Cover: Och, der König des Waldes

Ukraine

Och, der König des Waldes

Arbeit, Verwandlungen, Zauberwald

Land
Ukraine
Alter
7–10 Jahre
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Och, der König des Waldes

Vor langer Zeit, als die Wälder grenzenlos schienen und die Menschen glaubten, hinter jedem alten Baumstumpf könne sich ein Wunder verbergen, lebten ein Mann und eine Frau. Sie waren nicht wohlhabend und hatten einen einzigen Sohn.

Der Junge wurde kräftig, doch für Arbeit hatte er wenig übrig. Bat die Mutter ihn, Wasser zu holen, schob er es auf. Bat der Vater um Hilfe im Hof, schlief der Junge schon irgendwo auf dem Ofen.

Die Eltern versuchten, ihn bei einem Schneider, einem Schuster und einem Schmied in die Lehre zu geben. Überall blieb er ein paar Tage und kehrte dann nach Hause zurück.

Schließlich sagte der Vater:

„Mein Sohn, ich möchte dich nicht mein Leben lang ausschimpfen. Komm, wir suchen einen Meister, der dich nicht nur ein Handwerk lehrt, sondern auch Verantwortung.“

Sie machten sich auf eine weite Reise.

Sie gingen einen Tag, einen zweiten und einen dritten. Schließlich erreichten sie einen dunklen Wald. Der Vater setzte sich auf einen alten Baumstumpf, um auszuruhen, und seufzte schwer:

„Och …“

Kaum hatte er das gesagt, erschien hinter dem Stumpf ein kleines grünes Männchen mit einem langen Bart.

„Wer hat mich gerufen?“

„Ich habe niemanden gerufen“, sagte der Mann erstaunt. „Ich bin nur müde und habe Och gesagt.“

„Und ich bin Och, der König des Waldes“, antwortete das Männchen. „Wohin bringst du den Jungen?“

Der Vater erzählte von der Faulheit seines Sohnes.

Och kniff die grünen Augen zusammen.

„Lass ihn ein Jahr bei mir. Ich werde ihn arbeiten lehren. Aber wir vereinbaren Folgendes: Nach einem Jahr kommst du und musst deinen Sohn unter meinen Zaubergestalten erkennen. Erkennst du ihn, nimmst du ihn mit. Erkennst du ihn nicht, bleibt er noch ein Jahr.“

Der Vater zögerte. Doch der Sohn selbst sagte:

„Ich versuche es. Mir ist es auch schon peinlich, immer mit leeren Händen heimzukehren.“

So ging der Junge mit Och.

Hinter den alten Baumstümpfen öffnete sich ein Pfad in eine andere, grüne Welt. Dort stand eine Hütte aus Schilf. Bänke und Tische waren grün, und am Wasser schimmerten seltsame Waldwesen.

Am ersten Morgen sagte Och:

„Hack Holz und hol Wasser.“

Der Junge nahm die Axt, setzte sich auf einen Holzklotz … und schlief ein.

Och weckte ihn mit einer einzigen Berührung seines Zauberstabs.

„Hier kannst du nicht schlafen, statt zu arbeiten.“

Um den Jungen flammte grünes Licht auf und wirbelte wie ein Feuer ohne Hitze. Es war ihm, als hätte er einen ganzen Tag schwer gearbeitet: Seine Arme wurden stärker, sein Kopf klarer, und die Schläfrigkeit war wie weggeblasen.

Am nächsten Tag versuchte er wieder, sich zu drücken. Wieder ließ Och ihn eine Zauberprüfung durchstehen.

Beim dritten Mal wartete der Junge schon nicht mehr auf eine Ermahnung. Er machte sich selbst an die Arbeit.

Ein Jahr verging.

Der Vater kam zu dem vertrauten Baumstumpf und sagte:

„Och!“

Der Waldkönig erschien sofort.

„Willst du deinen Sohn mitnehmen? Dann erkenne ihn.“

Och warf eine Handvoll Körner auf den Boden, und von allen Seiten liefen Hähne herbei, die einander völlig glichen. Der Vater schaute und schaute, konnte sich aber für keinen entscheiden.

„Noch ein Jahr“, sagte Och.

Im folgenden Jahr sah der Vater eine ganze Herde gleicher Widder. Wieder erkannte er seinen Sohn nicht.

Das dritte Jahr verging.

Auf dem Weg zum Wald begegnete der Mann einer alten Frau. Als sie erfuhr, wohin er ging, flüsterte sie:

„Diesmal wird Och dir Tauben zeigen. Alle werden Körner picken. Nur eine wird abseits sitzen und ihr Gefieder putzen. Das ist dein Sohn.“

So geschah es.

Och streute Weizen aus, und Dutzende weiße Tauben flogen herbei. Fast alle pickten die Körner. Nur eine saß unter einem Birnbaum, reckte die Brust und glättete in aller Ruhe ihr Gefieder.

„Diese hier ist mein Sohn“, sagte der Vater.

Die Taube berührte den Boden und wurde zu einem jungen Mann: groß, stark und ganz anders als der frühere Faulpelz.

Och zog die Stirn kraus, hielt aber sein Wort.

