Cover: Mowgli

Weltweit

Mowgli

In den heißen Hügeln von Seeonee, als der Mond über dem Dschungel aufging, erwachte Vater Wolf in seiner Höhle und machte sich bereit für die nächtliche Jagd. Neben ihm lag Mutter Wolf Raksha, und bei ihr balgten sich vi

Land
Weltweit
Alter
7–11 Jahre
Dauer
9 Min.
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Mowgli

In den heißen Hügeln von Seeonee, als der Mond über dem Dschungel aufging, erwachte Vater Wolf in seiner Höhle und machte sich bereit für die nächtliche Jagd. Neben ihm lag Mutter Wolf Raksha, und bei ihr balgten sich vier kleine Wolfsjunge.

Plötzlich kam der Schakal Tabaqui zur Höhle gelaufen und brachte beunruhigende Nachrichten: Der Tiger Shir Khan hatte sein gewohntes Jagdgebiet verlassen und streifte nun in der Nähe menschlicher Siedlungen umher.

Bald ertönte von unten ein wütendes Tigergebrüll. Shir Khan hatte versucht, sich an ein Menschenlager heranzuschleichen, war aber unvorsichtig zu nahe ans Feuer gesprungen und hatte sich die Pfoten verbrannt. Die Menschen liefen davon, und aus dem Gebüsch am Hang kroch plötzlich ein kleines Kind zur Wolfshöhle hinauf.

Der Junge war ganz allein. Er konnte kaum gehen, hielt sich an einem Zweig fest und begann nicht zu weinen, als er Vater Wolf sah, sondern lachte.

„Ein Menschenjunges!“, staunte Vater Wolf.

Vorsichtig nahm er den Jungen so auf, wie er seine eigenen Jungen trug, und legte ihn zu den Wolfswelpen. Das Kind kroch sofort näher an das warme Fell.

„Wie klein er ist und wie mutig“, sagte Raksha.

Doch im selben Augenblick verschwand das Mondlicht am Höhleneingang. Ein großer gestreifter Kopf schob sich in die Öffnung.

„Das Menschenjunge gehört mir“, knurrte Shir Khan. „Gebt es heraus.“

Vater Wolf stellte sich zwischen den Tiger und das Kind.

„Das Freie Volk entscheidet selbst, wen es in seine Familie aufnimmt.“

Raksha erhob sich auf ihre Pfoten und blickte dem Tiger direkt in die Augen.

„Dieses Kind ist von selbst zu uns gekommen. Es ist hungrig und wehrlos. Ich gebe es dir nicht.“

Shir Khan brüllte wütend, doch er konnte nicht in die Höhle hineingelangen. Er zog sich zurück und versprach, die Frage nach dem Jungen vor dem ganzen Rudel zur Sprache zu bringen.

„Soll er nur“, sagte Raksha. „Wir nennen den Kleinen Mowgli, den Frosch, weil er nackt und flink ist.“

Als die Wolfsjungen alt genug waren, selbst herumzulaufen, kam der Tag, an dem man sie dem Rudel vorstellte. Bei Vollmond versammelten sich alle Wölfe am Ratsfelsen. Oben lag Akela, der große graue Wolf und Anführer des Rudels.

Ein Junges nach dem anderen wurde ins Mondlicht gebracht, damit alle es sich einprägten und als Teil des Rudels anerkannten.

Als Mowgli in der Mitte stand, erklang hinter den Felsen Shir Khans Stimme:

„Das ist ein Menschenjunges! Es gehört nicht zum Rudel!“

Nach dem Gesetz des Dschungels mussten bei einem Streit um ein Junges zwei Mitglieder für es sprechen, die nicht Vater oder Mutter waren.

Als Erster erhob sich der alte Braunbär Baloo, der Lehrer der Wolfsjungen.

„Ich spreche für Mowgli“, sagte er. „Ich werde ihm das Gesetz des Dschungels beibringen. In ihm steckt keine Bosheit.“

Doch es wurde noch eine zweite Stimme gebraucht.

Lautlos trat der schwarze Panther Bagheera aus der Dunkelheit. Sein Fell glänzte wie schwarze Seide.

„Das Gesetz erlaubt, das Leben eines Jungen freizukaufen, wenn Zweifel bestehen“, sagte Bagheera. „Ich gebe dem Rudel einen erlegten Büffel. Nehmt den Jungen nach dem Gesetz auf.“

Die hungrigen Wölfe stimmten zu. Akela erklärte Mowgli zum Mitglied des Rudels.

So wuchs der Junge unter Wölfen auf.

Vater Wolf brachte ihm bei, Spuren, Gerüche und Geräusche des Waldes zu verstehen. Baloo erklärte ihm die Gesetze: fremde Junge nicht zu stören, die Wasserstellen zu achten, andere zu warnen, bevor man ihr Gebiet betrat, und sich daran zu erinnern, dass Stärke ohne Regeln schnell zur Gefahr werden konnte.

Bagheera lehrte Mowgli, auf Bäume zu klettern, sich lautlos zu bewegen und genau hinzusehen. Der Junge konnte schwimmen, Honig finden und Dornen aus den Pfoten seiner Wolfsbrüder ziehen.

