Cover: Laur-Cantons

Frankreich

Laur-Cantons

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Frankreich
Alter
7–10 Jahre
Dauer
11 Min.
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Laur-Cantons

Im Baskenland, zwischen Weinbergen, Hügeln und Straßen, die zum Meer führten, lebte ein wohlhabender Mann namens Laur-Cantons.

Geld besaß er reichlich. Sein Haus war groß, die Vorratskammern waren voll, und im Stall standen gute Pferde. Trotzdem begegneten ihm die Leute mit Vorsicht, denn Laur-Cantons war hitzköpfig und stolz. Er war daran gewöhnt, seinen Willen mit einer Stimme durchzusetzen, die lauter war als alle anderen.

Eines Tages ließ er einen Winzer zu sich rufen, der in der Nähe lebte und drei erwachsene Töchter hatte.

„Ich möchte heiraten und denke an eine deiner Töchter“, sagte Laur-Cantons. „Wenn eure Familie mir nicht einmal erlaubt, sie kennenzulernen, kaufe ich keinen Wein mehr von dir und nehme das Land zurück, das ich dir verpachtet habe.“

Der Winzer ging mit finsterem Gesicht nach Hause.

Seine beiden älteren Töchter hörten ihn an und sagten sofort:

„Wir gehen nicht zu einem Mann, der eine Bekanntschaft mit Drohungen beginnt.“

Die jüngste Tochter dachte nach.

„Ich will ebenfalls nicht, dass jemand über mich entscheidet“, sagte sie. „Aber ich werde selbst mit ihm sprechen. Wenn er sich nicht anständig benehmen kann, komme ich wieder nach Hause.“

Am nächsten Tag ging sie zu Laur-Cantons.

„Ich weiß, was du meinem Vater gesagt hast“, begann sie. „Du bist reich, aber Reichtum gibt dir nicht das Recht, Menschen Angst zu machen. Wenn du möchtest, dass ich überhaupt über eine Heirat nachdenke, musst du zuerst versprechen, meine Familie in Ruhe zu lassen.“

Laur-Cantons war es nicht gewohnt, dass jemand so offen mit ihm sprach. Schon wollte er auffahren, doch er sah, dass das Mädchen keine Angst vor seinem Zorn hatte.

„Gut“, brummte er. „Keine Drohungen mehr. Dein Vater behält das Land.“

„Und noch etwas“, sagte sie. „Ich sage nur dann Ja, wenn ich selbst sehe, dass ich dir vertrauen kann.“

Es verging einige Zeit. Laur-Cantons wurde tatsächlich beherrschter. Er kam nicht mehr mit Befehlen zum Winzer, sondern mit kleinen Geschenken, half nach einem Sturm das Dach zu reparieren und lernte sogar zu fragen, bevor er für andere entschied.

Schließlich willigte die jüngste Tochter ein, seine Frau zu werden.

Die Hochzeit wurde groß gefeiert. Neue Truhen, Kleider, Stoffe und Schmuckstücke kamen ins Haus. Unter den Geschenken war eine feine Goldkette mit einer kleinen Platte, in die der Name der jungen Hausherrin eingraviert war.

Einige glückliche Monate vergingen.

Dann wurde Laur-Cantons wegen einer wichtigen Angelegenheit an den Königshof gerufen. Vor seiner Abreise sagte er zu seiner Frau:

„Langweile dich nicht ohne mich. Lade deine Freundinnen ein, besuche deinen Vater und lebe wie sonst auch.“

„Mach dir keine Sorgen“, lächelte sie. „Ich werde genug zu tun haben.“

Am Hof begegnete Laur-Cantons einem Kaufmann, der sich gern mit seinen Fähigkeiten brüstete.

„Du glaubst wohl, dein Haus sei uneinnehmbar?“, lachte der Kaufmann. „Ich komme hinein, selbst wenn deine Frau mich nicht empfangen will.“

„Das schaffst du nicht“, erwiderte Laur-Cantons.

„Wetten wir?“

Laur-Cantons konnte einer Herausforderung nur schwer widerstehen und sagte zu. Der Kaufmann setzte die Waren aus seinem Laden ein, Laur-Cantons eine große Geldsumme.

