Cover: Litill, Tritill, die Vögel und der Bauernjunge

Island

Litill, Tritill, die Vögel und der Bauernjunge

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Island
Alter
5–9 Jahre
Dauer
13 Min.
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Litill, Tritill, die Vögel und der Bauernjunge

In einem fernen nördlichen Land lebten ein König und eine Königin mit ihrer einzigen Tochter, Prinzessin Enid.

Enid liebte Musik. Jeden Tag spielte sie auf einer kleinen Harfe. Wenn ihre Finger die Saiten berührten, wurden sogar die Vögel im königlichen Garten still.

Eines Tages geschah etwas Seltsames.

Die Dienerinnen verließen nur für einen Augenblick das Zimmer. Als sie zurückkamen, lag die Harfe auf dem Stuhl, das Fenster war geschlossen, die Tür ebenfalls, aber Enid war verschwunden.

Man suchte in den Gärten, in der Stadt, an den Ufern des Fjords und auf den Bergwegen.

Der König schickte Reiter in alle Richtungen.

Keiner fand eine Spur.

Schließlich verkündete der König:

„Wer Enid findet und sicher nach Hause bringt, dem werde ich danken, so gut ich nur kann.“

Viele Mutige zogen los.

Viele kamen ohne Ergebnis zurück.

Nicht weit vom Schloss lebten in einer einfachen Bauernhütte drei Brüder: Osmund, Tostig und der jüngste, Harald.

Osmund und Tostig hielten sich für große Abenteurer. Sie prahlten gern und stritten darüber, wer stärker sei. Die meiste Arbeit zu Hause ließen sie Harald erledigen.

Harald war ruhig.

Er redete nicht groß über zukünftige Heldentaten.

Aber was er anfing, brachte er zu Ende.

Zuerst zog Osmund in die Welt.

Seine Mutter gab ihm feste Stiefel, sein Vater einen guten Mantel. In der Tasche lagen Brot, Käse und getrockneter Fisch.

Nach langem Weg setzte Osmund sich auf einem Hügel zum Essen.

Da erschien ein winziger grauhaariger Mann in grauer Kleidung.

„Teilst du ein Stück Brot mit mir?“, fragte er. „Ich habe heute noch nichts gegessen.“

„Geh weiter“, brummte Osmund. „Ich brauche meine Kräfte selbst.“

Hinter dem zweiten Hügel begegnete er einem noch kleineren Mann in Grün.

Auch dieser bat um eine Kleinigkeit.

Osmund schickte ihn fort.

Auf einer Waldlichtung kamen hungrige Vögel zu ihm.

„Fort mit euch!“, rief Osmund und jagte sie weg.

Am Abend fand er eine riesige Höhle.

Darin war es warm. Es gab Ställe, und weiter hinten muhten Kühe.

Bald kam die Besitzerin zurück, eine gewaltige Riesin.

„Du darfst übernachten“, sagte sie. „Aber morgen erledigst du eine Arbeit für mich.“

Am Morgen sollte er den Stall ausmisten und frisches Stroh auslegen.

„Wenn du bis zum Abend nicht fertig bist, bleibst du lange bei mir.“

Osmund nahm die Mistgabel.

Kaum steckte er sie in die alte Streu, klebte sie am Boden fest.

Er zog.

Er drehte.

Er fluchte.

Nichts half.

Am Abend berührte die Riesin ihn mit einem Finger.

Sofort wurde er zu einer stillen steinernen Figur an der Wand.

Später zog Tostig los.

Mit ihm geschah fast dasselbe.

Er teilte sein Essen nicht.

Er verscheuchte die Vögel.

Und in der Höhle konnte auch er die verzauberte Gabel nicht bewegen.

Die Riesin berührte ihn.

Neben der ersten Steinfigur stand nun eine zweite.

Schließlich machte sich Harald auf den Weg.

Er bekam alte Stiefel und einige trockene Brotrinden.

„Das reicht“, sagte er. „Solange die Füße gehen und das Herz nicht faul wird.“

Auf dem ersten Hügel setzte er sich.

Da erschien der kleine grauhaarige Mann.

