Cover: Der Nussknacker

Weltweit

Der Nussknacker

Am Weihnachtsabend herrschte im Haus der Familie Stahlbaum jene besondere Aufregung, bei der selbst eine gewöhnliche Tür wie der Eingang zu einem Geheimnis wirkt.

Land
Weltweit
Alter
7–11 Jahre
Dauer
13 Min.
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Der Nussknacker

Am Weihnachtsabend herrschte im Haus der Familie Stahlbaum jene besondere Aufregung, bei der selbst eine gewöhnliche Tür wie der Eingang zu einem Geheimnis wirkt.

Marie und ihr Bruder Fritz versuchten seit dem Morgen zu erraten, was sich hinter der verschlossenen Tür des großen Wohnzimmers befand.

„Ich habe gehört, wie dort etwas gepoltert hat“, flüsterte Fritz.

„Papa hat bestimmt einen Stuhl verrückt“, antwortete Marie.

„Oder eine Kanone.“

„Wozu brauchen wir im Wohnzimmer eine Kanone?“

„Für meine Soldaten natürlich.“

Marie lachte.

Die Kinder wussten, dass am Abend die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet und die Türen geöffnet würden. Am meisten warteten sie jedoch auf das Geschenk ihres Paten Drosselmeier.

Der Pate war ein wunderlicher Meister. Er konnte Uhren reparieren und baute mechanische Schlösser, kleine Paläste, Vögel, die mit dem Kopf nickten, und Figuren, die von selbst tanzten, wenn man einen Schlüssel aufzog.

Endlich klingelte ein Glöckchen.

Die Türen öffneten sich.

Mitten im Zimmer strahlte der Weihnachtsbaum, geschmückt mit goldenen Nüssen, Äpfeln, Süßigkeiten und kleinen Kerzen. Darunter lagen die Geschenke.

Fritz fand sofort eine neue Truppe Soldaten und ein Holzpferd. Marie bekam eine Puppe im Festkleid und ein kleines Geschirrset.

Pate Drosselmeier aber hatte ein ganzes mechanisches Schloss mitgebracht. Darin gingen winzige Damen und Herren durch die Säle, während Musiker immer dieselbe Melodie spielten.

Fritz war ungefähr fünf Minuten lang begeistert.

„Können sie nach draußen gehen?“, fragte er.

„Nein.“

„Können sie kämpfen?“

„Nein.“

„Können sie etwas anderes spielen?“

„Auch nicht.“

„Dann sind sie langweilig.“

Drosselmeier tat, als sei er schrecklich beleidigt, doch seine Augen lachten.

Etwas später bemerkte Marie unter dem Weihnachtsbaum noch ein Geschenk.

Es war eine kleine Holzfigur in einer leuchtenden Uniform. Der Kopf wirkte etwas groß, der Kiefer war breit, und unter der Mütze schaute weißes Haar hervor.

„Wer ist das?“, fragte Marie.

„Ein Nussknacker“, antwortete ihr Vater. „Mit ihm knackt man Nüsse.“

Fritz gab ihm sofort die größte Nuss, die er finden konnte. Es knackte, und ein Teil des hölzernen Kiefers hing schief.

„Fritz!“, rief Marie. „Sei vorsichtiger!“

Sie nahm den Nussknacker in die Arme, verband seinen Kiefer mit einem weißen Band und setzte ihn zu ihren Puppen.

„Hab keine Angst“, flüsterte sie. „Ich werde dich wieder in Ordnung bringen.“

Drosselmeier, der in der Nähe stand, kniff seltsam die Augen zusammen.

„Pass gut auf ihn auf, Marie. Vielleicht ist er wichtiger, als er aussieht.“

Am Abend sollten die Kinder schlafen gehen. Doch Marie bat darum, noch eine Minute bei den Spielsachen bleiben zu dürfen.

Sie setzte den Nussknacker in den Glasschrank, deckte ihn mit einem kleinen Tuch zu und wollte gerade gehen, als die große Uhr zwölf zu schlagen begann.

Bumm.

Bumm.

Bumm.

Beim zwölften Schlag raschelte etwas im Zimmer.

Marie erstarrte.

Unter dem Schrank erschien eine graue Mäuseschnauze. Dann eine zweite. Eine dritte. Bald liefen Dutzende kleine Mäuse über den Boden und stellten sich in seltsamen Reihen auf.

In ihrer Mitte erschien der Mäusekönig. Auf seinem Kopf glänzten sieben kleine Kronen.

Da öffnete sich der Glasschrank von selbst.

Der Nussknacker richtete sich auf.

„Soldaten, zu mir!“, rief er.

Fritz' Spielzeugdragoner erwachten zum Leben. Hinter ihnen marschierten Zinnhusaren, Puppen und sogar einige Lebkuchenfiguren.

