Cover: Prinz Bajaja

Tschechien

Prinz Bajaja

Zauberpferd, Drache, Mut, verborgener Held

Land
Tschechien
Alter
7–11 Jahre
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Prinz Bajaja

Einst wurden in einem fernen Königreich zwei Zwillingsjungen geboren. Ihre Gesichter waren einander ähnlich, doch ihr Wesen war ganz verschieden.

Der erste, der ein paar Minuten früher zur Welt gekommen war, liebte von klein auf den Schlosshof, die Pferde, den Wind und weite Wege. Er bekam ein kleines Fohlen geschenkt, das beinahe ebenso alt war wie er, und sprach stundenlang mit ihm wie mit seinem besten Freund.

Der zweite Bruder war ruhiger. Er liebte Bücher, stille Zimmer und Spaziergänge mit seiner Mutter. Die Königin hing sehr an ihm. Als der König nach einer langen Abwesenheit einmal fragte, welcher der Söhne der ältere sei, nannte sie diesen.

Die Jahre vergingen. Alle bereiteten den jüngeren Prinzen auf den Thron vor, während sein tatsächlich älterer Bruder immer häufiger das Gefühl hatte, im Palast gebe es für ihn keinen eigenen Weg.

Eines Abends ging er zu seinem Pferd, strich ihm über die Mähne und sagte leise:

„Ich würde gern die Welt sehen. Nicht, weil ich gekränkt bin. Ich möchte einfach herausfinden, wer ich aus eigener Kraft werden kann.“

Da wandte das Pferd den Kopf und antwortete mit menschlicher Stimme:

„Dann reise los. Aber bitte zuerst deinen Vater um Erlaubnis. Zieh ohne großes Gefolge fort und nimm nur mich mit. Und versprich mir noch etwas: Wenn ich dir einen Rat gebe, tu ihn nicht einfach ab.“

Der Prinz wich vor Staunen einen Schritt zurück.

„Du kannst sprechen?“

„Ja. Aber frag vorerst nicht, warum. Unterwegs ist es wichtiger, jemanden an seiner Seite zu haben, dem man vertraut, als jedes Geheimnis zu kennen.“

Der König ließ seinen Sohn nur ungern ziehen, willigte aber schließlich ein. So verabschiedete sich der Prinz eines Morgens von seiner Familie und ritt auf seinem alten, aber erstaunlich schnellen Pferd durch das Stadttor hinaus.

Sie reisten mehrere Tage, bis vor ihnen die Türme einer unbekannten Stadt auftauchten. An einem großen Felsen schlug das Pferd dreimal mit dem Huf auf. Der Stein öffnete sich lautlos und gab eine geräumige Höhle mit einem Stall frei.

„Ich bleibe hier“, sagte das Pferd. „Du gehst zum Königspalast. Verrate deinen Namen nicht. Tu so, als könntest du nicht sprechen, und bitte um eine Stelle im Dienst. Wenn du mich brauchst, klopfe dreimal an den Felsen.“

Der Prinz zog einfache Kleider an, bedeckte ein Auge mit einer Binde und ging in die Stadt. Als man ihn nach seinem Namen fragte, lächelte er nur und sagte:

„Bajaja …“

So blieb dieser Name an ihm hängen.

Bajaja erwies sich als geschickter und kluger Helfer. Er lernte rasch, die Angelegenheiten des Palastes zu erledigen, hatte eine schöne Handschrift, konnte Dinge ausbessern und verweigerte niemals seine Hilfe. Der König vertraute ihm immer mehr.

Der König hatte drei Töchter: Zdobena, Budinka und die jüngste, Slavena. Die Schwestern mochten den schweigsamen Bajaja wegen seiner Güte. Er flocht ihnen Kränze, zeichnete Stickmuster und brachte Blumen aus dem Garten. Für Slavena fand er immer den zartesten Jasminzweig oder die schönste Zeichnung.

Eines Morgens bemerkte Bajaja, dass es im ganzen Palast düster geworden zu sein schien. Der König saß am Fenster und rührte sein Frühstück nicht an.

Bajaja fragte mit einer Geste, was geschehen sei.