„Hast du etwas für einen alten Reisenden?“

Harald sah auf seine trockenen Brotrinden.

„Sie sind hart. Aber wenn wir sie teilen, sind sie bestimmt weicher. Setzt Euch.“

Sie brachen das Brot und aßen zusammen.

Beim Abschied sagte der Alte:

„Ich heiße Tritill. Wenn du in Not gerätst, ruf mich.“

Dann verschwand er im Nebel.

Auf dem zweiten Hügel traf Harald den kleinen Mann in Grün.

Auch mit ihm teilte er sein Brot.

„Ich bin Litill“, sagte der Fremde. „Merke dir meinen Namen. Güte kehrt manchmal genau dann zurück, wenn man nicht mehr damit rechnet.“

Auf einer Lichtung umringte Harald ein ganzer Schwarm Vögel.

Spatzen, Drosseln, Meisen und kleine dunkle Vögel hüpften um ihn herum und sahen auf seine Tasche.

Harald lachte.

„Was für eine Gesellschaft. Offenbar essen wir heute zusammen.“

Er zerbröselte sein letztes Brot auf dem Moos.

Als alles gefressen war, setzte sich der größte Vogel auf seine Schulter.

„Ruf uns, wenn du uns brauchst. Wo wir auch fliegen, wir hören dich.“

Am Abend erreichte Harald die Höhle.

Sofort entdeckte er die beiden Steinfiguren.

„Osmund! Tostig!“

Die Brüder bewegten sich nicht.

Harald wollte fliehen.

Dann dachte er:

Wenn ich jetzt gehe, erfahre ich nie, wie ich sie retten kann.

Er wartete auf die Riesin und bat um Unterkunft.

Am Morgen bekam er dieselbe Aufgabe.

Harald arbeitete mit aller Kraft.

Doch auch seine Gabel klebte am Boden fest.

Da erinnerte er sich.

„Tritill, wenn du mich hörst, hilf mir!“

Im selben Augenblick stand der kleine Mann in Grau neben ihm.

Er klatschte in die Hände.

Sofort begann die Mistgabel von selbst zu arbeiten. Die Schaufel trug die alte Streu fort. Der Besen fegte. Frisches Stroh legte sich ordentlich aus.

Am Abend glänzte der Stall vor Sauberkeit.

Die Riesin kam zurück.

„Das hast du nicht allein getan. Aber die Arbeit ist erledigt.“

Am nächsten Morgen brachte sie ein gewaltiges Federbett und zwei Kissen.

„Lüfte alle Federn in der Sonne und bring jedes einzelne wieder zurück.“

Harald legte die Federn vorsichtig ins Gras.

Der Himmel war klar.

Plötzlich kam hinter den Felsen Wind auf.

Huuuusch!

Die weißen Federn flogen in alle Richtungen.

„Litill! Tritill! Vögel! Helft mir!“

Von überall kam Zwitschern.

Vögel flogen herbei, einzeln, paarweise und in ganzen Schwärmen.

Einer brachte eine Feder im Schnabel.

Ein anderer holte eine aus einem Busch.

Ein dritter fischte eine aus dem Bach.

Litill und Tritill hielten die Kissenbezüge offen und zählten.

Am Abend waren die Kissen wieder voll.

Die Riesin kontrollierte alles.

„Wieder nicht allein. Aber ich werde nicht streiten.“

Am dritten Tag stellte sie die schwierigste Aufgabe.

„Ich habe fünfzig Ochsen. Einer soll morgen verreisen, aber ich verrate nicht welcher. Finde ihn, bürste ihn, tränke ihn und bereite das Geschirr vor. Repariere außerdem aus dem alten Leder in der Kammer eine Reisetasche und mach aus zwei Hörnern Löffel.“

Harald ging an allen fünfzig Ochsen vorbei.

Einer schwarz.

Einer rot.

Einer gescheckt.

Keine erkennbare Spur.

„Litill, Tritill, ich glaube, diesmal brauche ich euch wieder.“

Die Freunde erschienen.

Litill führte ihn sofort zu einem großen grauen Ochsen.