Der Kaufmann ritt zu seinem Haus und klopfte ans Tor.

„Ich bringe einen Brief von eurem Herrn!“, rief er.

Die Diener boten an, den Brief durch die kleine Pforte entgegenzunehmen, doch sie öffneten das Tor nicht.

Der Kaufmann stand bis zum Abend davor und musste schließlich einsehen, dass er verloren hatte.

Wütend stapfte er auf der Waldstraße davon. Dort traf er eine alte Frau, die Äpfel und Kräuter verkaufte.

„Warum trittst du so laut auf, dass die Vögel davonfliegen?“, fragte sie.

Zuerst wies der Kaufmann sie grob ab. Dann dachte er, dass jeder Rat besser sei als verlorene Waren, und erzählte ihr von seiner Wette.

Die Frau kniff die Augen zusammen.

„Vielleicht kann ich dir helfen. Aber denk daran: Wer ein Spiel mit Betrug beginnt, gerät leicht selbst in eine Falle.“

Sie füllte einen Korb mit Äpfeln und ging zu Laur-Cantons' Haus.

„Macht mir auf, liebes Kind“, sagte sie zur Hausherrin. „Ich kannte eure Familie vor vielen Jahren und habe euch etwas mitgebracht.“

Die junge Frau glaubte ihr und ließ sie herein.

Der Gast war freundlich, fragte nach der Hochzeit und bewunderte die bestickten Kleider. Als die Hausherrin ihre Schmucktruhe öffnete, ließ die Alte unbemerkt die goldene Kette in ihrem Ärmel verschwinden.

Danach brachte sie sie dem Kaufmann.

Der ritt sofort an den Königshof zurück.

„Sieh her!“, rief er und zeigte die Kette aus einiger Entfernung. „Ich war in deinem Haus, und hier ist der Beweis.“

Laur-Cantons erkannte den Schmuck mit dem Namen seiner Frau, und augenblicklich erwachte sein alter Jähzorn.

Er fragte nicht, wie der Kaufmann an die Kette gekommen war. Er dachte nicht daran, dass sie gestohlen sein könnte. Er gab seiner Frau keine Gelegenheit, etwas zu erklären.

Laur-Cantons kehrte nach Hause zurück und sagte kalt:

„Pack deine Sachen. Ich vertraue dir nicht mehr.“

„Warum?“, fragte sie verblüfft.

„Ich habe deine Kette in fremden Händen gesehen.“

„Dann frag mich doch, wie sie dorthin gelangt ist!“

„Ich habe bereits entschieden.“

Diese Worte taten mehr weh als jeder Streit. Seine Frau sah ihn lange an und sagte leise:

„Du hast versprochen, Vertrauen zu lernen. Doch sobald es schwierig wurde, hast du wieder alles allein entschieden.“

Laur-Cantons ließ sie in eine Stadt am Meer bringen und gab ihr Geld für die Reise, doch er begleitete sie nicht einmal zum Abschied.

So verließ sie das Haus, in dem sie am Morgen noch die Hausherrin gewesen war.

In der Hafenstadt verlor die junge Frau nicht den Mut. Sie legte ihre festlichen Kleider ab, kaufte einen einfachen Reisemantel und beschloss, von vorn zu beginnen.

In der Stadt sprach man gerade viel über die Königstochter, die seit langer Zeit krank war. Die besten Ärzte stritten über die Ursache, doch nichts brachte ihr Erleichterung.

Die junge Frau kannte sich seit ihrer Kindheit mit Kräutern aus. Ihr Vater hatte ihr gezeigt, welche Blätter Fieber lindern, aus welchen Beeren man stärkende Getränke machen kann und welche Pflanzen man besser meidet.

Sie bat darum, den Ärzten helfen zu dürfen.

„Ich verspreche kein Wunder“, sagte sie. „Aber vielleicht kenne ich einen Trank, der ihr neue Kraft gibt.“

Die Königstochter willigte ein.

