Cover: Mamas Liebling Jack

Rumänien

Mamas Liebling Jack

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Rumänien
Alter
7–10 Jahre
Dauer
10 Min.
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Mamas Liebling Jack

In einem Dorf lebten ein Mann und eine Frau mit sieben Kindern. Der Jüngste hieß Jack.

Er war rundwangig, fröhlich und so sehr der Liebling seiner Mutter, dass sie oft Dinge für ihn erledigte, die er längst selbst hätte lernen können.

„Lass nur, mein Junge, ich mache das.“

„Beeil dich nicht, ich helfe dir.“

„Streng dich nicht an, Jack. Die Älteren erledigen es.“

So vergingen die Jahre.

Jack wuchs zu einem freundlichen Jungen heran, aber er war entsetzlich unaufmerksam.

Wenn der Vater erklärte, wie man Ochsen anspannt, sah Jack einem Spatz zu.

Wenn er zeigte, wo an einem Wagen die Achse sitzt, zählte Jack die Wolken.

Wenn seine Mutter ihn bat, sich den Namen des Nachbardorfes zu merken, dachte er längst an den Kuchen am Fenster.

Auf alles hatte er eine Antwort:

„Das finde ich später schon heraus!“

Eines Tages wollte sein Vater zum Jahrmarkt.

„Ich komme mit!“, erklärte Jack.

„Auf dem Markt ist viel los. Du musst bei mir bleiben und gut zuhören.“

„Ich werde der aufmerksamste Mensch der Welt sein!“

In den ersten zehn Minuten war er es tatsächlich.

Dann begann er, ein Wagenrad zu beobachten.

Die Speichen flimmerten vor seinen Augen.

Jack konnte nicht verstehen, warum sich der obere Teil des Rades nach vorn bewegte, der untere scheinbar zurück und der Wagen trotzdem vorwärtsfuhr.

Dann sah er zu den Bäumen.

Vom fahrenden Wagen aus wirkte es, als würden nicht sie fahren, sondern die Bäume an ihnen vorbeilaufen.

„Unglaublich!“

Jack sprang vom Wagen, um nachzusehen, ob die Bäume wirklich liefen.

Natürlich standen sie still.

Der Wagen aber fuhr weiter.

Als Jack wieder aufsah, war sein Vater längst verschwunden.

„Macht nichts“, sagte er zu sich selbst. „Ich kenne doch den Weg nach Hause.“

Wenige Minuten später stellte sich heraus, dass er nur eines wusste:

Nach Hause musste man „zurück“.

Wo genau dieses Zurück lag, wusste er nicht.

Er ging über Wiesen, bog in einen Wald ein, kam auf einen anderen Pfad und drehte wieder um.

Am Abend erreichte er ein fremdes Dorf und setzte sich an den Straßenrand.

Ein Bauer kam vorbei.

„Warum bist du so traurig, Junge?“

„Ich habe mich verirrt.“

„Wie heißt du?“

„Jack.“

„Und dein Vater?“

Jack dachte nach.

„Papa.“

„Gut. Wie heißt euer Dorf?“

„Unser Dorf.“

Der Bauer kratzte sich am Kopf.

„Mit so genauen Angaben suchen wir bis zum Frühling.“

Er hatte Mitleid mit Jack und nahm ihn als Helfer mit.

Am nächsten Morgen sagte er:

„Jack, schmier bitte den Wagen. Morgen fahren wir zum Markt.“

„Mache ich!“

Jack nahm Fett und überlegte.

Wie man einen Wagen schmiert, hatte er irgendwann einmal gesehen.

Damals hatte er allerdings gerade einen Schmetterling beobachtet.

„Ich mache es besonders gründlich“, beschloss er.

Er schmierte die Deichsel.

Dann die Seitenwände.

Dann die Bretter.

Sogar den Rand der Sitzbank.

Als der Bauer den glänzenden, glitschigen Wagen sah, schwieg er erst einmal.

Dann legte er die Hand an die Stirn.

„Jack, man schmiert die Achse an den Rädern, damit sie sich leichter drehen.“

„Den Rest nicht?“

„Nein.“

„Jetzt merke ich es mir.“

Und diesmal merkte Jack es sich wirklich.

Am nächsten Tag fuhren sie los.

Der Bauer war noch etwas ärgerlich und sagte:

„Sitz ruhig und rede nicht ohne Grund.“

Jack beschloss, diesen Auftrag perfekt auszuführen.

Unterwegs löste sich an einem Rad ein kleiner Holzstift.

Jack sah es.

„Nicht reden“, erinnerte er sich.

Dann lockerte sich eine Mutter.

Jack öffnete schon den Mund.

Dann dachte er wieder an den Auftrag.

Schließlich wackelte das ganze Rad und rollte zur Seite.

Der Wagen kippte.

Die Säcke rutschten ins Gras.

Der Bauer hielt gerade noch seinen Hut fest.

„Warum hast du nichts gesagt?!“

„Ihr habt gesagt, ich soll nicht reden.“

Der Bauer setzte sich an den Straßenrand.

„Jack, man muss nicht nur die Wörter hören. Man muss verstehen, warum sie gesagt werden. Wenn du Gefahr siehst, sag etwas.“

Das war eine neue Lektion.

Später arbeitete Jack bei einem Hirten.

„Abends treibst du die Schafe in den Pferch“, erklärte dieser. „Wenn es kalt wird, mach ein kleines Feuer beim Eingang, damit es wärmer ist.“

Am Abend wurde es kühl.

