

Norwegen
Östlich der Sonne und westlich des Mondes
weißer Bär, Zauber, Reise, Treue
- Land
- Norwegen
- Alter
- 7–12 Jahre

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Östlich der Sonne und westlich des Mondes
Weit im Norden, wo es im Winter früh dunkel wird und sich die Berge in den Fjorden spiegeln, lebte eine große Familie. Sie besaß eine kleine Hütte, ein paar Ziegen und hatte so viele Kinder, dass beim Abendessen auch neben der Tür eine Bank stehen musste.
Die Familie war nicht wohlhabend, aber im Haus fand sich immer Platz für noch eine Schüssel Suppe und noch ein freundliches Wort.
Die jüngste Tochter ging vor dem Schlafengehen gern ans Meer. Sie lauschte den Wellen und stellte sich vor, dass jenseits des dunklen Wassers Wege begannen, die auf keiner Karte zu finden waren.
An einem Winterabend, als der Wind den Schnee ums Dach wirbelte, klopfte jemand an die Tür.
Der Vater öffnete und wich einen Schritt zurück.
Auf der Schwelle stand ein riesiger weißer Bär.
Sein Fell war rein wie frischer Schnee, und seine Augen blickten ruhig und menschlich.
„Fürchtet euch nicht“, sagte der Bär. „Ich bin weder wegen des Essens noch wegen eurer Tiere gekommen. Ich brauche Hilfe.“
In der Hütte wurde es so still, dass man das Holz im Feuer knacken hörte.
Der Bär erzählte, er lebe weit hinter den Bergen in einem verwunschenen Schloss und könne sich nicht selbst von einem alten Fluch befreien.
„Ich brauche einen Menschen, der bereit ist, ein Jahr und einen Tag in meinem Haus zu wohnen“, sagte er. „Ich darf niemandem etwas befehlen und niemanden mit Gewalt mitnehmen. Wenn keiner will, gehe ich wieder.“
Der Vater war ratlos. Die Mutter presste fest die Hände zusammen.
Doch die jüngste Tochter trat vor.
„Und was erwartet mich dort?“
„Du bekommst ein eigenes Zimmer, Essen, Bücher und alles, was du brauchst. Wenn du dich bedroht fühlst, darfst du gehen. Ich bitte dich nur, den Zauber nicht vor seiner Zeit lösen zu wollen.“
Das Mädchen sah den Bären lange an.
Sie hatte Angst. Aber seine Stimme klang nicht drohend.
„Gib mir eine Nacht zum Nachdenken.“
„Natürlich.“
Am Morgen sagte sie zu ihrer Familie:
„Ich werde mitgehen. Nicht, weil ich muss. Ich möchte verstehen, was das für ein Fluch ist. Und wenn es mir dort nicht gut geht, komme ich zurück.“
Der weiße Bär ging auf die Knie, damit das Mädchen leichter auf seinen Rücken steigen konnte.
Sie brachen durch verschneite Wälder auf.
Lange führte ihr Weg zwischen Kiefern hindurch. Dann stiegen sie auf einen Pass, wo die Wolken unter den Bergen dahinzogen. Schließlich lag ein Felsen vor ihnen. In ihm öffneten sich große Türen, die das Mädchen zunächst gar nicht bemerkt hatte.
Hinter den Türen lag ein Schloss.
In den Sälen brannten Hunderte Lampen, die Kamine hielten ihr Feuer von selbst am Brennen, und die Tische deckten sich, sobald sich jemand zum Essen setzte. Doch Diener waren nirgends zu sehen. Nur manchmal hörte man in der Ferne ein leises Rascheln, als rückten unsichtbare Hände Vorhänge zurecht oder stellten eine Tasse ins Regal.
Der weiße Bär zeigte dem Mädchen die Bibliothek, den Wintergarten und ein Zimmer mit einem Fenster zum Sternenhimmel.
„Hier wirst du wohnen“, sagte er.
Die Tage vergingen ruhig. Der Bär kam oft am Abend. Sie spielten Schach und sprachen über die Berge und das Meer. Er kannte unzählige alte Sagen und konnte zuhören, ohne zu unterbrechen.
Doch im Schloss gab es eine seltsame Regel.
Nachts, wenn die Lampen erloschen, kam manchmal ein unbekannter junger Mann in das Zimmer des Mädchens. Sie hörte seine Stimme, konnte aber sein Gesicht im Dunkeln nicht sehen. Er kam ihr nie ohne Erlaubnis näher. Wenn sie fragte, wer er sei, antwortete er:
„Das kann ich noch nicht sagen. Wenn ein Jahr und ein Tag vergangen sind, wirst du alles erfahren.“
Das Mädchen ahnte, dass der junge Mann und der weiße Bär irgendwie zusammengehörten.
Ein paar Monate vergingen. Sie vermisste ihre Familie, und der Bär schlug von sich aus vor:
„Besuch sie. Aber bitte lass dich von niemandem überreden, die einzige Bedingung des Zaubers zu brechen. Zünde kein Licht an, um deinen nächtlichen Gast zu sehen.“
„Ich werde daran denken.“
Er brachte sie nach Hause.
