Cover: Pi-ko-i, der Bogenschütze

Vereinigte Staaten

Pi-ko-i, der Bogenschütze

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Vereinigte Staaten
Alter
7–11 Jahre
Dauer
10 Min.
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Pi-ko-i, der Bogenschütze

Auf der Insel Kauaʻi lebte ein Junge namens Pi-ko-i. Sein Vater hieß Ala-la, seine Mutter Kou-kou. Pi-ko-i wuchs weit entfernt von großen Menschenansammlungen auf und wusste kaum, wie laut und fröhlich eine Menge werden konnte.

Eines Tages drang aus dem Tal großer Jubel herauf.

„Vater, was geschieht dort unten?“, fragte Pi-ko-i.

„Sie spielen Olohu“, antwortete Ala-la. „Zwei Spieler rollen steinerne Scheiben. Gewonnen hat, wessen Scheibe am weitesten rollt.“

„Ich möchte zusehen!“

„Heute noch nicht“, sagte der Vater. „Deine Zeit wird kommen.“

Etwas später erklang wieder lautes Rufen aus dem Tal.

„Und jetzt?“

„Jetzt spielen sie Pahe. Glatte Stäbe werden einen Grashang hinabgeworfen. Wessen Stab am weitesten gleitet, gewinnt.“

Pi-ko-i bat wieder, hinuntergehen zu dürfen, aber sein Vater schüttelte den Kopf.

Am nächsten Tag hörten sie zum dritten Mal Jubel.

„Das ist Ko-ie-ie“, erklärte Ala-la. „Eine glatte Holzplatte wird bei den Stromschnellen ins Wasser gesetzt. Sie soll ruhig in der Strömung liegen und nicht hinabgerissen werden.“

„Darf ich diesmal hin?“

Der Vater lächelte.

„Diesmal ja. Und nicht nur zum Zuschauen. Versuch es selbst.“

Ala-la schnitzte für seinen Sohn eigenhändig eine Platte, glättete sorgfältig die Ränder und gab sie Pi-ko-i.

Als der Junge zum Fluss kam, standen dort schon viele Menschen.

Einige drehten sich nach dem Fremden um. Andere kicherten leise über seine schmale Gestalt und sein zerzaustes Haar.

Pi-ko-i hörte es, sagte aber nichts.

Er ging einfach ans Wasser und wartete, bis er an der Reihe war.

Eine Platte schwankte und verschwand hinter den Stromschnellen.

Eine zweite drehte sich im Kreis.

Eine dritte wurde sofort ans Ufer gedrückt.

Pi-ko-i legte seine Platte aufs Wasser.

Sie glitt in die Strömung, richtete sich aus und blieb genau dort ruhig liegen, wo das Wasser am stärksten war.

Es sah aus, als hielte der Fluss sie auf seiner Hand.

Die Menge jubelte.

„Was für ein Wurf!“

„Der beste von allen!“

Einigen älteren Jungen gefiel es jedoch nicht, dass ein Unbekannter gleich beim ersten Versuch gewonnen hatte.

Einer von ihnen packte die Platte und warf sie hinter die Stromschnellen.

Pi-ko-i zögerte keinen Augenblick.

Er sprang ins Wasser, um das Geschenk seines Vaters zurückzuholen.

Doch die Strömung war viel stärker, als er erwartet hatte.

Sie trug ihn flussabwärts, immer weiter, bis hinaus ins Meer.

Pi-ko-i klammerte sich an die Platte.

Die Wellen hoben ihn, senkten ihn, drehten ihn herum, doch er ließ nicht los.

Ein Tag verging.

Dann eine Nacht.

Noch ein Tag und noch eine Nacht.

Schließlich spülte das Meer ihn an den Strand einer anderen Insel.

Dort fand ihn ein Mann namens Kaua, ein freundlicher Diener zweier Frauen, die in der Nähe lebten.

„Wo kommst du denn her?“, fragte Kaua.

„Aus dem Meer“, brachte der erschöpfte Pi-ko-i hervor.

Kaua gab ihm Wasser und half ihm zum Haus seiner Herrinnen.

„Wie heißt du? Wer sind deine Eltern?“, fragten die Frauen.

„Ich bin Pi-ko-i aus Wai-lua auf der Insel Kauaʻi. Mein Vater heißt Ala-la und meine Mutter Kou-kou.“

Die Frauen erstarrten.

Dann liefen sie zu ihm.

„Kleiner Bruder!“

Es waren seine älteren Schwestern I-ol-e und O-pea-pea. Sie lebten schon lange auf dieser Insel und hatten ihren jüngeren Bruder seit Jahren nicht gesehen.

Im Haus wurde sofort Essen zubereitet. Pi-ko-i durfte sich ausruhen, bekam warme Kleidung und gewann langsam seine Kräfte zurück.

Als er wieder kräftig genug war, hörte er eines Tages in der Nähe Lärm und ging nachsehen.

Auf dem Platz fand ein Bogenschützenwettbewerb statt.

Auch Prinz Mai-ne-le nahm teil. Alle hielten ihn für den besten Schützen weit und breit.

Die Schützen sollten kleine geflochtene Ringe treffen, die in unterschiedlicher Höhe aufgehängt waren.

Der Pfeil des Prinzen flog durch zehn Ringe hintereinander.

Die Menge jubelte.

Pi-ko-i sah aufmerksam zu und sagte leise:

„Ein guter Schuss. Aber es geht noch genauer.“

Die Königin hörte seine Worte.