Ein großes Durcheinander begann. Die Mäuse schoben Schachteln umher, die Spielsachen bauten aus Büchern Barrikaden. Die Soldaten hielten sie mit kleinen Holzsäbeln zurück.

Marie konnte sich vor Staunen zunächst nicht bewegen.

Dann sah sie, wie der Mäusekönig auf den Nussknacker zuging.

„Vorsicht!“, rief sie.

Der Nussknacker wich zurück, stolperte über eine Spielzeugtrommel, und die sieben Kronen blitzten schon ganz in seiner Nähe.

Marie nahm ihren weichen Hausschuh und warf ihn zwischen die beiden.

Der Schuh landete genau vor dem Mäusekönig. Er sprang zurück, sein Heer geriet durcheinander, und der Nussknacker konnte wieder aufstehen.

Im nächsten Augenblick wirbelte alles durcheinander. Marie trat zurück, stieß an die Glastür des Schranks und kratzte sich die Hand.

Als sie die Augen wieder öffnete, beugte sich ihre Mutter über sie.

„Du bist beim Spielzeugschrank ohnmächtig geworden“, sagte sie. „Warum bist du nachts noch aufgestanden?“

Marie erzählte von den Mäusen und vom Nussknacker.

Fritz prustete los.

„Meine Soldaten haben ohne mich gekämpft?“

„Das ist nicht lustig!“

Pate Drosselmeier lachte nicht. Er betrachtete nur den verbundenen Nussknacker und sagte:

„Ich glaube, es ist Zeit, dass du eine Geschichte hörst.“

Und er erzählte von Prinzessin Pirlipat.

Vor langer Zeit lebte in einem fernen Königreich eine kleine Prinzessin, die von allen so sehr gelobt wurde, dass die Menschen darüber manchmal vergaßen zu fragen, was sie selbst wollte. Ihre Mutter, die Königin, geriet mit der mächtigen Frau Mauserinks, der Herrin des Mäusevolkes, in Streit. Wegen dieses Streits legte sich ein seltsamer Zauber über den Palast, und Pirlipat veränderte sich so sehr, dass niemand sie wiedererkannte.

Die Hofärzte stritten, die Zauberer wussten keinen Rat. Schließlich fand der Astronom Drosselmeier, ein Vorfahr von Maries Paten, in alten Büchern einen Hinweis.

Nur die außergewöhnlich harte Nuss Krakatuk konnte den Zauber lösen. Sie musste von einem jungen Mann geknackt werden, der sich noch nie rasiert hatte und sein Leben lang Stiefel getragen hatte. Danach sollte er der Prinzessin den Kern reichen und sieben Schritte rückwärtsgehen, ohne zu stolpern.

Viele Jahre suchte man nach der Nuss und dem passenden jungen Mann.

Schließlich fand man Krakatuk, und der richtige junge Mann war ausgerechnet Drosselmeiers eigener Neffe.

Er knackte die Nuss, gab Pirlipat den Kern, und der Zauber begann zu verschwinden.

Der junge Mann machte einen Schritt zurück.

Dann den zweiten.

Den dritten.

Beim siebten huschte plötzlich eine Maus vor seinen Füßen vorbei. Er stolperte.

Der Zauber der Prinzessin war gebrochen, doch ein Teil seiner Kraft ging auf den jungen Mann über. Er verwandelte sich in den Nussknacker.

Pirlipat, die gerade ihre frühere Gestalt zurückbekommen hatte, erschrak und wollte nicht einmal demjenigen zuhören, der sie gerettet hatte.

So verließ der Nussknacker das Königreich.

„Kann man seinen Zauber lösen?“, fragte Marie leise.

„Ja“, antwortete Drosselmeier. „Wenn er den Mäusekönig besiegt und wenn sich ein Mensch findet, der sich wegen seines Äußeren nicht von ihm abwendet.“

In der nächsten Nacht kam der Mäusekönig zu Marie.

„Gib mir deine Süßigkeiten“, zischte er, „dann lasse ich den Nussknacker in Ruhe.“

Marie erschrak und legte einige Bonbons neben den Schrank.

Am Morgen waren sie verschwunden.

In der nächsten Nacht verlangte der Mäusekönig ihre Marzipanfiguren. Danach ihre Bilderbücher.

Marie begriff: Wenn man der Angst immer wieder nachgab, würden die Forderungen niemals aufhören.

Sie erzählte dem Nussknacker alles.

„Gib ihm nichts mehr“, sagte er. „Ich brauche nur ein kleines Schwert.“

Fritz hatte einen alten Spielzeugoberst mit einem beschädigten Säbel. Er war bereit, die Waffe auszuleihen.

In dieser Nacht hörte Marie wieder Lärm.

