

Rumänien
Morgenstern und Abendstern
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Rumänien
- Alter
- 8–11 Jahre
- Dauer
- 9 Min.

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Morgenstern und Abendstern
Ein Kaiser und eine Kaiserin wünschten sich mehr als alles andere ein Kind.
Sie suchten Rat bei Ärzten, Weisen und Kennern alter Geheimnisse.
Doch die Jahre vergingen.
Ihre Hoffnung erfüllte sich nicht.
Eines Nachts hatte die Kaiserin einen merkwürdigen Traum.
Eine Stimme sagte:
„Morgen soll der Kaiser mit einer Angel zum Bach gehen. Was er dort fängt, bringt die Freude in euer Haus, auf die ihr so lange gewartet habt.“
Noch vor Tagesanbruch weckte sie ihren Mann.
„Es ist Zeit. Geh zum Bach. Ich glaube an diesen Traum.“
Der Kaiser nahm eine Angel und ging dorthin, wo das Wasser zwischen Steinen floss.
Kaum hatte er den Haken ausgeworfen, verschwand der Schwimmer unter Wasser.
Er zog die Schnur ein.
Daran hing ein goldener Fisch, dessen Schuppen leuchteten, als hätte sich die Sonne darin versteckt.
Der Kaiser brachte ihn in den Palast.
Die Kaiserin bereitete den Fisch selbst zu.
Eine Dienerin fand nach dem Essen ein kleines glänzendes Knöchelchen auf dem Teller und berührte es erstaunt mit den Lippen.
Bald geschah etwas Wunderbares.
Die Kaiserin bekam einen Sohn.
In derselben Nacht bekam auch die Dienerin einen Sohn.
Die beiden Jungen sahen einander so ähnlich wie Spiegelbilder.
Den Sohn der Kaiserin nannte man Busuioc.
Den Sohn der Dienerin Siminoc.
Sie wuchsen zusammen auf.
Sie lernten zusammen.
Und sie wurden nicht nur Freunde, sondern fühlten sich wie Brüder.
Beide waren klug, mutig und neugierig.
Begann Busuioc ein Abenteuer, war Siminoc dabei.
Fand Siminoc ein interessantes Buch oder einen versteckten Gartenpfad, stand Busuioc bald neben ihm.
Die Jahre vergingen.
Die jungen Männer wurden sich so ähnlich, dass selbst Menschen im Palast sie manchmal verwechselten.
Die Kaiserin liebte beide.
Doch sie fürchtete oft, ihren eigenen Sohn nicht zu erkennen.
Eines Tages spielte sie mit Busuiocs Haar und band heimlich zwei kleine Strähnen zusammen.
„Dann weiß ich wenigstens, welcher mein Sohn ist“, dachte sie.
Am selben Tag ritten Busuioc und Siminoc aus der Stadt.
Sie zogen durch grüne Felder und kamen in einen Wald, den sie noch nie besucht hatten.
Unter einem großen Baum legte Busuioc den Kopf auf die Knie seines Freundes und ruhte sich aus.
Siminoc bemerkte den Knoten in seinem Haar.
„Busuioc, sieh mal. Jemand hat deine Haare zusammengebunden.“
Der junge Mann berührte die Strähnen und runzelte die Stirn.
„Dann vertraut man mir offenbar nicht. Man markiert mich wie eine verlorene Sache.“
„Urteile nicht so schnell“, sagte Siminoc. „Vielleicht macht sich deine Mutter nur Sorgen.“
Doch Busuioc war jung, stolz und hitzig.
„Ich möchte selbst eine Antwort finden. Ich gehe hinaus in die Welt.“
Vor dem Abschied gab er Siminoc ein weißes Tuch.
„Bewahre es. Wenn eines Tages drei rote Tropfen darauf erscheinen, weißt du, dass mir etwas zugestoßen ist.“
Siminoc bat ihn lange zu bleiben.
Doch Busuioc hatte sich entschieden.
Die Zeit verging.
Eines Abends nahm Siminoc das Tuch heraus.
Drei dunkle rote Flecken waren darauf erschienen.
„Busuioc ist in Not. Ich finde ihn.“
Siminoc machte sich auf den Weg.
Er zog durch Städte und Dörfer, schlief unter Bäumen und fragte Reisende und Hirten nach einem jungen Mann, der genauso aussah wie er selbst.
Schließlich wies ihm eine alte Frau den Weg in ein Nachbarreich.
„Dort lebt ein junger Mann, den der Herrscher in seine Familie aufgenommen hat. Er sieht aus wie du.“
Als Siminoc den Palast betrat, lief ihm eine junge Prinzessin entgegen.
„Du bist zurück!“
„Ich bin nicht Busuioc“, sagte er freundlich. „Ich bin sein Bruder und Freund. Ich bin gekommen, um herauszufinden, wo er ist.“
Die Prinzessin glaubte ihm nicht.
Da schlug Siminoc vor, die Wahrheit mit einem alten Schwert zu prüfen, das an der Wand hing.
Der Überlieferung nach zeigte es immer auf denjenigen, der sich irrte.
