Cover: Ein Maß Reis

Indien

Ein Maß Reis

Reis, Gerechtigkeit, Bewertung, Weisheit

Land
Indien
Alter
5–9 Jahre
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Ein Maß Reis

Es war einmal ein König in einer großen Stadt, der nichts lieber tat, als seine Schätze zu zählen.

Jeden Morgen ging er an den Vorratskammern vorbei, schaute in die Truhen voller Münzen und fragte seinen Verwalter:

„Haben wir heute mehr Gold als gestern?“

Die königlichen Berater wussten: Lautete die Antwort „Ja“, lächelte der König. Lautete sie „Nein“, zog er ein Gesicht, als hätte sich die Sonne plötzlich hinter einer Wolke versteckt.

Am Hof diente ein Mann, den alle den Schätzer nannten. Er hatte eine wichtige Aufgabe. Wenn Pferde, Ochsen, Edelsteine, Stoffe oder andere kostbare Waren in die Stadt gebracht wurden, musste er sagen, wie viel sie wirklich wert waren.

Der Schätzer war ehrlich und aufmerksam. Er ließ sich Zeit.

Zeigte man ihm ein Pferd, prüfte er, ob es gesund, kräftig und gut gepflegt war. Brachte man ihm einen goldenen Schmuck, untersuchte er das Gewicht und die handwerkliche Arbeit. Lieferten Kaufleute Stoffe, sah er sich deren Qualität an.

Und immer nannte er einen gerechten Preis.

Doch darüber freute sich der König nicht.

„Würde man die Waren niedriger bewerten“, dachte er, „könnte ich mehr kaufen und weniger bezahlen. Dann wäre meine Schatzkammer noch voller.“

Eines Tages schaute der König aus dem Fenster und sah auf dem Hof einen Mann, der mit einem Händler um einen Korb Zwiebeln stritt.

„Für diesen Korb gebe ich dir ein Reiskorn!“, verkündete der Mann.

„Ein Reiskorn?“, staunte der Händler. „Der Korb ist doch schwerer als du!“

„Na gut, zwei Reiskörner. Und sag nicht, ich wäre geizig.“

Der König hörte diese Worte und dachte:

„Dieser Mann versteht es, niedrige Preise zu nennen!“

Er ließ den Mann zu sich rufen.

„Möchtest du mein neuer Schätzer werden?“

Der Mann fragte nicht einmal, was er dabei tun sollte.

„Natürlich, Eure Majestät!“, antwortete er erfreut.

So wurde der ehrliche Schätzer nach Hause geschickt, und der neue nahm seinen Platz ein.

Schon bald gingen in der Stadt seltsame Dinge vor sich.

Für einen großen Korb Obst setzte der neue Schätzer vielleicht eine Münze an, für einen kleinen Krug dagegen zehn. Ein schöner Teppich war ihm weniger wert als ein Seil und ein kostbarer Schmuck weniger als ein Holzlöffel.

Die Menschen waren empört, doch der König befahl allen, die Entscheidungen seines Schätzers anzunehmen.

Eines Tages kam ein Pferdehändler in die Stadt. Er brachte fünfhundert prächtige Pferde mit. Sie waren kräftig und gut gepflegt und hatten glänzendes Fell. Der Händler hatte sie lange über Straßen und Pässe geführt, in der Hoffnung, sie dem Königshof zu einem ehrlichen Preis zu verkaufen.

Der neue Schätzer ging um die Herde herum, kratzte sich am Hinterkopf und sagte:

„Alle fünfhundert Pferde zusammen sind … ein Maß Reis wert.“

Der Händler glaubte, sich verhört zu haben.

„Verzeihung. Ein Maß wovon?“

„Reis“, wiederholte der Schätzer selbstsicher. „Ein Maß Reis.“

Auf Befehl des Königs erhielt der Händler ein Gefäß voll Reis, und die Pferde wurden in die königlichen Ställe gebracht.

Betrübt machte sich der Mann auf die Suche nach dem früheren, ehrlichen Schätzer.

„Was soll ich tun?“, fragte er. „Ich habe fünfhundert Pferde hergebracht und dafür gerade genug Reis für ein Abendessen bekommen.“

Der ehrliche Schätzer überlegte einen Augenblick.

