Cover: Die Sage von den drei Königssöhnen

Island

Die Sage von den drei Königssöhnen

drei Brüder, Gaben, Entscheidungen, Königsfamilie

Land
Island
Alter
7–11 Jahre
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Die Sage von den drei Königssöhnen

Vor langer Zeit lebten in einem fernen Land im Norden ein König und eine Königin. Sie regierten weise, und die Menschen sagten, in ihrem Königreich wehten selbst die rauen Winde ein wenig sanfter.

Der König hatte drei Söhne: den ältesten, Osrik, den mittleren, Edrik, und den jüngsten, Frithjof. Im Palast wuchs auch ihre Cousine Isolde auf, die ihre Eltern früh verloren hatte. Der König und die Königin liebten sie wie eine eigene Tochter, und die Jungen waren seit Kindertagen ihre engsten Freunde.

Die Jahre vergingen. Die Kinder wurden erwachsen, und jeder der drei Brüder merkte, dass Isolde ihm inzwischen mehr bedeutete als eine Freundin aus Kindertagen.

Als der König erfuhr, dass alle drei Isolde heiraten wollten, dachte er lange nach.

„Ich kann nicht für sie entscheiden“, sagte er. „Isolde darf selbst wählen.“

Doch Isolde lächelte nur traurig.

„Ihr seid mir alle drei sehr lieb“, antwortete sie. „Ich möchte nicht, dass ihr euch meinetwegen verfeindet.“

Da machte der König einen anderen Vorschlag.

„Jeder von euch soll in die Welt ziehen und etwas mitbringen, das er für besonders wertvoll hält. Es soll nicht das meiste Gold kosten, sondern möglichst nützlich und wunderbar sein. In einem Jahr trefft ihr euch im Jagdhaus nahe der Hauptstadt.“

So machten sich die drei Brüder auf verschiedenen Wegen auf den Weg.

Osrik wanderte lange, bis er auf einem großen Jahrmarkt ein seltsames Fernrohr entdeckte.

„Was ist daran so besonders?“, fragte er den Händler.

„Schau hindurch, und du siehst jeden Ort, an den du denkst, selbst wenn Meere und Berge dazwischenliegen.“

Osrik begriff sofort, dass so ein Gegenstand Menschen vor vielerlei Unglück bewahren konnte. Er kaufte das Zauberfernrohr und kehrte heim.

Edrik war inzwischen in ein anderes Land gelangt. Auf einem Markt sah er dort einen kleinen silbernen Schild, dessen Rand mit Runen verziert war.

„Das ist kein Schild für den Kampf“, erklärte der alte Meister. „Stell dich darauf und nenne den Ort, an den du gelangen möchtest. Dann trägt er dich durch die Luft, schneller als das flinkste Pferd.“

Edrik probierte es aus. Der Schild hob ihn vom Boden, trug ihn sanft über die Dächer und brachte ihn an seinen Platz zurück.

„Das ist wirklich ein Wunder!“, rief der Prinz und kaufte den Schild.

Frithjof entdeckte in einem dritten Königreich einen Obstladen. Zwischen Birnen, Weintrauben und goldgelben Melonen lag ein einziger großer Apfel: purpurrot, mit grünen und goldenen Streifen.

„Verkauf ihn mir“, bat Frithjof.

Der Händler schüttelte den Kopf.

„Das ist kein gewöhnlicher Apfel. Vor langer Zeit wurde er einem meiner Vorfahren geschenkt. Nimmt ein kranker Mensch ihn in die Hand, kehren seine Kräfte zurück.“

Frithjof dachte sofort daran, wie vielen Menschen man damit helfen könnte.

„Genau deshalb braucht man ihn“, sagte er.

Der Händler sah, dass der Prinz es ehrlich meinte, und war bereit, ihm den Apfel zu geben.

Das Jahr verging rasch. Die drei Brüder trafen sich am vereinbarten Ort und zeigten einander ihre Schätze.

„Ist zu Hause eigentlich alles in Ordnung?“, fragte Frithjof plötzlich.