„Der hier.“

„Woher weißt du das?“

„Schau auf die Hufe. Drei sind sauber, einer trägt frischen Schlamm von der Straße. Die Riesin hat ihn schon einmal hinausgeführt, um dich zu testen.“

Harald lachte.

„Also keine Magie. Nur Aufmerksamkeit.“

„Die beste Magie heißt oft genau so“, sagte Tritill.

Gemeinsam erledigten sie alles.

Vor dem Abschied gaben ihm die beiden einen Rat:

„Die Riesin wird eine Belohnung versprechen. Bitte um drei Dinge: das, was über ihrem Bett verborgen ist, das, was in der Truhe daneben liegt, und das, was hinter der Wand hinter dem Bett ist.“

Am Abend prüfte die Riesin alles.

„Du hast alle drei Aufgaben bestanden. Bitte um deine Belohnung.“

Harald nannte die drei Dinge.

Die Riesin seufzte schwer.

Zuerst öffnete sie eine unsichtbare Tür über ihrem Bett.

Dahinter saß ein Mädchen mit einer Harfe auf den Knien.

„Enid!“, rief Harald.

Die Prinzessin stand auf.

„Ich wusste, dass mich jemand finden würde. Die Riesin hielt mich hier, weil sie jeden Abend meine Musik hören wollte.“

Dann öffnete die Riesin die Truhe.

Darin lagen Gold, Perlen und Edelsteine.

Schließlich schob sie das Bett beiseite und drückte auf einen Stein in der Wand.

Die Wand öffnete sich.

Dahinter lag ein blaues Meer. Am Ufer wartete ein wunderschönes Schiff mit gesetzten Segeln.

„Es kennt selbst den Weg, den sein Besitzer ihm nennt“, sagte die Riesin.

In diesem Moment erklang ein heller Ton durch die Höhle.

Die beiden Steinfiguren bewegten sich.

Osmund und Tostig wurden wieder lebendig.

„Was ist passiert?“, fragten sie.

„Euer Zauber hielt so lange, bis jemand alle Aufgaben ohne Grausamkeit und Betrug löste“, sagte die Riesin. „Euer Bruder hat es geschafft.“

Osmund und Tostig senkten die Köpfe.

Nun verstanden sie, warum gerade Harald Hilfe bekommen hatte.

Harald, Enid und seine beiden Brüder gingen zum Schiff.

„Nach Hause“, sagte Harald.

Die Segel füllten sich mit Wind.

Das Schiff glitt über das Wasser.

Als es den Hafen erreichte, läuteten alle Glocken.

König und Königin liefen ihrer Tochter entgegen und vergaßen dabei Kronen und höfische Regeln.

Enid umarmte sie.

Später gab es ein großes Fest.

Der König bot Harald Gold, Land und Ämter an.

Harald sagte:

„Einen Teil des Schatzes möchte ich meinen Eltern geben, damit sie nicht mehr in Armut leben. Einen Teil denen, die Hilfe brauchen. Und ich selbst möchte lernen, wie man ein Land gut verwaltet, wenn Ihr es erlaubt. Die Reise hat mir gezeigt, wie viel ich noch nicht weiß.“

Der König stimmte zu.

Auch Osmund und Tostig veränderten sich.

Bevor sie nun einen Hungrigen wegschickten oder Vögel aus dem Hof jagten, erinnerten sie sich an die beiden Hügel und die Waldlichtung.

Litill und Tritill zeigten sich danach nicht mehr.

Zumindest glaubte Harald das.

Doch manchmal, wenn er mit Enid durch den Garten ging und sie auf ihrer Harfe spielte, hörte man ein leises Kichern aus den Büschen.

Und über ihnen erschien plötzlich ein vertrauter Vogelschwarm.

Harald lächelte und streute Krümel aus.

Denn er wusste:

Hilfe kommt nicht immer vom Stärksten.

Manchmal fliegt sie auf kleinen Flügeln.

Manchmal trägt sie eine grüne Jacke.

Und manchmal beginnt sie mit einer halben trockenen Brotrinde, die du ohne Zögern geteilt hast.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