

Serbien
Papalluga oder Der goldene Schuh
Goldener Schuh, Schicksal, Güte, Wiedererkennen
- Land
- Serbien
- Alter
- 6–10 Jahre

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Papalluga oder Der goldene Schuh
Es lebte einmal in einem Dorf an einer tiefen grünen Schlucht ein Mädchen namens Maria. Sie war sanft und fleißig und liebte ihre Mutter sehr.
Jeden Tag hütete Maria mit anderen Mädchen das Vieh auf den Wiesen. Während die Kühe und Schafe grasten, spannen die Mädchen Fäden, sangen und erzählten einander Neuigkeiten.
Eines Tages kam ein grauhaariger alter Mann mit einem langen weißen Bart zu ihnen.
„Seid vorsichtig an der Schlucht“, warnte er. „Dieser Ort ist verzaubert. Werft keine Sachen hinein.“
Die Mädchen wurden neugierig und schauten natürlich sofort hinunter.
Maria beugte sich etwas zu weit vor, und ihre Spindel glitt ihr aus den Händen.
„Oh!“
Die Spindel klirrte gegen die Steine und verschwand in der Tiefe.
Als Maria abends nach Hause kam, fand sie ihre Mutter nicht im Haus. Stattdessen stand am Tor eine weiße Kuh mit sanften, vertrauten Augen.
Maria hörte eine leise Stimme:
„Hab keine Angst, mein Töchterchen. Der Zauber der Schlucht hat mich berührt. Ich weiß nicht, wann er sich löst, aber ich werde trotzdem bei dir sein.“
Maria umarmte den Hals der Kuh und weinte. Doch ihre Mutter berührte sie sanft mit der Stirn.
„Wir schaffen das.“
Einige Zeit verging. Marias Vater heiratete erneut. Seine neue Frau kam mit ihrer Tochter ins Haus. Zunächst war alles ruhig, doch bald schimpfte die Stiefmutter wegen jeder Kleinigkeit mit Maria.
„Du räumst zu langsam auf.“
„Du spinnst nicht gut genug.“
„Warum hast du noch kein Wasser geholt?“
Maria arbeitete vom Morgengrauen bis zum Abend. Weil sie oft am Ofen saß, Holz nachlegte und die Asche herauskehrte, nannte die Stiefmutter sie spöttisch Papalluga, das Mädchen aus der Asche.
Maria mochte diesen Namen nicht. Doch schließlich dachte sie:
„Meinetwegen. Asche ist nur von außen grau. In ihr bleibt noch lange Wärme lebendig.“
Eines Morgens gab die Stiefmutter ihr einen großen Sack Flachs.
„Bis zum Abend muss daraus ein gleichmäßiger Faden geworden sein.“
Maria sah den Sack an und begriff, dass sie es allein nicht schaffen würde.
Auf der Weide setzte sie sich neben die weiße Kuh und sagte traurig:
„Mutter, ich weiß nicht, was ich tun soll.“
„Hab keine Angst“, antwortete die. „Leg den Flachs neben mich.“
In der Märchenwelt sind viele Wunder möglich. Die Kuh berührte den Flachs mit den Lippen, und von selbst zogen sich die Fasern zu einem feinen gleichmäßigen Faden aus. Maria musste ihn nur noch auf die Spindel wickeln.
Am Abend war die Arbeit fertig.
Am nächsten Tag gab die Stiefmutter ihr doppelt so viel Flachs. Wieder half Marias Mutter ihr.
Am dritten Tag folgte die Stiefschwester ihr heimlich und sah die zauberhafte Hilfe.
Als sie ihrer Mutter davon erzählte, beschloss die Stiefmutter, die weiße Kuh loszuwerden. Sie befahl, sie weit in die Berge auf einen anderen Hof zu bringen.
Vor dem Abschied sagte die Kuh zu Maria:
„Weine nicht. Hinter dem Haus wächst ein alter Apfelbaum. Wenn du dringend Hilfe brauchst, geh zu ihm und denke an mich.“
Maria versprach es.
Bald wurde in der benachbarten Stadt ein großes Sonntagsfest angekündigt. Die Menschen versammelten sich in der Kirche. Nach dem Gottesdienst sollten auf dem Platz Musikanten spielen und ein Jahrmarkt beginnen.
Die Stiefmutter und ihre Tochter zogen ihre besten Kleider an.
Vor dem Aufbruch schüttete die Stiefmutter einen ganzen Korb Hirse auf den Boden.
„Bis wir wieder da sind, sammelst du jedes Körnchen auf, kochst das Mittagessen und räumst auf.“
Maria blieb allein zurück.
Sie versuchte, die Hirse aufzusammeln, doch es waren unzählige Körner. Da erinnerte sie sich an die Worte ihrer Mutter und lief zum alten Apfelbaum.
Unter dem Baum stand eine kleine Truhe. Auf dem Deckel saßen zwei weiße Tauben.
„Maria“, gurrten sie, „öffne die Truhe.“
Darin lag ein helles Seidenkleid.
„Und was wird aus der Hirse?“, fragte das Mädchen.
„Wir helfen dir“, antworteten die Tauben. „Gute Freunde haben manchmal Flügel.“
Maria zog sich um und ging zum Fest.
Die Menschen drehten sich nach ihr um, denn niemand erkannte das stille Mädchen, das sie sonst nur in einem einfachen Arbeitskleid sahen.
