

Weltweit
Der kleine Muck
In der alten Stadt Nikäa lebte ein Mann, den alle nur den kleinen Muck nannten.
- Land
- Weltweit
- Alter
- 7–11 Jahre
- Dauer
- 12 Min.

Märchen anhören
Der kleine Muck
In der alten Stadt Nikäa lebte ein Mann, den alle nur den kleinen Muck nannten.
Er war von kleiner Statur, trug einen großen Turban, einen breiten Gürtel, weite Hosen und riesige Pantoffeln. Deshalb liefen ihm manchmal Kinder durch die Straßen hinterher, erfanden alberne Reime und lachten.
Eines Tages war unter ihnen ein Junge, der sich besonders bemühte, seine Freunde zum Lachen zu bringen. Er trat Muck sogar auf einen Pantoffel, sodass dieser beinahe stürzte.
Muck sagte nichts. Er richtete sich nur auf, sah den Jungen ruhig an und ging weiter.
Am Abend rief der Vater des Jungen seinen Sohn zu sich.
„Ich habe gehört, wie du dich Muck gegenüber benommen hast.“
Der Junge senkte die Augen.
„Ich dachte, es wäre lustig.“
„Dann solltest du seine Geschichte hören. Danach kannst du selbst entscheiden, ob es wirklich etwas zu lachen gab.“
Und der Vater begann zu erzählen.
Der kleine Muck hieß eigentlich Mukra. Sein Vater war arm, aber angesehen. Er lebte zurückgezogen und verstand seinen Sohn nicht immer. Muck wuchs fröhlich und vertrauensvoll auf und träumte von fernen Ländern, doch er hatte weder Lehrer noch jemanden, der ihm gute Ratschläge gab.
Als er sechzehn Jahre alt war, starb sein Vater unerwartet. Die Verwandten verkauften fast den ganzen Besitz, um die Schulden zu begleichen, und Muck blieben nur die alten Kleider seines Vaters.
Der Vater war viel größer gewesen, deshalb sahen die Sachen an Muck ungewöhnlich aus: Der Turban war zu groß, die Hosen viel zu weit, und den Mantel musste er kürzen.
Muck ließ sich davon nicht entmutigen.
„Vielleicht finde ich gerade in diesen Kleidern mein Glück“, sagte er.
Er nahm einen Stock und machte sich auf den Weg.
Die ersten Tage waren schwer. Muck wanderte unter der heißen Sonne, schlief unter freiem Himmel und ernährte sich von wilden Früchten. Trotzdem kam ihm jeder glitzernde Stein wie ein Edelstein vor und jede Kuppel einer fernen Stadt wie das Tor zu einem Zauberland.
Am dritten Tag sah er eine große Stadt.
Auf dem Platz hörte Muck eine Frauenstimme:
„Kommt her, meine Lieben! Kommt her, meine Schönen! Das Essen ist fertig!“
Aus allen Straßen rannten Katzen auf ein einziges Haus zu. Große und kleine, weiße, rote und gestreifte. Hinter ihnen kamen auch einige Hunde.
Der hungrige Muck dachte, die Hausherrin lade jeden zum Essen ein, und folgte den Tieren.
Eine ältere Frau namens Frau Ahavzi öffnete die Tür.
„Was willst du hier?“
„Ich habe die Einladung zum Essen gehört.“
Sie lachte.
„Ich habe meine Tiere gerufen. Aber wenn du schon hier bist, kannst du mir helfen. Es gibt genug Arbeit.“
So blieb Muck in ihrem Haus.
Jeden Morgen fütterte er Katzen und Hunde, räumte die Zimmer auf, trug Wasser und achtete darauf, dass die Tiere nichts kaputt machten.
Besonders eng freundete er sich mit einem kleinen Hund an.
Das Problem war nur, dass die Katzen sich keineswegs gut benahmen. Sobald die Hausherrin nicht da war, sprangen sie auf Regale, warfen Vasen um, zogen Garn durch die Zimmer und ließen Geschirr fallen.
Und jedes Mal bekam Muck die Schuld.
„Du warst schon wieder unaufmerksam!“, schimpfte Frau Ahavzi.
„Aber die Katzen …“
„Meine Kätzchen würden so etwas niemals tun.“
Muck hielt lange durch. Doch eines Tages begriff er, dass die Hausherrin ihm für seine Arbeit nichts bezahlen wollte und ihm ohnehin kein Wort glauben würde.