Jack machte ein Feuer.

Dann dachte er:

„Wenn Feuer wärmt, sollten die Schafe möglichst dicht daran vorbeigehen.“

Der erste Widder näherte sich, spürte die Hitze und sprang zurück.

Der zweite ebenfalls.

Eine Minute später rannte die ganze Herde über die Wiese.

Zum Glück wurde kein Tier verletzt.

Jack und der Hirte brauchten bis Mitternacht, um alle Schafe wieder einzusammeln.

„Wärme soll in der Nähe sein, nicht mitten im Weg“, erklärte der Hirte. „Und wenn ein Tier vor etwas zurückweicht, ist das ein Hinweis, dass deine Idee nicht funktioniert.“

Jack seufzte.

„Also muss ich nicht nur hören und denken. Ich muss auch beobachten, was passiert.“

„Das klingt schon klüger.“

Jack schämte sich für all seine Missgeschicke und beschloss, selbst den Weg nach Hause zu finden.

Er irrte lange durch den Wald, bis es dunkel wurde.

Schließlich fand er einen alten Baum mit einer großen Höhlung und legte sich dort schlafen.

In der Nacht hörte er Stimmen.

Eine Gruppe Räuber kam zur Lichtung.

Sie setzten sich ans Feuer und stritten darüber, wie man eine Vorratskammer mit sieben starken Schlössern öffnen könne.

„Kein Schlüssel hilft“, brummte der Anführer.

„Und die Zauberpflanze?“, fragte ein anderer. „Man sagt, nur das siebte Kind einer Familie kann sie finden.“

Jack bewegte sich unwillkürlich.

„Wer ist da?“

Er musste herauskommen.

Als die Räuber erfuhren, dass Jack tatsächlich das siebte von sieben Kindern war, verlangten sie, dass er die Zauberpflanze suchte.

„Und wenn ich sie nicht finde?“

Der Anführer zog eine finstere Miene.

„Dann gehst du ohne Abendessen weiter!“

Für den hungrigen Jack klang das ziemlich schlimm.

Bei Tagesanbruch kroch er über das taufeuchte Gras und betrachtete jede Pflanze.

Da glitzerte ein Halm silbern.

Jack berührte damit eine alte Eisenkette.

Klick.

Die Kette sprang auf.

„Das ist sie!“, riefen die Räuber.

Der Anführer nahm die Pflanze und berührte ein anderes Schloss.

Nichts geschah.

Noch einmal.

Wieder nichts.

Die Zauberpflanze gehorchte nur demjenigen, der sie gefunden hatte.

Die Räuber verstanden, dass Jack ihnen nicht helfen würde.

Da er aber alle ihre Pläne gehört hatte, setzten sie ihn in ein großes leeres Fass, legten den Deckel darauf und ließen es auf der Lichtung stehen.

„Bis zum Morgen findet dich schon jemand“, sagte der freundlichste von ihnen.

„Und das Abendessen?“

„Vergiss es.“

Die Räuber gingen.

Jack saß im Fass und dachte nach.

Früher hätte er vielleicht einfach geweint.

Jetzt hörte er zu.

Rascheln im Gras.

Ein knackender Zweig.

Schritte.

Ein junger Wolf kam zum Fass.

Nicht wütend, eher neugierig.

Er schnupperte daran und setzte sich daneben.

An seinem Fell hing eine lange trockene Ranke.

Jack streckte die Hand durch einen Spalt und packte die Ranke.

Der Wolf erschrak und rannte davon.

Die Ranke spannte sich.

Das Fass rollte hinterher.

Rumpel-rumpel!

Durch den Wald.

Den Hügel hinunter.

An Wiesen vorbei.

Über eine vertraute Brücke.

Jack erkannte die Gegend.

„Das ist ja unser Weg!“, rief er aus dem Fass.

Der Wolf lief noch schneller.

Schließlich rollte das Fass direkt in einen Heuhaufen bei Jacks Haus.

Der Deckel sprang auf.

Jack kletterte heraus, voller Stroh, aber gesund und glücklich.

Seine Mutter lief in den Hof.

„Jack!“

Sie wollte ihn umarmen und sofort wieder alles für ihn erledigen.

Doch Jack hob die Hand.

„Mama, zuerst wasche ich mich selbst. Dann esse ich selbst. Und morgen zeigt Papa mir noch einmal, wie der Wagen funktioniert. Diesmal schaue ich wirklich hin.“

Der Vater hob überrascht die Augenbrauen.

„Was ist mit dir passiert?“

Jack grinste.

„Ich habe drei Dinge gelernt: zuhören, nachdenken und beobachten, was aus dem wird, was man tut.“

„Und ein viertes?“, fragte die Mutter.

„Welches?“

„Den Namen deines Dorfes.“

Jack lachte.

„Den lerne ich gleich jetzt.“

Von da an wurde er nicht über Nacht zum klügsten Jungen der Welt.

Manchmal verwechselte er Werkzeuge.

Manchmal stellte er sonderbare Fragen.

Und manchmal sah er wieder den Spatzen hinterher.

Aber wenn er etwas nicht wusste, tat er nicht mehr so, als hätte er alles verstanden.

Er fragte.

Wenn man ihm etwas erklärte, hörte er zu.

Und wenn er eine neue Idee hatte, sah er zuerst nach, ob nicht gerade alle Schafe davor davonliefen.

Das erwies sich als viel nützlicher als jede Zauberpflanze.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