

Weltweit
Die kleine hinkende Füchsin
Hilfreiche Füchsin, Zauberrebe, jüngster Bruder, goldenes Mädchen
- Land
- Weltweit
- Alter
- 6–10 Jahre

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Die kleine hinkende Füchsin
Es lebte einmal ein wohlhabender Bauer, der hatte drei Söhne. Die älteren hielten sich für die Klügsten, denn sie waren stark und geschickt und erzählten gern laut von ihren künftigen Heldentaten. Der jüngste hieß Janko. Er sprach weniger, hörte dafür aber aufmerksam zu: den Menschen, den Vögeln und sogar dem Rascheln der Blätter am Weg.
Der Vater besaß etwas, das ihm teurer war als sein ganzer Hof: eine Zauberrebe. Sie wuchs neben dem Haus und trug zur rechten Zeit Trauben, aus denen man süßen, duftenden Saft gewann. Doch eines Morgens war die Rebe verschwunden.
Seitdem war der Vater traurig. Eines seiner Augen schien zu lachen, wenn er seine Söhne ansah, denn er freute sich, dass sie bei ihm waren. Das andere schien zu weinen, weil er an die verlorene Rebe dachte.
Der älteste Sohn sagte:
„Ich werde sie finden!“
Und er machte sich auf den Weg.
Nach einem Tag begegnete er einer kleinen roten Füchsin. Sie hinkte ein wenig auf einer Pfote.
„Guter Junge“, bat sie, „teile ein Stück Brot mit mir. Ich habe lange nichts gegessen.“
„Geh weiter“, sagte der Älteste abweisend. „Ich habe etwas Wichtiges zu tun.“
Der zweite Bruder, der ihm gefolgt war, traf dieselbe Füchsin und antwortete beinahe ebenso.
Schließlich machte sich Janko auf den Weg.
Als die Füchsin um etwas zu essen bat, setzte er sich ins Gras, öffnete seinen Beutel und sagte:
„Ich habe nicht viel. Aber wenn wir es in zwei Hälften teilen, reicht es für uns beide.“
Er brach ihr die Hälfte seines Brotes ab und gab ihr ein Stück Käse.
Die Füchsin aß, leckte sich die Schnurrhaare und sprach plötzlich mit einer ganz anderen, hellen Stimme:
„Du bist an jemandem, der schwächer ist, nicht vorbeigegangen. Dafür werde ich dir helfen. Ich weiß, wo die Zauberrebe deines Vaters ist.“
Janko staunte, fürchtete sich aber nicht.
„Gehen wir“, sagte er.
Die Füchsin führte ihn durch den Wald zu einem großen Garten hinter einem hohen Zaun.
„Die Rebe ist dort“, flüsterte sie. „Am Tor stehen Wächter. Merke dir etwas Seltsames: Wenn es aussieht, als blickten sie dich direkt an, schlafen sie. Wenn sie aber die Augen schließen, lauschen sie. Und noch etwas: Nimm nur das, wofür du gekommen bist. Lass dich nicht von glänzenden Dingen verführen.“
Janko nickte.
Leise schlich er in den Garten und sah die Zauberrebe. Daneben lagen zwei Gartenmesser: ein schlichtes aus Eisen und ein goldenes, mit Edelsteinen verziertes.
Für eine solche Rebe ist nur das goldene gut genug, dachte Janko und vergaß den Rat der Füchsin.
Kaum berührte er das goldene Messer, klingelte ein Glöckchen. Die Wächter erwachten und brachten den Jungen zu dem König, dem der Garten gehörte.
Der König hörte Janko an und sagte:
„Ich gebe dir die Rebe. Aber zuerst musst du mir den Apfelbaum bringen, der goldene Äpfel trägt. Er steht im benachbarten Königreich.“
Niedergeschlagen kehrte Janko zur Füchsin zurück.
„Ich habe alles verdorben.“
„Nicht alles“, antwortete sie. „Der Weg ist bloß länger geworden. Man lernt nicht dadurch, dass man niemals Fehler macht, sondern dadurch, dass man nach einem Fehler aufmerksamer zuhört.“
Sie zogen weiter.
