Cover: Lipi und Lapra

Indien

Lipi und Lapra

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Indien
Alter
7–10 Jahre
Dauer
8 Min.
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Lipi und Lapra

In einer großen Familie lebten sieben Brüder. Sie wohnten nah beieinander, arbeiteten auf den Feldern und halfen sich gegenseitig, wenn gesät, geerntet oder vor der Regenzeit ein Dach repariert werden musste.

Der jüngste Bruder besaß lange Zeit am wenigsten. Er hatte nur ein kleines Stück Land am Rand des Dorfes bekommen, wo der Boden steinig war und Regenwasser schnell den Hang hinunterlief.

Doch der junge Mann beklagte sich nicht.

Jeden Morgen ging er noch vor der Hitze aufs Feld. Er sammelte Steine auf, trug Wasser, pflanzte junge Bäume und wartete geduldig.

Ein Jahr verging. Dann ein zweites.

Und ausgerechnet sein kleines Stück Land brachte schließlich die beste Ernte. Dichtes Getreide wuchs dort, und die Obstbäume trugen so reichlich, dass man ihre Äste mit Stangen abstützen musste.

Die Brüder freuten sich für ihn. Alle außer dem ältesten.

Zuerst schwieg der Älteste nur, wenn die anderen den Jüngsten lobten.

Dann begann er, dessen Körbe mit Getreide zu zählen.

Danach fiel ihm jeder neu gepflanzte Baum auf.

Schließlich zog Neid in seine Gedanken ein.

„Warum gelingt ihm alles besser?“, dachte er. „Ich bin der Älteste. Eigentlich müsste ich am meisten besitzen.“

Der jüngste Bruder ahnte nichts davon. Er liebte seine Familie und ganz besonders seine beiden Hunde, die er selbst von klein auf großgezogen hatte.

Der eine hieß Lipi, der andere Lapra.

Lipi war schnell wie ein Windstoß. Er hörte Schritte auf dem Weg als Erster und bemerkte jede Bewegung im hohen Gras.

Lapra war ruhiger. Er hatte dafür ein besonderes Gespür für Menschen. Sobald sein Herr die Stirn runzelte, setzte Lapra sich neben ihn und legte den Kopf auf sein Knie.

Die beiden Hunde waren unzertrennlich.

Eines Tages kam der älteste Bruder zum jüngsten.

„Komm mit auf den Hügel“, sagte er. „Dort wächst gutes Gras für starke Seile. Wir brauchen Fasern.“

„Gehen wir“, antwortete der Jüngere.

Lipi und Lapra sprangen sofort auf.

Der ältere Bruder verzog das Gesicht.

„Wozu nehmen wir die Hunde mit? Sie laufen uns nur zwischen die Füße.“

„Sie sind es gewohnt, mit mir zu gehen.“

„Gut. Beim Bach binden wir sie im Schatten an, solange wir arbeiten.“

Der Jüngere sah darin nichts Besonderes.

Die Brüder stiegen auf den Hügel. Am Fuß plätscherte eine kleine Quelle, daneben stand ein Baum mit breiter Krone.

„Hier ist es kühl für sie“, sagte der Ältere.

Der jüngste Bruder band Lipi und Lapra mit langen Leinen an, stellte Wasser hin, strich beiden über den Kopf und ging weiter.

Am Hang sammelten die Brüder lange feste Stängel.

„Jetzt zeige ich dir, wie man daraus ein gutes Seil dreht“, sagte der ältere Bruder.

Er fertigte ein Seil, dann ein zweites und ein drittes.

„Stell dich hierhin und halt das Ende.“

Der Jüngere stellte sich neben einen Baum.

Plötzlich wickelte der ältere Bruder das Seil um seine Arme und band ihn an den Stamm.

Der Jüngere starrte ihn an.

„Was machst du?“

Der Ältere schwieg lange.

„Ich habe es satt, dass alle dich loben. Ich habe es satt, von deiner Ernte zu hören. Ich dachte immer, als ältester Bruder müsste ich der Erfolgreichste sein.“

„Du bindest mich wegen meines Feldes an einen Baum?“

„Ich wollte dich erschrecken“, murmelte der Ältere. „Damit du mir den besseren Teil deines Landes gibst und nicht mehr allen zeigst, wie geschickt du bist.“

Der jüngere Bruder zog am Seil. Es hielt fest.

„Ich habe nie gegen dich gekämpft“, sagte er. „Ich habe nur gearbeitet.“

Der Ältere drehte sich weg.

„Du kannst hier ein wenig darüber nachdenken.“

Dann ging er den Hügel hinunter.

