

Philippinen
Die Spinne und die Fliege
Insekten, Streit, Ursprung
- Land
- Philippinen
- Alter
- 5–8 Jahre

Märchen anhören
Die Spinne und die Fliege
Vor langer Zeit, als die Insekten noch so laut miteinander sprachen, dass selbst die Menschen sie hören konnten, lebte in einem warmen Garten ein Spinnenmann.
Er war ein großartiger Handwerker. Jeden Morgen spannte er zwischen den Zweigen dünne silberne Fäden, prüfte jeden Knoten und war sehr stolz auf seine Arbeit.
„Schaut, wie gleichmäßig mein Netz ist!“, sagte er zu den Nachbarn. „Dieser Faden hält besser als ein Seil. Und der hier glänzt in der Sonne wie ein Schmuckstück.“
In der Nähe wohnte eine Fliege.
Sie war flink und neugierig und blieb nie lange an einem Ort. Mal kreiste sie über den Blumen, mal schaute sie im Garten vorbei, mal flog sie so eilig davon, als hätte sie zehn wichtige Dinge auf einmal zu erledigen.
Dem Spinnenmann gefiel die Fliege sehr.
Eines Tages flog er zu ihr … nein, natürlich flog er nicht, denn Spinnen können nicht fliegen. Er lief flink mit seinen Beinchen über einen Zweig und kam zu ihrem Lieblingsblatt.
„Liebe Fliege“, sagte er, „komm mich doch besuchen.“
„Danke, aber ich möchte nicht“, antwortete die Fliege.
Der Spinnenmann war erstaunt.
„Warum?“
„Weil ich mich zwischen deinen klebrigen Fäden nicht wohlfühle.“
„Ich richte dir eine eigene kleine Ecke ein!“
„Ich möchte trotzdem nicht.“
Die Fliege sagte das ganz ruhig und flog davon, um ihre Dinge zu erledigen.
Der Spinnenmann kratzte sich mit einem Beinchen am Kopf.
„Sie hat wohl einfach nicht verstanden, wie schön es bei mir ist“, beschloss er.
Am nächsten Morgen suchte er sie wieder auf.
„Liebe Fliege! Heute habe ich mein Netz mit Tautropfen geschmückt. Komm, ich zeige es dir.“
„Nein, danke.“
„Aber du hast es noch gar nicht gesehen!“
„Und ich möchte es auch nicht sehen.“
„Warum sagst du immer Nein?“
Die Fliege blieb direkt vor ihm in der Luft stehen.
„Weil ich dich nicht besuchen möchte. Reicht das denn nicht?“
Der Spinnenmann wusste keine Antwort.
Doch schon am nächsten Tag kam er wieder.
„Liebe Fliege, vielleicht heute?“
„Nein.“
Und am Tag darauf:
„Und heute?“
„Nein.“
Und wieder am nächsten:
„Ich habe neue Stufen aus Spinnfäden gemacht!“
„Nein, lieber Spinnenmann.“
Langsam wurde die Fliege ärgerlich.
Sie wollte keinen Streit. Manchmal unterhielt sie sich sogar gern ein wenig mit dem Spinnenmann, solange er sie nicht überreden wollte, zu ihm zu kommen. Doch er hatte sich in den Kopf gesetzt, dass ihr Nein irgendwann von selbst zum Ja werden würde, wenn er nur oft genug fragte.
Aber so kam es nicht.
An einem heißen Morgen beschloss die Fliege, ihr kleines Haus unter dem breiten Blatt sauber zu machen.
Sie wusch den Boden, wischte die Wände ab und stellte einen Krug mit kühlem Wasser an die Tür, um den Staub von der Stufe zu spülen.
Kaum hatte sie angefangen, hörte sie die vertraute Stimme:
„Liebe Fliege!“
Die Fliege seufzte.
„Lieber Spinnenmann, ich habe zu tun.“
„Ich brauche nur einen Augenblick!“
„Komm bitte nicht herein.“
Der Spinnenmann lief näher heran.
„Hör zu, ich habe eine Idee! Du musst gar nicht im Netz sitzen. Du bleibst einfach am Eingang stehen. Na komm!“
„Nein.“
„Dann komme ich zu dir hinein und erkläre dir alles.“
„Komm nicht herein.“
Doch der Spinnenmann hatte schon ein Beinchen auf die Schwelle gesetzt.
Die Fliege wich zurück.
„Ich habe gesagt: Komm nicht herein.“
„Aber ich will doch nur …“
Da packte die Fliege den Krug.