Am Morgen stand der Nussknacker neben ihrem Bett. Auf seiner Handfläche lagen sieben winzige Kronen.

„Der Mäusekönig wird nicht zurückkommen“, sagte er. „Wir haben vereinbart, dass sein Heer dieses Haus verlässt und niemanden mehr erschreckt.“

„Hast du gewonnen?“

„Ich habe ihm nicht erlaubt, mit der Angst über uns zu bestimmen.“

Der Nussknacker verbeugte sich.

„Und nun, Fräulein Marie, möchtet Ihr mein Land sehen?“

Er führte sie zum alten Kleiderschrank. Dort, wo gewöhnlich der Wintermantel ihres Vaters hing, war plötzlich eine kleine Treppe.

Sie stiegen immer tiefer hinab, bis sie auf eine Wiese gelangten, auf der statt Gras bunte Zuckerblumen wuchsen.

Vor ihnen rauschte der Limonadenfluss, über den eine Brücke aus Mandelgebäck führte. Dahinter lag der Weihnachtswald: An jedem Baum hingen silberne Glöckchen, und unter den Zweigen glänzten goldene Nüsse.

„Das ist das Land der Süßen Gärten“, sagte der Nussknacker.

Weiter vorn lag eine Stadt mit Karamelltürmen, honigfarbenen Häusern und Dächern, die wie Waffeln aussahen. Auf dem Platz begrüßten sie die Bewohner: Puppen, Holztiere, Marzipanhirten und winzige Musiker.

Alle freuten sich über die Rückkehr des Nussknackers.

„Unser Prinz!“, riefen sie.

Marie sah ihren Freund erstaunt an.

„Du bist ein Prinz?“

„Das war ich einmal. Doch solange der Zauber nicht vollständig gelöst ist, bleibe ich der Nussknacker.“

Im Palast veranstaltete man für Marie ein Fest. Sie sah den Mandelmilchsee, kleine Boote aus Nussschalen und einen Garten, in dem statt Beeren kleine Bonbons an den Sträuchern wuchsen.

Doch etwas anderes blieb ihr noch stärker in Erinnerung.

Hier wirkte der Nussknacker ganz anders. Er war keine unbeholfene Spielfigur. Er kannte jede Straße, wusste die Namen der Bewohner und blieb stehen, um jedem zuzuhören, der Hilfe brauchte.

Marie dachte: „Wie seltsam, dass zu Hause alle nur seinen großen Kopf und seine Zähne gesehen haben.“

Gegen Morgen wurde sie müde und setzte sich auf ein kleines Sofa.

Als sie erwachte, lag sie in ihrem eigenen Bett.

„Ich war in einem Zauberland!“, erzählte sie beim Frühstück.

Fritz verdrehte die Augen.

Ihre Eltern glaubten, Marie habe alles nur geträumt.

Doch auf dem Tisch neben ihrem Bett lagen sieben kleine Kronen.

Einige Tage später kam Pate Drosselmeier mit einem jungen Mann zu Besuch, den Marie noch nie gesehen hatte.

Er war höflich, etwas schüchtern und kam ihr merkwürdig bekannt vor.

„Das ist mein Neffe“, sagte Drosselmeier.

Der junge Mann verbeugte sich vor Marie.

„Danke, dass Ihr Euch nicht von mir abgewandt habt, als ich eine hölzerne Uniform trug.“

Marie schnappte nach Luft.

„Nussknacker!“

Der Zauber war verschwunden.

Nicht weil ihn jemand schön genannt hatte. Und nicht, weil er sieben Kronen gewonnen hatte. Sondern weil ein Mensch in der seltsamen Holzfigur einen Freund gesehen und nicht zugelassen hatte, dass die Angst für ihn entschied.

Drosselmeiers Neffe kam von nun an oft zu den Stahlbaums. Er erzählte Marie von den Süßen Gärten, und Marie wusste nie ganz genau, wo die gewöhnliche Welt endete und die magische begann.

Die Jahre vergingen.

Marie wurde erwachsen. Und als sie selbst entscheiden konnte, welchen Weg sie gehen wollte, bekam sie noch einmal eine Einladung in jenes seltsame Land hinter dem Schrank.

Diesmal ging sie nicht als kleines Mädchen dorthin, das jemand an der Hand führte, sondern als erwachsener Mensch, der seine eigene Entscheidung traf.

Man erzählt, im Palast am Limonadenfluss habe ein großes Fest stattgefunden und über dem Weihnachtswald hätten die silbernen Glöckchen die ganze Nacht geklungen.

Im Haus der Stahlbaums aber stand der alte hölzerne Nussknacker noch lange im Glasschrank.

Fritz behauptete, er sei nur ein Spielzeug.

Marie widersprach ihm nie.

Sie lächelte nur, wenn die große Uhr um Mitternacht zwölf zu schlagen begann.

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