

Weltweit
Die Schatzinsel
Als ich ein Junge war, führten meine Eltern den kleinen Gasthof „Admiral Benbow“ direkt am Meer. Eines kalten Tages kam ein alter Seemann mit einer schweren Truhe zu uns. Über seine Wange zog sich eine Narbe, und in sein
- Land
- Weltweit
- Alter
- 9–14 Jahre
Die Schatzinsel
Als ich ein Junge war, führten meine Eltern den kleinen Gasthof „Admiral Benbow“ direkt am Meer. Eines kalten Tages kam ein alter Seemann mit einer schweren Truhe zu uns. Über seine Wange zog sich eine Narbe, und in seiner Stimme rauschte immer ein Sturm.
Er nannte sich Captain, verriet aber seinen wirklichen Namen nicht. Jeden Abend saß er am Fenster, blickte auf die Straße und fragte, ob jemand einen einbeinigen Seemann gesehen habe. Er bezahlte mir ein paar Münzen, damit auch ich Ausschau hielt.
Doch am meisten fürchtete der Captain weder den Sturm noch das Meer, sondern die Menschen aus seiner Vergangenheit.
Eines Tages kam ein Fremder mit dem Spitznamen Black Dog in den Gasthof. Nach ihrem Streit wurde der Captain schwer krank. Bald darauf überbrachte ihm ein alter blinder Pirat den schwarzen Fleck, ein Zeichen dafür, dass seine früheren Gefährten seine Truhe holen würden.
Noch in derselben Nacht starb der Captain. Meine Mutter und ich wussten, dass die Piraten jeden Augenblick kommen konnten. Wir wollten nichts nehmen, was uns nicht gehörte, aber der Captain schuldete uns Geld für seine Unterkunft. Wir öffneten die Truhe, nahmen genau den geschuldeten Betrag und wollten gerade fliehen, als ich ein in Stoff gewickeltes Paket bemerkte.
Ich griff danach, weil ich den Captain einmal hatte sagen hören, dass seine Feinde genau dieses Paket suchten.
Gerade noch rechtzeitig konnten wir uns verstecken. Die Piraten stellten den Gasthof auf den Kopf, fanden das Paket aber nicht.
Ich brachte meinen Fund zu Dr Livesey und Gutsherrn Trelawney. Darin lag eine Inselkarte mit drei roten Kreuzen und einer Notiz über den Schatz des berühmten Piraten Flint.
Der Gutsherr war sofort begeistert von dem Abenteuer.
„Wir suchen ein Schiff und eine Mannschaft und fahren los, um den Schatz zu finden!“
So begann die Reise auf der „Hispaniola“. Der strenge und ehrliche Mr Smollett wurde Kapitän des Schiffes. Als Koch heuerte man einen hochgewachsenen einbeinigen Seemann namens John Silver an. Er war fröhlich und klug, scherzte geschickt mit den Matrosen und bewegte sich flink auf seiner Krücke. Sofort dachte ich, dass er unmöglich jener schreckliche Einbeinige sein konnte, vor dem der alte Captain Angst gehabt hatte.
Ich irrte mich.
Während der Überfahrt wurde Silver fast mein Freund. Er erzählte Seemannsgeschichten, zeigte mir Knoten und lehrte mich, Schiffe zu unterscheiden. Doch eines Abends wollte ich mir einen Apfel aus dem Fass holen. Es waren fast keine Äpfel mehr darin, deshalb kletterte ich hinein. Genau da setzte sich Silver daneben.
Ich wollte schon herausklettern, als ich seine Stimme hörte.
Er sprach mit den Matrosen über eine Meuterei.
Silver hatte bei Flint selbst gedient. Auch viele Männer unserer Mannschaft waren ehemalige Piraten. Sie wollten warten, bis wir den Schatz gefunden hatten, und dann das Schiff übernehmen.
Ich saß im Dunkeln und wagte kaum zu atmen. Sobald ich unbemerkt herauskommen konnte, erzählte ich Dr Livesey, Gutsherrn Trelawney und Kapitän Smollett alles.
Als die Insel am Horizont erschien, wussten wir bereits: Die wirkliche Gefahr begann jetzt.
Ein Teil der Mannschaft ging an Land. Unüberlegt sprang ich mit ihnen in ein Boot und lief dann in den Wald davon. Dort traf ich einen seltsamen Mann in zerlumpten Kleidern. Er hieß Ben Gunn. Drei Jahre zuvor hatten seine Gefährten ihn nach einer erfolglosen Suche nach Flints Gold allein auf der Insel zurückgelassen.