Platsch!
Das kühle Wasser ergoss sich direkt vor dem Spinnenmann und spritzte kräftig auf seine Beinchen.
„Au!“, rief er und sprang zurück. „Warum hast du das getan?“
„Ich habe dir dreimal gesagt, dass du nicht hereinkommen sollst.“
„Aber du hättest es doch noch einmal erklären können!“
Die Fliege war so verblüfft, dass sie sogar aufhörte zu summen.
„Lieber Spinnenmann, ich erkläre es dir schon seit vielen Tagen.“
Das Wasser war kalt und hatte ihm überhaupt nicht wehgetan. Trotzdem fühlte der Spinnenmann sich furchtbar gekränkt.
Er schüttelte die Tropfen von seinen Beinchen.
„Gut! Wenn du nicht mit mir befreundet sein willst, sind wir von jetzt an Feinde!“
„Ich habe nicht gesagt, dass ich deine Feindin sein möchte“, antwortete die Fliege. „Ich habe nur gesagt, dass ich nicht in dein Netz kommen will.“
Doch der Spinnenmann ging schon wütend davon.
Den ganzen Tag verhedderte er seine Fäden, weil er statt an seine Arbeit an den Streit vom Morgen dachte.
„Sie hat mich nass gespritzt!“, murmelte er.
Dann fügte er hinzu:
„Obwohl … ich bin tatsächlich hineingegangen, als sie mich gebeten hatte, es nicht zu tun.“
Doch einen Augenblick später ärgerte er sich wieder:
„Aber sie hätte trotzdem kein Wasser schütten müssen!“
Am nächsten Morgen spannte der Spinnenmann ein neues Netz genau zwischen zwei Zweigen, an denen die Fliege oft vorbeiflog.
Die Fliege entdeckte den glänzenden Faden im letzten Augenblick.
„He!“, rief sie und bog scharf zur Seite ab. „Hast du es absichtlich hier gebaut?“
Der Spinnenmann saß in einer Ecke seines Netzes.
„Es ist meine Sache, wo ich baue.“
„Und meine Sache, wohin ich fliege.“
„Dann schau besser hin!“
„Und du hör besser zu, wenn jemand Nein zu dir sagt!“
Und wieder stritten sie sich.
Die anderen Insekten in der Nachbarschaft schüttelten nur die Köpfe.
Eine alte Libelle, die mehr Gärten gesehen hatte, als irgendjemand zählen konnte, sagte zum Spinnenmann:
„Weißt du, womit euer Streit angefangen hat?“
„Mit dem Krug Wasser!“
„Nein.“
„Damit, dass die Fliege mein Netz nicht sehen wollte!“
„Wieder nein.“
Der Spinnenmann schwieg.
Die Libelle fuhr fort:
„Er hat angefangen, als du beschlossen hast, dass ihr Nein bedeutet: Frag noch einmal.“
Lange betrachtete der Spinnenmann sein Netz.
„Aber hätte sie das nicht einfach deutlicher sagen können?“
Die Libelle lachte.
„Deutlicher als Nein?“
Der Spinnenmann antwortete nicht.
Inzwischen erzählte auch die Fliege ihren Bekannten von dem Streit.
„Und dann habe ich das Wasser ausgeschüttet!“
Eine kleine Biene fragte:
„Wolltest du ihm Angst machen?“
Die Fliege dachte nach.
„Ich wollte, dass er endlich aufhört.“
„Aufhört?“
„Ja.“
„Und hat er aufgehört?“
Die Fliege sah zum Netz zwischen den Zweigen.
„Nicht lange.“
Die Tage vergingen.
Der Spinnenmann und die Fliege sprachen kaum noch miteinander. Sobald die Fliege ein Netz sah, flog sie darum herum. Sobald der Spinnenmann die Fliege sah, saß er zwischen seinen Fäden und dachte an seine alte Kränkung.
So begann, nach einem alten Märchen von den Visayas, die Feindschaft zwischen Spinnen und Fliegen.
Man erzählt, dass Fliegen seitdem genau darauf achten, ob irgendwo ein dünner Spinnfaden aufblitzt, während die Spinnen geduldig in ihren Netzen sitzen.
Doch die alten Insekten geben dieser Geschichte noch einen Gedanken mit.
Dieser ganze lange Streit hätte gar nicht anfangen müssen.
Dazu hätte der Spinnenmann nur etwas ganz Einfaches tun müssen. Das erste Nein hören. Und es respektieren.
