

Australien
Nardarn, die Fledermaus
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Australien
- Alter
- 4–8 Jahre
- Dauer
- 8 Min.

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Nardarn, die Fledermaus
In alter Zeit, so erzählt man, liebte Nardarn die Fledermaus Honig über alles. Sobald er irgendwo zwischen den Bäumen einen süßen Duft wahrnahm, konnte er an kaum noch etwas anderes denken.
An einem warmen Morgen sah Nardarn die Biene Wurranunna. Sie landete auf einer Blüte, sammelte Pollen und flog wieder davon.
„Die zeigt mir den Weg zum Honig“, flüsterte Nardarn.
Er merkte sich ihre Flugrichtung und folgte ihr. Wurranunna verschwand zwischen den Zweigen und tauchte weiter vorn wieder in einem Sonnenstrahl auf.
Nardarn folgte ihr lange.
Als es dämmerte, merkte er sich die Stelle, an der er die Biene zuletzt gesehen hatte, und kehrte zum Lager zurück.
Am nächsten Morgen rief er die beiden Bilber-Schwestern.
„Ich habe einen Baum gefunden, in dem Bienen leben. Dort muss viel Honig sein. Kommt mit.“
Die Schwestern nahmen leichte geflochtene Körbe.
Der Weg war weit, doch Nardarn eilte, als könne der Honig auf eigenen Beinen davonlaufen.
„Langsamer“, bat die ältere Bilber. „Wir kommen doch nicht zu spät.“
„Nur noch ein Stück!“, sagte Nardarn. „Ihr werdet sehen, wie viel Honig dort ist.“
Endlich erreichten sie einen hohen Baum mit einer schmalen Öffnung im Stamm.
Dahinter summte es leise.
„Hier!“, rief Nardarn. „Ich hatte recht.“
Die ältere Schwester betrachtete die Öffnung.
„Sie ist sehr eng. Wir sollten sie zuerst mit einem Holzkeil vorsichtig verbreitern und die Bienen so wenig wie möglich stören.“
Doch Nardarn wollte den Honig sofort probieren.
„Warum so viel Aufwand? Steck einfach die Hand hinein und hol ein Stück Wabe.“
„Wir sollten nicht hasten.“
„Nur ein kleines Stück“, drängte Nardarn.
Die ältere Bilber schob vorsichtig die Hand hinein.
Zuerst ging alles gut.
Als sie die Hand wieder herausziehen wollte, klemmte sie jedoch zwischen den unebenen Rändern fest.
„Nardarn, nicht ziehen!“, sagte sie sofort. „Wir müssen nachdenken.“
Doch Nardarn bekam Angst.
Er packte sie an der Schulter und zog.
„Wir kriegen dich heraus!“
„Stopp! So wird es nur schlimmer!“
Die jüngere Schwester kletterte zu ihnen.
„Jetzt brauchen wir keine Kraft, sondern Verstand.“
Sie stieg wieder hinunter, suchte einen festen Ast, formte daraus einen Keil und drückte die Ränder der Öffnung langsam auseinander.
Die ältere Schwester konnte ihre Hand befreien.
Auf der Haut blieben rote Druckstellen, aber sie konnte die Finger bewegen.
Nardarn atmete erleichtert auf.
„Gut, alles ist wieder in Ordnung. Jetzt können wir den Honig holen.“
Beide Schwestern sahen ihn so an, dass er verstummte.
„Nein“, sagte die ältere. „Wir gehen zuerst nach Hause.“
„Aber wir sind schon hier!“
„Genau deshalb hast du aufgehört, etwas anderes zu hören als das Wort Honig“, sagte die jüngere. „Für heute reicht es.“
Nardarn zog ein langes Gesicht.
Es war ihm peinlich.
Gleichzeitig ärgerte er sich darüber, den Honig zurückzulassen.
„Ich wollte doch nichts Schlechtes“, murmelte er.
„Wollen und tun sind nicht dasselbe“, sagte die ältere Bilber. „Wenn jemand dich vor einer Gefahr warnt, solltest du zuhören.“
Auf dem Heimweg sprach Nardarn kaum.
Als sie das Lager erreichten, liefen die jüngeren Bilber-Schwestern ihnen entgegen.
„Habt ihr Honig mitgebracht?“
„Nein“, sagte die ältere.