Bald erreichten sie den zweiten Garten. Wieder sagte die Füchsin:
„Nimm den goldenen Apfelbaum in seinem einfachen Holzeimer mit. Setze ihn nicht in den goldenen Kübel um, wie schön der auch glänzen mag.“
Janko schlich in den Garten, fand den Baum und hob bereits den schlichten Eimer an. Da sah er daneben den goldenen Kübel.
Kann ein so wundersamer Apfelbaum denn in gewöhnlichem Holz stehen?, dachte er.
Kaum hatte er den Baum umgesetzt, klingelten die silbernen Anhänger am Kübel. Wieder wurde er entdeckt.
Der zweite König sagte:
„Ich gebe dir den Apfelbaum, wenn du mir das goldene Pferd holst, das schneller ist als der Wind.“
Janko seufzte.
Die Füchsin schüttelte nur den Kopf:
„Diesmal kennst du deine Schwäche schon. Glanz kann sehr laut sein, während das Richtige oft ganz leise ist.“
Sie gingen in das dritte Königreich.
Im Stall stand ein goldenes Pferd. Daneben hingen zwei Zaumzeuge: ein einfaches aus Leder und eines, das ganz mit Gold geschmückt war.
„Nimm das schlichte“, erinnerte ihn die Füchsin.
Janko streckte die Hand nach dem einfachen Zaumzeug aus. Doch das goldene Pferd war so prächtig, dass der Junge wieder dachte: Das goldene würde ihm doch besser stehen.
Das goldene Zaumzeug klirrte, das Pferd wieherte, und die Stallknechte kamen angelaufen.
Der dritte König hörte Janko an und sagte:
„Gut. Bring das Goldene Mädchen aus dem fernen Schloss an meinen Hof. Wenn sie selbst bereit ist zu kommen, gehört das Pferd dir.“
Diesmal kam Janko ganz beschämt zur Füchsin zurück.
„Dreimal habe ich nicht auf dich gehört.“
„Und jetzt wirst du zuhören?“, fragte sie.
„Jetzt werde ich zuhören.“
Die Füchsin lächelte.
Lange wanderten sie durch die Berge, bis sie schließlich das Schloss erreichten, in dem das Goldene Mädchen lebte. So nannte man sie nicht wegen Gold oder Schmuck, sondern wegen ihres Haars, das in der Sonne warm golden schimmerte.
Janko versteckte sich nicht. Er bat darum, mit ihr sprechen zu dürfen, und erzählte ehrlich die ganze Geschichte: von seinem Vater, der Rebe, seinen drei Fehlern und der seltsamen Reihe von Aufgaben.
Das Goldene Mädchen hörte ihm zu und lachte:
„Du bist also meinetwegen gekommen, weil ein König ein Pferd braucht, ein anderer einen Apfelbaum, ein dritter eine Rebe und du nur die Rebe für deinen Vater?“
„So scheint es“, sagte Janko verlegen. „Aber du schuldest niemandem etwas. Wenn du nicht mitkommen möchtest, gehe ich allein.“
Das Mädchen betrachtete ihn aufmerksam.
„Ich komme mit. Nicht wegen dieses Königs. Ich wollte schon lange die Welt sehen. Und ich möchte herausfinden, ob du wirklich gelernt hast zuzuhören.“
Sie nahmen auch eine kleine goldene Wiege mit, ein altes Erbstück ihrer Familie, das sie nicht im Schloss zurücklassen wollte.
Auf dem Rückweg erklärte die Füchsin ihren Plan.
„Wir geben niemandem einen Menschen wie einen Gegenstand. Und wir lassen das Goldene Mädchen nicht dort zurück, wo sie nicht leben möchte. Ich werde mit ein wenig Zauber nachhelfen.“
Als sie beim dritten König ankamen, verwandelte die Füchsin sich für kurze Zeit in ein genaues Abbild des Goldenen Mädchens. Der König glaubte, die Bedingung sei erfüllt, und gab Janko das goldene Pferd. Sobald Janko, das wirkliche Goldene Mädchen und das Pferd fort waren, schlüpfte die Füchsin aus dem Palast und holte sie ein.
Im zweiten Königreich wurde sie für kurze Zeit zum goldenen Pferd. Janko bekam den goldenen Apfelbaum, und die Füchsin entkam wieder und schloss sich ihren Freunden an.