„Am Drachenfelsen sind wieder drei gewaltige Drachen aufgetaucht“, seufzte der König. „Früher haben sie unser Land in Angst und Schrecken versetzt. Jetzt verlangen sie, dass an drei aufeinanderfolgenden Tagen jeweils eine meiner Töchter zum Felsen kommt. Sonst wollen sie die Felder und die Stadttore niederbrennen. Ich weiß nicht, wie ich sie schützen soll.“

Bajaja lief sofort zum Zauberfelsen.

„Ich wusste, dass dieser Tag kommen würde“, sagte das Pferd. „Unter meiner Futterkrippe steht eine Truhe. Öffne sie.“

In der Truhe lagen drei prachtvolle Gewänder: ein rotes, ein weißes und ein hellblaues. Dazu kam ein leichtes Schwert, dessen Schneide leuchtete.

„Das ist kein gewöhnliches Schwert“, erklärte das Pferd. „Es durchtrennt keine Körper, sondern Zauber. Zieh heute das rote Gewand an. Und fürchte dich nicht vor dem Getöse.“

Am ersten Tag brachte man Zdobena zum Felsen. Doch kaum steckte der neunköpfige Drache den Kopf aus der Höhle und brüllte so laut, dass die Fensterscheiben in der Stadt klirrten, erschien auf der Straße ein rot gekleideter Reiter.

„Zurück zum Hügel!“, rief er den Leuten zu. „Hier ist nur Platz für einen Reiter und einen sehr zornigen Drachen.“

Der Drache spie Feuer. Das Zauberpferd schoss durch die Flammen, und Bajaja führte sein Schwert durch die Luft. Silberne Linien leuchteten um das Ungeheuer auf. Wie Zügel fassten sie seine Köpfe und wandten sie zur Höhle zurück. Mit einem zweiten Schwertstreich durchtrennte Bajaja den alten Bann, der den Drachen an das Königreich band. Der Drache brüllte, schlug mit den Flügeln und flog weit hinter die Berge.

„Das war schon alles?“, fragte Zdobena erstaunt.

„Für heute ja“, sagte der unbekannte Ritter lächelnd und ritt davon.

Am nächsten Tag sollte Budinka zum Felsen kommen. Ein Drache mit achtzehn Köpfen erschien, und ihm entgegen ritt ein weiß gekleideter Ritter. Wieder zerriss das Zauberschwert den alten Bann. Der Drache verlor seine Macht über das Land und verschwand hinter den Wolken.

Am dritten Tag war Slavena an der Reihe. Diesmal war der König selbst zum Felsen gekommen. Die Erde bebte stärker als je zuvor, und aus der Höhle kroch der größte Drache.

Da leuchtete im Morgenlicht ein hellblaues Gewand auf.

„Er ist gekommen!“, rief Slavena.

Der Kampf dauerte länger. Der Drache ließ Rauchwolken aufsteigen, und das Pferd konnte sich mehrmals nur mit Mühe auf den Beinen halten. Doch Bajaja wich nicht zurück. Schließlich strahlte das Schwert so hell, dass der Drache alle seine Augen zukniff. Der Bann zerbrach wie eine gläserne Schale. Nicht länger an den Felsen gebunden, erhob sich das Ungeheuer in den Himmel und folgte den beiden anderen.

Slavena lief zu dem Reiter.

„Sagt mir wenigstens, wie Ihr heißt!“

Bajaja wollte schon antworten, doch das Pferd flüsterte leise:

„Noch ist es nicht Zeit.“

Dann rannte es so schnell davon, dass auf der Straße einen Augenblick später nur noch ein hellblaues Staubband zurückblieb.

Nicht lange danach drohte dem Königreich eine neue Gefahr: Ein benachbarter Herrscher wollte ihm seine Bedingungen mit Gewalt aufzwingen. Die Heere trafen an der Grenze aufeinander. Bajaja ging wieder zu seinem Pferd.

„Heute“, sagte es, „geht es nicht darum, Menschen zu besiegen. Wir müssen den Kampf beenden.“

Bajaja zog das weiße Gewand an und ritt zwischen die beiden Heere. Er hob das Zauberschwert und durchtrennte mit einem Hieb den Schaft der Kriegsfahne, ohne einen Menschen zu verletzen. Dann schlug der Reiter laut Verhandlungen vor. Als beide Seiten sahen, dass der unbekannte Ritter weder Pfeile noch Drohungen fürchtete, erklärten sie sich bereit, den Kampf einzustellen. Bis zum Abend war Frieden geschlossen.

