Cover: Gullivers Reisen

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Gullivers Reisen

Abenteuer, Reisen, Fantasie, Satire

Land
Weltweit
Alter
9–14 Jahre
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Gullivers Reisen

Lemuel Gulliver liebte das Meer, Landkarten und ferne Länder. Er arbeitete als Schiffsarzt. Jedes Mal, wenn er nach Hause kam, versprach er seiner Familie, eine Weile ruhig zu leben. Doch nach einigen Monaten setzten neue Schiffe im Hafen die Segel, und Gulliver machte sich wieder auf den Weg.

Auf einer Reise geriet das Schiff in einen Sturm. Lange kämpfte Gulliver gegen die Wellen. Als seine Kräfte ihn beinahe verlassen hatten, spürte er Boden unter den Füßen. Er gelangte ans Ufer, ging ein Stück ins Innere der Insel und schlief vor Erschöpfung mitten im Gras ein.

Als er erwachte, bemerkte er etwas Seltsames: Er konnte weder Arme noch Beine bewegen. Auch sein Haar war mit dünnen Seilen am Boden befestigt. Gulliver schielte nach unten und sah auf seiner Brust ein Männchen, das nicht größer war als eine Hand.

Andere folgten ihm.

So gelangte Gulliver nach Lilliput, ins Land der winzigen Menschen.

Anfangs fürchteten die Lilliputaner den Riesen. Sie fütterten ihn mit ganzen Körben voller Brot, brachten Fässer mit Wasser und stellten Wachen auf. Gulliver verhielt sich vorsichtig. Bald hatte er sie überzeugt, dass er niemandem etwas zuleide tun wollte. Man erlaubte ihm, durchs Land zu gehen. Doch er musste seine Schritte sorgsam setzen, um Häuser, Bäume und Bewohner nicht zu treffen.

Die Lilliputaner waren stolz auf ihre Gesetze, ihre Zeremonien und ihre Hofbräuche. Um ein hohes Amt zu bekommen, wetteiferten manche Hofleute sogar darin, wer geschickter über ein dünnes Seil springen konnte. Gulliver fand das lustig. Doch bald begriff er: Kleine Körper machen den Ehrgeiz der Menschen keineswegs klein.

Lilliput lag mit der benachbarten Insel Blefuscu im Streit. Er hatte damit begonnen, an welchem Ende man ein gekochtes Ei aufschlagen sollte. Was Gulliver für eine Kleinigkeit hielt, war für die beiden Staaten eine Frage der Ehre geworden.

Gulliver wollte nicht, dass Menschen unter einem solchen Streit litten. Er half den Lilliputanern, die feindliche Flotte aufzuhalten. Doch er weigerte sich, aus dem Sieg die vollständige Unterwerfung der Nachbarn zu machen.

Nicht allen am Hof gefiel das.

Bald begriff Gulliver, dass es selbst für jemanden, der sich sehr nützlich machte, gefährlich war, sich allein auf die Gunst der Herrscher zu verlassen. Er verließ Lilliput, gelangte nach Blefuscu, fand ein verlassenes Boot und kehrte schließlich nach Hause zurück.

Doch das Meer rief ihn erneut.

Auf seiner nächsten Reise ging Gulliver mit einigen Seeleuten an einer unbekannten Küste an Land. Plötzlich liefen seine Gefährten zum Boot und fuhren davon. Da sah Gulliver den Grund: Ein Mann, so hoch wie ein Turm, näherte sich dem Ufer.

Nun war Gulliver selbst klein.

So begann seine Reise durch das Land Brobdingnag.

Ein Bauer fand Gulliver und setzte ihn auf den Tisch. Die kleine Tochter des Bauern kümmerte sich um den seltsamen Gast. Sie machte ihm ein Bettchen, nähte Kleidung und brachte ihm die Sprache ihres Landes bei. Gulliver nannte sie Glumdalclitch, seine kleine Kinderfrau, obwohl sie für ihn eine Riesin war.

In Brobdingnag wurden gewöhnliche Dinge gefährlich. Eine Katze erschien größer als ein Ochse, Wespen sahen aus wie Vögel, und eine Schüssel Suppe glich einem See. Zum ersten Mal spürte Gulliver, wie es war, der Kleinste auf der Welt zu sein und von der Vorsicht anderer abzuhängen.

