Cover: Nippit-Fit und Klippit-Fit

Vereinigtes Königreich

Nippit-Fit und Klippit-Fit

Gläserner Schuh, Schwestern, Wiedererkennen, Hinweis eines Vogels

Land
Vereinigtes Königreich
Alter
6–10 Jahre
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Nippit-Fit und Klippit-Fit

In einem fernen Königreich lebte ein junger Prinz, der etwas Seltsames besaß: einen kleinen gläsernen Schuh.

Niemand wusste, woher er stammte. Die einen sagten, eine Fee habe ihn zurückgelassen, die anderen, man habe ihn einst nach einem schweren Sturm am Meeresufer gefunden. Der Schuh war durchsichtig, leicht und so klein, dass er wie für eine Puppe gemacht schien.

Der Prinz betrachtete ihn oft und sagte eines Tages:

„Ich würde gern den Menschen kennenlernen, dem dieser Schuh wirklich passt. Er muss einen sehr kleinen Fuß haben.“

Die Höflinge, die jeden Gedanken des Prinzen am liebsten zu einer wichtigen Staatsangelegenheit machten, redeten sofort aufgeregt durcheinander:

„Wir müssen eine Suche veranstalten!“

„Boten ausschicken!“

„Es auf allen Plätzen verkünden lassen!“

Der Prinz lachte.

„Gut. Aber ich verspreche nicht, die erste Frau mit einem kleinen Fuß gleich zu heiraten. Zuerst möchte ich mich mit ihr unterhalten.“

So machte sich ein königlicher Gesandter auf den Weg, den gläsernen Schuh in einem weichen Samtbeutel.

Er reiste von Stadt zu Stadt und von Schloss zu Schloss. Überall gab es junge Damen, die den wundersamen Schuh anprobieren wollten.

Manche zogen die Zehen ein.

Andere hielten den Atem an, als könnte dadurch ihr Fuß kleiner werden.

Wieder andere versicherten:

„Er passt fast! Nur mit dem Glas stimmt etwas nicht.“

Doch der Schuh blieb eigensinnig: War der Fuß zu groß, saß er einfach nicht richtig.

Schließlich kam der Gesandte zu einem alten Haus, in dem eine Witwe mit ihren beiden Töchtern lebte.

Früher war die Familie wohlhabend gewesen, doch inzwischen mussten alle selbst mit anpacken.

Die ältere Schwester liebte schöne Dinge und träumte davon, den früheren Reichtum zurückzugewinnen. Die jüngere war stiller. Sie pflegte den Garten, half ihrer Mutter und glaubte nicht, dass das Glück unbedingt in einem Palast wohnen müsse.

Als der Gesandte den gläsernen Schuh zeigte, rief die ältere Schwester:

„Das ist genau meine Größe!“

Sie nahm den Schuh mit in ihr Zimmer.

In Wirklichkeit war ihr Fuß etwas zu groß. Doch sie wollte so unbedingt gewinnen, dass sie ihn fest mit Bändern umwickelte und sich mühsam in den Schuh zwängte.

Als sie zurückkam, war ihr Gesicht blass, und sie machte kleine, unbeholfene Schritte.

„Seht Ihr? Er passt!“, sagte sie.

Der Gesandte freute sich.

„Endlich! Ich werde dem Prinzen Bescheid geben.“

Die jüngere Schwester sah die ältere an und bemerkte, wie schwer es ihr fiel, keine schmerzliche Miene zu ziehen.

Doch sie sagte nichts.

Am nächsten Tag kam der Prinz selbst mit einem kleinen Gefolge zum Haus.

Die ältere Schwester zog ihr schönstes Kleid an und ging den Gästen entgegen.

„Ihr seid also diejenige, die den Schuh anziehen konnte?“, fragte der Prinz.

„Natürlich.“

Sie machten sich auf den Weg zum Palast, um einander näher kennenzulernen.

Doch kaum kamen sie an einem alten Schlehenbusch vorbei, da sang ein kleiner Vogel:

„Nippit-Fit und Klippit-Fit,

Im falschen Schuh reist eine mit!