„Ärgere dich nicht und streite nicht“, sagte er. „Wenn die Ungerechtigkeit selbst zeigt, wie unsinnig sie ist, wird der König sie schwerer übersehen können.“

„Aber wie soll das gehen?“

„Bitte den neuen Schätzer, vor dem König eine einzige Frage zu beantworten: Wenn fünfhundert Pferde ein Maß Reis kosten, wie viel kostet dann das Maß Reis selbst?“

Der Händler lächelte.

Am nächsten Morgen ging er zum neuen Schätzer. Der saß würdevoll da, als kenne er den Preis von allem auf der Welt.

„Herr Schätzer“, sagte der Händler höflich, „gestern habt Ihr den Wert meiner Pferde bestimmt. Könnt Ihr heute ebenso genau ein Maß Reis bewerten?“

„Natürlich!“, antwortete der Mann. „Nichts ist für mich einfacher.“

„Und nennt Ihr diesen Preis auch dem König selbst?“

„Das werde ich!“

Gemeinsam gingen sie zum Palast. Bei der Versammlung waren der König, seine Minister und einige Älteste der Stadt anwesend. Auch der frühere, ehrliche Schätzer stand unter den Gästen.

Der Händler verbeugte sich.

„Eure Majestät, gestern sagte Euer Schätzer, meine fünfhundert Pferde seien ein Maß Reis wert. Ich nehme zur Kenntnis, dass dies seine Entscheidung war. Aber ich bitte Euch, ihm noch eine Frage zu stellen: Wie viel ist das Maß Reis selbst wert?“

Der König wurde neugierig.

„In der Tat. Schätzer, wie viel ist es denn wert?“

Der Mann wollte nicht zugeben, dass er keine Ahnung hatte. Er richtete sich auf und sagte laut:

„Ein Maß Reis ist … Eure ganze Stadt wert!“

Im Saal wurde es still.

Der König blinzelte.

Die Minister sahen einander an.

Der Händler fragte ruhig:

„Dann sind meine fünfhundert Pferde also genauso viel wert wie die ganze Stadt?“

Der neue Schätzer öffnete den Mund, gab aber keine Antwort.

Zum ersten Mal erkannte der König in diesen Worten ganz deutlich, wie ungerecht sein eigenes System war. Es war, als hätte jemand einen großen Spiegel vor ihn gestellt.

Er schaute aus dem Fenster. Dort waren Häuser, Läden, Werkstätten, Gärten und Plätze. Auf den Straßen arbeiteten Menschen. In den Ställen standen fünfhundert Pferde, für die er mit einer Handvoll Reis bezahlt hatte.

Der König schämte sich.

„Ich wollte mehr Gold behalten“, sagte er, „und habe deshalb zugelassen, dass Ungerechtigkeit als Vorteil ausgegeben wurde.“

Er wandte sich an den Händler.

„Du wirst einen gerechten Preis für deine Pferde erhalten. Wenn du sie nicht verkaufen möchtest, bekommst du sie alle zurück, jedes einzelne. Auch deine Kosten für die Reise und das Futter werden bezahlt.“

Dann sprach der König zum neuen Schätzer:

„Du bist für diese Arbeit noch nicht bereit. Das ist keine Schande. Eine Schande ist es, so zu tun, als wüsste man etwas, das man nicht weiß, und damit anderen zu schaden.“

Der Mann wurde von seinem Amt entlassen, aber nicht aus der Stadt vertrieben. Man bot ihm eine Arbeit an, bei der er lernen konnte, ohne über das Eigentum anderer zu entscheiden.

Den ehrlichen Schätzer bat der König, zurückzukommen.

„Von nun an“, sagte er, „nenne den wahren Preis, auch wenn er mir nicht gefällt.“

„Genau das werde ich tun“, antwortete der Schätzer.

Seitdem erinnerte man sich im Königreich oft an die Geschichte von den fünfhundert Pferden und dem einen Maß Reis.

Und wenn jemand versuchte, ein ungerechtes Geschäft als besonders vorteilhaft hinzustellen, fragten die Leute:

„Ist bei euch nicht zufällig ein Maß Reis eine ganze Stadt wert?“

Und das genügte meistens, damit alle noch einmal gründlich nachdachten.