Später brachte man ihn an den Königshof. Der König und die Königin interessierten sich für den Reisenden. Gulliver erzählte viel über Europa: über Regierungen, Kriege, Reichtum, Gesetze und Politik. Er erwartete, dass der König begeistert sein würde.

Doch der Riese hörte aufmerksam zu und stellte einfache Fragen:

„Wenn eure Gesetze gut sind, warum streiten sich die Menschen so oft? Wenn die Herrscher weise sind, warum führen die Staaten Krieg? Wenn Reichtum ein Land groß macht, warum leben neben den Reichen Arme?“

Gulliver wurde verlegen. Aus der Höhe von Brobdingnag sah vieles, worauf die Menschen stolz waren, ganz anders aus.

Eines Tages griff bei einem Spaziergang am Meer ein Adler nach dem kleinen Kastenhaus, in dem Gulliver getragen wurde. Der Vogel ließ es über dem Wasser fallen. Seeleute auf einem englischen Schiff entdeckten den Kasten und zogen ihn an Deck. So kehrte Gulliver zum zweiten Mal nach Hause zurück.

Nach seinem Leben unter Riesen wunderte er sich einige Tage lang, warum alle Menschen um ihn herum so winzig aussahen. Dann gewöhnten sich seine Augen wieder daran. Seine Reiselust aber verging nicht.

Die dritte Reise führte Gulliver an einen noch seltsameren Ort. Über dem Meer schwebte die Insel Laputa, die von einer geheimnisvollen Kraft in der Luft gehalten wurde. Ihre Bewohner dachten unablässig über Mathematik, Musik und Himmelskörper nach. Sie waren so in ihre Berechnungen vertieft, dass Diener sie mit besonderen Klappen leicht berühren mussten, um sie daran zu erinnern, einem Gesprächspartner zuzuhören oder auf den Weg vor ihren Füßen zu achten.

Unten auf der Erde besuchte Gulliver eine Akademie, in der Gelehrte unglaubliche Versuche unternahmen. Die einen versuchten, Häuser vom Dach aus zu bauen. Andere verbrachten Jahre mit Vorhaben, die niemandem das Leben erleichterten.

Gulliver lachte nicht über die Wissenschaft. Er selbst schätzte Wissen. Doch er begriff etwas Wichtiges: Verstand ist dann wertvoll, wenn er die wirkliche Welt und die Menschen nicht vergisst.

Nach vielen Abenteuern kehrte er wieder nach England zurück. Nun hätte es eigentlich genug sein sollen.

Doch Gulliver fuhr ein viertes Mal zur See.

Das letzte Land war das rätselhafteste. Dort lebten vernünftige Pferde, die Houyhnhnms. Sie schätzten Wahrheit, Ruhe und Besonnenheit. In ihrer Nähe wohnten seltsame Wesen, in denen Gulliver übertrieben starke menschliche Schwächen erkannte.

Während er lange unter den Houyhnhnms lebte, begann er zu glauben, die vernünftigen Pferde seien vollkommen, Menschen hingegen machten fast immer Fehler. Doch gerade dort erkannte der Reisende eine andere Gefahr: Man kann sich so sehr für eine fremde Welt begeistern, dass man das Gute in der eigenen nicht mehr sieht.

Er musste das Land verlassen. Nach neuen Abenteuern wurde Gulliver von Seeleuten gerettet und kehrte zu seiner Familie zurück.

Die vier Reisen hatten ihn für immer verändert.

In Lilliput hatte er gesehen, dass große Streitigkeiten aus sehr kleinen Ursachen wachsen können. In Brobdingnag hatte er begriffen, wie anders ein Mensch aussieht, wenn man aus großer Höhe auf ihn blickt. Auf Laputa hatte er erkannt, dass Wissen ohne gesunden Menschenverstand sich zwischen schönen Formeln verlieren kann. Und bei den Houyhnhnms hatte er erfahren, wie leicht man, während man fremde Fehler bemerkt, das Gute in seiner Nähe vergisst.

Zu Hause konnte Gulliver die Welt nicht mehr so betrachten wie früher. Jedes Land war ein seltsamer Spiegel gewesen: Es vergrößerte eine Eigenschaft, verkleinerte eine andere und zwang ihn, sich selbst genauer anzusehen.

Vielleicht war die weiteste all seiner Reisen gar nicht der Weg über den Ozean.

Die weiteste war der Weg von der Gewissheit, alles zu verstehen, zu einer einfachen Frage:

„Und wie sieht es von der anderen Seite aus?“