

Neuseeland
Māui und die Entstehung Neuseelands
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Neuseeland
- Alter
- 8–11 Jahre
- Dauer
- 8 Min.

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Māui und die Entstehung Neuseelands
In einer sehr alten Zeit, als das Meer grenzenlos schien und die Menschen Wind, Wellen und Sterne so aufmerksam lesen lernten wie wir heute Bücher, lebte Māui.
In den Erzählungen der Māori ist Māui ein ungewöhnlicher Held. Er war der Jüngste seiner Familie, neugierig, mutig und so einfallsreich, dass seine älteren Brüder manchmal nicht wussten, ob sie sich über ihn ärgern oder lachen sollten.
Māui liebte das Meer. Lange konnte er am Ufer sitzen und zusehen, wie eine Welle nach der anderen aus der Ferne herankam.
„Dort draußen ist etwas“, sagte er zu seinen Brüdern und zeigte dorthin, wo Wasser und Himmel sich berührten.
„Dort ist Meer“, antworteten sie.
„Und hinter dem Meer?“
„Noch mehr Meer.“
„Und danach?“
„Māui“, lachten sie, „reicht dir denn nie, was man schon sehen kann?“
Māui lächelte.
Tatsächlich wollte er immer ein wenig weiter schauen.
In seiner Familie bewahrte man die Erinnerung an den Ahnen Muri-rangi-whenua. Mit dieser Erinnerung war ein besonderer Angelhaken verbunden. Man behandelte ihn nicht wie ein gewöhnliches Werkzeug, sondern wie einen Gegenstand mit eigener Geschichte, den man nur mit Respekt in die Hand nahm.
Māui bereitete den Haken lange für eine große Aufgabe vor. Er schmückte ihn, prüfte die starke Leine und sprach die alten Worte darüber, die er von den Älteren gelernt hatte.
Dann ging er zu seinen Brüdern.
Sie reparierten gerade eine große waka, ein seetüchtiges Kanu.
„Morgen fahren wir fischen“, sagte der Älteste.
„Ich komme mit“, antwortete Māui sofort.
Die Brüder sahen einander an.
Sie wussten genau: Wenn Māui in einem Boot saß, konnte aus einer gewöhnlichen Fischfahrt sehr schnell ein Abenteuer werden, von dem man jahrelang erzählte.
„Diesmal nicht“, beschlossen sie. „Wir wollen nur Fische fangen und am Abend zurück sein.“
Am nächsten Morgen standen sie vor Sonnenaufgang auf und stießen die waka leise vom Ufer.
„Gut“, sagte einer. „Heute ohne Māui.“
Da hörten sie über dem Wasser einen fröhlichen Vogellaut.
Ein kleiner Vogel setzte sich auf die Spitze des Kanus.
Er neigte den Kopf.
„Piep! Ohne Māui, sagt ihr?“
Die Brüder erstarrten.
Der Vogel schüttelte die Flügel, und im nächsten Augenblick saß Māui selbst vor ihnen.
„Du hast es schon wieder getan!“, rief der mittlere Bruder.
„Was denn?“, fragte Māui unschuldig. „Meine eigene Familie eingeholt?“
Sogar der Älteste musste lächeln.
„Wenn du schon hier bist, nimm ein Paddel.“
Sie fuhren weiter.
Zuerst wollten die Brüder an ihrem gewöhnlichen Fischplatz halten.
„Hier ist es tief genug.“
„Nein“, sagte Māui. „Heute müssen wir weiter.“
Sie paddelten weiter.
Das Land wurde zu einem dünnen Streifen.
„Jetzt?“
„Weiter.“
Nach einiger Zeit war überhaupt kein Land mehr zu sehen.
Rundherum lag nur Meer. Es hob und senkte die waka in großen, langsamen Wellen. Die Möwen waren weit zurückgeblieben. Die Sonne stand höher.
Die Brüder hörten auf zu scherzen.
„Māui, wohin führst du uns?“
Er blickte ins Wasser.
„Dorthin, wo mein größter Fisch wartet.“
Die Brüder lachten.
„Dein größter Fisch? Hast du überhaupt einen Köder?“
Māui streckte die Hand aus.
„Gebt mir etwas von eurem.“
„Nein“, sagten sie. „Wenn du ein so großer Fischer bist, fang selbst etwas.“
Māui nahm es ihnen nicht übel. Er richtete nur den heiligen Haken, befestigte ein kleines persönliches Zeichen daran und ließ die Leine in das dunkle Wasser hinab.