„Kannst du besser schießen?“

„Ich kann es versuchen“, antwortete Pi-ko-i.

Man gab ihm einen Bogen.

Zehn sehr dünne Ringe wurden so aufgestellt, dass sie fast genau hintereinander lagen.

Pi-ko-i beeilte sich nicht.

Er spürte den Wind.

Er beruhigte seinen Atem.

Er spannte die Sehne.

Dann ließ er los.

Der Pfeil flog durch alle zehn Ringe und berührte am Ende ein kleines Glöckchen.

Hell und klar erklang sein Ton.

Für einen Moment wurde es still.

Dann redeten alle durcheinander.

Mai-ne-le runzelte die Stirn.

„Zufall.“

Pi-ko-i zuckte nur mit den Schultern.

„Ein genauer Schuss sieht immer wie Zufall aus, wenn man nur den Pfeil sieht und nicht die Jahre des Übens.“

Er wartete nicht auf eine Belohnung und kehrte zu seinen Schwestern zurück.

Einige Tage später beschloss der König, ein großes Hochseekanu bauen zu lassen.

Die Handwerker gingen in den Wald, um einen mächtigen Koa-Baum zu finden.

Doch jedes Mal, wenn sie einen Stamm auswählten, flogen zwei Vögel auf die Spitze des Baumes und schrien laut.

Den Handwerkern kam es vor, als wollten die Vögel sie warnen, dass mit dem Baum etwas nicht stimmte.

Ein Tag verging.

Dann ein zweiter.

Dann ein dritter.

Der König wurde unruhig.

Er rief Prinz Mai-ne-le und bat ihn, die Vögel zu verscheuchen, ohne sie zu verletzen, damit die Handwerker den Baum in Ruhe untersuchen konnten.

Der Prinz schoss neben die Äste, um die Vögel zu erschrecken.

Doch seine Pfeile reichten nicht hoch genug.

Kaua hörte davon und dachte sofort an Pi-ko-i.

„Du könntest helfen“, sagte er.

„Vielleicht“, antwortete der junge Mann. „Aber ich möchte mich nicht vor allen Leuten in den Mittelpunkt stellen.“

Sie überlegten sich einen ungewöhnlichen Plan.

Kaua brachte einen großen geflochtenen Korb in den Wald, und Pi-ko-i versteckte sich darin.

Als der Prinz zum dritten Mal die Baumspitze nicht erreichte, sagte Kaua:

„Vielleicht versucht es mein junger Freund?“

Pi-ko-i stieg aus dem Korb.

Niemand erkannte in ihm den schmalen Jungen, der einige Tage zuvor den Wettbewerb gewonnen hatte. Nach Ruhe und gutem Essen sah er ganz anders aus.

„Bringt mir eine Schale mit Wasser“, bat er.

Die Menschen wunderten sich, taten aber, was er sagte.

Pi-ko-i stellte die Schale auf den Boden.

In der glatten Wasseroberfläche spiegelten sich die Spitze des riesigen Koa-Baumes und die beiden Vögel.

Der junge Mann sah nicht nach oben.

Er sah in die Spiegelung.

Dann hob er den Bogen und schoss zwei Pfeile unmittelbar hintereinander.

Der erste schnitt einen trockenen Zweig direkt neben den Vögeln ab.

Der zweite traf einen anderen Ast.

Die Vögel schlugen mit den Flügeln und flogen auf einen Nachbarbaum.

Beide blieben völlig unverletzt.

Nun untersuchten die Handwerker den Koa-Baum genau und entdeckten, dass die Vögel tatsächlich gewarnt hatten: Im Inneren des Stammes befand sich ein großer Hohlraum.

Sie wählten einen anderen, gesunden Baum.

Die Vögel störten sie nicht mehr.

„Sie wollten uns also wirklich warnen“, sagte der König. „Und du bist nicht nur ein guter Bogenschütze. Du kannst auch Dinge sehen, die andere übersehen.“

Aus dem gesunden Baum bauten die Handwerker ein starkes Kanu.

Als es zum ersten Mal aufs Meer hinausfuhr, lud der König Pi-ko-i ein, mitzufahren.

Am Hof wurde der junge Mann mit großer Achtung empfangen.

Doch Pi-ko-i freute sich weniger über Geschenke und Lob als über die Möglichkeit, etwas für Kaua zu tun, der ihm am Strand als Erster geholfen hatte.

Er bat den König, Kaua Land für ein eigenes Haus und einen Garten zu geben.

„Ohne ihn“, sagte Pi-ko-i, „wäre ich vielleicht allein an einem fremden Strand geblieben.“

Der König stimmte zu.

Später war Pi-ko-i oft im königlichen Haus zu Gast.

Er freundete sich mit der Tochter des Königs an. Als beide älter waren, entschieden sie selbst, ihr Leben miteinander zu verbringen.

Auch Prinz Mai-ne-le hörte schließlich auf, sich zu ärgern.

Er verstand etwas Einfaches:

Die Fähigkeit eines anderen nimmt dir deine eigene nicht weg.

Sie zeigt dir nur, wie viel du noch lernen kannst.

Pi-ko-i aber vergaß weder die Holzplatte seines Vaters auf dem wilden Wasser noch die langen Tage auf dem Meer noch die Schale, in der sich zwei Vögel hoch über der Erde gespiegelt hatten.

Und wenn ihn später jemand nach dem Geheimnis eines guten Schusses fragte, antwortete er:

„Lerne zuerst zu sehen. Dann lerne zu warten. Und erst danach spannst du die Sehne.“

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