Ihre Familie begrüßte das Mädchen mit Tränen und Umarmungen. Sie erzählte vom Schloss, von der Bibliothek, dem Wintergarten und dem geheimnisvollen Besucher.
Die Mutter machte sich Sorgen.
„Du weißt gar nicht, wer nachts zu dir kommt. Was, wenn sich dahinter eine Gefahr verbirgt?“
„Er hat mir noch nie etwas Böses getan.“
„Das mag sein. Aber ich würde eine kleine Lampe nehmen und wenigstens einmal nachsehen.“
Das Mädchen zögerte.
Am Abend vor der Abreise gab die Mutter ihr eine winzige Öllampe.
„Trag sie einfach bei dir.“
Als das Mädchen ins Schloss zurückkam, rührte sie die Lampe mehrere Nächte lang nicht einmal an.
Doch die Worte ihrer Mutter gingen ihr nicht aus dem Kopf.
Schließlich zündete sie eines Nachts die Lampe an, als ihr geheimnisvoller Gast im Sessel am Kamin eingeschlafen war.
Vor ihr saß ein junger Prinz.
Er schlief mit dem Kopf auf der Hand und sah so ganz gewöhnlich aus, dass das Mädchen keine Angst, sondern große Erleichterung empfand.
„Das ist also das Geheimnis“, flüsterte sie.
In diesem Moment fiel ein Tropfen heißen Öls aus der Lampe auf den Boden. Der Prinz erwachte.
Er sah das Licht und wurde blass.
„Du hast die Lampe angezündet.“
„Ich hatte Angst, weil ich nicht wusste, wer du bist. Verzeih mir.“
„Ich verstehe“, sagte der Prinz traurig. „Aber so war der Fluch bestimmt. Am Tag musste ich ein weißer Bär sein. Hättest du ein Jahr und einen Tag hier gelebt, ohne das Geheimnis erzwingen zu wollen, wäre der Zauber für immer zerfallen. Jetzt bringt man mich in das Schloss östlich der Sonne und westlich des Mondes.“
„Wer bringt dich dorthin?“
„Die Trollkönigin, die auch den Fluch ausgesprochen hat. Sie will über mein Schicksal bestimmen.“
Das Schloss um sie herum erbebte.
Ein Fenster nach dem anderen wurde dunkel.
„Ich werde dich finden“, sagte das Mädchen.
„Dorthin führt kein Weg für Menschen.“
„Dann finde ich einen, der nicht für Menschen gemacht ist.“
Am Morgen erwachte sie unter freiem Himmel. Das Schloss war verschwunden. Neben ihr lag nur ein kleines Bündel mit einem Reisemantel.
Das Mädchen machte sich nach Osten auf.
Drei Tage und drei Nächte ging sie, bis sie eine alte Frau neben einer Hütte sah. Die Frau hielt einen goldenen Apfel in den Händen.
„Wohin gehst du ganz allein?“, fragte die Alte.
„Zum Schloss östlich der Sonne und westlich des Mondes.“
„Ich kenne den Weg nicht. Aber vielleicht kennt ihn der Ostwind. Und das hier nimm mit. Manchmal braucht man etwas Kostbares nicht, um es zu besitzen, sondern um eine Tür zu öffnen.“
Sie gab dem Mädchen den goldenen Apfel und rief den Ostwind.
Der Wind kam herbei und pfiff durch die Baumkronen.
„Östlich der Sonne und westlich des Mondes? Nein, so weit bin ich nie gewesen. Aber ich trage dich zu meinem Bruder, dem Westwind.“
Er hob das Mädchen auf, und sie flogen über Felder und Flüsse.
Auch der Westwind kannte nicht den ganzen Weg. Er trug sie zum Südwind. Der Südwind brachte sie zum Nordwind.
Der Nordwind war alt und grimmig. Sein Bart bestand aus Eisstückchen.
„Einmal habe ich das Schloss gesehen“, dröhnte er. „Ich bin kaum von dort zurückgekommen. Der Weg ist lang und beschwerlich.“
„Ich muss es trotzdem versuchen.“
Der Nordwind schaute sie aufmerksam an.
„Dann halte dich gut fest.“
Sie flogen so hoch, dass das Meer unter ihnen wie ein dunkles Tuch aussah. Das Mädchen verbarg sein Gesicht im Mantel, während der Wind es immer weiter trug, bis schwarze Berge am Horizont auftauchten.
Auf dem höchsten stand ein Schloss, silbern im Mondlicht.
„Von hier aus gehst du allein weiter“, sagte der Nordwind. „Und vergiss nicht: Nicht jede Macht muss man mit Gewalt bezwingen.“
Das Mädchen dankte ihm und stieg zum Tor hinauf.
Im Hof sah sie eine Trollprinzessin in prächtigen Kleidern. Sie spielte mit Schlüsseln in ihren Händen.
„Was willst du?“
Das Mädchen holte den goldenen Apfel hervor.