„Ich weiß hier mehr, als sie glauben“, sagte er geheimnisvoll. „Wenn deine Freunde ehrliche Leute sind, sag dem Doktor: Ben Gunn kann ihnen nützlich sein.“
Inzwischen hatten der Doktor, der Gutsherr und die treuen Matrosen ein altes Holzfort besetzt. Die Piraten umzingelten es, und mehrmals kam es zu Kämpfen. Ich kehrte zu meinen Freunden zurück, konnte aber nicht lange stillsitzen.
Ben Gunn zeigte mir ein kleines Boot, das im Gebüsch versteckt war. In der Nacht ließ ich es zu Wasser und erreichte die „Hispaniola“, die die Piraten vor Anker zurückgelassen hatten. Es gelang mir, das Schiff loszumachen, sodass die Strömung es vom Ankerplatz forttrug. Später kletterte ich an Bord und brachte das Schiff nach einem gefährlichen Kampf mit dem Piraten Israel Hands in eine ruhige Bucht.
Ich war stolz auf mich, bis ich zum Fort zurückkam.
Dort waren anstelle meiner Freunde Piraten.
Sie nahmen mich gefangen, und John Silver war wieder ihr Anführer. Er war ein gefährlicher Mensch: Heute konnte er lächeln und morgen auf die Seite des Stärkeren wechseln. Doch diesmal erlaubte er den anderen Piraten nicht, mir etwas anzutun.
„Der Junge bleibt am Leben“, sagte Silver. „Wir können ihn vielleicht noch brauchen.“
Ich wusste nicht, ob er mich oder nur sich selbst schützte.
Am seltsamsten war, dass Silver die Schatzkarte besaß. Dr Livesey hatte sie den Piraten selbst zusammen mit dem Fort überlassen. Das schien verrückt, doch der Doktor hatte einen Grund, den er verschwieg.
Am nächsten Morgen nahmen Silver und seine Männer mich mit auf Schatzsuche. Wir gingen durch den Wald und verglichen den Weg mit den Zeichen auf der Karte. Die Piraten stritten sich und träumten davon, wie viel Gold sie bekommen würden.
Plötzlich erklang zwischen den Bäumen eine Stimme, die der Stimme des längst verstorbenen Flint ähnelte. Die Seeleute wurden blass und blieben stehen. Nur Silver begriff, dass es eine gewöhnliche List sein könnte.
Und tatsächlich war es Ben Gunn, der seine alten Bekannten erschrecken wollte.
Endlich erreichten wir einen großen Baum, bei dem laut Karte der Schatz liegen sollte.
Doch statt Truhen sahen wir eine leere Grube.
Jemand hatte das Gold schon ausgegraben.
Die Piraten wurden wütend und wandten sich gegen Silver. Genau da kamen Dr Livesey, Ben Gunn und unsere Freunde aus ihrem Versteck. Nach einem kurzen Kampf entkamen wir der Falle.
Dann erklärte der Doktor alles.
Ben Gunn hatte Flints Schatz lange vor unserer Ankunft gefunden. Monatelang hatte er heimlich Münzen und Barren in seine Höhle getragen. Als der Doktor davon erfuhr, war die alte Karte nichts mehr wert. Deshalb hatte er sie den Piraten ohne Sorge überlassen.
Viele Tage lang luden wir das Gold auf die „Hispaniola“. Selbst nach all unseren Abenteuern war es mehr, als ich mir hätte vorstellen können.
John Silver schloss sich wieder uns an, weil er begriff, dass die Piraten nicht mehr gewinnen konnten. Der Doktor vertraute ihm nicht, und Kapitän Smollett auch nicht, doch alle erinnerten sich daran, dass er mir das Leben gerettet hatte. Auf der Heimfahrt verschwand Silver eines Tages in einem Hafen und nahm einen kleinen Teil des Geldes mit. Niemand verfolgte ihn.
Wir kehrten nach England zurück. Jeder bekam seinen Anteil am Schatz. Ben Gunn, der jahrelang von Reichtum geträumt hatte, gab sein Geld rasch aus, lebte dafür aber wieder unter Menschen und war nicht mehr allein auf der Insel. Kapitän Smollett setzte sich zur Ruhe. Der Gutsherr und der Doktor kehrten zu ihrem gewohnten Leben zurück.
Und ich begriff, dass ich nie wieder vergrabenes Gold suchen wollte.
Manchmal träume ich noch heute von jener Insel: den Kiefern, der Brandung, der dunklen Bucht und dem fernen Schrei von Silvers Papagei. Aber wenn jemand fragt, ob dort noch Schätze liegen, antworte ich immer dasselbe:
„Sollen sie dort bleiben. Ein einziges Abenteuer hat mir genügt, um zu lernen: Gold kann einen Menschen über den Ozean führen, aber es macht ihn weder mutig noch ehrlich. Das muss er selbst wählen.“
May this story leave a little light in your heart ✨