Da zog der kleine Hund Muck am Mantelsaum und führte ihn zu einem verschlossenen Zimmer. Die Tür öffnete sich zufällig, und Muck sah dort viele seltsame Dinge.
Darunter standen riesige Pantoffeln und ein schlanker Stock mit geschnitztem Griff.
„Meine alten Schuhe sind völlig abgetragen“, dachte Muck. „Ich nehme die Pantoffeln als Lohn für die vielen Monate Arbeit. Und der Stock wird mir auf der Reise nützlich sein.“
Er hinterließ der Hausherrin eine Nachricht, in der er erklärte, dass er fortgehe und die beiden Dinge als ausstehenden Lohn mitnehme, und verließ die Stadt.
Kaum hatte Muck die Pantoffeln angezogen, da trugen sie ihn von selbst vorwärts.
„Halt!“, rief er.
Die Pantoffeln blieben stehen.
Muck betrachtete sie erstaunt.
In der Nacht träumte er von dem kleinen Hund.
„Du weißt noch gar nicht, was für Dinge das sind“, sagte der Hund im Traum. „Wenn du dich in den Pantoffeln dreimal auf der Ferse drehst, tragen sie dich dorthin, wohin du willst. Und der Stock findet Schätze: Über Gold klopft er dreimal auf den Boden, über Silber zweimal.“
Als Muck aufwachte, wollte er den Traum sofort prüfen.
Er zog die Pantoffeln an, drehte sich dreimal und dachte an die nächste Stadt.
Der Wind pfiff ihm um die Ohren.
Muck sauste so schnell davon, dass die Bäume am Wegesrand zu einem grünen Streifen verschwammen.
„Langsamer!“, bat er.
Die Pantoffeln wurden sofort langsamer.
Nun besaß Muck einen echten Schatz, doch er wollte sein Geld ehrlich verdienen. In der Hauptstadt hörte er, dass der König einen schnellen Boten suchte.
Zum Wettlauf kamen die besten Läufer. Als sie Muck in den großen Pantoffeln sahen, lächelten sie.
Doch als das Rennen begann, drehte er sich dreimal auf der Ferse und schoss davon. Schon nach einer Minute waren alle anderen weit zurückgeblieben.
Der König ernannte ihn zum obersten Schnellläufer.
Muck erfüllte seine Aufgaben gewissenhaft. Er brachte Briefe schneller ans Ziel als Reiter und konnte an einem einzigen Tag Orte erreichen, für die eine Karawane eine Woche brauchte.
Doch am Hof gab es Neider.
„Warum vertraut der König diesem Neuling so sehr?“, murrten sie.
Eines Abends ging Muck mit seinem Zauberstock im Garten spazieren. Plötzlich schlug er dreimal auf den Boden.
Klopf. Klopf. Klopf.
Muck begann zu graben und fand einen Topf voller Goldmünzen.
Er freute sich und teilte großzügig einen Teil des Goldes mit jenen Höflingen, die sich ständig darüber beklagten, zu wenig Geld zu haben.
Doch dadurch wurde alles nur schlimmer.
„Woher hat er das Gold?“, flüsterten sie. „Bestimmt stiehlt er aus der königlichen Schatzkammer.“
Muck wurde festgenommen.
„Ich habe nichts gestohlen“, wiederholte er. „Mein Stock findet Schätze.“
Der König glaubte ihm nicht.
Da erzählte Muck sowohl von den Pantoffeln als auch von dem Stock.
Der König ließ die Zauberdinge prüfen. Tatsächlich fand der Stock ein weiteres altes Versteck mit Münzen.
Doch statt sich zu entschuldigen, verlangte der König die magischen Dinge für sich.
„Solche Gegenstände gehören einem Herrscher“, erklärte er.
Er nahm Muck die Pantoffeln und den Stock ab und schickte ihn aus dem Land.
Barfuß wanderte Muck die Straße entlang und dachte:
„Ich habe Menschen vertraut, die nur freundlich zu mir waren, solange es ihnen nützte.“
Einige Tage später kam er in einen Wald. Aus Hunger pflückte er ein paar reife Feigen von einem Baum.
Die Feigen waren süß, doch bald bemerkte Muck, dass etwas Seltsames mit ihm geschah.
Seine Ohren wurden lang, und seine Nase zog sich weit nach vorn.
„Was für ein Abenteuer!“, rief er.
Zuerst erschrak Muck. Dann dachte er:
„Wenn eine Feige das bewirkt, kann vielleicht eine andere es wieder rückgängig machen.“
Auf einem benachbarten Baum wuchsen Früchte von etwas anderer Farbe. Er probierte eine.