Der kleine Fuß, der wirklich passt,

Ist noch zu Haus und nicht zu Gast!“

Der Prinz zog die Zügel an.

„Ein seltsames Lied. Habt Ihr eine Schwester?“

Das ältere Mädchen wurde unruhig.

„Ja. Aber sie interessiert sich überhaupt nicht für Paläste.“

„Das ist kein Grund, sie nicht zu begrüßen“, erwiderte der Prinz.

Sie kehrten um.

Die jüngere Schwester versteckte sich gerade hinter einem großen Kessel im Hof. Sie hatte von dem ganzen Wirbel gehört und wollte keinesfalls wie eine Ware auf dem Jahrmarkt begutachtet werden.

„Kommt bitte hervor“, sagte der Prinz, als man sie gefunden hatte. „Ich möchte Euch nur bitten, den Schuh anzuprobieren. Wenn Ihr das nicht wollt, wird Euch niemand dazu zwingen.“

Das Mädchen seufzte.

„Gut. Ein einziges Mal.“

Die ältere Schwester zog den gläsernen Schuh aus. Sobald sie die festgezogenen Bänder abwickelte, wurde klar, warum ihr das Gehen so schwergefallen war.

Der Prinz runzelte die Stirn.

„Warum habt Ihr Euch so gequält?“

Die ältere Schwester senkte den Blick.

„Ich wollte beweisen, dass gerade ich ein Recht auf ein besseres Leben habe.“

„Ein besseres Leben beginnt nicht mit einer Lüge“, sagte der Prinz leise.

Die jüngere Schwester zog den Schuh an.

Er passte mühelos, ohne jede Anstrengung.

Alle staunten.

Doch das Mädchen zog ihn wieder aus und reichte ihn dem Prinzen.

„Hier. Jetzt wisst Ihr, wem er passt.“

„Das weiß ich“, sagte der Prinz lächelnd. „Aber etwas anderes interessiert mich mehr. Warum seid Ihr nicht von selbst gekommen, um ihn anzuprobieren?“

„Weil ich nicht wollte, dass die Größe meines Fußes über mein Leben entscheidet.“

Der Prinz lachte so herzlich, dass selbst die Mutter der Mädchen lächeln musste.

„Das ist die klügste Antwort, die ich während der ganzen Reise dieses Schuhs gehört habe.“

Er nahm die jüngere Schwester nicht noch am selben Tag mit in den Palast. Stattdessen kam er mehrmals zu Besuch. Sie gingen im Garten spazieren, stritten über Bücher und sprachen darüber, wie man den ärmeren Dörfern helfen könnte und weshalb die Höflinge so gern Ratschläge gaben, um die niemand sie gebeten hatte.

Später kam das Mädchen aus eigenem Entschluss in den Palast und sah, dass der Prinz nicht nur schöne Worte machte. Er hörte den Menschen wirklich zu, gab Fehler zu und schämte sich nicht, seine Entscheidungen zu ändern.

Da begriffen sie, dass sie einander nicht wegen des gläsernen Schuhs mochten.

Sondern wegen der Menschen, die sie wirklich waren.

Auch die ältere Schwester hatte inzwischen etwas Wichtiges gelernt. Sie hörte auf, vorzugeben, jemand anderes zu sein, und eröffnete eine kleine Werkstatt für festliche Kleidung. Dabei stellte sich heraus, dass sie ein ausgezeichnetes Auge für Stoffe und Schnitte hatte.

Den berühmten Schuh aber stellte man im Palast unter eine Glasglocke.

Darunter befestigte man ein Schild:

„Verändere dich nicht, nur um dich in die Vorstellung eines anderen vom Glück zu zwängen.“

Und wenn die Gäste fragten, warum die Geschichte „Nippit-Fit und Klippit-Fit“ hieß, lachte der Prinz und antwortete:

„Weil ein kleiner Vogel die Wahrheit manchmal früher erkennt als der ganze königliche Hof.“