

Weltweit
Die kleine Prinzessin
Als Sara Crewe aus Indien nach London kam, war sie sieben Jahre alt. Ihr Vater, Captain Crewe, liebte seine Tochter sehr und wollte, dass sie in einem guten Internat lernte. So kam Sara in die Schule von Miss Minchin, ei
- Land
- Weltweit
- Alter
- 8–13 Jahre
Die kleine Prinzessin
Als Sara Crewe aus Indien nach London kam, war sie sieben Jahre alt. Ihr Vater, Captain Crewe, liebte seine Tochter sehr und wollte, dass sie in einem guten Internat lernte. So kam Sara in die Schule von Miss Minchin, einer strengen Frau, die zu reichen Menschen besonders höflich sein konnte.
Sara besaß tatsächlich alles, wovon die anderen Schülerinnen träumten: schöne Kleider, Bücher, ein eigenes Zimmer und die Puppe Emily, die sie beinahe für lebendig hielt. Doch am liebsten mochte das Mädchen keine Dinge, sondern Geschichten. Sie konnte einen alten Schrank ansehen und sich vorstellen, dass sich dahinter eine Tür zu einem Palast verbarg, oder den Regen vor dem Fenster zum Beginn einer wunderbaren Reise machen.
Schnell freundete sie sich mit Ermengarde an, der das Lernen schwerfiel, und mit der kleinen Lottie, die oft weinte. Sara lachte nie über jemanden, dem etwas nicht gelang. Sie bemerkte auch Becky, die schmale Dienstmagd, die von morgens bis abends arbeitete und vor Erschöpfung manchmal im Sitzen einschlief.
„Komm zu mir, wenn du kannst“, sagte Sara leise. „Ich werde dir Märchen erzählen.“
Becky konnte kaum glauben, dass eine reiche Schülerin mit ihr wie mit ihresgleichen sprach.
Sara hatte ein Lieblingsspiel. Sie stellte sich vor, eine Prinzessin zu sein. Keine, die eine Krone trug und anderen Befehle gab, sondern eine, die auch dann edel bleiben musste, wenn niemand zusah.
„Wenn ich im Inneren wirklich eine Prinzessin bin“, dachte sie, „muss ich nicht nur dann freundlich sein, wenn es mir leichtfällt.“
Zu Saras elftem Geburtstag veranstaltete man ein prächtiges Fest. Doch genau an diesem Tag kam ein Anwalt mit einer schrecklichen Nachricht zu Miss Minchin. Captain Crewe war nach einer Krankheit in Indien gestorben. Vor seinem Tod hatte er fast sein ganzes Geld in Diamantenminen investiert, ein Unternehmen, das verloren schien. Angeblich war von seinem großen Vermögen nichts übrig geblieben.
Für Sara veränderte sich die Welt innerhalb weniger Minuten. Miss Minchin, die sie am Morgen noch ihre beste Schülerin genannt hatte, wurde sofort kühl.
„Du kannst hier nicht mehr wie eine junge Dame leben“, sagte sie. „Wenn du bleiben willst, wirst du für Essen und Unterkunft arbeiten.“
Sara zog in eine kalte Dachkammer neben Beckys kleinem Zimmer. Man nahm ihr die schönen Kleider, und ihr Unterricht endete. Nun machte sie Feuer in den Kaminen, erledigte Besorgungen in der Stadt, half den jüngeren Schülerinnen und ging oft hungrig zu Bett.
Gerade jetzt wurde ihr Spiel zu einer wirklichen Prüfung.
Wenn Miss Minchin sie ungerecht ausschimpfte, ballte Sara die Hände und dachte: „Eine Prinzessin wird nicht unhöflich, nur weil man unhöflich zu ihr ist.“ Wenn es im Zimmer kalt war, stellten Becky und sie sich vor, ihre Dachkammer sei die Unterkunft zweier Reisender, die einen Schneesturm abwarteten. Wenn sie kein Abendessen hatten, beschrieben sie einander erfundene Festmahle so genau, dass sie manchmal sogar lachen mussten.
An einem Regentag fand Sara auf der Straße eine Münze. Sie war furchtbar hungrig und kaufte in einer Bäckerei mehrere warme Brötchen. Doch vor der Tür saß ein noch hungrigeres Kind. Sara hielt inne, sah die Brötchen an und gab dem Mädchen dann fast alle. Nur eines behielt sie selbst.
