Cover: Der Page und der silberne Kelch

Vereinigtes Königreich

Der Page und der silberne Kelch

Page, Feen, silberner Kelch, Ehrlichkeit, Warnung

Land
Vereinigtes Königreich
Alter
6–10 Jahre
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Der Page und der silberne Kelch

Auf einer hohen Küste über dem Meer stand ein altes schottisches Schloss.

Wenn der Wind von der Bucht her wehte, kreisten Möwen über den Türmen, die Wellen schlugen gegen die Felsen, und in den langen Gängen roch es nach Meersalz, Wachs und Brennholz aus der großen Küche.

Im Schloss diente ein junger Page. Er brachte Briefe, half den Gästen, bediente bei Tisch und kannte beinahe jede Biegung der steinernen Treppen.

Der Junge war gutherzig, flink und sehr neugierig.

Gerade diese letzte Eigenschaft bereitete dem alten Haushofmeister die größte Sorge.

„Merk dir eines“, sagte er zu dem Pagen. „Hinter der Anhöhe liegt ein grüner Hügel. Die Leute nennen ihn den Feenhügel. Tagsüber ist es dort still, aber in mondhellen Nächten hält man sich besser fern.“

„Warum?“

„Weil man fremde Türen nicht bloß deshalb öffnen sollte, weil sie geheimnisvoll sind.“

Der Page nickte.

Doch jedes Mal, wenn er in der Nähe vorbeikam, blickte er länger auf den Hügel, als gut für ihn war.

Eines Abends wurde im Schloss ein großes Fest gefeiert. Erst spät verstummte die Musik, die Gäste gingen auseinander, und die Diener räumten das Geschirr ab. Der Page wollte gerade schlafen gehen, als er durch das Fenster ein seltsames grünliches Licht sah.

Es flackerte genau dort, wo der Feenhügel lag.

„Ich schaue nur von Weitem“, sagte sich der Junge.

Er warf sich einen Mantel über und ging hinaus.

Der Mond schien so hell, dass die Steine auf dem Pfad silbern wirkten. Als der Page den Hügel erreichte, entdeckte er plötzlich einen schmalen Durchgang im Gras, den er bei Tag noch nie bemerkt hatte.

Aus seinem Inneren erklang Musik.

„Ein einziger Blick, dann gehe ich zurück“, flüsterte er.

Der Durchgang führte ihn in einen geräumigen Saal unter der Erde.

Er erstrahlte in warmem, goldenem Licht. Um einen langen Tisch saßen Feen, Elfen und kleine Bergbewohner in grünen, blauen und silbernen Gewändern.

In der Mitte des Tisches stand ein silberner Kelch.

Ein Gast nahm ihn und sagte:

„Himbeersaft!“

Der Kelch füllte sich mit Himbeersaft.

Ein anderer bat:

„Einen Honigtrunk!“

Sogleich erschien im Kelch ein goldener Trank, der nach Honig duftete.

Eine dritte Fee lachte:

„Und für mich klares Quellwasser vom Berg!“

Da klang der Kelch leise, als das kühle Wasser hineinströmte.

Der Page stand mit offenem Mund da.

„Ein Menschenjunge!“, rief plötzlich jemand.

Alle drehten sich um.

Zu seiner Überraschung jagten sie ihn nicht fort.

„Setz dich zu uns“, sagte eine Fee in einem grünen Kleid. „Probier unseren Kelch aus.“

Der Page setzte sich auf den Rand einer Bank.

Zunächst ging es fröhlich zu. Die Feen sangen, erzählten lustige Geschichten und zeigten Kunststücke mit Blütenstaub und winzigen Lichtern.

Doch nach einer Weile begannen einige Gäste, sich über das Schloss lustig zu machen.

„Die Menschen haben so schwere Türen!“

„Und ihre Suppe riecht über den ganzen Hof nach Zwiebeln!“

„Und der alte Haushofmeister geht so langsam, als würde er jede Bodenplatte zählen!“

Der Page zog die Brauen zusammen.

„Er geht langsam, weil er schon länger im Schloss dient, als ich auf der Welt bin“, sagte der Junge. „Und er vergisst nie jemanden, der Hilfe braucht.“

Die Feen lachten noch lauter.

„Was für ein ernster Page!“

Der Junge fühlte sich gekränkt.

Er wollte allen im Schloss beweisen, dass er wirklich einen Zaubersaal gesehen hatte. Sein Blick fiel auf den silbernen Kelch.

Wenn ich ihn mitbringe, werden sie mir glauben, dachte er.

Es war ein schlechter Gedanke, doch in diesem Augenblick erschien er ihm sehr überzeugend.

Der Page griff nach dem Kelch.

„Wenn er so zauberkräftig ist, dann soll Wasser darin sein!“, rief er.

Der Kelch füllte sich mit klarem Wasser.

Und der Junge stürzte zum Ausgang.