Nach dem warmen Kräuteraufguss konnte sie am ersten Tag ruhig schlafen. Am zweiten bat sie darum, das Fenster zu öffnen. Am dritten saß sie bereits im Garten und lauschte den Vögeln.

Im Palast war die Freude groß.

„Welche Belohnung wünschst du dir?“, fragte der König.

„Gebt mir eine Aufgabe, bei der man nicht nur reden, sondern auch denken muss“, antwortete sie. „Ich möchte der Stadt dienen.“

Der König erkannte ihren Verstand und machte sie zur Gehilfin des Stadtverwalters. Mit der Zeit löste sie Streitigkeiten so klug, dass man ihr die Leitung wichtiger Angelegenheiten übertrug.

Eines Tages erhielt sie eine Beschwerde über einen Kaufmann, der sich durch Täuschung fremde Dinge verschafft hatte. Der Name kam ihr bekannt vor.

Sie ließ den Kaufmann vorladen.

„Erklär mir, wie eine goldene Kette mit dem Namen einer anderen Frau in deinen Besitz gelangte“, sagte sie.

Der Kaufmann verstrickte sich erst in Ausreden, gestand dann aber die Wette und erzählte von der alten Frau.

Auch sie wurde gefunden. Sie gab zu, unter einem falschen Vorwand ins Haus gegangen zu sein und den Schmuck genommen zu haben.

Daraufhin ließ die Stadtverwalterin Laur-Cantons kommen.

Er erkannte seine Frau zunächst nicht in der strengen Kleidung einer Amtsperson.

„Was hast du getan, als du die Kette bei dem Kaufmann gesehen hast?“, fragte sie.

„Ich wurde wütend.“

„Hast du deine Frau angehört?“

Laur-Cantons senkte den Blick.

„Nein.“

„Hast du die Behauptung des Kaufmanns überprüft?“

„Nein.“

„Dann begann der größte Irrtum nicht mit dem Diebstahl der Kette“, sagte sie. „Er begann in dem Augenblick, als du deinem Zorn schneller glaubtest als dem Menschen an deiner Seite.“

Da erkannte Laur-Cantons sie.

„Du bist es …“

„Ja.“

Er schwieg lange.

„Ich habe dir Unrecht getan. Ich verlange nicht, dass du es vergisst. Aber ich bitte dich um Verzeihung.“

Der Kaufmann musste den Wert seiner Wette an diejenigen zurückzahlen, die er hineingezogen hatte. Die alte Frau musste den gestohlenen Schmuck ersetzen. Beiden wurde untersagt, bei ihren Geschäften andere zu täuschen, und die Stadt ließ ihre Handelstätigkeit eine Zeit lang überwachen.

Die junge Frau jedoch gab Laur-Cantons nicht sofort eine Antwort.

„Verzeihung ist keine Tür, die sich mit einem einzigen Wort öffnet“, sagte sie. „Vertrauen muss neu aufgebaut werden.“

Laur-Cantons stimmte zu.

Er blieb mehrere Monate in der Stadt, half Winzern, arbeitete mit Kaufleuten zusammen und lernte, Menschen ausreden zu lassen, bevor sein Zorn für ihn entschied.

Erst dann sagte seine Frau:

„Jetzt sehe ich, dass du dich wirklich verändert hast. Versuchen wir es noch einmal.“

Gemeinsam kehrten sie nach Hause zurück. Ihr Vater und ihre Schwestern empfingen sie mit Freude. Doch die jüngste Tochter war nicht mehr dieselbe junge Frau, die einst gekommen war, um Laur-Cantons zu bitten, ihre Familie nicht zu bedrohen. Inzwischen leitete sie wichtige Angelegenheiten und wusste, welchen Wert ihre eigene Stimme hatte.

Seitdem zog Laur-Cantons keine schnellen Schlüsse mehr, wenn er ein Gerücht hörte oder etwas Unverständliches sah.

Zuerst fragte er. Dann hörte er zu. Und erst danach entschied er.

In ihrem Haus wiederholte man später oft einen einfachen Satz:

Die Wahrheit liebt keine laute Stimme. Sie liebt ein aufmerksames Ohr.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