Der Haken sank.
Tiefer.
Noch tiefer.
Es schien, als hätte die Schnur kein Ende.
Dann legte Māui beide Hände auf die Leine und begann leise einen alten rhythmischen Gesang. Die Brüder unterbrachen ihn nicht. Selbst das Meer schien ruhiger zu werden und zuzuhören.
Plötzlich zuckte die Leine.
Einmal.
Ein zweites Mal.
Dann spannte sie sich so stark, dass der Bug der waka nach unten gezogen wurde.
„Māui!“, riefen seine Brüder. „Lass los!“
„Ich kann nicht“, antwortete er unter großer Anstrengung. „Auf diesen Fisch habe ich gewartet.“
Etwas Gewaltiges bewegte sich in der Tiefe.
Das Wasser um das Kanu wirbelte. Die Wellen wurden höher. Die Brüder hielten sich am Rand fest.
Māui zog.
Seine Arme wurden müde, doch er ließ die Leine nicht los.
„Haltet das Kanu gerade!“, rief er.
Jetzt lachte niemand mehr.
Ein Bruder nahm rechts ein Paddel, einer links, der dritte beobachtete die Wellen. Alle arbeiteten zusammen.
Zeit verging. Die Sonne wanderte über den Himmel. Das Meer brüllte und wurde dann wieder still.
Weit voraus begann sich plötzlich das Wasser zu heben.
Zuerst erschien eine dunkle Spitze aus dem Ozean.
„Ein Felsen?“, flüsterte einer.
Dann tauchte daneben eine zweite auf.
Und noch eine.
Wasser strömte von ihnen herab.
Hänge, Rücken und Täler erhoben sich aus dem Meer. Was die Brüder für einen unglaublichen Fisch gehalten hatten, war Land.
Riesiges Land.
Neues Land.
Māui stand in der waka, hielt die gespannte Leine und sah zu, wie Te Ika-a-Māui, der Fisch des Māui, aus dem Ozean emporstieg.
„Das ist dein Fisch?“, fragte der älteste Bruder leise.
Māui lächelte.
„Ich habe doch gesagt, dass er groß ist.“
Die Brüder vergaßen ihre Müdigkeit. Sofort wollten sie auf das neue Land springen, jeden Felsen berühren und sehen, was sich hinter den Hügeln verbarg.
Doch Māui hielt sie zurück.
„Wartet. Dieses Land ist gerade erst aus dem Meer gekommen. Lasst es in Ruhe. Zuerst muss alles richtig beendet werden.“
Geduld war jedoch nie die größte Stärke seiner Brüder.
Kaum drehte Māui sich um, betraten sie das Land und begannen es zu erkunden. Sie liefen in verschiedene Richtungen, stiegen auf Vorsprünge, gingen in Senken hinab und stritten darüber, wem welche Gegend am besten gefiel.
Wo sie gingen, schien sich die zuvor glatte Oberfläche zu verändern: Hügel erhoben sich, Täler entstanden und lange Rücken bildeten sich.
Als Māui zurückkam, war das neue Land nicht mehr glatt wie der Rücken eines großen Fisches.
Er schüttelte den Kopf.
„Ich hatte euch gebeten zu warten.“
Die Brüder schwiegen schuldbewusst.
Māui betrachtete die Berge und Täler, die langen Küsten, die noch von Meerwasser glänzten.
Dann lächelte er.
„Was geschehen ist, ist geschehen. Vielleicht ist das Land so sogar interessanter.“
Wind zog über die neuen Hänge. Wasser floss hinab und bildete die ersten Wege künftiger Flüsse. Wolken blieben an den Gipfeln hängen.
Die Brüder stiegen wieder in die waka und blickten lange auf das Land, das aus dem Meer gestiegen war.
„Wie sollen wir es nennen?“, fragte einer.
Māui berührte seinen Haken.
„Te Ika-a-Māui. Der Fisch des Māui.“
In dieser alten Erzählung erhebt sich so ein großer Teil jenes Landes aus dem Meer, das heute als Aotearoa, Neuseeland, bekannt ist.
Die Geschichte erinnert außerdem daran: Große Aufgaben werden selten nur durch Kraft vollbracht. Es braucht das Wissen der Vorfahren, Ausdauer, Mut und Menschen, die das Kanu gerade halten, wenn das Meer plötzlich unruhig wird.
Und manchmal lohnt es sich wirklich, auf denjenigen zu hören, der sagt:
„Wartet noch einen Augenblick.“
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