„Es soll zeigen, wer von uns unrecht hat.“
Das Schwert glitt vom Haken, drehte den Griff zur Prinzessin und schlug klingend gegen einen bronzenen Schild.
Die Prinzessin wurde blass.
„Nun glaube ich dir. Du bist wirklich nicht er.“
Sie erzählte, Busuioc sei vor einigen Tagen in den Wald geritten und nicht zurückgekehrt.
Am nächsten Morgen folgte Siminoc seiner Spur.
Tief im Wald sah er eine seltsame Frau, die sich sofort auf einen Baum zurückzog.
Es war eine Waldzauberin.
Siminoc machte ein kleines Feuer und setzte sich.
Seine Hunde lagen neben ihm.
„Mir ist kalt“, hörte er von oben.
„Komm herunter und wärme dich.“
„Ich fürchte deine Hunde. Binde sie mit meinem Haar fest.“
Die Zauberin warf eine dünne Strähne hinunter.
Siminoc spürte sofort, dass etwas nicht stimmte.
Er berührte damit das Feuer.
Die Strähne brannte mit grüner Flamme.
„Das ist kein gewöhnliches Haar“, dachte er.
„Warum riecht es nach Rauch?“, fragte die Zauberin.
„Wahrscheinlich trägt der Wind den Geruch vom Feuer nach oben“, antwortete Siminoc ruhig.
Die Zauberin stieg herunter.
„Ich bin sehr hungrig.“
„Nimm Brot und Käse.“
Sie lächelte unangenehm.
„Eigentlich würde ich dich lieber für immer hierbehalten, wie den anderen jungen Mann.“
Die Hunde standen auf und knurrten.
„Wo ist Busuioc?“, fragte Siminoc.
Die Zauberin sah, dass ihre List nicht funktionierte.
„Ruf die Hunde zurück, dann zeige ich es dir.“
Hinter einer alten Eiche stand ein Baum mit hohlem Stamm.
Darin lag Busuioc in tiefem Zauberschlaf.
Neben ihm schliefen sein Pferd und seine Hunde.
Die Zauberin schnippte mit den Fingern.
Der Zauber löste sich.
Busuioc öffnete die Augen.
„Siminoc? Wie bist du hierhergekommen?“
„Ich bin gekommen, um dich zu holen.“
Sie umarmten sich.
Doch auf dem Rückweg regte sich in Busuioc wieder Misstrauen.
„Du warst in meinem Palast? Du hast die Prinzessin gesehen?“
„Ja. Sie hielt mich zuerst für dich, aber ich sagte sofort die Wahrheit.“
Busuioc begann zu zweifeln.
Eine eifersüchtige Stimme in ihm flüsterte:
„Ihr seht gleich aus. Vielleicht erzählt er nicht alles.“
Siminoc wurde traurig.
„Ich bin durch die halbe Welt gereist, um dich zu finden. Glaubst du wirklich lieber einem Verdacht als mir?“
Um den Streit zu beenden, beschlossen beide, das Schicksal entscheiden zu lassen.
Sie verbanden ihren Pferden die Augen und wollten reiten, wohin die Tiere sie trugen.
Das war keine kluge Idee.
Die Waldwege waren steil.
In der Nähe lag eine tiefe verzauberte Quelle.
Siminocs Pferd trat in den Nebel über dem Wasser.
Plötzlich verschwand der Reiter, als hätte ihn die Frühlingsluft selbst fortgetragen.
„Siminoc!“, rief Busuioc.
Keine Antwort.
Nur Wasser klang zwischen den Steinen.
Erst jetzt begriff Busuioc wirklich, was er getan hatte.
Er kehrte zum Palast zurück und fragte die Prinzessin nach ihrer Begegnung mit Siminoc.
Sie erzählte alles Wort für Wort.
Das alte Schwert schlug wieder klingend gegen den Schild und bestätigte ihre Aussage.
Busuioc senkte den Kopf.
„Er hat mich gerettet, und ich habe ihm mit Misstrauen gedankt.“
Noch in derselben Nacht ritt er wieder zur Quelle.
Diesmal nicht wegen einer Prüfung.
Nicht aus Stolz.
„Ich suche meinen Freund. Und ich kehre nicht um, bevor ich ihn gefunden habe.“
Als er die Quelle erreichte, leuchtete über dem Wasser silbernes Licht.
Darin sah er Siminoc, als stünde er hinter einer durchsichtigen Himmelstür.
„Bruder!“
Busuioc streckte die Hand aus und trat in das Licht.
Das Wasser funkelte.
Der Wald wurde still.
Hoch über den Bäumen erschienen nacheinander zwei helle Sterne.
Seitdem, so erzählen die Menschen, zeigt sich Busuioc als Morgenstern und Siminoc als Abendstern.
Der eine begrüßt den neuen Tag.
Der andere verabschiedet den alten.
Sie stehen selten lange gemeinsam am Himmel.
Doch jeden Morgen und jeden Abend erinnern sie daran:
Freundschaft kann durch Misstrauen verletzt werden.
Aber echte Treue findet selbst durch den dichtesten Nebel einen Weg.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