Auf dem Heimweg sagte der Sohn:

„Vater, drei Jahre habe ich in der Zauberwelt gearbeitet, doch Geld habe ich nicht verdient. Dafür habe ich etwas gelernt, das uns noch helfen wird.“

Bald sahen sie vornehme Herren, die mit Windhunden jagten.

„Ich werde mich in einen schnellen Windhund verwandeln“, sagte der Sohn. „Verkauf mich für einen guten Preis, aber gib das Halsband nicht mit.“

Er wurde zu einem prächtigen Hund und überholte die anderen Windhunde mühelos. Die Herren wollten ihn sofort kaufen.

Der Vater verkaufte den Hund, behielt aber das Halsband. Kaum waren die Jäger fortgeritten, lief der Hund in den Wald und wurde wieder zu dem jungen Mann.

Ein anderes Mal verwandelte der Sohn sich in einen Falken.

„Verkauf mich, aber ohne die Falkenhaube.“

Der Falke zeigte im Flug so großes Geschick, dass man auch ihn kaufte. Sobald ihn die magische Fessel nicht mehr band, kehrte er zum Vater zurück.

So kam die Familie allmählich wieder auf die Beine.

Doch eines Tages sagte der Sohn:

„Jetzt werde ich ein Pferd. Für mich wird man viel bezahlen. Merk dir nur: Verkauf das Zaumzeug nicht mit.“

Das Pferd wurde so schön, dass die Menschen stehen blieben, um es anzusehen. Da trat ein fremder Händler heran. Er wirkte ein wenig seltsam und hielt ein Auge halb zugekniffen.

„Verkauf mir das Pferd mitsamt dem Zaumzeug“, begann er den Vater zu überreden.

„Nein, das Zaumzeug gehört mir.“

Der Händler bot immer mehr Geld. Schließlich dachte der Vater: „Was soll wegen eines gewöhnlichen Zaumzeugs schon passieren?“ Und er willigte ein.

Erst als der Käufer fortgeritten war, begriff der Mann seinen Fehler.

Denn es war kein Händler gewesen.

Es war Och.

Och brachte das Pferd in sein grünes Königreich zurück.

„Jetzt entkommst du mir nicht mehr“, sagte er.

Doch am Morgen, als Och das Pferd zum Fluss führte, senkte es den Kopf zum Wasser und wurde im Nu zu einem Barsch.

Och verwandelte sich in einen Hecht und jagte hinterher.

„Barsch, Barsch, komm zurück! Lass uns reden!“

„Ich höre dich auch so gut!“, antwortete der Barsch und schwamm noch schneller.

Der Hecht holte auf, der Barsch entglitt ihm. Der Hecht stürzte von der Seite heran, der Barsch spreizte seine stacheligen Flossen. So sausten sie durch den ganzen Fluss.

Am Ufer saß eine Prinzessin und schnitzte an einem dünnen Zweig.

Der Barsch sprang aus dem Wasser und verwandelte sich in einen goldenen Ring mit einem roten Stein. Die Prinzessin hob ihn auf.

„Wie schön!“

Ein paar Minuten später kam ein würdevoller Kaufmann in den Palast. Natürlich war das wieder Och.

„Eure Tochter hat meinen kostbaren Ring gefunden“, sagte er zum König. „Ich bitte, ihn zurückzugeben.“

Die Prinzessin spürte, dass etwas nicht stimmte.

„Wenn um diesen Ring so viel gestritten wird, soll er weder mir noch Euch gehören.“

Und sie warf ihn auf den Boden.

Der Ring zerfiel in Hunderte Hirsekörner.

Och wurde sofort zu einem Hahn und begann, die Körner aufzupicken: eines, zwei, zehn, hundert …

Doch ein winziges Körnchen war unter den Schuh der Prinzessin gerollt. Och bemerkte es nicht. Er pickte alle anderen auf, schlug mit den Flügeln und flog davon.

Da verwandelte sich das letzte Körnchen in den jungen Mann.

„Danke, dass du mich nicht ausgeliefert hast“, sagte er zur Prinzessin.

Er erzählte ihr die ganze Geschichte: von seinen Eltern, seiner Faulheit, den drei Jahren bei Och, den Tauben, dem Windhund, dem Falken und dem Pferd.

Die Prinzessin lachte.

„Du kannst also ein Hund, ein Falke, ein Pferd, ein Fisch, ein Ring und ein Körnchen sein. Hast du auch gelernt, ein Mensch zu sein?“

Der junge Mann dachte nach und lächelte.

„Das war das Schwerste. Aber ich glaube, ich habe es gelernt.“

Dem König gefiel der junge Mann, weil er einfallsreich war und seine früheren Fehler nicht verbarg. Später heirateten er und die Prinzessin.

Seine Eltern holte er zu sich. Niemals ließ er sie wieder allein schwer arbeiten.

Man erzählt, wenn der junge Mann am alten Wald vorbeiging und müde wurde, seufzte er sehr vorsichtig.

Nicht „Och!“

Sondern eher etwas wie:

„Ach ja … ich muss weitergehen.“

Denn mit Waldkönigen sollte man besser nicht ein zweites Mal versehentlich eine Abmachung treffen.