Im ersten Königreich verwandelte sie sich in den goldenen Apfelbaum. Janko erhielt die Zauberrebe, und danach nahm die Füchsin wieder ihre wirkliche Gestalt an.
„Jetzt“, sagte sie, „haben wir alles, was zu seinen Besitzern zurückkehren sollte, und niemand ist zur Belohnung eines anderen geworden.“
Janko dankte ihr so aufrichtig, dass die Füchsin sogar den Blick abwandte.
Auf dem Heimweg begegneten sie den älteren Brüdern. Diese hatten fast die ganze Zeit in den Städtchen am Weg verbracht und nichts gefunden. Als sie Janko mit der Zauberrebe, dem goldenen Pferd, dem Apfelbaum und dem Goldenen Mädchen sahen, erwachte Neid in ihren Herzen.
Bei einer Rast an einem alten Brunnen lockten die Brüder Janko mit einer List an den Rand und stießen ihn hinein. Zum Glück war der Brunnen längst ausgetrocknet. Janko fiel auf einen Vorsprung, hielt sich an Wurzeln fest und blieb unverletzt. Allein kam er aber nicht heraus.
Die Brüder nahmen die Rebe und eilten nach Hause. Sie hofften, sie als ihren eigenen Fund ausgeben zu können.
Das Goldene Mädchen weigerte sich, mit ihnen zu gehen.
„Ihr könnt Dinge tragen“, sagte sie, „aber mich tragt ihr nirgendwohin. Ich bleibe hier.“
Auch das goldene Pferd bäumte sich auf und ließ sich nicht fortführen.
Die kleine Füchsin aber lief schon zum Brunnen.
„Janko! Halt dich fest!“
Sie fand eine lange Ranke, rief das Goldene Mädchen, und gemeinsam zogen sie den Jungen heraus.
„Es sieht so aus“, sagte Janko und klopfte seine Jacke ab, „als hätte ich noch nicht alles gelernt.“
„Niemand lernt alles“, antwortete die Füchsin. „Wichtig ist, nicht damit aufzuhören.“
Als sie nach Hause kamen, hielt der Vater bereits die Zauberrebe, die seine älteren Söhne gebracht hatten. Doch er hatte sofort begriffen, dass ihre Geschichte nicht stimmen konnte. Als Janko erschien, erzählte das Goldene Mädchen die Wahrheit.
Die älteren Brüder senkten die Köpfe. Ihr Vater jagte sie nicht fort, sagte aber:
„Von jetzt an wird jeder für seine Taten einstehen. Vertrauen zurückzugewinnen ist schwerer, als einen goldenen Apfelbaum zu bringen.“
Die Brüder gingen weit von zu Hause fort, um zu arbeiten, und lernten erst mit der Zeit, ehrlicher zu leben.
Die Zauberrebe aber wurde an ihren alten Platz gepflanzt. Das traurige Auge des Vaters hörte auf zu weinen.
Das Goldene Mädchen blieb zu Besuch und beschloss später selbst, dass sie an Jankos Seite sein wollte. Sie wurden gute Freunde und nach langer Zeit eine Familie.
Das Wunderbarste aber geschah mit der Füchsin.
Eines Morgens sagte sie zu Janko:
„Erinnerst du dich an das erste Stück Brot, das du mit mir geteilt hast? Damit hat alles begonnen. Ich war verzaubert und konnte meine wirkliche Gestalt erst wiedererlangen, wenn ich einem Menschen geholfen hatte, der freundlich war, ohne eine Belohnung zu erwarten.“
Sanftes Licht hüllte die Füchsin ein. Einen Augenblick später stand eine junge Frau in einem rötlichen Mantel vor Janko.
„Jetzt bin ich frei“, sagte sie. „Und auch du sollst daran denken: Das Kostbarste unterwegs ist weder Gold noch ein Pferd noch eine Zauberrebe. Das Kostbarste ist, nicht an jemandem vorbeizugehen, der deine Hilfe braucht.“
Sie verabschiedete sich und ging ihren eigenen Weg.
Janko aber legte noch viele Jahre lang, wenn er am Tisch das Brot teilte, immer ein kleines Stück beiseite.
Für den Fall, dass irgendwo in der Nähe wieder eine hinkende Füchsin auftauchte, die einen Freund brauchte.
