

China
Die Herrin des Mondes
Mond, Legende
- Land
- China
- Alter
- 6–10 Jahre

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Die Herrin des Mondes
Vor langer Zeit, als Kaiser Yao herrschte, lebte ein mutiger Fürst namens Hou Yi. Er war berühmt dafür, dass er mit dem Bogen genauer schießen konnte als jeder andere. Man sagte, sein Pfeil könne ein Blatt am fernsten Ast treffen, selbst wenn der Wind den Baum schüttelte.
Eines Tages geschah ein Wunder, das sich bald als Unglück erwies. Am Himmel ging nicht eine Sonne auf, sondern gleich zehn. Alle brannten zugleich. Die Erde glühte, die Bäche wurden immer flacher, und Menschen und Tiere fanden keinen Schutz vor der Hitze.
Der Kaiser rief Hou Yi zu sich.
„Wenn du wirklich der beste Bogenschütze des Landes bist, hilf den Menschen“, sagte er. „Der Himmel muss wieder so werden, wie er war.“
Hou Yi stieg auf einen hohen Berg, spannte seinen Bogen und schickte einen Pfeil nach dem anderen zum Himmel. Die neun überzähligen Sonnen erloschen und verschwanden. Eine blieb übrig, warm und hell. Es ist dieselbe, die seitdem jeden Tag über der Welt aufgeht.
Die Menschen atmeten erleichtert auf. Und Hou Yis Namen sprach man nun mit großer Ehrfurcht aus.
Doch die Abenteuer des Helden waren damit nicht zu Ende.
Hou Yi besaß ein ungewöhnliches Pferd, schneller als der Wind. Einmal ritt der Fürst auf eine weite Reise. Das Pferd lief immer schneller, bis die vertrauten Felder weit hinter ihnen lagen. Hou Yi fand sich am Fuß des mächtigen Kunlun-Berges wieder.
Dort begegnete er der Herrscherin des Jaspismeeres. Sie wusste von seiner Heldentat und schenkte ihm ein seltenes Zauberkraut.
„Darin liegt die Kraft zu einem langen, beinahe unsterblichen Leben“, sagte die Herrscherin. „Bewahre es mit Bedacht.“
Hou Yi brachte das Kraut nach Hause und versteckte es, denn er wusste nicht, ob er solch ein Geschenk nutzen sollte.
Seine Frau hieß Chang E. Eines Tages, als Hou Yi nicht zu Hause war, entdeckte sie das Versteck. Lange betrachtete Chang E das seltsame Kraut. Dann kostete sie davon.
Plötzlich fühlte sie sich leicht wie ein Blütenblatt.
Ihre Füße lösten sich vom Boden.
„Was geschieht mit mir?“, flüsterte sie erstaunt.
Sie stieg zur Decke hinauf, dann über das Dach, über die Bäume, über die Berge. Die Wolken zogen schon unter ihr vorbei. Die Erde wurde immer kleiner, und vor ihr leuchtete der runde silberne Mond.
So gelangte Chang E in den Mondpalast und wurde zur Herrin des Mondes.
Viele Jahre vergingen. Auf der Erde wechselten die Generationen und die Herrscherhäuser, doch an stillen Abenden stieg der Mond wie eh und je über die Dächer.
Man erzählt, dass zur Zeit der Tang-Dynastie ein Kaiser in einer Nacht mitten im Herbst mit zwei weisen Zauberern im Garten saß. Der Mond war an diesem Abend so groß und klar, dass man ihn scheinbar mit der Hand berühren konnte.
„Wie er wohl von Nahem aussieht?“, sagte der Kaiser nachdenklich.
Einer der Zauberer lächelte.
„Wenn du ihn wirklich sehen möchtest, komm mit.“
Er hob einen Bambusstab und warf ihn in die Luft. Der Stab wurde länger, begann zu leuchten und verwandelte sich in eine Himmelsbrücke.
Der Kaiser und seine beiden Begleiter betraten die Brücke. Schritt für Schritt stiegen sie höher, bis sie den Mond erreichten.
Vor ihnen stand ein wundersamer Palast. Seine Wände und Säulen schimmerten, als wären sie aus durchsichtigem Kristall. Über dem Eingang leuchteten die Worte: „Palast der kristallenen Kälte“.
Daneben wuchs ein riesiger Kassienbaum. Seine Blüten dufteten so zart, dass es schien, als trüge das Mondlicht selbst ihren Duft. Zwischen den Ästen arbeitete ein Mann und schnitt hin und wieder junge Triebe zurück.
„Warum tut er das?“, fragte der Kaiser.
„Der Baum wächst außerordentlich schnell“, erklärte der Zauberer. „Wenn sich niemand um ihn kümmerte, könnte seine Krone das Mondlicht verdecken. Darum werden die Zweige von Zeit zu Zeit vorsichtig zurückgeschnitten.“
Weiter hinten sahen die Gäste ein weißes Kaninchen, als wäre es aus Jaspis geschnitzt. Es stand an einem Mörser aus Marmor und zerstieß fleißig Zauberkräuter.
Klopf, klopf. Klopf, klopf.
Der Klang war leise und gleichmäßig, wie eine kleine Monduhr.
Da trat die Herrin des Mondes aus dem Palast. Sie trug einen weißen Mantel und ein Gewand, das in allen Regenbogenfarben schillerte.
„Willkommen in den Mondgärten“, sagte sie. „Nicht jedem Menschen auf der Erde ist es vergönnt, diesen Ort zu sehen.“
Auf ihr Zeichen kamen Helferinnen auf weißen Vögeln herbeigeflogen. Unter dem Kassienbaum erklang Musik, leicht und rein wie das Klingen kristallener Tropfen. Die Gäste lauschten mit angehaltenem Atem. Dann begann ein Tanz, und das silberne Licht schien sich mit den Tänzerinnen zu bewegen.
Der Kaiser wollte sich jeden Ton merken.
Doch die Mondnacht konnte nicht ewig dauern.
„Es ist Zeit, zurückzukehren“, sagte einer der Zauberer leise.
Sie verabschiedeten sich von der Herrin des Mondes, überquerten die Himmelsbrücke und standen wieder im Garten auf der Erde. Der Mond neigte sich bereits dem Horizont zu.
Sofort rief der Kaiser die Musiker herbei.
„Heute habe ich eine Melodie gehört, die es auf der Erde nicht gibt“, sagte er. „Ich möchte nicht, dass sie mit der Nacht verschwindet.“
Er sang ihnen vor, woran er sich erinnern konnte, und die Musiker griffen die Melodie mit ihren Flöten auf. Noch lange erklang im Palastgarten jene Musik, die dem alten Bericht zufolge unter einem Kassienbaum auf dem Mond entstanden war.
Und wenn eine klare Herbstnacht kommt und der runde Mond hoch oben steht, schauen die Menschen noch heute auf seine helle Oberfläche. Manche glauben, einen großen Baum zu erkennen. Andere ein kleines Kaninchen an einem Mörser.
Und manche denken an die Herrin des Mondes, die im kristallenen Glanz lebt und die Musik des Himmelsgartens bewahrt.
