Cover: Der Vogel mit den neun Köpfen

China

Der Vogel mit den neun Köpfen

Zauber, Abenteuer

Land
China
Alter
6–10 Jahre
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Der Vogel mit den neun Köpfen

In einem fernen chinesischen Königreich lebten einst ein König, eine Königin und ihre Tochter. Die Prinzessin stieg gern auf die hohe Terrasse des Palastes. Von dort konnte sie die blauen Hügel, den Fluss und die Dächer der Stadt sehen. Sie kannte die Stimmen der Vögel am Morgen, konnte den Duft von Regen und Pflaumenblüten unterscheiden und liebte besonders die Abende, an denen über den Bergen die ersten Sterne aufleuchteten.

An einem solchen Abend wurde der Himmel plötzlich dunkel. Hinter den Bergen brach ein Sturm hervor. Der Wind heulte in den Türmen, die Bäume bogen sich zur Erde, und die Wolken wirbelten wie ein gewaltiges schwarzes Rad.

Aus dieser Wolke erschien ein seltsamer Vogel.

Er hatte neun Köpfe, neun spitze Schnäbel und so breite Flügel, dass sie für einen Augenblick den Mond verdeckten. Der Vogel packte die Prinzessin und trug sie weit über die Berge zu einem steilen Felsen. Hoch über dem Boden verbarg sich dort eine Höhle.

Als der Sturm vorüber war, herrschte im Palast große Aufregung. Der König schickte Reiter in alle Richtungen und verkündete:

„Wer meine Tochter findet und ihr hilft, nach Hause zurückzukehren, erhält eine großzügige Belohnung und meine ewige Dankbarkeit.“

Viele mutige Menschen machten sich auf die Suche. Doch die Spuren des Vogels verloren sich in den Bergen.

Eine Weile verging. Eines Tages sahen zwei junge Männer einen riesigen Schatten am Himmel. Der Vogel mit den neun Köpfen flog zu einer Felswand und verschwand in einem schmalen Spalt hoch über dem Tal.

„Dort ist eine Höhle“, sagte einer der jungen Männer. „Vielleicht wird die Prinzessin dort gefangen gehalten.“

Sie riefen noch einige Wanderer herbei, flochten einen stabilen Korb und banden ihn an ein langes Seil. Dann beschlossen sie, einen von ihnen zum Höhleneingang hinunterzulassen.

„Ich gehe“, sagte der Jüngste. „Wenn ich die Prinzessin finde, zieht sie zuerst hinauf. Ich komme danach.“

Langsam sank der Korb an der Felswand hinab. Der Wind peitschte gegen die Steine, tief unten lag ein dunkler Abgrund. Doch der junge Mann ließ die Höhle nicht aus den Augen.

Endlich trat er auf einen Felsvorsprung und ging hinein.

Im Inneren der Höhle entdeckte er die Prinzessin. Sie war erschöpft, hatte aber ihren Mut nicht verloren. Neben ihr schlief der Vogel mit den neun Köpfen. An einem seiner Köpfe sah man einen alten Verband. Er war einmal verletzt worden, und die Prinzessin hatte seine Wunde versorgt, weil sie nicht einmal ihren Entführer leiden sehen wollte.

Der junge Mann flüsterte leise:

„Ich komme aus der Stadt. Wir helfen Ihnen, nach Hause zurückzukehren.“

Die Prinzessin nickte.

„Der Vogel ist sehr stark. Aber seine Kraft steckt in neun goldenen Federn bei jedem Kopf. Wenn man sie aus den Zauberknoten befreit, verliert er seine Macht über die Höhle.“

Vorsichtig trat der junge Mann näher. Er schlug nicht auf den Vogel ein. Stattdessen durchtrennte er mit seinem Schwert nacheinander die neun goldenen Schnüre, mit denen die Zauberfedern an einem steinernen Ring befestigt waren.

Die erste Feder erlosch.

Die zweite.

Die dritte.

Bei der neunten erwachte der Vogel.

Alle neun Köpfe schrien gleichzeitig. Die Steine bebten, und Staub rieselte von der Höhlendecke. Doch der Zauber war bereits zerbrochen. Der Vogel schlug mit den Flügeln, stürmte hinaus und flog weit hinter die Wolken davon. Seitdem hat ihn niemand mehr gesehen.

„Schnell“, sagte der junge Mann. „Oben warten sie auf uns.“

Er setzte die Prinzessin in den Korb und gab ein Zeichen.

Bevor sie hinaufgezogen wurde, nahm die Prinzessin eine lange Haarnadel ab und teilte sie in zwei Stücke. Dann teilte sie auch ein seidenes Tuch.

„Nehmen Sie jeweils eine Hälfte, die andere behalte ich“, sagte sie. „Falls wir getrennt werden, beweisen diese Dinge, wer wirklich in der Höhle war.“

Der Korb wurde hinaufgezogen. Die Prinzessin war nun oben.