Osrik hielt das Zauberfernrohr ans Auge und dachte an den Palast.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Isolde ist krank. Sehr krank. Ärzte sind bei ihr, aber niemand weiß, wie man ihr helfen kann.“

„Dann bleibt keine Zeit, auf Pferden zu reiten!“, rief Edrik.

Die Brüder stellten sich auf den Zauberschild. Edrik nannte den Palast, und der Schild stieg in den Himmel.

Der Wind pfiff ihnen um die Ohren. Unten huschten Wälder, Flüsse und verschneite Hügel vorbei. Binnen weniger Minuten waren die Brüder vor den Fenstern des Palastes.

Frithjof lief zu Isolde und legte ihr den Zauberapfel in die Hand.

Zuerst geschah nichts. Dann atmete sie tief ein, öffnete die Augen und lächelte.

„Ihr seid zurück …“

Die Freude war grenzenlos.

Doch nun stellte sich eine neue Frage: Wessen Gabe war die wertvollste gewesen?

Der König berief seinen Rat ein.

„Ohne das Fernrohr hätten wir von dem Unglück nichts erfahren“, sagte ein Ratgeber.

„Ohne den Schild wären die Brüder nicht rechtzeitig zurückgekommen“, wandte ein anderer ein.

„Und ohne den Apfel wäre Isolde nicht gesund geworden“, ergänzte ein dritter.

Alle drei Brüder hatten gleichermaßen geholfen.

Da schlug der König einen Wettkampf im Bogenschießen vor. Doch auch dabei war es nicht so einfach. Osriks Pfeil fiel nicht weit vom Ziel zu Boden. Edriks Pfeil flog weiter. Frithjofs Pfeil aber verschwand so weit in der Ferne, dass ihn niemand finden konnte.

Es schien, als hätte Edrik gewonnen. Bald darauf beschlossen er und Isolde zu heiraten.

Frithjof erhob keinen Einwand. Doch ihm war schwer ums Herz, und er zog wieder in die Welt hinaus.

Einige Zeit später entdeckte er in einem fernen Wald zufällig seinen Pfeil in einer alten Eiche. Er war tatsächlich viel weiter geflogen als die anderen.

„Dann habe ich also gewonnen“, sagte er leise. „Aber jetzt ändert das nichts mehr.“

Frithjof wollte das Glück seines Bruders und Isoldes nicht zerstören. Er zog weiter.

Eines Tages führten Reiter ihn in eine Stadt, über die die junge Königin Hildegard herrschte. Sie begrüßte den Wanderer freundlich und sagte:

„Ich kenne deine Geschichte. Du hättest zurückgehen und deinen Preis verlangen können. Doch du hast es nicht getan. Das sagt mehr über dich aus als jeder Sieg bei einem Wettkampf.“

Frithjof und Hildegard unterhielten sich viel, lachten, ritten aus und berieten sich über die Angelegenheiten des Königreichs. Mit der Zeit merkten sie, dass sie zusammen sein wollten.

So fand Frithjof keinen verlorenen Preis wieder, sondern einen Menschen, mit dem er aus eigenem Entschluss sein Leben teilen wollte.

Einige Jahre vergingen. Frithjofs Mutter starb, und sein Vater heiratete erneut. Die neue Königin hieß Brunhilde. Sie war herrschsüchtig und fürchtete sehr, ihren Einfluss auf den König zu verlieren.

Nach und nach flüsterte Brunhilde ihm ein, Frithjof wolle ihm angeblich den Thron nehmen. Der alte König, von ihrem Zauber und seiner Sorge geblendet, glaubte ihr.

Er ließ seinen Sohn kommen und stellte ihm drei fast unmögliche Aufgaben.

„Bring mir binnen eines Jahres ein Zelt, in dem hundert Menschen Platz finden, das sich aber so klein zusammenfalten lässt, dass es auf eine Handfläche passt. Bring Wasser, das Kranken neue Kräfte schenkt. Und bring einen Menschen mit, der keinem gleicht, den wir je gesehen haben.“

Betrübt kehrte Frithjof zu Hildegard zurück.