Auch ein junger Königssohn war auf dem Platz. Er bemerkte Maria nicht wegen ihres kostbaren Kleides, sondern weil sie einem kleinen Kind half, einen Korb und die herausgefallenen Äpfel aufzuheben.
Der Königssohn wollte sie ansprechen, doch Maria dachte an ihre Arbeit zu Hause und eilte zurück.
Am Apfelbaum legte sie das Kleid in die Truhe. Die Tauben hatten die Hirse schon aufgesammelt, und in der Küche musste sie nur noch das Mittagessen fertig machen.
Als die Stiefmutter zurückkam, konnte sie nicht begreifen, wie Maria alles geschafft hatte.
Am nächsten Sonntag geschah beinahe dasselbe. Diesmal schüttete die Stiefmutter noch mehr Körner aus.
Maria ging zum Apfelbaum. In der Truhe lag ein silbernes Kleid, das wie der Reif am Morgen schimmerte.
Auf dem Fest sah der Königssohn die Unbekannte wieder. Sie konnten sich ein paar Minuten über Musik, Pferde und Bücher unterhalten, doch Maria ging erneut früh fort.
Am dritten Sonntag wollte die Stiefmutter ihr so viel Arbeit auftragen, dass sie das Haus gewiss nicht verlassen konnte.
Doch die Tauben halfen wieder.
Diesmal lagen in der Truhe ein goldenes Kleid und ein Paar leichte goldene Schuhe.
„Das ist fast zu schön“, flüsterte Maria.
„Schöne Kleider verändern einen Menschen nicht“, gurrte eine Taube. „Manchmal helfen sie nur den anderen, etwas zu sehen, woran sie sonst achtlos vorbeigehen.“
Auf dem Platz ging der Königssohn sofort zu Maria.
„Du verschwindest jedes Mal, ohne mir auch nur deinen Namen zu sagen.“
„Ich heiße Maria.“
„Dann darf ich dich wenigstens nach Hause begleiten, Maria?“
Das Mädchen schüttelte den Kopf.
„Heute noch nicht.“
Sie eilte durch die Menge. Auf der Treppe glitt ihr ein goldener Schuh vom Fuß.
Maria bemerkte es, doch zum Umkehren war es zu spät.
Der Königssohn hob den Schuh auf.
In den nächsten Tagen fuhr er durch die Dörfer und fragte, ob jemand Maria kenne, der der Schuh gehörte. Er verkündete nicht, dass er diejenige heiraten würde, der er passte. Er wollte einfach das Mädchen finden, mit dem er sich so leicht unterhalten konnte.
Schließlich kam er zu Marias Haus.
Die Stiefmutter holte eilig ihre eigene Tochter.
„Vielleicht sucht Ihr sie?“
Doch der goldene Schuh passte ihr überhaupt nicht.
„Wohnt sonst niemand in diesem Haus?“, fragte der Königssohn.
„Niemand“, antwortete die Stiefmutter schnell.
Da krähte im Hof ein Hahn:
„Kikeriki! Such beim Apfelbaum!“
Alle lachten, denn sie glaubten, sie hätten den Ruf des Vogels nur auf ihre Weise verstanden.
Doch der Königssohn ging in den Garten.
Unter dem alten Apfelbaum stand Maria in einem einfachen Kleid. In der Hand hielt sie den zweiten goldenen Schuh.
„Du bist es also“, sagte er lächelnd.
„Ja.“
„Warum hast du dich versteckt?“
Maria schaute zum Haus.
„Ich bin daran gewöhnt, dass sich hier niemand für meine Wünsche interessiert.“
Der Königssohn antwortete ernst:
„Dann fangen wir mit einer einfachen Frage an. Was möchtest du?“
Zum ersten Mal seit langer Zeit dachte Maria nicht an fremde Befehle, sondern an sich selbst.
„Ich möchte meine Mutter sehen. Ich möchte, dass niemand mich mehr mit verächtlichen Namen ruft. Und ich möchte selbst entscheiden, wie ich lebe.“
Der Königssohn half ihr, den Hof in den Bergen zu finden, auf den die weiße Kuh gebracht worden war.
Als Maria dort ankam und sie umarmte, erhob sich ein warmer Wind über den Wiesen. Der Zauber der Schlucht löste sich endlich, und vor Maria stand wieder ihre Mutter.
„Ich wusste, dass wir uns so wiedersehen würden“, sagte sie.
Maria weinte und lachte zugleich.
Als die Stiefmutter begriff, wie viel Schmerz sie verursacht hatte, konnte sie Maria keine Befehle mehr geben. Auch der Vater gab zu, dass er die Ungerechtigkeit in seinem eigenen Haus viel zu lange nicht bemerkt hatte.
Maria und ihre Mutter zogen in die Stadt. Oft traf sie den Königssohn. Sie spazierten zusammen, stritten, lasen und begriffen allmählich, dass sie beieinanderbleiben wollten.
Erst dann beschlossen sie zu heiraten.
Die goldenen Schuhe trug Maria jedoch nicht jeden Tag. Sie stellte sie neben ihrer einfachen alten Spindel ins Regal.
Wenn jemand sie fragte, warum, antwortete sie:
„Damit ich mich erinnere: Weder das Kleid noch das Gold haben mein Leben verändert. Am wichtigsten waren die Liebe, die Hilfe und der Tag, an dem ich endlich selbst auf die Frage antwortete: Was möchtest du?“
Am Schlossgarten wurde ein Apfelbaum gepflanzt. Jeden Frühling nisteten zwei weiße Tauben darin, und Maria ließ ihnen immer eine Handvoll Körner da.