Doch einer der Männer am Seil beschloss plötzlich, den Ruhm für sich zu beanspruchen. Als er die Prinzessin neben sich sah, überredete er die anderen, ohne den jungen Mann in der Höhle zur Stadt zurückzugehen.

Sie zogen das Seil ein.

Der junge Mann kehrte zum Eingang zurück und sah nur den leeren Himmel.

„Dann muss ich wohl einen anderen Weg suchen“, sagte er zu sich.

In der Höhle gab es mehrere alte Räume, in denen früher andere Gefangene untergebracht gewesen waren. An einer Wand bemerkte der junge Mann einen seltsamen Fisch. Es sah aus, als wäre er mit vier silbernen Nadeln am Stein befestigt.

Er zog die Nadeln heraus.

Der Fisch blitzte auf, berührte mit dem Schwanz den Boden und verwandelte sich plötzlich in einen jungen Mann in blauer Kleidung.

„Du hast mich befreit“, sagte der Fremde. „Ich bin der Sohn des Meeresdrachen. Von nun an bist du für mich ein Bruder.“

Der neue Freund zeigte ihm einen Weg aus der Höhle. Am Felsen erschien ein großer Drache und streckte seinen Schwanz wie eine Brücke aus. Im Nu stand der junge Mann unten auf dem Pfad.

Die Straße führte ihn weiter bis ans Meer. Dort lagen in einem alten Schildkrötenpanzer glänzende Perlen.

Der junge Mann nahm einige davon. Als er eine ins Wasser warf, teilte sich das Meer lautlos und gab einen silbernen Pfad frei.

So gelangte er zum Unterwasserpalast des Meeresdrachen.

Der Herrscher des Meeres empfing ihn freundlich.

„Du hast meinen Sohn befreit“, sagte der Drache. „Wünsche dir eine Belohnung, welche du willst.“

Doch der Sohn des Drachen hatte seinem neuen Bruder vorher zugeflüstert:

„Wünsche dir kein Gold. Bitte um die kleine Kürbisflasche auf dem Regal. Sie erfüllt gute und vernünftige Wünsche.“

Genau das tat der junge Mann.

Der Drache war zunächst erstaunt, hielt aber sein Wort und schenkte ihm die Flasche.

Als der junge Mann wieder am Ufer stand, hatte er Hunger.

„Ein bisschen zu essen wäre schön“, sagte er.

Da erschien vor ihm ein gedeckter Tisch.

Später wurde er müde.

„Ein bequemer Wagen wäre schön.“

Und mitten auf der Straße erschien ein Wagen.

So gelangte der junge Mann ohne Eile in die Hauptstadt.

Unterdessen erzählte im Palast derjenige, der ihn in der Höhle zurückgelassen hatte, allen, er selbst habe die Prinzessin gerettet.

Die Prinzessin widersprach:

„Das stimmt nicht. Mein wirklicher Retter hat die Hälfte meiner Haarnadel und die Hälfte meines Seidentuchs.“

Der König befahl, auf Beweise zu warten.

Jeden Tag ging die Prinzessin in die Stadt und hielt nach Reisenden Ausschau. Eines Morgens entdeckte sie einen ungewöhnlichen Wagen. In der Hand des jungen Mannes, der darin saß, sah sie die vertraute Hälfte des Seidentuchs aufblitzen.

„Er ist es!“, rief sie.

Im Palast passten die beiden Teile der Haarnadel so genau zusammen, als wären sie nie getrennt gewesen. Ebenso passten die Ränder des Tuchs aneinander.

Nun kannten alle die Wahrheit.

Beschämt gestand der junge Mann, der sich mit fremden Leistungen geschmückt hatte, seinen Betrug. Der König erlaubte ihm nicht länger, die Taten anderer als seine eigenen auszugeben. Er schickte ihn vom Hof fort, damit er durch eigene Arbeit Ehrlichkeit lernen sollte.

Dem wirklichen Retter dankte der König vor der ganzen Stadt.

Auch die Prinzessin trat zu ihm.

„In der Höhle waren Sie nicht nur mutig“, sagte sie. „Sie haben Ihr Wort gehalten und zuerst für meine Sicherheit gesorgt. Das werde ich nicht vergessen.“

Sie unterhielten sich lange, wurden Freunde und beschlossen später, zusammenzubleiben, als sie beide es selbst wollten.

Die kleine Kürbisflasche half ihnen noch viele Jahre lang. Sie häuften damit keine Schätze an, sondern taten, was wirklich nötig war: einen hungrigen Wanderer speisen, nach einem Sturm eine Brücke reparieren oder einem Verirrten Unterkunft geben.

Und im Palast wiederholte man oft einen einfachen Gedanken:

Wahren Mut erkennt man an Taten, nicht an großen Worten. Und die Wahrheit findet schließlich doch nach Hause, auch wenn sie lange nach dem Weg suchen muss.