Bei der Auseinandersetzung hatte Bajaja sich nur leicht am Bein verletzt. Der König verband es eigenhändig mit einem Streifen seines Mantels.

Als alle nach Hause zurückgekehrt waren, stellte sich eine andere Frage. Der König hatte einigen Edelleuten zuvor unbedacht angedeutet, dass sie für ihre Hilfe im Krieg auf die Heirat mit seinen Töchtern hoffen dürften.

Slavena zog die Brauen zusammen:

„Vater, wer dem Königreich hilft, hat damit nicht das Recht, für uns zu entscheiden.“

Der König schwieg lange und nickte dann.

„Du hast recht. Aus Angst habe ich zu viel versprochen. Die Wahl liegt bei euch.“

Die Schwestern schlugen einen alten Brauch mit goldenen Äpfeln vor. Im Garten versammelten sich die Menschen, denen sie vertrauten. Zdobena rollte ihren Apfel zu einem jungen Mann, den sie schon lange achtete. Budinka tat dasselbe. Slavenas Apfel aber rollte geradewegs zu dem schweigsamen Bajaja.

Das Mädchen war verwirrt. Sie mochte Bajaja, doch ihr Herz hatte den unbekannten Ritter nicht vergessen.

An jenem Abend ging Bajaja ein letztes Mal zum Felsen. Das Zauberpferd trug ihn zum Palast, hielt an und sagte:

„Von jetzt an schaffst du es allein. Der stärkste Zauber liegt nicht mehr im Schwert. Er liegt in der Wahrheit.“

Bajaja schlang die Arme um den Hals seines Freundes. Das Pferd berührte seine Schulter mit der Nase und löste sich im Mondlicht auf.

Als Slavena die Tür ihres Zimmers öffnete, stand derselbe Ritter vor ihr. Er nahm die Augenbinde ab und zeigte ihr dann den Streifen des königlichen Mantels an seinem Bein.

„Ich bin Bajaja“, sagte er mit seiner wirklichen Stimme. „Ich habe geschwiegen, weil ich ein Versprechen halten musste. Ich war bei dir im Garten, am Drachenfelsen und an der Grenze. Aber ich möchte nicht, dass du mich wegen eines Apfels, aus Dankbarkeit oder wegen eines alten Brauchs wählst. Wenn deine Antwort Nein lautet, werde ich sie annehmen.“

Slavena sah ihn einige Sekunden lang an und lachte dann.

„So oft habe ich mir gewünscht, Bajaja würde sprechen. Und jetzt stellt sich heraus, dass er eine ganze Rede aufgespart hat!“

Sie reichte ihm die Hand.

„Meine Antwort lautet Ja. Aber nur, weil ich mich selbst so entschieden habe.“

Im Palast wurde die Hochzeit gefeiert, und später reiste Bajaja mit Slavena in sein Heimatkönigreich.

Dort gestand die Königin ihrem Mann und ihren Söhnen endlich ihre alte Lüge darüber, welcher der Zwillinge zuerst geboren worden war.

„Ich hatte Angst, der Sohn, den ich so übermäßig behütete, könnte seinen Platz verlieren“, sagte sie. „Und ich habe ungerecht gehandelt.“

Der jüngere Bruder ging als Erster auf Bajaja zu.

„Wenn der Thron dir gehört, werde ich ihn dir überlassen.“

Bajaja schüttelte den Kopf.

„Ich bin nicht zurückgekommen, um dir etwas wegzunehmen. Wir sind beide erwachsen geworden, und jeder hat das Recht, seinen eigenen Weg zu wählen. Lass uns das alte Unrecht nicht durch ein neues wiedergutmachen.“

So versöhnten sich die Brüder. Der jüngere regierte noch viele Jahre weise, und Bajaja half ihm und reiste zwischen den beiden Königreichen hin und her. Als sein Bruder sich später selbst von den Staatsgeschäften zurückziehen wollte, nahm Bajaja die Krone ohne Streit und ohne Groll an.

Manchmal aber ging er in einer klaren Nacht aufs Feld und hörte weit, weit entfernt das leichte Klappern von Hufen.

Dann lächelte Bajaja.

Denn ein wahrer Freund kann aus deinem Blick verschwinden, doch sein Rat begleitet dich noch lange auf deinem Weg.