Die Bäckerin sah es und erinnerte sich lange an das schmale Mädchen in den nassen alten Kleidern.
Inzwischen zog ein kranker Mann namens Mr Carrisford in das Nachbarhaus. Er hatte viele Jahre in Indien gelebt und kehrte mit schwerer Schuld auf dem Herzen nach England zurück. Er war einst Captain Crewes Freund gewesen und hatte ihn überredet, sein Geld in die Diamantenminen zu investieren. Das Unternehmen war schließlich erfolgreich geworden, und der Anteil des Captains hatte sich in ein großes Vermögen verwandelt. Doch als Mr Carrisford die Tochter seines verstorbenen Freundes finden wollte, verlor sich Saras Spur.
Er wusste nicht, dass das Kind, das er suchte, buchstäblich hinter der nächsten Wand lebte.
Mr Carrisfords Diener Ram Dass sah Sara eines Tages durch das Dachfenster. Sein zahmes Äffchen kletterte über das Dach zu dem Mädchen, und Sara gab das Tier sanft seinem Besitzer zurück. Ram Dass bemerkte das kalte, fast leere Zimmer und erzählte Mr Carrisford davon.
Dieser wusste noch nicht, wer das Mädchen war, wollte ihm aber helfen.
Eines Abends kam Sara von ihren Besorgungen zurück und blieb wie erstarrt auf der Schwelle stehen. Im Kamin brannte ein Feuer. Auf dem Tisch stand ein Abendessen. Auf dem Bett lag eine warme Decke, und an der Wand waren Bücher und eine kleine Lampe erschienen.
„Becky!“, flüsterte sie. „Entweder sind wir beide eingeschlafen, oder jemand hat beschlossen, unsere Fantasie wahr werden zu lassen.“
Danach tauchten noch mehrmals geheimnisvolle Geschenke auf. Sara nannte den unbekannten Wohltäter einen Zauberer.
Eines Tages entlief das Äffchen wieder und landete bei Sara. Am nächsten Morgen brachte das Mädchen es selbst zum Nachbarhaus. Mr Carrisford fragte Sara nach Indien, nach ihrem Vater und nach ihrer Schule. Jede Antwort erstaunte ihn mehr.
Als er den Namen Captain Crewe hörte, wurde er blass.
Endlich wurde klar: Das Mädchen, das er so lange in ganz Europa gesucht hatte, hatte die ganze Zeit nebenan gewohnt.
„Sara“, sagte er und konnte seine Aufregung kaum zurückhalten, „dein Vater hat nicht alles verloren. Die Diamantenminen haben einen großen Gewinn gebracht. Ein Teil dieses Vermögens gehört dir. Ich habe dich gesucht, um dir zurückzugeben, was dein ist.“
Sara schwieg einige Sekunden. Sie dachte nicht an Kleider und Kutschen.
„Darf Becky bei mir bleiben?“, fragte sie als Erstes.
So musste Becky nicht mehr bis zur Erschöpfung im Internat arbeiten, und Sara verließ Miss Minchin. Man kaufte ihr wieder schöne Kleider, doch nun erschienen sie ihr weniger wichtig als früher. Sie wusste bereits, dass Reichtum an einem einzigen Tag verschwinden konnte und die Würde eines Menschen nicht von seiner Kleidung abhing.
Bald erinnerte sich Sara an das hungrige Mädchen vor der Bäckerei. Sie kehrte mit Mr Carrisford dorthin zurück und machte der Bäckerin einen einfachen Vorschlag: Wenn ein hungriges Kind an ihre Tür kam, sollte sie ihm Brot oder ein Brötchen geben und die Rechnung Sara schicken.
Die Bäckerin erkannte sie sofort.
„Ich habe oft an Sie gedacht, Miss“, sagte sie. „An jenem Tag waren Sie selbst hungrig und haben trotzdem geteilt.“
Sara lächelte.
Früher hatte sie sich als Prinzessin vorgestellt, um nicht zu vergessen, freundlich zu sein. Jetzt wusste sie: Eine wahre Prinzessin erkennt man weder an ihrem Zimmer noch an ihrem Kleid oder an der Menge ihres Geldes. Man erkennt sie daran, wie sie mit Schwächeren umgeht, wenn niemand sie dazu zwingt, freundlich zu sein.
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