

Niederlande
Prinz Drehkopf und Fräulein Schneeweiß
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Niederlande
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 7 Min.

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Prinz Drehkopf und Fräulein Schneeweiß
Als die großen Wälder noch bis dicht an die Häuser der Menschen reichten, stand unter einer uralten Eiche das Haus eines Jägers.
Dort wuchsen vier Söhne und ihre jüngste Schwester auf.
Die Brüder liebten das Mädchen sehr.
Sie brachten ihr Beeren, schnitzten Holzspielzeug und ließen sie ihnen auf Wegen folgen, auf denen das Gras bis zu den Knien reichte.
Als das Mädchen noch klein war, konnte es stundenlang Spinnen beobachten.
Besonders mochte es eine kleine Spinne, die zwischen den Ästen der Eiche lebte.
Beim Spannen ihres Netzes drehte sie sich so schnell, dass das Mädchen sie Drehkopf nannte.
„Seht nur, er dreht sich wieder!“, lachte sie. „Drehkopf, wird dir denn nicht schwindelig?“
Die Spinne antwortete natürlich nicht.
Sie zog nur geduldig einen silbernen Faden von Zweig zu Zweig.
Die Jahre vergingen.
Das Mädchen wurde erwachsen.
Wegen ihres hellen Haares und eines weißen Festkleides nannten die Nachbarn sie Fräulein Schneeweiß.
Sie war ruhig und neugierig.
Noch mehr als kostbare Dinge liebte sie Gegenstände, die jemand mit geschickten Händen hergestellt hatte.
Nun kamen junge Männer zum Haus unter der Eiche.
Einer prahlte mit warmen Pelzen.
Ein anderer zeigte glänzenden Schmuck.
Ein dritter versprach seltene Dinge aus fernen Städten.
Schneeweiß hörte höflich zu und sagte dann:
„Danke. Aber ein Geschenk sagt mir nicht, ob es mit einem Menschen auch nach vielen Jahren noch interessant sein wird.“
Der Vater machte sich Sorgen.
Die Brüder scherzten.
Die Mutter seufzte.
Schneeweiß hatte es trotzdem nicht eilig.
Eines Tages saß sie allein unter der alten Eiche.
Plötzlich rauschten die Blätter, obwohl kein Wind ging.
Rasch... rasch...
Das Mädchen blickte nach oben.
Es war, als flüstere der Baum:
„Sieh nicht nur auf die Hülle. Warte auf jemanden, der dir nicht etwas Glänzendes bringt, sondern Wissen.“
Schneeweiß wusste nicht, ob wirklich der Baum gesprochen hatte oder ob sich doch irgendwo Wind in der Krone verfangen hatte.
Aber sie behielt die Worte im Gedächtnis.
In diesem Augenblick ließ sich an einem dünnen Faden eine bekannte Spinne vom Ast herab.
„Drehkopf!“, lachte sie. „Bist du das wirklich?“
Zu ihrer Überraschung antwortete die Spinne:
„Ja. Als Kind hast du dich an mich erinnert und mein Netz nie zerstört. Erlaube mir nun, hundert Tage in deiner Nähe zu leben. Ich möchte dir etwas Wichtiges zeigen.“
Schneeweiß erschrak nicht.
„Hundert Tage sind nicht die Ewigkeit“, sagte sie. „Bleib.“
Am selben Abend zog ein heftiger Sturm auf.
Der Wind bog die Bäume.
Regen trommelte aufs Dach.
Die alte Eiche knarrte in allen Ästen.
Am Morgen sahen die Menschen, dass ein großer Ast abgebrochen war.
Bei den Wurzeln, wo vorher nur Gras gestanden hatte, erschien ein dünner grüner Spross.
Drehkopf zog beim Fenster von Schneeweiß ein.
Jeden Morgen spann er neue Fäden.
Das Mädchen sah ihm zu.
„Ein einzelner Faden ist so fein“, sagte sie. „Aber zusammen tragen sie ein ganzes Netz.“
„Merk dir das“, antwortete Drehkopf. „Manchmal entsteht Stärke nicht dadurch, dass etwas dick ist, sondern dadurch, dass viele kleine Dinge geschickt miteinander verbunden werden.“
Der grüne Spross bei der Eiche wuchs weiter.