Die Jahre vergingen. Mowgli hielt sich für einen Wolf, obwohl er ein Mensch war.

Doch Shir Khan hatte ihn nicht vergessen. Der Tiger begann den jungen Wölfen einzureden, ein Mensch habe im Rudel nichts zu suchen. Und Akela wurde alt. Eines Tages gelang es ihm bei der Jagd nicht, einen Hirsch einzuholen. Nach altem Brauch endete damit seine Zeit als Anführer.

Bagheera begriff, dass der nächste Rat gefährlich werden konnte.

„Kleiner Bruder“, sagte er zu Mowgli, „es ist Zeit, dass du etwas über mich erfährst. Ich wurde nicht im Dschungel geboren. Früher lebte ich in einem Käfig bei den Menschen. Deshalb kenne ich ihre Welt und unsere. Auch du wirst dich daran erinnern müssen, dass du ein Mensch bist.“

Mowgli wurde traurig.

„Aber die Wölfe sind meine Brüder. Ich habe das Gesetz nicht gebrochen. Warum sollten sie mich vertreiben?“

„Nicht alle“, antwortete Bagheera. „Doch Shir Khan hat einigen jungen Wölfen beigebracht, sich vor dem zu fürchten, was anders ist als sie. Hol dir bei den Menschen die Rote Blume. Nur sie wird den Tiger und seine Anhänger zum Zurückweichen bringen.“

So nannten die Tiere das Feuer.

Mowgli ging zu den Hütten der Menschen hinunter und sah einen Jungen, der in einem Tongefäß glühende Kohlen trug. Vorsichtig nahm Mowgli einige davon und legte trockene Zweige nach, damit sie nicht erloschen. Dann kehrte er in den Dschungel zurück.

Am Abend versammelte sich das Rudel am Ratsfelsen. Akela lag etwas abseits. Shir Khan ging so selbstsicher zwischen den jungen Wölfen umher, als sei er bereits ihr Herr.

„Gebt mir das Menschenjunge“, verlangte der Tiger.

„Mowgli hat mit uns gelebt, neben uns gefressen und das Gesetz nicht gebrochen“, sagte Akela. „Man darf einen Bruder nicht allein dafür bestrafen, als was er geboren wurde.“

Auch Bagheera erinnerte alle daran, dass Mowgli nach dem Gesetz aufgenommen worden war und ein ehrlicher Preis für ihn gezahlt worden war.

Doch ein Teil der Wölfe hörte bereits auf Shir Khan.

Da stand Mowgli auf. In der Hand hielt er einen trockenen Ast. Er berührte damit die Glut, und an seinem Ende erblühte eine Flamme.

Die Wölfe wichen unwillkürlich zurück. Auch Shir Khan erstarrte.

„Ich will nicht gegen das Rudel kämpfen, das meine Familie war“, sagte Mowgli. „Aber ich lasse auch nicht zu, dass ihr Akela verletzt oder mich dem Tiger ausliefert. Ich gehe von selbst zu den Menschen. Und zwischen mir und den Wölfen, die ehrlich bleiben, soll keine Feindschaft sein.“

Er hob den brennenden Ast. Shir Khan, der sich seit jener Nacht beim Menschenlager vor Feuer fürchtete, wich zurück.

„Geh, Shir Khan“, sagte Mowgli fest. „Heute lasse ich nicht zu, dass du mit der Angst der anderen herrschst.“

Der Tiger verschwand in der Dunkelheit. Hinter ihm gingen auch jene Wölfe fort, die eben noch am lautesten gerufen hatten.

Als der Ratsplatz leer geworden war, spürte Mowgli plötzlich etwas Warmes über seine Wangen laufen.

„Bagheera, was ist mit mir?“, fragte er. „Warum sind meine Augen nass?“

„Das sind Tränen, Kleiner Bruder“, antwortete der Panther leise. „Menschen weinen, wenn ihr Herz schmerzt. Das ist keine Schwäche.“

Vor Tagesanbruch ging Mowgli zur Höhle, um Abschied zu nehmen.

Vater Wolf schmiegte seine Schnauze an ihn. Die Wolfsbrüder versprachen, bis an den Rand der Felder zu kommen. Raksha sah den Jungen lange an.

„Du wirst immer mein Sohn sein, ganz gleich, wo du lebst“, sagte sie.

Mowgli umarmte ihren Hals.

„Ich komme zurück. Ich werde euch nicht vergessen.“

Als der Himmel heller wurde, stieg er den Hügel zu den menschlichen Siedlungen hinab. Hinter ihm blieb der Dschungel zurück, der ihn gelehrt hatte zuzuhören, treu zu sein und nach Regeln zu leben. Vor ihm lag die Welt der Menschen, von der er fast nichts wusste.

Mowgli ging seinem neuen Leben entgegen und verstand zum ersten Mal: Man kann zu zwei Welten gehören, ohne eine von beiden zu verraten. Und eine wirkliche Familie erkennt man nicht nur an der Herkunft, sondern daran, wer dich schützt, dich etwas lehrt, an dich denkt und auf deine Rückkehr wartet.

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