Die Augen der Trollprinzessin leuchteten auf.
„Den will ich haben.“
„Ich gebe ihn dir, wenn ich mit dem Prinzen allein sprechen darf.“
„Eine Stunde“, willigte die Trollprinzessin ein.
Doch vor dem Treffen gab sie dem Prinzen einen Trank, von dem er einschlief. Das Mädchen sprach die ganze Stunde zu ihm, aber er erwachte nicht.
Am nächsten Tag begegnete das Mädchen beim Schloss einer anderen alten Frau, die ihm einen goldenen Kamm schenkte. Wieder tauschte es ihn gegen eine Stunde Gespräch ein. Und wieder schlief der Prinz.
Am dritten Tag bekam das Mädchen ein kleines goldenes Spinnrad.
Diesmal jedoch erzählte ein junger Diener dem Prinzen die Wahrheit. Er hatte gehört, wie das Mädchen zwei Nächte lang neben dem schlafenden Prinzen geweint hatte.
„Trink heute nichts, was man dir bringt.“
Am Abend berührte der Prinz den Becher nur mit den Lippen und stellte ihn wieder ab.
Als das Mädchen hereinkam, war er wach.
„Du bist wirklich gekommen“, sagte er.
„Ich habe es doch versprochen.“
Sie sprachen lange. Nicht über Zauberschlösser, sondern darüber, dass beide Fehler gemacht hatten. Sie hatte aus Angst sein Vertrauen verletzt. Er hatte zu viel verschwiegen und gehofft, das Schweigen würde alles von selbst lösen.
„Wenn wir hier herauskommen“, sagte das Mädchen, „gibt es keine geheimnisvollen Bedingungen ohne Erklärung mehr.“
„Abgemacht.“
Am Morgen kündigte die Trollkönigin eine letzte Prüfung an. Sie brachte ein weißes Hemd mit einem dunklen Wachsfleck.
„Wer es so waschen kann, dass der Stoff rein wird, beweist, dass er meinen Zauber entwirren kann.“
Die Trolle schrubbten das Hemd mit groben Bürsten, gossen heißes Wasser darüber und bestreuten es mit seltsamen Pulvern. Der Fleck wurde nur größer.
Das Mädchen bat darum, es versuchen zu dürfen.
Sie holte kühles Wasser und milde Seife und begann geduldig, den Stoff auszuwaschen. Dann erinnerte sie sich, wie ihre Mutter zu Hause Flecken aus der Wäsche entfernt hatte: nicht hastig, sondern behutsam, Schicht um Schicht.
Bald war das Hemd sauber.
Die Trollkönigin erkannte, dass ihr Zauber seine Kraft verloren hatte. Das Schloss erbebte, doch diesmal drohte keine Gefahr. Grauer Staub rieselte von den Wänden, die schweren Türen öffneten sich von selbst, und alle, die gegen ihren Willen dort festgehalten wurden, sahen einen Weg hinaus.
Der Prinz und das Mädchen verließen das Schloss gemeinsam.
„Wohin jetzt?“, fragte er.
Sie schaute zum hellen Himmel.
„Zuerst nach Hause. Meine Familie muss wissen, dass ich lebe. Danach entscheiden wir weiter.“
Der Nordwind wartete hinter dem Berg. Diesmal brummte er nicht einmal.
„Na, hast du ihn gefunden?“
„Ja.“
„Dann haltet euch beide fest.“
Auf dem Rückweg besuchten sie jede der alten Frauen und dankten dem Ostwind, dem Westwind und dem Südwind. Der goldene Apfel, der Kamm und das Spinnrad blieben bei den Trollen: kleine Dinge, die große Türen geöffnet hatten.
Als das Mädchen zur heimatlichen Hütte zurückkehrte, begrüßte es die ganze Familie. Die Mutter umarmte sie und sagte:
„Ich wollte dich beschützen und habe dir mit meinem Rat nur noch mehr Angst gemacht.“
„Du hast dir Sorgen um mich gemacht. Aber die Entscheidung war trotzdem meine“, antwortete die Tochter.
Der Prinz bat sie nicht, gleich mit ihm in sein Königreich zu reisen. Er blieb zu Gast, lernte, das alte Boot ihres Vaters zu reparieren, und verlor sogar ein paar Schneeballschlachten gegen die jüngeren Kinder.
Erst später, als beide verstanden hatten, dass sie aus eigener Wahl zusammenbleiben wollten und nicht wegen eines Fluchs oder eines alten Versprechens, wurde in zwei Königreichen Hochzeit gefeiert.
Noch viele Jahre lang trat das Mädchen ans Fenster und lauschte dem Wind, wenn im Norden ein Schneesturm begann.
Manchmal glaubte sie, hoch oben in den Wolken lache der Nordwind und erinnere sie daran:
Selbst wenn dein Ziel östlich der Sonne und westlich des Mondes liegt, findet sich ein Weg dorthin für den, der nicht aufhört zu suchen — und der nicht nur vorangehen, sondern auch seine eigenen Fehler eingestehen kann.
