondern auch klug. Vor dem Drachen weinte sie nicht und zeigte ihre Angst nicht. Stattdessen sah sie sich um, hörte zu und überlegte, wie sie frei werden konnte.

Als der Drache einmal gut gelaunt war, fragte sie scheinbar beiläufig:

„Du bist wohl der Stärkste auf der ganzen Welt?“

Stolz richtete der Drache sich auf.

„Fast.“

„Was heißt denn fast? Gibt es etwa jemanden, vor dem du dich fürchtest?“

Zuerst lachte der Drache. Dann murmelte er:

„In Kyjiw am Dnipro lebt ein Mann. Kyrylo der Gerber. Er bearbeitet Tierhäute. Wenn er sie zum Einweichen an den Fluss trägt, nimmt er nicht eine mit, sondern zwölf zugleich. Sind sie erst voller Wasser, weiß ich nicht einmal, ob ich sie ihm selbst aus den Händen reißen könnte.“

Die Fürstentochter merkte sich jedes Wort.

Sie hatte eine kleine Taube bei sich, die sie zu Hause aufgezogen hatte. Noch an diesem Abend schrieb sie ihrem Vater einen kurzen Brief, befestigte ihn unter dem Flügel der Taube und flüsterte:

„Flieg nach Hause. Such meinen Vater.“

Die Taube stieg über den Wald auf, überquerte den Dnipro und flog in den Hof des Fürsten.

Die Kinder entdeckten sie zuerst.

„Fürst! Die Taube Eurer Tochter ist zurückgekommen!“

Der Fürst las den Brief und rief sogleich die Ältesten zusammen.

„Gibt es wirklich einen Kyrylo den Gerber in Kyjiw?“

„Ja“, antworteten sie. „Er lebt am Dnipro. Er ist stark, aber sehr unabhängig. Mit Befehlen kommt man bei ihm nicht weit.“

Man schickte die ältesten und angesehensten Männer zu Kyrylo.

Sie kamen zur Werkstatt und öffneten leise die Tür. Kyrylo saß mit dem Rücken zu ihnen und knetete zwölf nasse Häute zugleich mit seinen Händen. Seine Schultern waren breit, seine Arme kräftig. Die Arbeit ging ihm so leicht von der Hand, als knetete er Teig.

Ein Bote räusperte sich.

Kyrylo erschrak und drehte sich ruckartig um. Die zwölf Häute in seinen Händen rissen mit einem lauten Knacken.

„So ein Unglück!“, ärgerte er sich. „So viel Arbeit umsonst!“

Die Ältesten erzählten von der Fürstentochter, vom Drachen und von der Angst in der Stadt. Doch Kyrylo war über seine verdorbene Arbeit so bekümmert, dass er nur schwieg.

Unverrichteter Dinge gingen die Männer fort.

Dann schickte man jüngere Boten. Sie sprachen schön und lange, aber Kyrylo antwortete wieder nicht.

Der Fürst wusste nicht mehr, was er tun sollte.

Da sagte jemand:

„Lasst die Kinder hingehen. Nicht, um ihm etwas zu befehlen. Sie sollen einfach erzählen, wie sehr sie sich fürchten.“

Jungen und Mädchen kamen zu Kyrylo. Sie hielten keine Reden und versprachen kein Gold. Sie stellten sich nur an die Tür.

Das kleinste Mädchen sagte:

„Onkel Kyrylo, wir möchten, dass man in Kyjiw wieder ohne Angst leben kann. Bitte helft uns.“

Kyrylo sah die Kinder an. Er merkte, wie sehr sie sich bemühten, mutig zu wirken, obwohl ihre Augen voller Tränen waren.

Schwer seufzte er.

„Gut. Für euch werde ich gehen.“

Im Hof des Fürsten bat Kyrylo darum, zwölf Fässer Teer und zwölf Wagenladungen Hanf bereitzustellen.

„Wozu so viel?“, wunderten sich die Menschen.

„Der Drache hat scharfe Zähne und einen heißen Feueratem. Wer gegen große Kraft antritt, braucht nicht nur Muskeln, sondern auch einen klugen Kopf.“

Kyrylo machte sich eine dicke Schutzrüstung aus Hanffasern und tränkte sie mit Teer. Dann nahm er eine schwere Keule und ging zum Drachen.

Der wartete bereits.

„Nun, Kyrylo“, dröhnte er, „bist du gekommen, um Frieden zu schließen oder mit mir zu kämpfen?“

„Ich bin gekommen, damit du die Fürstentochter freilässt und die Menschen nicht länger einschüchterst.“

„Und wenn ich das nicht will?“

Kyrylo hob seine Keule.

„Dann muss ich dich anders überzeugen.“

Der Drache stürzte vor. Unter ihm donnerte die Erde.

Er versuchte, Kyrylo zu packen, doch seine Zähne blieben in der dicken Schicht aus Hanf und Teer stecken. Kyrylo wich genau so weit zurück, wie es nötig war. Dann schlug er mit der Keule auf den Boden vor dem Drachen und zwang ihn dadurch zurückzuspringen.

Lange dauerte der Kampf. Der Drache atmete glühende Hitze aus, doch Kyrylo hielt stand. Wenn die Schutzschicht seiner Kleidung beschädigt wurde, besserte der Gerber sie rasch mit dem Teer und den Fasern aus, die er mitgebracht hatte.

Von den Hügeln aus sahen die Menschen nur Staubwolken und hörten dumpfes Dröhnen.

„Halte durch, Kyrylo!“, riefen sie aus der Ferne.

Endlich war der Drache erschöpft. Ein letztes Mal versuchte er, sich auf den Gerber zu stürzen. Doch der blieb fest stehen und schlug die Keule so laut direkt vor dem Drachen auf die Erde, dass der Staub wie eine Wand aufstieg.

Der Drache wich zurück.

„Genug!“, keuchte er. „Was willst du?“

„Lass die Fürstentochter frei. Lass alle frei, die du gefangen hältst. Und versprich, nie wieder nach Kyjiw zu kommen und Tribut zu fordern.“

Der Drache begriff, dass er diesen Mann nicht einschüchtern konnte.

„Gut. Ich gehe.“

Er öffnete das steinerne Tor. Die Fürstentochter trat hinaus in die Freiheit. Mit ihr kamen die anderen Menschen, die der Drache bei sich festgehalten hatte.

Dann kroch das Ungeheuer hinter die fernen Hügel und kehrte nie wieder nach Kyjiw zurück.

Als Kyrylo und die Fürstentochter in die Stadt kamen, begrüßte man sie mit freudigem Glockenläuten. Der Fürst wollte dem Gerber Gold, Pferde und ein großes Haus schenken.

Doch Kyrylo schüttelte den Kopf.

„Ich brauche keinen Palast. Ich habe meine Werkstatt, den Dnipro und meine Arbeit. Sorgt lieber dafür, dass niemand in der Stadt mehr allein einer Gefahr gegenübersteht.“

Dann kehrte er zu seinen Häuten zurück.

Man sagt, die Gegend, in der der berühmte Handwerker wohnte, sei seitdem nach den Gerbern benannt worden.

Noch lange liefen die Kinder an seiner Werkstatt vorbei und schauten zur Tür hinein. Manchmal tat Kyrylo streng.

„Nun, was steht ihr da?“

Die Kinder lachten.

„Wir wollen nur sehen, ob Ihr wirklich zwölf Häute auf einmal tragt!“

Dann lächelte auch Kyrylo.

Denn er wusste: Wahre Stärke braucht man nicht, damit alle einen fürchten. Man braucht sie, damit die anderen in der eigenen Nähe keine Angst haben müssen.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