Der jüngste Bruder blieb allein zurück.

Zuerst versuchte er, die Knoten mit den Fingern zu lösen. Ohne Erfolg.

Dann rieb er das Seil an der Rinde. Es zog sich nur fester.

Die Sonne sank bereits zum Horizont.

Da erinnerte er sich an Lipi und Lapra.

Sie waren weit unten an der Quelle. Ein gewöhnlicher Ruf würde sie vielleicht nicht erreichen.

Doch der junge Mann hatte ein besonderes Lied, mit dem er die Hunde oft vom Feld zurückrief.

Er holte tief Luft und sang:

„Lipi, Lapra, Freunde mein, lauft über den kleinen Hügel, eilt hinauf zum hohen Hang, lasst meinen Ruf nicht verloren sein!“

Der Wind trug die Worte hinunter.

An der Quelle stellte Lipi die Ohren auf.

Lapra wurde ebenfalls still.

Die Stimme war schwach, aber vertraut.

Lipi zog einmal an seiner Leine. Dann ein zweites, ein drittes Mal.

Der Knoten hielt.

Da begann Lapra, an seiner Leine zu nagen. Lipi verstand und tat dasselbe.

Faser um Faser wurde schwächer.

Schließlich war Lapra frei. Sofort biss er Lipis Leine durch, und beide Hunde rannten den Hang hinauf.

Sie schossen durch das Gras, sprangen über einen schmalen Bach, liefen um einen Felsen und hörten wieder das Lied.

Wenige Minuten später standen sie bei ihrem Herrn.

„Gut gemacht“, keuchte er. „Jetzt helft mir noch mit diesem Knoten.“

Lipi zog an einer Seite des Seils, Lapra an der anderen. Der junge Mann drehte seine Hände, bis die Schlinge endlich locker wurde.

Er war frei.

Der ältere Bruder, der inzwischen fast wieder an der Quelle war, blickte zurück. Als er die beiden Hunde bei seinem Bruder sah, bekam er Angst.

Lipi bellte laut.

Lapra stellte sich vor seinen Herrn, griff den anderen Bruder jedoch nicht an.

Der Ältere wich zurück.

„Ruf die Hunde zurück!“

„Sie greifen dich nicht an“, sagte der Jüngere ruhig. „Solange du mich nicht angreifst.“

Gerade weil die Worte so ruhig waren, schämte sich der Ältere umso mehr.

Am Abend kehrten sie alle ins Dorf zurück. Der Jüngste verschwieg nichts und erzählte seinen Brüdern, was geschehen war.

Eine schwere Stille fiel über die Familie.

„Du hättest um Hilfe bitten können“, sagte einer zum Ältesten.

„Du hättest sagen können, dass es dir schlecht geht“, ergänzte ein anderer.

„Du hättest von ihm lernen können“, sagte der dritte. „Stattdessen wolltest du ihm wegnehmen, was er sich erarbeitet hat.“

Der Älteste saß mit gesenktem Kopf.

Schließlich sagte er:

„Ich habe den Neid für mich sprechen lassen. Ich habe etwas getan, wofür ich mich schäme.“

Er gab alles zurück, was er bereits vom Feld des Jüngeren genommen hatte, und bot selbst an, den Schaden zu reparieren.

In den nächsten Wochen kam der älteste Bruder jeden Morgen früh zum jüngeren. Gemeinsam trugen sie Wasser, stützten schwere Äste, reparierten den Zaun und pflanzten junge Bäume um.

Zuerst redeten sie kaum.

Eines Morgens fragte der Ältere:

„Wie hast du es geschafft, dass dieser steinige Boden so fruchtbar wurde?“

Der Jüngere lächelte.

„Willst du es wirklich wissen?“

„Ja.“

„Dann arbeiten wir heute nicht gegeneinander, sondern zusammen.“

Von da an ging es der ganzen Familie besser. Der Jüngste teilte sein Wissen über den schwierigen Boden, und der Älteste schämte sich nicht mehr, um Rat zu fragen.

Lipi und Lapra wurden natürlich die berühmtesten Hunde des Dorfes.

Wenn sie die Straße entlangliefen, sangen die Kinder lachend:

„Lipi, Lapra, treue zwei, über den kleinen Hügel herbei, eilt hinauf, wenn Freunde rufen, lasst sie nie allein in Nöten!“

Der jüngste Bruder strich den Hunden dann über den Kopf und fügte hinzu:

„Ein treuer Freund kommt, wenn man ruft. Noch besser ist es, wenn eine Familie miteinander redet, bevor überhaupt jemand um Hilfe rufen muss.“

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