

Ghana
Der Jäger und die Schildkröte
Schildkröte, Jäger, Klugheit
- Land
- Ghana
- Alter
- 5–9 Jahre

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Der Jäger und die Schildkröte
Einst lebte in einem Dorf am Rand eines großen Waldes ein Jäger namens Kofi. Er kannte die Pfade gut, konnte Spuren im feuchten Boden lesen und kehrte immer vor Sonnenuntergang nach Hause zurück.
Außerdem erzählte Kofi für sein Leben gern Geschichten.
Wenn er im Wald einen Affen gesehen hatte, waren es abends beim Essen mindestens zehn gewesen.
Wenn er einen Bach überquert hatte, wurde dieser Bach in seiner Erzählung unweigerlich zu einem reißenden Fluss.
Und wenn er einmal unter einem Baum gewartet hatte, bis der Regen aufhörte, hörten am nächsten Tag alle, wie Kofi angeblich ganz allein einen schrecklichen Sturm überstanden hatte, vor dem „sogar die Berge in die Knie gingen“.
Die Leute lachten, denn sie kannten ihn.
„Kofi“, sagte eine Nachbarin, „du kommst mit einem Korb aus dem Wald zurück, aber mit drei Körben voller Geschichten.“
„Und alle sind wahr!“, antwortete er.
Eines Tages ging Kofi weiter in den Wald hinein als gewöhnlich. Die Sonne stand schon hoch, als ihm klar wurde, dass er die Gegend nicht kannte.
Er blieb stehen, lauschte den Vögeln und hörte plötzlich Musik.
Keine Trommel.
Keine Flöte.
Keine menschliche Stimme von einem fernen Pfad.
Es war eine feine, zarte Melodie, als berührten Regentropfen gespannte Silberfäden.
Dann begann jemand zu singen.
Das Lied war kurz. Es erzählte davon, dass nicht jedes Wunder einem gehören möchte und nicht jedes Geheimnis zur Unterhaltung einer Menschenmenge werden will.
Kofi hielt den Atem an.
„Wer ist das?“, flüsterte er.
Leise schob er die Blätter auseinander.
Unter einem großen Baum saß eine Schildkröte.
Vor ihr stand eine winzige Harfe.
Die Schildkröte zupfte mit ihren Vorderfüßen die Saiten und sang so schön, dass Kofi seine Müdigkeit und den Heimweg vergaß.
Als das Lied zu Ende war, trat er versehentlich auf einen trockenen Zweig.
Knack!
Die Schildkröte drehte sich um.
„Wer ist da?“
Kofi trat aus den Büschen.
„Hab keine Angst. Ich habe nur zugehört.“
„Ich habe keine Angst“, sagte die Schildkröte. „Aber man hört besser zu, ohne sich zu verstecken.“
Kofi wurde verlegen.
„Deine Musik ist wunderschön.“
„Danke.“
„Darf ich wiederkommen?“
Die Schildkröte überlegte einen Augenblick.
„Ja. Wenn du allein kommst und mich nicht anderen als Sensation vorführst.“
Kofi war sofort einverstanden.
Am nächsten Tag kam er wieder zu dem Baum.
Und am Tag darauf auch.
Und wieder am nächsten.
Die Schildkröte spielte, Kofi saß neben ihr und hörte schweigend zu. Mit der Zeit gewöhnten sie sich aneinander.
Eines Abends sagte Kofi:
„Ist es nicht mühsam für dich, jedes Mal hier auf mich zu warten? Möchtest du in meiner Hütte wohnen? Dort ist es trocken und still, und ich könnte jeden Abend deiner Musik zuhören.“
Die Schildkröte sah ihn lange an.
„Ich bin nur unter einer Bedingung einverstanden.“
„Unter welcher?“
„Du verrätst niemandem, dass ich singe und spiele. Ich tue das nur, wenn ich selbst Lust dazu habe.“
„Versprochen“, sagte Kofi feierlich.
So zog die Schildkröte in seine Hütte ein.
Anfangs war alles gut.
Am Abend, wenn es im Dorf still wurde, stellte Kofi eine kleine Lampe auf. Die Schildkröte nahm ihre Harfe, und das Zimmer füllte sich mit Musik.
Doch eine Woche verging.
Dann eine zweite.
Und Kofi konnte das Geheimnis kaum noch für sich behalten.
„Niemand im ganzen Dorf hat je so etwas gehört“, dachte er. „Aber ich! Wenn die Leute davon wüssten, würden sie mich mit ganz anderen Augen ansehen.“
Eines Morgens fragte ihn ein Freund:
„Warum kommst du abends in letzter Zeit nicht mehr zu uns?“
„Ich habe zu tun.“
„Was denn?“
Kofi hielt ungefähr drei Atemzüge lang durch.
„Aber sag es niemandem.“
Und er erzählte von der Schildkröte.
Der Freund versprach zu schweigen.
Am Abend wussten es bereits drei Leute.
Am nächsten Morgen das halbe Dorf.
Und einen Tag später war die Geschichte beim Dorfältesten angekommen.
Der ließ Kofi zu sich rufen.
„Man sagt, in deinem Haus lebt eine Schildkröte, die Harfe spielt und singt.“
Kofi richtete sich auf.
„Genau so ist es.“
Die Menschen um ihn herum lachten.
„Eine Schildkröte? An der Harfe?“
„Vielleicht erzählt er uns morgen, dass sein Korb tanzen kann“, scherzte jemand.
Kofi wurde rot.
„Ich sage die Wahrheit!“
„Dann bring sie morgen her“, sagte der Dorfälteste. „Damit alle sie hören können.“
Jetzt hätte Kofi an sein Versprechen denken müssen.
