

Niederlande
Die Prinzessin mit den zwanzig Röcken
Prinzessin, Kleidung, Erfindungsreichtum, Humor
- Land
- Niederlande
- Alter
- 5–9 Jahre

Märchen anhören
Die Prinzessin mit den zwanzig Röcken
Vor sehr langer Zeit, als im Holland der Märchen noch dichte Eichenwälder rauschten und die ersten blauen Flachsblüten auf den Wiesen erst davon träumten, eines Tages zu blühen, lebte eine kleine Prinzessin.
Ihr Vater, der König, liebte sie über alles. Die Prinzessin war klug, mutig und ungeheuer neugierig. Stundenlang konnte sie die Wolken betrachten, die sich im Teich spiegelten. Am Ufer fand sie die glattesten Kiesel, und sie wusste, wo im Wald die süßesten Brombeeren wuchsen.
Doch eines fiel ihr schwer: Wenn etwas nicht nach ihrem Willen ging, wurde sie im Nu wütend.
Besonders schwierig waren die Morgen, an denen ihr langes lockiges Haar gekämmt werden musste.
Damals gab es noch keine praktischen Bürsten. Man entwirrte das Haar mit Kämmen aus Stein oder Holz. Blieben die Locken an den Zinken hängen, ärgerte sich die Prinzessin.
„Ich will nicht! Ich mache das nicht! Lasst mich in Ruhe!“, rief sie.
Einmal nannte sie ihre Erzieherin sogar einen alten wilden Stier.
Die Erzieherin nahm es ihr nicht übel, setzte sich aber neben sie und sagte:
„Wenn etwas wehtut oder unangenehm ist, kannst du sagen: ‚Hör bitte auf.‘ Mit verletzenden Worten tust du aber einem anderen Menschen weh.“
Die Prinzessin zog die Augenbrauen zusammen.
„Aber ich bin wütend!“
„Wütend darfst du sein“, antwortete die Erzieherin. „Es kommt nur darauf an, was du mit deiner Wut machst.“
Genau drei Sekunden lang dachte die Prinzessin darüber nach. Dann lief sie wieder nach draußen.
Der König machte sich Sorgen. Er wollte aus seiner Tochter kein stilles, folgsames Kind machen. Im Gegenteil: Er mochte es, dass sie eine eigene Meinung hatte. Doch eines Tages würde die Prinzessin wichtige Entscheidungen treffen, Menschen zuhören und das Land regieren müssen.
„Ein starker Charakter ist etwas Wunderbares“, dachte er. „Aber wahre Stärke braucht man nicht nur, um sich durchzusetzen. Man braucht sie auch, um innehalten zu können.“
Eines Tages ging der König zu einer alten Eiche, die im Wald unweit des Palastes stand.
Es war ein ungewöhnlicher Baum. Sein Stamm war so dick, dass drei Erwachsene ihn gerade eben umfassen konnten, wenn sie einander an den Händen hielten. Der König kannte die Eiche schon seit seiner Kindheit. Früher hatte er sie gepflegt und die Förster gebeten, ihre jungen Äste nicht abzubrechen. An heißen Tagen stellte er stets Wasser für die Waldtiere unter den Baum.
Der König setzte sich zwischen die Wurzeln und sagte leise:
„Wenn ich nur wüsste, wie ich meiner Tochter helfen kann, mit ihrem eigenen Temperament zurechtzukommen.“
Da raschelten die Blätter, obwohl kein Wind wehte.
Schschsch …
Dann wurden aus dem Rascheln Worte:
„Viele Jahre hast du diesen Wald beschützt. Nun wird der Wald dir helfen.“
Der König hob den Kopf.
„Wer spricht da?“
„Ich, die alte Eiche.“
Sehr überrascht war der König nicht. In Märchenzeiten sprachen Bäume manchmal. Sie taten es nur selten und nur dann, wenn sie wirklich etwas Wichtiges zu sagen hatten.
„Einer meiner großen Äste ist schon sehr alt und wird bald herabfallen“, sagte die Eiche. „Lass die Handwerker daraus einen ungewöhnlichen, weiten Holzrock fertigen. Nicht als Strafe und nicht zum Spott. Er soll die Prinzessin an etwas erinnern: Wenn sie spürt, dass die Wut sie wie ein starker Wind fortreißen will, kann sie den Rock anziehen, sich setzen, zur Ruhe kommen und überlegen, was sie eigentlich sagen möchte.“
„Einen Holzrock?“, fragte der König. „Darin kann man doch kaum laufen.“
„Gerade deshalb kann man darin so gut sitzen und nachdenken“, lachte die Eiche mit ihren Blättern.
Da trat ein alter Auerochse aus dem Gebüsch, ein großer wilder Stier mit mächtigen Hörnern. Als Junge hatte der König seine Familie vor Jägern beschützt. Das Tier kam ganz nahe heran und senkte den Kopf.
Auf dem Boden lag ein glattes Stück von einem alten Horn, das der Auerochse von selbst verloren hatte.
„Nimm es“, schien der Blick des Tieres zu sagen. „Ein Handwerker soll einen guten Kamm daraus machen, der nicht an den Haaren zieht.“
Der König dankte sowohl der Eiche als auch dem Auerochsen.
Bald brach ein Sturm tatsächlich einen großen dürren Ast von der alten Eiche ab. Die Handwerker schnitzten daraus einen leichten runden Rock, der einem breiten Reifen glich. Aus dem Horn fertigten sie einen glatten Kamm.
Als die Prinzessin den Holzrock zum ersten Mal sah, lachte sie los.