„Was ist passiert?“
Nardarn antwortete schnell:
„Die Bienen hatten ihn zu tief versteckt. Es hat einfach nicht geklappt.“
Die ältere Bilber drehte sich zu ihm.
„Das ist nicht die ganze Wahrheit.“
Nardarn tat, als hätte er es nicht gehört.
Bald erfuhr die Mutter der Schwestern von dem Vorfall.
Sie betrachtete die Hand ihrer Tochter und fragte Nardarn:
„Erzähl mir, was am Baum geschehen ist.“
„Was soll ich erzählen?“, sagte er. „Wurranunna hat uns an eine ungünstige Stelle geführt. Das ist alles.“
„Die Biene hat niemanden gezwungen, zu hasten“, sagte die jüngere Bilber leise.
Am Abend saßen alle mit den Älteren der Gemeinschaft zusammen.
Niemand schrie.
Niemand drohte.
Jeder sollte nacheinander erzählen, was geschehen war.
Zuerst sprach die ältere Bilber.
Dann die jüngere.
Schließlich war Nardarn an der Reihe.
Er sah lange auf den Boden.
Man hörte nur die Nachtinsekten und das Rascheln der Blätter.
„Ich wollte den Honig“, sagte Nardarn schließlich. „Sehr. Ich habe die Warnung gehört, aber ich wollte nicht warten. Als Bilbers Hand feststeckte, habe ich noch an ihr gezogen, statt anzuhalten. Danach schämte ich mich und tat so, als sei nichts passiert.“
Eine ältere Frau fragte:
„Was war schlimmer: der Fehler selbst oder dass du ihn verstecken wolltest?“
Nardarn dachte nach.
„Wahrscheinlich das Zweite. Einen Fehler kann man gemeinsam korrigieren. Wenn man ihn verschweigt, wissen die anderen nicht, worauf sie achten müssen.“
„Gut gesagt.“
Die Mutter der Schwestern fragte:
„Was machst du beim nächsten Mal anders?“
Nardarn hob den Kopf.
„Ich werde nicht so hasten. Wenn jemand sagt, dass etwas gefährlich ist, halte ich an. Und wenn etwas passiert, sage ich die Wahrheit.“
„Und der Honig?“, fragte eine kleine Schwester.
Alle lächelten.
Auch Nardarn.
„Der Honig kann warten.“
Einige Tage später gingen sie erneut zum Baum.
Diesmal begleiteten sie erfahrene Honigsammler.
Niemand steckte eine Hand in die enge Öffnung.
Sie untersuchten zuerst den Stamm, machten einen sicheren Zugang und nahmen nur einen Teil des Honigs, damit den Bienen genug blieb.
Nardarn sah aufmerksam zu.
„Jetzt verstehst du es?“, fragte die ältere Bilber.
„Ja“, sagte er. „Der kürzeste Weg zum Honig kann manchmal der längste Weg zum Ärger sein.“
Die jüngere lachte.
„Das klingt schon ziemlich weise.“
Zu Hause teilten sie den Honig mit allen.
Die Kleinsten bekamen einen Tropfen auf den Finger.
Die Erwachsenen gaben ihn ins Essen.
Nardarn brachte seinen Anteil zur Mutter der Bilber-Schwestern.
„Dafür, dass ich nicht auf eure Töchter gehört habe.“
Sie nahm den Korb.
„Nicht Honig macht eine Entschuldigung echt. Echt wird sie durch das, was du danach anders machst.“
Nardarn merkte sich diese Worte.
Von da an jagte er Wurranunna nicht mehr blind hinterher, sobald er sie sah.
Er schaute zuerst, wohin der Weg führte, wer bei ihm war und ob sie sicher zurückkehren konnten.
Und wenn ein Jüngerer zu hastig wurde, sagte Nardarn:
„Ich kenne eine Geschichte über Honig, der beinahe teurer geworden wäre als jeder süße Geschmack der Welt.“
Dann setzten sich alle näher.
Und er begann von vorn:
von Wurranunna,
vom hohen Baum,
und von dem Tag, an dem er lernte, dass Mut nicht bedeutet, alles allein und möglichst schnell zu tun.
Manchmal ist echter Mut, anzuhalten, zuzuhören und ehrlich zu sagen:
„Ich habe mich geirrt.“
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