Er hätte sagen müssen: „Nein. Ohne ihre Zustimmung kann ich sie nicht vorführen.“
Doch er wollte unbedingt beweisen, dass er diesmal nicht übertrieben hatte.
„Ich bringe sie her!“, rief er. „Und falls ich das erfunden habe, werde ich einen ganzen Monat lang den alten Leuten Wasser tragen, die Wege ausbessern und allen helfen, die mich darum bitten.“
Der Dorfälteste zog die Augenbrauen hoch.
„Das ist ein ernstes Versprechen.“
„Ich bin mir sicher.“
Als Kofi nach Hause kam, wusste die Schildkröte bereits, was geschehen war.
„Du hast es erzählt“, sagte sie.
„Nur einem Mann.“
„Und jetzt weiß es das ganze Dorf.“
„Morgen spielst du ein Lied. Nur eines. Danach bitte ich dich nie wieder darum.“
Die Schildkröte schwieg.
„Bitte.“
„Ich habe dir gesagt, unter welcher Bedingung ich hier wohnen wollte.“
„Aber jetzt werden alle mich für einen Lügner halten!“
„Das liegt nicht an meiner Musik, Kofi.“
Er antwortete nichts.
Am nächsten Morgen versammelte sich fast das ganze Dorf auf dem Platz.
Man stellte einen niedrigen Tisch auf. Kofi setzte die Schildkröte vorsichtig darauf und legte die kleine Harfe neben sie.
„Nun?“, fragten die Leute.
Die Schildkröte schwieg.
Kofi beugte sich zu ihr hinunter.
„Sing.“
Stille.
„Wenigstens ein kleines Lied.“
Die Schildkröte blickte geradeaus.
Ein paar Minuten vergingen.
Dann eine halbe Stunde.
Die Leute begannen zu tuscheln.
„Sie ist wohl schüchtern“, sagte Kofi.
Nach einer weiteren Stunde stand die Sonne höher.
Die Schildkröte hatte die Harfe noch immer nicht berührt.
Kofi brachte ihr Wasser.
Er legte die süßesten Früchte neben sie.
Er versuchte sogar selbst zu singen, in der Hoffnung, sie würde mit einstimmen.
Das klang so falsch, dass einige Kinder sich die Ohren zuhielten.
Die Schildkröte rührte sich nicht.
Bis zum Mittag lachten die Leute schon ganz unverhohlen.
Kofi fühlte sich immer schlechter.
Doch plötzlich sah er die Schildkröte an und dachte zum ersten Mal an diesem Tag nicht daran, wie er selbst dastand.
Er erinnerte sich an ihre erste Begegnung.
An ihre Bedingung.
An sein Versprechen.
Und er verstand.
Kofi hob die Hand.
„Genug.“
Die Leute wurden still.
„Die Schildkröte schuldet mir nichts. Sie hat nicht versprochen, vor euch zu singen. Ich habe versprochen, ihr Geheimnis zu bewahren, und mein Wort gebrochen.“
Jemand aus der Menge fragte:
„Sie singt also wirklich?“
Kofi schüttelte den Kopf.
„Darauf kommt es jetzt nicht an. Ich hätte ihr Vertrauen bewahren sollen, aber ich wollte angeben. Auch mein Versprechen gegenüber dem Dorf werde ich halten. Einen Monat lang helfe ich der Gemeinschaft.“
Der Dorfälteste nickte.
„Gut, dass du das selbst erkannt hast.“
Kofi nahm die Schildkröte und trug sie in den Wald zurück.
An dem vertrauten Baum setzte er sie auf die Erde.
„Es tut mir leid“, sagte er. „Ich dachte, wenn ein Wunder bei mir ist, gehört es irgendwie auch ein bisschen mir. Aber das stimmt nicht.“
Die Schildkröte sah ihn an.
„Jetzt hast du es verstanden.“
„Wirst du mir verzeihen?“
„Verzeihen kann ich dir. Mein Vertrauen musst du dir durch deine Taten zurückverdienen.“
Kofi nickte.
„Das ist gerecht.“
Er drehte sich um und ging zum Dorf.
Doch er hatte noch keine zehn Schritte gemacht, als er hinter sich den leisen Klang der Saiten hörte.
Kofi blieb stehen.
Die Schildkröte sang.
Nicht für den Dorfplatz.
Nicht, um gelobt zu werden.
Nicht, um etwas zu beweisen.
Einfach, weil sie selbst es wollte.
Kofi drehte sich nicht um. Er lächelte nur und hörte dem Lied bis zum Ende zu.
Im nächsten Monat hatte er viel zu tun.
Er trug den Menschen Wasser, denen der weite Weg zum Brunnen schwerfiel. Er half einem Nachbarn, das Dach zu reparieren. Er räumte nach einem Wolkenbruch den Pfad frei. Er brachte einer alten Frau am Dorfrand Brennholz.
Anfangs spotteten die Kinder:
„Kofi, hat die Schildkröte dir heute kein Konzert gegeben?“
„Nein“, antwortete er ruhig. „Und das ist ihre Sache.“
Allmählich hörten die Scherze auf.
Kofi selbst gab nun weniger an.
Manchmal ging er noch immer zu dem fernen Baum.
Manchmal spielte die Schildkröte.
Manchmal nicht.
Und nun freute Kofi sich über beide Begegnungen gleichermaßen.
Denn endlich hatte er etwas Einfaches begriffen: Wenn dir jemand etwas Schönes anvertraut, dankst du am besten dafür, indem du dieses Vertrauen bewahrst, statt damit zu prahlen.