„Wir schaffen das“, sagte sie. „Schritt für Schritt.“

Es stellte sich heraus, dass die Familie ihrer Patin ein Zauberzelt besaß. Es war leicht wie ein Spinnwebfaden und wurde, wenn man es aufspannte, so geräumig wie ein großer Saal.

Um das heilende Wasser zu holen, zog Frithjof in ein fernes Tal. Wilde Tiere bewachten die Quelle, doch Hildegard hatte ihm Körbe mit duftenden Speisen mitgegeben. Während die Tiere weit vom Weg entfernt schmausten, schöpfte Frithjof kristallklares Wasser, ohne jemandem etwas zuleide zu tun.

Die dritte Aufgabe blieb die schwierigste.

Da lächelte Hildegard.

„Ich habe einen Bruder namens Randur. Er lebt auf einer abgelegenen Insel. Er ist sehr groß, hat drei Augen und bewegt sich mit weiten Sprüngen fort, wobei er sich auf eine lange Stange stützt. Menschen fürchten sich oft vor denen, die anders aussehen als sie. Aber Randur ist freundlich, klug und gerecht.“

Randur erklärte sich bereit zu helfen.

Als Frithjof ins Königreich seines Vaters zurückkehrte, versammelten sich die Menschen auf dem großen Platz.

Zuerst spannte er das Zelt auf. Es wurde so groß, dass hundert Krieger darunter vor dem Regen Schutz fanden und immer noch Platz übrig blieb.

Dann zeigte er das heilende Wasser. Der König trank einen Schluck und spürte, wie seine Müdigkeit nachließ.

Schließlich kam Randur mit gewaltigen Sprüngen auf den Platz.

Die Menschen staunten laut auf. Brunhilde aber wurde plötzlich blass.

Randur sah sie mit seinen drei Augen an und sagte leise:

„Ich sehe einen Zauber, der sich hinter einem fremden Gesicht verbirgt.“

Er berührte mit seiner Stange den Boden. Ein dumpfer Klang ertönte, als sei tief unter einem Berg Eis geborsten. Brunhildes Zauber zerfiel. Vor aller Augen stand eine riesenhafte Hexe, die den König monatelang getäuscht hatte.

Doch kaum war ihr Geheimnis aufgedeckt, verlor sie ihre Macht. Der Wind erfasste ihren schwarzen Mantel, Nebel wirbelte um sie, und Brunhilde verschwand hinter den fernen Bergen. Seitdem wurde sie im Königreich nicht mehr gesehen.

Dem König war, als erwachte er aus einem langen Schlaf. Er erkannte, wie ungerecht er seinen Sohn behandelt hatte.

„Frithjof, verzeih mir“, sagte er. „Ich habe die Angst sprechen lassen, statt auf meine Vernunft zu hören.“

„Hauptsache, du erkennst jetzt wieder die Wahrheit“, antwortete sein Sohn.

Frithjof schickte Hildegard eine Nachricht, und bald kam sie zu ihm. Randur kehrte auf seine Insel zurück. Doch von da an sprach man seinen Namen mit Achtung aus, statt sich vor ihm zu fürchten.

Der alte König lebte noch viele Jahre friedlich im Kreis seiner Kinder und Enkel. Frithjof und Hildegard regierten gemeinsam und vergaßen nie die drei Dinge, die ihre Abenteuer sie gelehrt hatten: Eine wunderbare Gabe ist erst dann wirklich wertvoll, wenn sie jemandem hilft; ein Sieg bedeutet nicht immer Glück; und das Äußere erzählt niemals alles über einen Menschen.

Und wenn sich über den nördlichen Hügeln der Wind erhob, sagte man im alten Palast, er raschle in den Vorhängen jenes Zauberzeltes und erinnere daran: Selbst die schwerste Aufgabe wird leichter, wenn Menschen an deiner Seite stehen, denen du vertraust.