Schmale Blätter erschienen.
Dann eine zarte blaue Blüte.
„So eine habe ich noch nie gesehen“, sagte Schneeweiß.
„Pflück sie nicht zu früh“, bat die Spinne. „Lass sie ihren ganzen Weg gehen.“
Ein Monat verging.
Dann ein zweiter.
Die Blüte verwelkte.
Samen reiften.
Der Stängel wurde fest und dunkel.
Am hundertsten Tag wachte Schneeweiß auf und sah kein Netz mehr am Fenster.
„Drehkopf?“, rief sie.
Niemand antwortete.
Sie ging hinaus.
Bei der Eiche stand ein unbekannter junger Mann in einfacher heller Kleidung.
In seiner Hand hielt er den trockenen Stängel der blauen Blume.
„Erschrick nicht“, sagte er. „Ich bin Drehkopf. Ein alter Zauber zwang mich, als Spinne zu leben. Er konnte erst enden, wenn mich jemand in seiner Nähe duldete, ohne Schönheit, Reichtum oder Angst als Grund zu haben. Einfach aus Vertrauen.“
Schneeweiß ging einmal um ihn herum und kniff die Augen zusammen.
„Dreht sich dein Kopf jetzt nicht mehr?“
Der junge Mann lachte.
„Nur vor Freude.“
Er gab ihr den trockenen Stängel.
Schneeweiß sah ein wenig enttäuscht darauf.
„Das ist also das große Geheimnis?“
„Brich ihn längs auf.“
Vorsichtig spaltete sie den Stängel.
Im Inneren lagen lange feine Fasern.
Sie waren gleichzeitig fest und zart.
„Sie sehen aus wie Spinnfäden!“
„Genau. Säe die Samen aus. Wenn viele dieser Pflanzen wachsen, sammeln wir ihre Stängel. Die Fasern lassen sich herauslösen, zu Fäden drehen und schließlich zu Stoff verweben.“
Sie säten die Samen beim Haus.
Im nächsten Sommer leuchtete dort ein ganzes Feld blau.
Schneeweiß, ihre Brüder und die Nachbarn sammelten die Stängel.
Sie trockneten sie.
Sie lösten die Fasern.
Sie lernten zu spinnen.
Anfangs waren die Fäden ungleichmäßig.
„Der hier ist dick wie ein Seil!“, lachten die Brüder.
„Und dieser dünn wie ein Haar“, antwortete Schneeweiß. „Macht nichts. Morgen können wir es besser.“
Drehkopf zeigte ihnen, wie man die Fäden auf einen Rahmen spannt und miteinander verwebt.
So entstand das erste glatte helle Tuch.
„Flachs“, sagte er. „So nennen wir diese Pflanze.“
Mit der Zeit lernten die Menschen, aus Flachsfäden nicht nur festes Leinen, sondern auch feine Spitze zu machen.
Schneeweiß liebte Spitzenmuster besonders.
Jedes erinnerte sie an das Netz unter der alten Eiche.
Ein weiteres Jahr verging.
Da fragte Drehkopf:
„Nun kennst du mich als Spinne und als Menschen. Möchtest du, dass wir auch in Zukunft zusammen leben und arbeiten?“
Schneeweiß lächelte.
„Wenn du versprichst, nicht wieder hundert Tage ohne Erklärung zu verschwinden.“
„Versprochen.“
Sie feierten ein fröhliches Fest.
Niemand wetteiferte mit Edelsteinen.
Die wertvollsten Geschenke waren selbst gewebte Handtücher, Bänder und die ersten Stücke weißen Leinens.
Die alte Eiche rauschte noch viele Jahre über dem Haus.
Wenn der Wind durch ihre Krone strich, glaubte Schneeweiß manchmal, denselben Rat wie früher zu hören:
„Sieh nicht nur auf die Hülle. Manchmal verbirgt sich der größte Schatz in einem einfachen Stängel, einem dünnen Faden oder in jemandem, dem du Zeit gegeben hast zu zeigen, wer er wirklich ist.“
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