Für einen Augenblick wurde es im Saal vollkommen still.

Dann aber hörte er hinter sich:

„He! Der Kelch!“

„Gib ihn zurück!“

„Halt!“

Die Feen rannten ihm nach.

Der Page lief durch die nächtliche Wiese. Hinter ihm flackerten grüne Lichter, kleine Glöckchen klingelten, und leichte Schritte raschelten im Gras.

Er hatte nicht das Gefühl, dass sie ihm etwas antun wollten, aber er wusste nur zu gut: Die Feen waren sehr zornig.

Bis zum Schloss war es nicht mehr weit, doch zwischen ihm und dem Felsen lag ein breiter Sandstreifen.

„Wohin?“, keuchte der Page.

Da kam aus der Dunkelheit am Meer eine leise Stimme:

„Halte dich an die schwarzen, nassen Steine am Wasser.“

Der Junge wusste nicht, wer das gesagt hatte, doch einen anderen Weg sah er nicht.

Er sprang auf den ersten dunklen Stein, dann auf den zweiten und den dritten.

Eine Welle streifte seine Schuhe.

Die grünen Lichter hinter ihm blieben am trockenen Sand stehen.

Der Page sprang über den letzten Stein und landete auf dem Pfad zum Schloss.

Erst jetzt bemerkte er, dass er den silbernen Kelch noch immer fest umklammerte.

Am Morgen ging der Junge zum alten Haushofmeister.

„Ich muss Euch etwas erzählen.“

„Deinem Gesicht nach zu urteilen, geht es dabei nicht um einen verlorenen Knopf“, erwiderte dieser.

Der Page erzählte alles. Von dem Licht. Von dem unterirdischen Saal. Von dem Zauberkelch. Von den Spötteleien. Davon, wie gekränkt er gewesen war. Und davon, wie er nach etwas gegriffen hatte, das ihm nicht gehörte.

Der Haushofmeister schwieg lange.

„Du warst mutig, als du geflohen bist“, sagte er schließlich. „Aber Mut macht fremdes Eigentum nicht zu deinem.“

Der Page senkte den Kopf.

„Ich weiß.“

„Und was willst du nun tun?“

Der Junge sah den Kelch an.

„Ihn zurückbringen.“

Noch am selben Morgen gingen die beiden zum grünen Hügel.

Der Eingang war verschwunden. Vor ihnen lag nur gewöhnliches Gras, nass vom Tau.

Der Page stellte den Kelch neben einen Stein.

„Verzeiht mir“, sagte er laut. „Ich habe ihn genommen, weil ich mit dem, was ich gesehen hatte, prahlen wollte. Das war falsch. Ich gebe ihn zurück, auch wenn mir danach niemand mehr glaubt.“

Der Wind bewegte das Gras.

Für einen Moment schien irgendwo unter der Erde ein Glöckchen leise zu klingeln.

Der Page und der Haushofmeister kehrten ins Schloss zurück.

Am nächsten Morgen lag neben dem Haupttor ein kleines Bündel, eingewickelt in grünen Stoff.

Darin befand sich derselbe silberne Kelch.

Staunend hob der Page ihn heraus.

Vom Hügel, weit jenseits der Wiese, kam ein kaum hörbares Lachen.

Dann erklang eine Stimme:

„Gestern hast du ihn dir selbst genommen. Heute schenken wir ihn dir. Denn wer fremdes Eigentum aus freien Stücken zurückgibt, dem ist Ehrlichkeit mehr wert als Silber.“

Der Haushofmeister lächelte.

„Nun, denke ich, darf der Kelch bleiben.“

Von da an wurde der silberne Kelch im Schloss als etwas Besonderes gehütet. Aber der Page erzählte nie so davon, als hätte er eine makellose Heldentat vollbracht.

„Ich habe einen Fehler gemacht“, sagte er ehrlich. „Das Wichtigste an diesem Abenteuer war nicht, dass ich den Feen entkam. Sondern dass ich am nächsten Morgen zurückging.“

Die Jahre vergingen. Der Page wurde erwachsen und schließlich selbst Haushofmeister.

Wenn die jungen Diener ihn nach dem grünen Hügel fragten, erschreckte er sie nicht mit unheimlichen Geschichten.

Er sagte:

„Neugier ist etwas Gutes. Sie hilft uns, die Welt zu entdecken. Aber selbst am zauberhaftesten Ort gilt eine einfache Regel: Nimm nichts, was einem anderen gehört, ohne ihn zu fragen.“

Und der silberne Kelch glänzte still im Schrank des Schlosses.

Wie es heißt, schmeckt gewöhnliches Quellwasser, das man hineingießt, noch heute ein wenig süßer.

Vielleicht liegt es an dem alten Zauber.

Vielleicht aber auch deshalb, weil etwas, das ehrlich zurückgegeben wurde, immer einen besonderen Wert hat.