„Was ist das denn? Ein kleines Fass?“
„Beinahe“, sagte der König. „Aber das ist dein ‚Pausenrock‘.“
„Wofür?“
„Wenn du sehr wütend bist, kannst du ihn anziehen und ein paar Minuten sitzen bleiben. Niemand wird mit dir schimpfen. Niemand wird dich auslachen. Du hast einfach Zeit nachzudenken, bevor dir die Worte schneller aus dem Mund fliegen, als du hinterherkommst.“
Zuerst schnaubte die Prinzessin nur.
Doch gleich am nächsten Tag wollte sich beim Kämmen ein kleiner Knoten einfach nicht lösen.
„Jetzt werde ich aber …“, begann sie.
Dann hielt sie inne.
„Gebt mir meinen Holzrock.“
Sie zog ihn an, setzte sich auf eine Bank und schnaubte wütend.
Eine Minute lang.
Eine zweite.
In der dritten sagte sie:
„Es tut mir weh, wenn man an meinen Haaren zieht. Können wir es langsamer machen?“
„Natürlich“, antwortete die Erzieherin.
Dann probierten sie den neuen Kamm aus. Er glitt mühelos durch die Strähnen.
„Oh!“, staunte die Prinzessin. „So ist es viel besser.“
Von Woche zu Woche brauchte sie den Holzrock seltener. Sie lernte, selbst den Augenblick zu bemerken, in dem in ihr ein kleiner Sturm zu toben begann.
Manchmal sagte sie:
„Ich brauche einen Moment.“
Manchmal ging sie ein wenig spazieren.
Manchmal atmete sie einfach tief ein und begann ihren Satz noch einmal.
Eines Sommers spazierte die Prinzessin an einem Platz vorbei, an dem junge Pflanzen wuchsen, wie sie hier noch niemand gesehen hatte. Zwischen den grünen Stängeln schimmerten zarte blaue Blüten.
„Wie schön!“, rief sie.
Eine Reisende, die gerade am Hof zu Gast war, erklärte ihr:
„Das ist Flachs. Aus seinen Stängeln lassen sich feine Fasern gewinnen und aus den Fasern feste Fäden.“
Die Prinzessin wurde neugierig.
Sie bat die Handwerker, ihr jeden Schritt zu zeigen: wie man den Flachs erntete und bearbeitete, die Fasern kämmte, Fäden spann und Stoff daraus webte.
Der helle Leinenstoff gefiel ihr so gut, dass sie selbst einen neuen leichten Rock entwarf.
„Nach dem Holzrock fühlt sich dieser wie eine Wolke an!“, sagte sie und drehte sich vor dem spiegelglatten Teich im Kreis.
Bald nähte man ihr einen zweiten Leinenrock.
Dann einen dritten.
Dann einen vierten.
Die Prinzessin kombinierte gern Stoffe unterschiedlicher Länge. Ein Rock lugte unter dem anderen hervor, und die Säume ließen sich mit Bändern, Stickereien oder Spitze verzieren.
Eines Tages wollte sie sich einen Spaß machen.
„Wie viele Röcke kann ich wohl auf einmal anziehen?“
Fünf.
Sieben.
Zehn.
Beim zwölften lachten schon alle.
Beim sechzehnten konnte die Prinzessin nur noch winzige Schritte machen.
Beim zwanzigsten sah sie aus wie ein buntes Glöckchen.
„Zwanzig!“, verkündete die Prinzessin feierlich. „Jetzt ist es genug.“
Ihren Freundinnen gefiel das so gut, dass mehrere von ihnen beim nächsten Fest ebenfalls mehrere Röcke übereinander trugen. Eine zog drei an, eine andere fünf, und eine Handwerkerin schaffte sogar elf.
So entstand, erzählt das Märchen, die Mode, viele Röcke übereinander zu tragen.
Natürlich musste niemand genau zwanzig besitzen. Die Prinzessin selbst sagte als Erste:
„Mode soll Freude machen und keine Mühe. Wer einen Rock möchte, trägt einen. Wer sieben möchte, trägt sieben. Und die zwanzig heben wir uns für besonders lustige Tage auf.“
Im Land wurde immer mehr Flachs angebaut. Die Handwerker lernten, feine Stoffe und wunderschöne Spitzen herzustellen. Wo einst dunkles Gestrüpp gestanden hatte, entstanden grüne Felder, auf denen im Sommer Tausende kleiner blauer Blüten schwankten.
Die Prinzessin wurde erwachsen und eine weise Herrscherin. Ihren starken Charakter behielt sie, und wenn ihr etwas wichtig war, konnte sie noch immer leidenschaftlich streiten. Doch nun konnte sie auch zuhören.
In ihrem Arbeitszimmer stand viele Jahre lang der alte Holzrock.
Fragte jemand, wozu eine Königin so etwas Seltsames brauchte, antwortete sie:
„Das war meine erste große Lehre. Früher glaubte ich, ein starker Mensch sei jemand, der am lautesten spricht. Dann begriff ich: Manchmal liegt die größte Stärke darin, rechtzeitig eine Pause zu machen.“
Daneben lag der glatte Kamm, und jeden Sommer standen blaue Flachsblüten in einer Vase.
Die alten Leute erzählten den Kindern die lustige Geschichte von der Prinzessin, die zuerst lernte, einen einzigen sehr unbequemen Holzrock zu tragen, und danach auf die Idee kam, zwanzig leichte Röcke auf einmal anzuziehen.
Ob wirklich alles genau so geschehen ist?
Wer weiß.
Doch Märchen verstecken gute Ratschläge gern an den seltsamsten Orten, sogar zwischen zwanzig Röcken.