Und tatsächlich: Ohren und Nase nahmen wieder ihre gewöhnliche Form an.
Muck betrachtete die beiden Bäume und lächelte.
Er hatte einen Plan.
Er füllte einen Korb mit Feigen vom ersten Baum, verkleidete sich als Händler und kehrte in die Hauptstadt zurück.
Beim Palast entdeckte der Koch die seltenen frischen Früchte.
„Der König liebt Feigen! Verkauf mir den ganzen Korb.“
Bald wurden die Feigen an der königlichen Tafel serviert.
Der König aß am meisten davon.
Wenige Minuten später bekam er riesige Ohren und eine lange Nase. Dasselbe geschah mit einigen Höflingen, die mit ihm gegessen hatten.
Im Palast brach große Aufregung aus.
Die Ärzte bestrichen die Nasen mit Salben, legten Umschläge auf und wälzten alte Bücher, doch nichts half.
Da erschien am Tor ein unbekannter Heiler in einem dunklen Mantel und mit einem weißen falschen Bart.
Es war Muck.
„Ich kenne ein Heilmittel“, sagte er.
Er gab einem der Höflinge eine Feige vom zweiten Baum. Sofort wurden dessen Ohren und Nase wieder normal.
Der König sprang auf.
„Heile mich! Du bekommst alles, was du willst.“
„Dann führt mich in die Schatzkammer“, antwortete der vermeintliche Heiler. „Ich muss dort die richtigen Mittel auswählen.“
In der Schatzkammer sah Muck sofort seine Pantoffeln und seinen Stock.
Er nahm den falschen Bart ab.
„Erkennt Ihr mich, Herr?“
Der König wurde rot.
„Muck!“
„Ihr habt mir meine Sachen weggenommen, nachdem Ihr bereits wusstet, dass ich unschuldig war. Nun nehme ich sie zurück.“
Der König wollte nach der Wache rufen, doch Muck hatte die Pantoffeln schon angezogen.
„Keine Sorge“, sagte er. „Ich lasse Euch nicht für immer so. Aber zuerst müsst Ihr meinen guten Namen wiederherstellen und vor dem ganzen Hof die Wahrheit sagen.“
Der König begriff, dass er keine andere Wahl hatte.
Am nächsten Morgen versammelte er die Höflinge.
„Der kleine Muck hat kein Gold gestohlen“, erklärte er. „Ich habe ihn zu Unrecht beschuldigt und ihm genommen, was ihm gehörte. Heute gebe ich meinen Fehler zu.“
Muck gab dem König und den anderen Betroffenen die heilenden Feigen.
Alle wurden wieder gesund.
„Bleib am Hof“, bot der König an. „Ich mache dich zu meinem Ratgeber.“
Muck schüttelte den Kopf.
„Danke. Aber ich weiß inzwischen, dass ich lieber ruhiger leben möchte.“
Er kehrte nach Nikäa zurück. Die Zauberpantoffeln und den Stock zeigte er ohne guten Grund niemandem mehr. Er lebte still, half anderen Menschen und wurde für seine klugen Ratschläge bekannt.
Als der Vater seine Geschichte beendet hatte, schwieg der Junge lange.
„Wir haben uns also über einen Menschen lustig gemacht, der all das erlebt hat?“, fragte er schließlich.
„Ihr habt gelacht, weil ihr nur den großen Turban, seine ungewöhnliche Größe und die weiten Pantoffeln gesehen habt“, antwortete der Vater. „Aber ein Mensch ist immer mehr als das, was man auf den ersten Blick erkennen kann.“
Am nächsten Tag suchte der Junge selbst nach Muck.
„Verzeiht mir“, sagte er. „Gestern habe ich mich schlecht benommen.“
Muck sah ihn aufmerksam an.
„Gut, dass du es verstanden hast.“
„Habt Ihr die Zauberpantoffeln noch?“
In Mucks Augen blitzte ein Lächeln auf.
„Vielleicht.“
„Und den Stock?“
„Vielleicht.“
„Und die Feigen?“
Muck lachte.
„Nach denen würde ich an deiner Stelle ganz bestimmt nicht suchen.“
Von da an liefen die Kinder ihm nicht mehr spöttisch hinterher. Wenn der kleine Muck in seinem großen Turban und den alten Pantoffeln spazieren ging, grüßten sie höflich.
Und mancher schaute noch lange auf seine Schuhe und fragte sich, ob sie wirklich ganz gewöhnlich waren.
May this story leave a little light in your heart ✨
