Cover: Die Vogelbrücke am Himmel

Südkorea

Die Vogelbrücke am Himmel

Sterne, Elstern, Himmelsfluss, Wiedersehen, Legende

Land
Südkorea
Alter
6–10 Jahre
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Die Vogelbrücke am Himmel

Hoch, hoch über der Erde, dort, wo der Nachthimmel tiefblau wird, fließt der Himmelsfluss. Wir sehen ihn als helles Band aus unzähligen Sternen.

Einst, so erzählt man, stand an diesem Fluss der Palast des Sternenkönigs. Darin lebte seine Tochter, eine Weberin, die wunderbare Stoffe schuf.

In ihren Händen wurden silberne Fäden zu Morgennebel, goldene zu den ersten Sonnenstrahlen und blaue zur Farbe des Abendhimmels.

Die Prinzessin liebte ihre Arbeit. Noch lieber aber blickte sie über den Himmelsfluss zu den fernen Sternenfeldern.

Eines Tages kam ein junger Prinz aus einem anderen Teil des Himmels in den Palast. Er war fröhlich, neugierig und anfangs sehr gewissenhaft. Die Prinzessin und der Prinz sprachen viel miteinander, gingen durch die Sternengärten und wussten bald, dass sie zusammen sein wollten.

Der Sternenkönig gab ihnen seinen Segen.

Zunächst ging alles gut. Doch mit der Zeit schob der Prinz seine Aufgaben immer öfter auf.

„Das mache ich morgen“, sagte er.

Dann:

„Nächste Woche.“

Und schließlich zählte er die Tage gar nicht mehr. Er gab mehr aus, als er besaß, vergaß seine Versprechen und hoffte, irgendjemand anderes würde alles in Ordnung bringen.

Die Prinzessin versuchte zu helfen. Doch ein Mensch kann nicht auf Dauer die Arbeit für zwei erledigen.

Der Sternenkönig gab dem Prinzen mehrmals die Gelegenheit, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.

„Du darfst Fehler machen“, sagte er. „Aber nach einem Fehler musst du etwas ändern.“

Der Prinz versprach es. Doch seine alten Gewohnheiten kehrten zurück.

Schließlich entschied der König:

„Ihr beide braucht Zeit für euch allein. Ihr müsst herausfinden, was ihr wollt und wofür ihr Verantwortung übernehmen möchtet.“

Er ließ den Prinzen am Nordufer des Himmelsflusses wohnen und die Prinzessin am Südufer.

Der Fluss zwischen ihnen war so breit wie der ganze Himmel.

Anfangs waren beide wütend und traurig. Dann begann der Prinz, sein Leben zu ordnen. Er arbeitete, bezahlte seine Schulden, lernte, Begonnenes zu Ende zu bringen, und bürdete seine Aufgaben nicht länger anderen auf.

Auch die Prinzessin lebte ihr eigenes Leben: Sie webte neue Stoffe, half den Bewohnern ihres Sternenreichs und bewahrte die Erinnerung an den, der weit entfernt war.

Der König sah, wie sie sich veränderten.

Da sagte er:

„Einmal im Jahr, in der siebten Nacht des siebten Monats, dürft ihr euch am Himmelsfluss treffen.“

Als der lang ersehnte Tag kam, ging der Prinz zum Nordufer und die Prinzessin zum Südufer.

Über das leuchtende Wasser hinweg sahen sie einander.

„Ich bin hier!“, rief der Prinz.

„Ich auch!“, antwortete die Prinzessin.

Doch es gab keine Brücke.

Sie liefen an den Ufern entlang und suchten eine Stelle zum Überqueren. Aber der Himmelsfluss schien kein Ende zu haben.

Ihr Kummer war so groß, dass sich Wolken am Himmel sammelten und warme Sommerregentropfen auf die Erde fielen.

Die Tiere und Vögel hörten von ihrem Unglück.

„Wir müssen ihnen helfen“, sagte eine Elster.

„Aber wie kommt man über einen Sternenfluss?“, fragte eine zweite.

Die älteste Elster betrachtete ihre Flügel.

„Ein einzelner Vogel kann keine Brücke bilden. Aber was wäre, wenn wir tausend wären? Oder zehntausend? Oder noch mehr?“

Die Nachricht flog von Wäldchen zu Wäldchen, von Tal zu Tal.

Aus allen Teilen der Welt kamen Elstern herbeigeflogen.

Sie stiegen höher und höher, bis die Erde nur noch eine ferne dunkle Kugel war und die Sterne ganz nah erschienen.

Die Vögel reihten sich über dem Himmelsfluss auf. Einer neben dem anderen, Flügel an Flügel, Rücken an Rücken. So entstand eine lebendige Brücke, die von einem Sternenufer zum anderen führte.

„Die Brücke ist fertig!“, riefen die Elstern schnatternd.

Vorsichtig betrat der Prinz sie.

Schritt für Schritt ging er über das glitzernde Wasser. Die Vögel hielten fest zusammen, und der Prinz trat so leicht auf, wie er nur konnte.

In der Mitte der Brücke wartete schon die Prinzessin auf ihn.

Sie fanden zueinander und konnten lange nicht genug vom Reden bekommen.

„Ich habe vieles verstanden“, sagte der Prinz. „Jemanden zu lieben heißt nicht, darauf zu warten, dass er alles für einen in Ordnung bringt.“

„Und ich habe verstanden“, antwortete die Prinzessin, „dass man helfen kann, ohne dabei den eigenen Weg zu vergessen.“

Sie verbrachten einige glückliche Stunden miteinander. Als die Nacht heller wurde, dankten sie den Elstern und kehrten jeder an sein eigenes Ufer zurück.

Seitdem, so erzählt die Legende, steigen die Elstern jedes Jahr in der siebten Nacht des siebten Monats zu den Sternen hinauf und bauen eine Brücke über den Himmelsfluss.

Deshalb betrachten die Menschen den Nachthimmel zu dieser Zeit besonders aufmerksam.

Auf der einen Seite des hellen Sternenbandes leuchtet ein Stern. Auf der anderen Seite ein zweiter.

Und zwischen ihnen kann man, mit sehr viel Glück und sehr viel Fantasie, einen zarten dunklen Pfad aus Flügeln entdecken.

Das sind die Elstern, die ihre Himmelsbrücke tragen.

Denn selbst über den breitesten Fluss lässt sich manchmal ein Weg finden, wenn viele kleine Flügel zusammenarbeiten.